Social-Media-frei
Der Podcast für Marketing ohne Likes, Reels & Selfies
Worum geht’s?
In diesem Podcast nehme ich soziale Medien kritisch unter die Lupe und spreche darüber, wie Selbstständige online sichtbar werden können, ohne ständig ihr Frühstück auf Insta zu posten.
Es geht um „immergrüne“ Marketingstrategien und darum, wie Selbstständige entspannt und nachhaltig ihre Produkte oder Dienstleistungen verkaufen.
Dauergeposte und Dauerhustle nicht nötig!
KLINGT GUT?
Hier kannst du den Podcast abonnieren
Sowie in jeder anderen Podcast-App deines Vertrauens
Social Media und ethisches Marketing – wie passt das zusammen? Teil 3: Algorithmen und Aufmerksamkeitökonomie
In dieser Podcast-Folge machen wir weiter mit dem Thema Social Media und ethisches Marketing – wie passt das zusammen? Und heute geht es um die Algorithmen und die Aufmerksamkeitsökonomie.
In dieser Podcast-Folge machen wir weiter mit dem Thema Social Media und ethisches Marketing – wie passt das zusammen?
Und heute geht es um die Algorithmen und die Aufmerksamkeitsökonomie.
Folge anhören
Transkript lesen
Hast du schon mal auf YouTube nur ein Video gucken wollen und eine Stunde später schaust du auf einmal einem Typen zu, der 30 Minuten lang Murmeln über eine komplizierte, selbstgebaute Bahn rollen lässt?
Wenn ja: Herzlichen Glückwunsch – du hast Bekanntschaft mit der Aufmerksamkeitsökonomie gemacht!
Der Begriff stammt aus dem Buch „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ von Georg Franck und bedeutet, dass Aufmerksamkeit zu einem knappen, kostbaren Gut geworden ist, um das hart gekämpft wird.
Was heißt das nun genau für Social Media?
Nun, ich bin in der letzten Folge zum Thema „Social Media und ethisches Marketing“ ja darauf eingegangen, dass die Plattformbetreiber unser Verhalten auf Social Media ganz genau überwachen und monetarisieren.
Doch jetzt müssen wir noch einen Schritt weitergehen. Denn die Plattformbetreiber überwachen und monetarisieren nicht nur unser Verhalten. Sie manipulieren Menschen darüber hinaus aktiv dazu, sich in irgendeiner Weise zu verhalten.
Es gibt inzwischen einen eigenen Berufsstand dafür, die sogenannten Aufmerksamkeitsingenieure (Attention Engineers). Und ihre Aufgabe ist es, Social-Media-Oberflächen so zu gestalten, dass sie maximal Aufmerksamkeit erregen und Menschen möglichst lang auf der Plattform halten.
Die meisten Tricks sind inzwischen gut bekannt und auch du bist mit Sicherheit bereits mit den meisten in Berührung gekommen.
Es gibt zum Beispiel den Infinite Scroll. Das heißt, du scrollst und scrollst und scrollst und wirst einfach nicht fertig. Dir wird immer ein weiterer Inhalt, ein weiteres Video angezeigt.
Und es ist natürlich super schwer, dem bewusst ein Ende zu setzen und zu sagen: Ich höre jetzt auf damit.
Und deshalb hängen viel zu viele Menschen viel zu lange auf diesen Plattformen fest. Sich zu sagen „Ich bin jetzt nur 10 Minuten auf TikTok“ funktioniert für die meisten Menschen in der Praxis nicht sooo gut.
Dann gibt es das Autoplay, das Videos automatisch abspielen lässt und so die Hürde minimiert, aktiv auf Play zu drücken.
Es gibt die Pushbenachrichtigungen, die du mit Sicherheit auch gut kennst.
Eine Pushbenachrichtigung macht natürlich sehr neugierig und motiviert uns dazu nachzuschauen, was sich hinter der Benachrichtigung verbirgt. Und meistens werden diese Benachrichtigungen ja auch in der Farbe Rot angezeigt, was noch mal zusätzlich Aufmerksamkeit erregt und suggeriert, dass eine gewisse Dringlichkeit oder vielleicht sogar eine Gefahr besteht.
Überhaupt die Tatsache, dass es Likes oder Shares oder Kommentare gibt, führt dazu, dass Menschen motiviert sind, immer wieder neue Inhalte für Social Media zu erstellen. Denn natürlich wollen die meisten Menschen, die Social Media nutzen, mehr Likes und mehr Herzchen für ihre Inhalte.
Ähnlich sieht es bei Followern aus. Sie zeigen die eigene Beliebtheit an und den sozialen Status, könnte man sagen. Und natürlich wollen alle, die auf Social Media sind, möglichst viel davon.
Das alles ist kein Zufall. Diese Strukturen und das Design sind bewusst so gewählt, damit du maximal viel Zeit auf den Social-Media-Plattformen verbringst.
Denn je mehr Zeit du dort verbringst, desto mehr Daten können die Plattformbetreiber sammeln und desto mehr Geld machen sie.
Es ist deshalb kein Zufall für mich, dass die Implementierung des Like-Buttons zum Beispiel auf Facebook damals zeitlich mehr oder weniger mit der Weiterentwicklung der Werbeanzeigen auf Facebook zusammenfiel.
Denn wenn Menschen mit Inhalten interagieren können, wenn sie sie liken können, können wiederum Engagement Ads erstellt werden, die das Ziel haben, dieses Engagement zu fördern und Menschen dazu zu bringen, Beiträge oder Unternehmensseiten zu liken.
Es geht den Plattformbetreibern also immer um Profit. Möglichst viel davon.
Und ein weiteres wichtiges Rädchen in diesem Getriebe sind Algorithmen. Da die Plattformbetreiber unser Verhalten auf Social Media ja permanent überwachen und auswerten, wissen sie genau, was uns interessiert und was uns emotional berührt. Und deshalb spielen sie uns auch genau diese Inhalte aus.
Und das ist der Grund, warum wir in unserem Feed überwiegend Beiträge sehen, die emotional was mit uns anstellen, uns irgendeine Reaktion entlocken.
Den Algorithmen ist das übrigens egal. Sie sind weder ethisch noch empathisch. Es spielt für sie überhaupt keine Rolle, ob wir uns gut fühlen, nachdem wir einen Post lesen oder traurig oder wütend oder gar hasserfüllt.
Algorithmen sind auch Desinformation egal oder Diskriminierung oder eben Hate Speech. Es geht – erneut – um maximale Verweildauer und damit maximalen Profit.
Warum ist das nun alles nun ein Problem? Und warum sollten sich Selbstständige überhaupt mit dieser Aufmerksamkeitsökonomie beschäftigen?
Ich könnte jetzt weit ausholen, aber ich möchte mich auf zwei Gründe beschränken:
Grund #1 für mich ist:
Dass alle, die auf Social Media erfolgreich sein wollen, den Kampf um die Aufmerksamkeit mitkämpfen müssen.
Das heißt, wenn du dich für Social-Media-Marketing entscheidest, entscheidest du dich auch dafür, nach den Regeln der Plattformen zu spielen.
Klar könntest du sagen: Ich mache Social-Media-Marketing nach meinen eigenen Regeln und poste, wenn ich wirklich was zu sagen hab.
Oder du könntest auch sagen: Video-Content liegt mir nicht und deshalb erstelle ich eben keine Reels.
Aber die Wahrheit ist, dass du mit diesen Strategien wahrscheinlich keine großen Erfolge erwarten darfst. Weil das eben nicht das ist, was die Plattformen zur Zeit belohnen.
Und meine Erfahrung ist, dass die meisten Selbstständigen dann eben nicht sagen: Okay, dann ist es halt so. Dann hab ich eben weniger Erfolg auf Social Media. Sondern dass irgendwann automatisch Fragen wie „Was will ich eigentlich? Was passt zu mir? Über welches Thema möchte ich sprechen?“ automatisch ersetzt werden durch: „Was funktioniert gerade auf Social Media? Was will der Algorithmus? Und: Was gibt viele Klicks und Kommentare?“
Und dann sind wir eben auch sehr schnell bei solchen Phänomenen wie Rage Bait, also dass bewusst Content erstellt wird, der einfach nur das Ziel hat, Menschen wütend zu machen. Weil wütende Menschen sehr gerne wütende Kommentare unter Beiträge schreiben oder Beiträge mit anderen teilen, um sich eben erneut darüber aufzuregen.
Das heißt: Wir haben auf Social Media angefangen, weil wir sichtbar sein wollten. Wir sind sehr schnell dabei gelandet, dass wir uns vor allem damit beschäftigen, was wir dafür machen müssen. Und nehmen unter Umständen dann wirklich problematische Strategien in Kauf.
Ich glaube, dass der Kampf um die Aufmerksamkeit auf Social Media Selbstständige dazu verleitet und es wirklich, wirklich schwer macht, diese Strategien nicht zu nutzen.
Ich mein, schau dich nur mal auf Social Media um. Überall wimmelt es von künstlicher Verknappung und FOMO und emotionalem Druck und Lovebombing und Clickbait und und und.
Ich glaube nicht, dass Selbstständige das alles aus Bösartigkeit tun, sondern weil sie in diesem System einfach bestehen wollen.
Es gibt ein dystopisches Beispiel aus Shanghai. In China gibt es eine eigene TikTok-Variante. Und dort ist es so, dass wer aus ärmeren Stadtvierteln seine Live-Videos streamt, bekommt weniger Reichweite als diejenigen, die aus wohlhabenderen Stadtvierteln streamen. Das hat was mit dem Geo-Tag zu tun.
Und als Konsequenz sitzen dann eben unzählige Influencerinnen in Shanghai unter Brücken in wohlhabenderen Stadtteilen und bauen dort ihre Ringlichter auf und streamen dort ihren Social-Media-Content. Unter Brücken.
Ich verlinke dir das Video mal in den Shownotes, weil ich es so eindringlich finde, was Menschen bereit sind zu tun, um den Kampf um die Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Was uns auch schon direkt zu Grund Nummer #2 bringt, warum es aus meiner Sicht wichtig für Selbstständige ist, sich dieser Aufmerksamkeitsökonomie bewusst zu werden:
Weil Selbstständige auch gesellschaftliche Verantwortung tragen.
Und selbst wenn wir soloselbstständig sind. Selbst wenn wir keine großen, international bekannten Marken sind, ist es doch so, dass unsere Marketingkommunikation nicht im luftleeren Raum stattfindet.
Das heißt, das, was wir im Marketing tun, hat immer auch Konsequenzen:
für uns
für unsere Mitarbeiter*innen, wenn wir welche haben
für unsere Kund*innen und Interessent*innen
für den Wettbewerb
für die Gesellschaft
und für die Umwelt
Ein kleines Beispiel:
Angenommen, du erstellst regelmäßig Content auf Instagram und orientierst dich dabei stark an dem, was der Algorithmus „belohnt“, also Reels mit schneller Schnittfolge, viel Emotionalisierung, catchy Hooks wie „Diese eine Sache verändert ALLES in deinem Business!“
Und das funktioniert vielleicht. Also du bekommst vielleicht mehr Reichweite, mehr Views, mehr Likes.
Aber: Du fütterst damit genau das System, das Aufmerksamkeit um jeden Preis belohnt. Du verstärkst den Trend zu immer kürzeren, reißerischeren Inhalten, auch wenn du eigentlich selbst lieber in der Tiefe arbeitest.
Du wirst Teil eines Marktes, in dem Information zunehmend durch Überinszenierung und austauschbare Inhalte ersetzt wird.
Und dein Publikum lernt dabei: Nur was laut, schnell und dramatisch ist, verdient Beachtung.
Das heißt, auch wenn du „nur“ Content erstellst, gestaltest du mit jedem Reel und mit jedem Hook mit, in welche Richtung sich die digitale Kommunikationskultur entwickelt. Und das ist eine Verantwortung, die wir als Selbstständige nicht unterschätzen sollten.
Und darüber hinaus kann es dabei auch sein, dass dich diese Art des Marketing auch selbst belastet. Dass du dich jeden Tag aufs Neue fragst: Was zum Teufel mache ich da eigentlich? Bin das eigentlich noch ich? Oder zwinge ich mich hier zu Dingen, die meinen Stärken und Werten und Interessen zuwiderlaufen? Riskiere ich hier vielleicht auch meine Gesundheit, nur damit ich Reichweite auf Social Media aufbaue?
Das heißt, sowohl im Kleinen als auch im Großen werden wir unserer Verantwortung als Selbstständige nicht gerecht.
Ja, das war ein kurzer Abriss zum Thema Aufmerksamkeitsökonomie und Algorithmen. Und ich habe dir zum Abschluss ein paar Fragen mitgebracht, die du mitnehmen und für dich reflektieren kannst, wenn du magst:
Warum bin ich ursprünglich auf Social Media aktiv geworden und was davon gilt eigentlich heute noch?
Spiele ich bewusst oder unbewusst mit Angst, Druck und FOMO, um Reichweite zu erzielen?
Und: Möchte ich Teil eines Systems sein, das Aufmerksamkeit über alles stellt, oder kann ich mir Alternativen vorstellen?
Shownotes
Wie arbeitet ein Verlag? – Interview mit Autorin und Lektorin Nina Weber
In dieser Podcastfolge habe ich Nina Weber zu Gast. Nina ist von Haus aus Verlagslektorin und Autorin und bietet seit ein paar Jahren auch Exposé-Beratung, Schreibbegleitung und Lektorat an. In dem Interview plaudert sie ein bisschen aus dem Nähkästchen und wir sprechen darüber, wie ein Verlag so arbeitet und was Selbstständige, die ein Buch schreiben wollen, unbedingt darüber wissen müssen.
In dieser Podcastfolge habe ich Nina Weber zu Gast. Nina ist von Haus aus Verlagslektorin und Autorin und bietet seit ein paar Jahren auch Exposé-Beratung, Schreibbegleitung und Lektorat an.
In dem Interview plaudert sie ein bisschen aus dem Nähkästchen und wir sprechen darüber, wie ein Verlag so arbeitet und was Selbstständige, die ein Buch schreiben wollen, unbedingt darüber wissen müssen.
Folge anhören
Transkript lesen
[Alex] Ja, hallo Nina. Auf deiner Über-mich-Seite habe ich gelesen, dass du dich als Wort-Nerd … schwierig auszusprechen … Wort-Nerd bezeichnest. Welche Rolle spielen Worte denn für dich privat und beruflich? Was machst du genau?
[Nina] Hallo erstmal, guten Morgen. Ich muss dazu sagen, ich bin etwas erkältet. Ich hoffe, das klappt heute so mit der Stimme.
Ja, also Wort-Nerd ist mein Versuch auszudrücken, dass ich einfach von Texten quasi privat + beruflich total begeistert bin.
Ich lese sehr viel, ich schreibe ja auch selber Bücher und ich bin ausgebildete Verlagslektorin.
Das heißt, dass ich natürlich dann auch, ich sage jetzt mal als Berufskrankheit schon mit sehr, sehr vielen Buchprojekten in Kontakt bekommen bin.
Ich habe als Verlagslektorin über 100 Bücher, also von der ersten Idee bis zum fertigen Buch betreut. Und das ist auch was, wo ich nach langen Jahren als Autorin und Lektorin jetzt auch beruflich wieder mehr hin zurückgegangen bin, weil ich einfach das total schön finde, diese Zusammenarbeit mit Autoren sozusagen aus ihrer Buchidee dann tatsächlich ein fertiges Buch zu machen.
Das habe ich vermisst, als ich nur meine eigenen Bücher gemacht habe.
[Alex] Aber ich habe gesehen, du hast ja auch Fantasy-Bücher geschrieben. Unter einem Pseudonym, ganz spannend.
[Nina] Also unter einem offenen Pseudonym, es ging mehr darum, dass die Leute nicht total verwirrt sein sollen, wenn sie nach meinem Namen bei Amazon suchen und dann mischt sich der Trotzphasen-Ratgeber mit dem Fantasy-Buch.
Aber ja, ich habe auch ein Memoir zum Beispiel unter Pseudonymen geschrieben oder generell für Verlage als Ghostwriterin dann unter anderen Namen auch geschrieben. Das heißt, du weißt gar nicht alles …
[Alex] Ich weiß gar nicht alles. Sehr geheimnisvoll auf jeden Fall.
Warum ist ein Exposé so wichtig?
[Alex] Ja, aber deswegen fand ich das auch so schön, dass du hier jetzt im Podcast bist, dass du Ja gesagt hast, weil du als Verlagslektorin, wie du gesagt hast, über 100 Buchprojekte schon betreut hast und deswegen ja ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern kannst.
Also ich habe auch schon vor einem Jahr, glaube ich, Anja Niekerken interviewt. Sie schreibt ja auch Sachbücher und da haben wir eher so drüber gesprochen, wie Bücher auch als Marketing-Tool fungieren können. Und heute, dachte ich, konzentrieren wir uns vielleicht mehr darauf, wirklich auf das Thema Verlag und Buchkonzept oder Exposé und warum das so wichtig ist.
Und vielleicht erstmal ganz grundsätzlich zum Start, was genau ist denn ein Buchkonzept oder ein Exposé und warum ist das für alle, die ein Buch schreiben, wichtig?
[Nina] Also das Exposé ist eigentlich, also wir fangen nochmal an. Also ein Exposé nennt man quasi das offizielle Dokument, was du an eine Agentur oder einen Verlag schickst.
Und deswegen begegnen mir oft Autoren, die denken, ich brauche das nicht, weil ich schreibe das ja jetzt erstmal nur für mich, weil es ist mein Marketinginstrument zum Beispiel.
Und ich finde, das ist wirklich, wie du schon gesagt hast, ganz grundlegend, damit man einfach gerade bei einem Sachbuch, aber auch beim Roman, damit man so die Leitplanken quasi für das Projekt hat und damit man eben wirklich das auch zuschneidet auf den Anlass, für den man das jetzt schreibt, auf die Zielgruppe.
Das sind alles Sachen, auf die ich dann zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit Autoren eingehe, weil die über manches auch einfach so hinweggehen. Also kommen wir vielleicht nachher auch noch zu.
Was sind so die typischen Sachen, die man nicht machen soll? Also für viele ist ein Exposé halt nur sowas. Das mache ich ganz am Schluss, wenn ich es dann eben an Verlage schicken möchte.
Aber es ist eben wesentlich, sich vorher mal Gedanken zu machen. Das ist mein Know-how. Das ist bei dir ja auch so. Du kannst ja ganz verschiedene Bücher zu deinen Themen schreiben. Und was ist das, was wir jetzt gerade sozusagen machen wollen? Das ist für Autoren immer ganz spannend.
[Alex] Ich finde, das nimmt auch so ein bisschen dieses, ich weiß auch nicht, dieses Träumerische oder Unerreichbare von so einem Buchprojekt, weil wenn ich mir halt einen Plan mache oder mir überlege, was kommt rein und was ist mein Angle quasi, gehe ich auch, finde ich, ganz anders an so ein Projekt ran.
Dann ist es auch so ein machbares Projekt. Und dann weiß ich, okay, das kommt da rein und das folgt dann auf das und so weiter.
Das finde ich eine ganz andere Herangehensweise, als wenn ich jetzt sage, ich möchte gerne ein Buch schreiben und dann träume ich da hin und ohne Plan und fange erst mal an. Da ist so meine Erfahrung, driftet man ganz schnell irgendwo ganz anders ab.
[Nina] Aber man kann es auch anders angehen, da kommt jetzt wieder der Wort-Nerd quasi rein, weil wenn man das jetzt als Verlagslektorin im Verlag, also je nach Verlag entwickeln wir da ja auch Buchkonzepte, also bevor wir quasi überhaupt eine Autorin oder einen Autor haben.
Und da nennt man das dann ein Thema durchdeklinieren, so der Fachbegriff letztendlich, zu sagen, ich spiele jetzt aber vielleicht auch einfach mal mit verschiedenen Ideen herum. Also nur weil man quasi sich letztendlich dann auf das eine festlegt, heißt es nicht, dass man dieses Träumerische, ich finde es ganz wichtig, dass Autoren das dabei haben, weil die sonst immer auch das Gefühl haben, also eigentlich hätte ich doch auch noch was ganz anderes machen können.
Und zu sagen, wie kann man denn dir zwar Leitplanken geben, aber dass du trotzdem dich ausprobierst, auch wie du das jetzt schreibst zum Beispiel, gibt es ja ganz unterschiedliche Herangehensweisen.
Also diese Mischung finde ich schön, so eine Freiheit auszuprobieren und trotzdem dann die Marschrichtung quasi festzulegen.
Verlagsarbeit und Buchentwicklung
[Alex] Du hast jetzt schon ein gutes Stichwort genannt. Also was genau macht denn jetzt ein Verlag? Wie gehen die vor, wenn die jetzt ein Buch rausbringen? Entwickeln sie selbst Ideen? Gehen sie gezielt auf Leute zu? Sprechen sie zum Beispiel, weiß ich nicht, eine berühmte Influencerin an? Hast du denn mal Lust, ein Buch für uns zu schreiben?
Oder kann jede und jeder sich auch tatsächlich an Verlage wenden mit eigenen Ideen? Wie ist da deine Erfahrung?
[Nina] Also das hängt sehr von dem Verlag ab und auch von dem Selbstverständnis des Verlages.
Also es gibt zum Beispiel Verlage, die sehr viel eigene Titel entwickeln oder auch Autoren aufbauen, die vorher noch keine Bücher geschrieben haben.
Und es gibt Verlage, die sehr viele Lizenzen einkaufen, aus dem Ausland zum Beispiel.
Das heißt, da gibt es natürlich viel weniger Möglichkeiten, dann als angestellte Verlagslektorin selber quasi Dinge zu entwickeln, weil du dafür natürlich auch Zeit brauchst.
Und bei mir war es so, dass ich in einem großen Ratgeber- und Sachbuchverlag war, wo wir eben tatsächlich Sachen selber entwickelt haben und teilweise, weil uns jemand ein Exposé geschickt hat, wo man also eben aus der Fachperspektive gesehen hat, also so wie die Person das jetzt geschickt hat, nein, also das gibt es schon oder Ähnliches.
Aber man hat dann zum Beispiel irgendwelche Stichworte in der Kurzbiografie oder so gelesen und hat gedacht, ich glaube, ich habe eine Idee, wie ich das anders aufziehen kann, dass das eben wirklich ein Alleinstellungsmerkmal bekommt und nicht einfach nur das nächste Buch zum Thema, weiß ich nicht, Work-Life-Balance oder Ähnliches ist.
Und das ist sozusagen, wenn du ein Exposé hast. Es geht aber auch zu sagen, okay, wir sehen jetzt, dass sich Bücher zum Thema XY gut verkaufen. Es gibt schon einige dazu, die sehen so und so aus. Was ist denn, wenn ich jetzt quasi mir das Buch erträumen könnte? Was möchte ich da drin haben? Und je nachdem, wie du das dann aufgebaut hast, suchst du dir dann passend dazu eine Autorin. Zu sagen, okay, ich möchte, dass das zum Beispiel, ich sage mal, jung und hip ist, ein Yoga-Buch für junge Frauen bis 25, dann wirst du dir eine andere Autorin suchen als Verlagslektorin, als wenn du jetzt das erschlagende Gesamtwerk von jemandem mit 40 Jahren Erfahrung sozusagen haben möchtest.
Und Influencer kommt natürlich immer mehr. Also ich habe das im Kleinen auch schon gemacht, weil manchmal, vielleicht ist es bei dir auch so, zum Beispiel liest du jemanden, die total schöne Blogposts schreibt oder auf Social Media wirklich tollen Content hat und die kommen gar nicht auf die Idee, dass man das auch als Buch machen könnte.
Und da juckt es einem dann in den Finger, mache ich bis heute, dass ich dann hinschreibe. Und gar nicht, weil ich das Buch unbedingt betreuen will, sondern weil ich denke, Mensch, die hat schon so viel Material. Allein daraus könnte man schon ganz toll was machen. Und das ist vielen Leuten gar nicht bewusst, dass jeder auf so einem Schatz sitzen, den man eben zu einem Buch machen könnte.
Worauf kommt es bei einem Exposé an?
[Alex] Das heißt, worauf kommt es jetzt an für einen Verlag? Wenn du sagst, du hast jetzt das Negativbeispiel erwähnt, da kommt ein Exposé und dann denkst du dir, oh, das Thema haben wir schon, das ist irgendwie ein bisschen langweilig. Also wie kann ich es dann besser machen? Was muss denn in so ein Exposé rein, damit ein Verlag interessiert ist? Also, sind das Trends? Ist es eine bestimmte Zielgruppe? Was ist es?
[Nina] Ja, ich versuche das gerade …, weil es gibt natürlich diverse Dinge. Also, ich finde, das Wichtigste ist, dass dein Exposé überhaupt zu dem Verlag passt. Also, nichts mag man weniger gern, als dass du da was inzwischen im E-Mail-Eingang früher per Post liegen hast und du merkst, die Person merkt gar nicht, dass wir schon 20 Bücher dazu haben oder dass wir diese Themen überhaupt nicht bedienen.
Das ist so das Erste, dass du dir wirklich das Verlagsprogramm anguckst, dass du auch in eine Buchhandlung gehst und generell mal schaust, was gibt es denn zu meinem Thema.
Und was ganz wichtig ist, wenn man erfolgreich in einem großen Verlag, muss man immer dazu sagen, sein möchte, man könnte ja auch in einen kleineren gehen, dann geht ganz, ganz viel über Agenturen.
Und eine Agentur mag es überhaupt nicht, wenn sie dein Exposé toll finden und dich vertreten wollen und dich fragen, welche Verlage kennen das denn schon und dann spulst du die größten 15 Verlage in Deutschland ab, weil dann können sie ihre Connections gar nicht ausspielen, weil wenn das einmal da war, dann ist es quasi verbrannt, um es jetzt dramatisch auszudrücken, obwohl die Agentur mit dir, genau wie ich das ja auch mache, über ein Buch-Exposé geht und das eben wirklich aufpeppt und auf den Punkt bringt und viel besser verkäuflich macht. Und das bringt ihnen natürlich nichts, wenn man vorher schon bei den Verlagen war.
Deshalb ist für mich eigentlich immer der größte Fehler sozusagen, oder ich versuche Autoren davon abzuhalten und sage, fang erstmal mit den Agenturen an und wenn da keiner anbeißt, dann würde ich an die Verlage gehen, weil umgekehrt ist das überhaupt kein Problem.
Nur eben, wenn das eben schon bei Verlagen angekommen ist, dann ist das für die Agentur nicht mehr vermittelbar.
[Alex] Und was ist so deine Erfahrung? Wie realistisch ist das, dass da eine Agentur Interesse hat?
[Nina] Also ich war jetzt bis, ich glaube, letzte, nee, vorletzte Woche, hätte ich jetzt gesagt, naja, die werden natürlich auch zugeschüttet, muss man sagen.
Und jetzt in Zeiten mit KI, habe ich gehört, ist es noch wesentlich mehr, weil es ist auch dann schwieriger, das dauert einen Moment länger zu erkennen, ist das jetzt ein ordentliches Exposé, sage ich mal, oder nicht, weil die das so oberflächlich dann überarbeiten lassen.
[Nina] Das heißt, ganz häufig hört man nichts, also die antworten dann einfach nicht. Das heißt, sie haben es nicht genommen.
Und was ich aber ganz spannend fand, ist, dass ich einer Texterin interessanterweise geholfen habe, ein Exposé für einen Jugendroman zu schreiben. Und wir haben das komplett überarbeitet. Ich habe auch den Probetext überarbeitet, weil man dann immer merkt, ich meine, als Texterin kann sie natürlich schreiben, Aber es ist jetzt eine ganz andere Sparte, sag ich mal. Du musst dann ganz anders beim Exposé zum Beispiel rangehen.
Und die hat mir dann ganz aufgeregt in WhatsApp geschrieben, weil sie dann eben das rausgeschickt hat und sie hat innerhalb von einer Stunde einen Anruf von einer Agentin bekommen.
Also es war auch Zufall, weil es an dem Tag kam, wo diese Agentin ihren unverlangt eingesandte Exposé-Prüftag quasi hat. Das weiß man natürlich immer nicht.
Aber die war dann so begeistert, dass sie gesagt hat, sie ruft jetzt gleich an. Und ich weiß natürlich nicht, ob es letztendlich dazu kommt, weil dann ist der nächste Schritt, die hat dann das besprochen mit der Autorin und wollte dann das gesamte Buch haben.
Beim Roman ist das so, dass man eben sagt, du solltest ihn geschrieben haben, bevor man ihn pitcht.
Und bei einem Sachbuch ist es nicht so, weil der Verlag oder die Agentur dann noch sehr viel mit dir ändern häufig am Konzept. Und dann wissen sie schon, dass die Autoren dann anfangen zu bremsen, wenn sie das ganze Ding eigentlich schon fertig da liegen haben.
Aber insofern bin ich jetzt ganz beflügelt, weil ich gedacht habe, super, also so muss das eigentlich gehen. Aber sie hat natürlich auch Glück gehabt, dass es eben genau in dem Moment ankam.
[Alex] Aber kannst du denn irgendwie so einschätzen, was es denn sein könnte an Ihrem Exposé oder an Ihrem Buchprojekt, was vielleicht spannend war dann für die Agentur?
[Nina] Naja, ich gehe das natürlich, also ich komme aus einem Sachbuchverlag, insofern, ich betreue auch Romanexposés, ich sage aber immer vorher dazu, meine Expertise, außer jetzt, weil ich selber Romane veröffentlicht habe, ist eben eigentlich Sachbuch.
Und ich habe das genauso abgeklopft, wie ich Sachbuchexposés abklopfen würde, und es gibt dann eben so Dinge, die ganz typisch vorkommen, entweder, dass die Autoren zum Beispiel schreiben, es gibt keine Konkurrenz oder in ihrem Fall war es jetzt so, dass sie als, was heißt als Konkurrenz, also als Bücher, die aus demselben Themenbereich sind, die waren uralt.
Und das ist für einen Verlag keine Benchmark. Also du kannst dich ja gerne mit Percy Jackson oder Harry Potter vergleichen, aber das ist jetzt nichts, was jetzt gerade frisch eine neue Autorin, sage ich mal, veröffentlicht hat. Und dann habe ich eben für sie recherchiert und habe gesagt, was gibt es denn in dem Bereich, wo sie jetzt das Jugendbuch pitchen will, was gibt es denn da aus den letzten drei Jahren an erfolgreichen Titeln, vielleicht die auch erstmal nur in den USA erfolgreich waren, das ist ja auch ein Signal, die man angeben könnte. Damit der Verlag schon so ein bisschen, ich sage mal, Eurozeichen in den Augen hat.
Weil, das kann man ja von außen nicht einschätzen, die Verlage haben jede so eine Einstellung sozusagen, wie schnell gehen sie hinter Trends her.
Also setzen sie Trends, sind sie Early Follower zum Beispiel?
Das heißt, wenn es tatsächlich noch überhaupt kein Buch gibt in dem Bereich, wo du was schreiben möchtest, dann gibt es ganz viele Verlage, die das dann nicht anfassen werden.
Insofern ist das einer der Kunststücke, sozusagen die Konkurrenzsituation so darzustellen, dass es gut für dein Exposé ist.
Also es gibt Bücher, die verkaufen sich auch gut und zwar im Moment, nicht vor 15 Jahren, aber deins hat eben Alleinstellungsmerkmale, die es wiederum davon unterscheiden und die muss man dann im Exposé auch möglichst überzeugend und knapp darstellen und das ist so ein bisschen die Kunst.
Also es war auch wahnsinnig lang, das Exposé, und ich habe das dann eben alles eingedampft quasi, weil man einfach als Autor, das geht allen Autoren so, ist man so nah dran, dass man da, das Detail muss ich auch noch, und das muss die wissen und so. Und dadurch wird das dann oft zu lang für die Agentinnen oder Lektorinnen, die das auf den Tisch kriegen, denken, also diese 15, 20 Seiten, das lese ich jetzt ganz sicher nicht. Du musst mich auf der ersten Seite schon irgendwie packen.
[Alex] Das heißt, wie viele Seiten könnte denn so ein Exposé haben, idealerweise?
[Nina] Ja, man muss ein bisschen gucken, wie lang ist denn das Buch. Also wenn du jetzt ein Fachbuch mit 400 Seiten pitchst, wirst du wahrscheinlich das eben nicht, den Inhalt auf, sag ich mal, einer halben Seite knapp darstellen können.
Man muss es unterscheiden, wie lang ist das eigentliche Exposé, also so dieses Titel, Umfang, ich sag mal Klappentext in Anführungszeichen, diese ganzen Sachen und dann hängt ja noch Probetext hinten dran und manche Agenturen zum Beispiel geben auf ihrer Webseite vor, wie viel Leseprobe sie gerne hätten, wie viele Seiten und bei manchen steht nichts und da muss man immer so ein bisschen abwägen, wie viel nimmt man denn jetzt?
Gibt es irgendeinen strategisch guten Punkt, ab dem man das nicht mehr schicken sollte? Vielleicht, weil du nicht so weit geschrieben hast. Das muss man ein bisschen schauen. Und man muss auch damit spielen, die wollen natürlich nicht, dass man jetzt, ich sage jetzt mal, die coolste Szene aus dem achten Kapitel nimmt, weil sie dann nicht wissen, wie ist denn der Rest? Wie ist denn das weiter vorne?
Aber man muss auch nicht nur den Einstieg nehmen, weil das ja oft sehr basic ist, sage ich mal. Und also wir versuchen dann so beim Sachbuch zum Beispiel eine Mischung zu machen, zu sagen, also man nimmt jetzt eins von vorne und eins vielleicht ein bisschen weiter hinten, wo man sieht, okay, wenn die Autorin in Fahrt kommt in ihrem Thema, dann klingt das anders oder dann gibt es da folgende interaktive Elemente oder was eben wichtig für dieses Buch ist.
Haben neue Autor*innen eine Chance beim Verlag?
[Alex] Würdest du sagen, dass es für eine Agentur oder einen Verlag wichtig ist, dass die Autorin bereits etabliert ist als Autorin oder in ihrem Thema etabliert oder sind die auch offen für Debutantinnen?
[Nina] Das hängt ein bisschen davon ab. Du hast ja vorhin die Influencer angesprochen. Also leider muss man sagen, gucken Agenturen und vor allem Verlage inzwischen sehr darauf, was für eine eingebaute Zielgruppe bringst du mit, also wie viele Leute erreichst du dann, wenn dein Buch erscheint und du quasi Promotion für dein Buch machst, weil daraus errechnen sie dann, was sie für eine Auflage für das Buch wahrscheinlich verkaufen können.
Und es gibt, abgesehen jetzt mal von der, wie viel Zielgruppe, wie groß ist deine Zielgruppe jetzt schon sozusagen, gibt es eben den Ansatz zu sagen, habe ich als Lektorin im Verlag zum Beispiel die Zeit, um jemanden, die noch nie ein Buch geschrieben hat, an die Hand zu nehmen.
Und das war früher schon schwierig, weil eben früher schon du als Lektorin zig dutzend Projekte dann auf dem Tisch hast gleichzeitig und dann haben wir mal versucht, eine Mischung hinzubekommen, zu sagen, okay, das ist jetzt ihr drittes Buch mit uns, sie weiß ungefähr, wie es geht sozusagen, dann kann ich mich jetzt mehr um die Autorin kümmern, die zwar das Exposé mit mir zusammen gemacht hat in dem Fall, aber jetzt zum ersten Mal ein Sachbuch schreibt und natürlich Fragen hat und so.
Und ich erlebe das zunehmend seit ein paar Jahren, dass bei mir auch Autorinnen und Autoren landen, die einen Verlagsvertrag haben und die sich von dem Verlag nicht betreut fühlen und auch stinkig sind deswegen. Also sogar schon in der Exposé-Phase.
Also die dann zum Beispiel, das gibt es inzwischen auch, ich nenne das immer Pay-to-Publish sozusagen. Also da kaufen sich dann Leute mit einem Unternehmen zum Beispiel in einen Verlag, also in einen Verlagsveröffentlichungsslot quasi ein, also bezahlen für die Verlagsdienste. Also jetzt ein renommierter, nicht ein Vanity-Publisher sozusagen, sondern irgendein Verlag, den man in Buchhandlungen auch kennt.
Und dann lassen die Verlage die trotzdem mit dem Konzept zum Beispiel allein, was ich auch nicht verstehe. Also wenn dieser Mensch sagt, ich zahle dir Summe X und dann sagst du, dafür nehme ich dich ins Frühjahrsprogramm. Dann versuch doch irgendwie die Zeit zu finden, um wenigstens ein gutes Exposé mit demjenigen zu machen, dass der weiß, wohin die Reise beim Schreiben geht.
Und sie werden mit dem Exposé alleingelassen und dann in der Erstellung des Buches. Also ich biete ja auch Buchbegleitung an und das ist eigentlich genau das, was ich sonst von einer Verlagslektorin erwarten würde, dass solange du fröhlich vor dich hinschreibst, frage ich zwischendurch, wie läuft's, kann ich schon mal was sehen? Wenn du sagst, nö, dann mache ich mir ein Vermerk, vielleicht noch mal nachhaken.
Also es ist ja okay, ich möchte auch ganz am Anfang nicht unbedingt das gleich schon einer Lektorin zeigen, wenn ich ein Sachbuch schreibe, aber dann muss so ein Punkt kommen, wo man sich mal drüber unterhält, geht das eigentlich in die richtige Richtung.
Und wenn das wegfällt, weil die inzwischen teilweise 50 Titel und mehr gleichzeitig betreuen, also es ist jetzt kein Vorwurf an die Lektorinnen, sondern die machen so viel parallel und ja den ganzen Admin-Kram hinten raus noch, dass die einfach die Zeit dafür überhaupt nicht haben.
Und da muss man dann als Autor oder Autorin überlegen, was will ich denn eigentlich mit dem Buch? Und bei vielen, die das als Marketinginstrument benutzen, die nehmen dann eben das Geld in die Hand und lassen sich dann anderweitig quasi betreuen, weil sie wollen ja mit dem Buch auf Messen stehen und das verteilen oder das potenziellen Kunden geben und wollen eben nicht, dass sie das quasi, naja, ich überlege mal, wie man wohl so ein Buch macht, dann so entwickeln.
Gibt es einen Unterschied in der Betreuung durch kleine oder große Verlage?
[Alex] Gibt es da eigentlich einen Unterschied zwischen größeren Verlagen und kleineren Verlagen? Also das, was du jetzt gerade geschildert hast, diese Betreuung? Kommt es darauf an, einfach wo ich lande? Oder würdest du sagen, es ist gerade so die Zeit?
[Nina] Na gut, bei kleinen Verlagen, die haben natürlich häufig generell auch das Personalproblem.
Also weil das dann eben nur ein kleines Team ist, die diese ganzen Titel betreuen. Sie betreuen aber weniger Titel. Und ich bin immer so ein bisschen hin und her gerissen, weil es gibt ganz, ganz tolle kleine Verlage, die total engagiert sind, die ihre Autoren gut betreuen, die auch professionelle Lektorate zum Beispiel beauftragen.
Also, dass eine externe Lektorin oder Lektor mit dem Autor zusammenarbeitet. Das gab es früher auch bei großen Verlagen ganz viel. Inzwischen sparen sie sich diese Kosten oft. Deswegen haben die dann eben so viele Titel gleichzeitig in-house.
Und es gibt aber eben auch Kleinverlage, wo die Leute, die den Verlag aufmachen, nie in einem Verlag gearbeitet haben.
Das heißt, und die auch keine ausgebildeten Lektorinnen oder Lektoren dementsprechend sind. Das heißt jetzt nicht, dass die kein Gespür für Texte zum Beispiel haben. Aber ob die jetzt den Text professionell betreuen und vorher das Exposé professionell mit dir aufsetzen, das ist halt dann so eine Frage. Deswegen muss man immer so ein bisschen gucken.
Ich würde mir dann andere Bücher aus dem Verlag zum Beispiel angucken, ob die dir gefallen. Da weißt du natürlich nicht, wie viel jetzt der Autor selber gemacht hat, wie viel ist aus dem Verlag.
Es ist so ein bisschen Raten, aber wenn man jetzt sieht, die sind total lieblos gemacht, dann würde ich natürlich eher die Finger davon lassen. Aber an sich möchte ich gerne Lanze für kleine Verlage brechen und sage auch in der Beratung immer, wenn du an Verlage gehst, dann geh eben von oben nach unten sozusagen durch, weil man kann natürlich auch unter die Selfpublisher gehen.
Das ist ja auch was, was ich zwischendurch gemacht habe. Aber du musst dann eben, damit dein Buch professionell ist, sehr viele Kosten tragen oder bereit sein zu tragen, die ja sonst der Verlag trägt. Also wie ein professionelles Lektorat, nochmal ein Korrektorat am Schluss, die Covergestaltung, der Buchsatz. Und das muss man sich natürlich vorher überlegen. Ob man das alles wirklich selber stemmen will.
Wie viel Einfluss nimmt der Verlag auf den Inhalt?
[Alex] Wie stark greift denn so ein Verlag dann letzten Endes in den Inhalt zum Beispiel ein oder in den Stil oder in die Struktur? Also wenn ich mit Menschen spreche über „Selfpublishing – Verlag“ dann gibt es auch oft Stimmen, die sagen, ja, ich möchte selbst bestimmen, wie es dann letzten Endes wird, das Buch.
Meine Erfahrung ist, dass ein Verlag da gar nicht so krass, also dass ich immer die letzte Entscheidung quasi habe und trage über die Dinge, die da drin vorkommen. Wie sind deine Erfahrungen?
[Nina] Das hängt sehr vom Verlag ab. Das hängt auch eben von dem Selbstverständnis des Verlages ab. Also ich war ja früher bei Gräfe und Unzer zum Beispiel. Und ich weiß nicht, wie das heute bei Gräfe und Unzer ist.
Aber früher war es eben so, dass die ganz stark, also auch in der Ausbildung zum Beispiel oder im Verlagsalltag quasi ganz stark so Zielgruppen-Definitionen hatten und damit gearbeitet haben.
Und dann war klar, dieses Buch ist für diese Zielgruppe. Und dann muss, das weiß aber der Autor ja nicht sozusagen, und dann muss ich den Autor dahin schieben, dass dieses Buch, das Konzept, der Inhalt auch tatsächlich dahin passt. Und dann haben wir teilweise relativ stark nicht nur ins Konzept eingegriffen, sondern eben auch später in das Buch.
Teilweise natürlich auch, weil der Verlag kriegt ja einen Teil ab vom Kuchen, sage ich mal. Wenn sich ein Buch von dir verkauft, kriegst du ja so und so viel Cent und der Rest landet entweder bei den Zwischenhändlern oder dann beim Verlag. Und das liegt ja nicht nur an den Produktionskosten, sondern weil eben jemand im Verlag sitzt und dich begleitet, während dein Buch entsteht.
Das heißt, das muss man ja auch ein bisschen begründen. Wenn du sagst, ich gebe das so ab und da passiert eigentlich nichts mit, dann fragt man sich, was ist dann die Daseinsberechtigung des Verlages, abgesehen von diesen Services, die ich gerade gesagt habe.
Aber ich finde es, also ich war immer ganz erstaunt, weil ich eben sozusagen nur kannte am Anfang, dass man ganz stark eingreift. Und dann habe ich als Autorin in zig verschiedenen Verlagen Sachbücher und Ratgeber veröffentlicht und war immer total irritiert, dass die so, ja, wenn du meinst, dann, ja, das ist total nett, das Exposé, mach mal.
Und dann habe ich immer gesagt, ich brauche hier irgendwie mal einen Sparringspartner. Also wenn du möchtest... Also insofern, glaube ich, ist es wirklich sehr, sehr unterschiedlich.
Und für mich ist immer die Frage, ist das, weil sie erkennen, dass das gut ist, was du machst, oder ist das so ein Durchwinken, weil sie einfach so viel auf dem Tisch haben, dass wenn du jetzt kein Problemprojekt quasi bist, dann sind sie halt froh, dass sie einfach sagen, einen schönen Lauf durch sozusagen.
Und solange du dir sicher bist, dass dieses Exposé und dieses Buch das sind, was du wirklich machen möchtest, finde ich das ja völlig okay, wenn die dich so laufen lassen.
Aber wenn du eben als Autor schon merkst, ich bin mir nicht so sicher, also beim Schreiben zum Beispiel, du schreibst nicht weiter, das passiert ja dann sehr oft, weil du das Bauchgefühl hast, das passt doch irgendwie nicht so zu meiner Zielgruppe oder mein Stil schwankt ganz stark. Und ich finde, da musst du dann einen Ansprechpartner haben, der dir sagen kann, ja, also so und so könntest du das lösen oder diese Teile sind besser als die, wenn du da unsicher bist. Also das finde ich total wichtig.
Also Autoren erleben das immer so als, die will mir da reinreden, sozusagen. Das ist selbst so, wenn sie mich buchen, dass man am Anfang immer so ein bisschen sich zusammenfinden muss, wo ich sage, du wolltest ja, dass jemand dir Feedback gibt.
Und ich glaube, wenn du halt als, es gibt, ich komme gerade nicht auf den Namen, es gibt jemand, der hat The Good Place, die Serie, geschrieben, ein Amerikaner, der in einem Podcast dann erzählt hat, dass er vorher bei Saturday Night Live als Texter gearbeitet hat und er hat gesagt, dass er eigentlich nur jedem, der irgendeine Form von Text schreibt, quasi wünschen würde, dass sie durch diese Zeit gegangen sind, weil er sagt, da musst du halt jede Woche, ich sag jetzt mal, zehn Sachen pitchen.
Eine davon wird, wenn es hochkommt, genommen und dann wird die von den größten Talenten, die es in New York quasi gibt, zerrissen. Also eigentlich natürlich nur, um es zu verbessern, aber er sagt, du gehst dann so klein wieder da raus und musst dich ja dann an den Tisch setzen und die nächsten zehn Pitches machen.
Und er sagt, und wenn du das zwei Jahre gemacht hast, dann nennt er das auf Englisch, dann sind deine Texte nicht mehr so precious für dich.
Und ich finde, das ist auch was, was man eben als Berufsautor oder Texter erlebt, da kann man ganz anders mit Feedback umgehen, weil man weiß, okay, irgendwas stimmte an dieser Stelle nicht, wo sie eingehakt hat. Und vielleicht finde ich eine andere Lösung, aber da ist irgendwas nicht so ganz, passt einfach nicht.
Und das anzunehmen, ohne dann in dieses, oh mein Gott, ich kann nicht schreiben, ach, die redet mit da rein. Also viel von dieser Abwehrhaltung bei, ich sage es mal, frischen Autoren ist eben auch dieses, weil man dann auch wirklich sehr angeknickt ist im Selbstbewusstsein, weil man sich noch nicht so sicher ist, dass man schreiben kann und dann reagiert man natürlich sehr abwehrend.
[Alex] Das ist auf jeden Fall eine Entwicklung, die man dann nehmen darf, so als Erstlingsautorin und dann später. Ich glaube, was mir geholfen hat, war tatsächlich, erstmal im Selfpublishing Dinge zu machen und einfach zweimal den Prozess von vorn bis hinten quasi gemacht zu haben und beim ersten Verlagsbuch hatte ich den Eindruck, war ich auch viel bereiter, quasi Feedback zu hören und habe das dann auch gar nicht persönlich genommen.
[Nina] Ja, das ist ja auch nicht persönlich.
[Alex] Genau, das ist ja nur auf den Text bezogen. Und mir hilft immer die Vorstellung, einfach sich klarzumachen, hey, da gibt es einfach Menschen, die haben genau dasselbe Ziel wie du, nämlich den besten Text da rauszuholen, der da drin ist.
Aber ich glaube, das ist wirklich, wirklich schwer, so als... als frische Autorin, da diese Distanz zu haben zum eigenen Text.
Und ich merke das auch bei den Kundinnen, die ich jetzt habe, also jetzt nicht zum Thema Buch, aber zum Thema Websitetexte auch. Also muss man ganz behutsam immer vorneweg gehen und gucken, wie reagieren denn die Menschen auf Feedback.
Aber das sind eigentlich immer die schönsten Texte, wenn man merkt, die Leute sind bereit, auch wirklich Ideen zu hören und auch mit dem Text zu arbeiten, weil letzten Endes ist es einfach auch ein Handwerk. Man schreibt was und ein anderer Mensch hat vielleicht Ideen oder eigene Vorstellungen und dann entwickelt sich der Text zu was Neuem oder Anderem. Das ist eigentlich total toll.
[Nina] Ich habe gerade noch gedacht, ich mache da manchmal das Beispiel, weil du Handwerk sagtest, mit einem Fliesenleger oder Ähnlichem.
Wenn du jetzt sagst, ich möchte jetzt aber selber mein Bad fließen und mir die Kosten sparen, sage ich jetzt mal, dann werden die ersten Versuche wahrscheinlich nicht so toll aussehen, selbst wenn du dir viele YouTube-Videos angeguckt hast.
Und wenn jetzt jemand anders kommt oder käme und dich dabei unterstützt, das heißt ja nicht, dass, wie soll ich sagen, es geht ja darum, dass das Bad so aussieht, wie du dir das vorgestellt hast. Also mir ist dann, ich sage mal, als Handwerker ist dann wurscht, wie du, wie soll ich sagen, es sagt nichts über deine Art zu schreiben oder zu konzipieren oder dein Know-how aus, sondern mit der Erfahrung guckt man drauf und denkt, das könnte verbessert werden, das ist jetzt so noch nicht, noch nicht so toll sozusagen.
Aber wie du schon sagst, das kann man nachher dann viel besser annehmen.
Also ich sage auch immer als Tipp, wenn du jetzt zum Beispiel tatsächlich ein Buch an Agenturen rausgeschickt hast oder an Verlage und wartest jetzt händeringend darauf, dass was zurückkommt, ist mein Tipp immer, mach das nächste Buch.
Also ob jetzt ein anderes Thema oder weil in dem Moment ist, hast du dann ein neues Buchbaby, wie wir das in der Verlagsbranche nennen und dann ist das nicht mehr ganz so schlimm, wenn da zum Beispiel erstmal nichts kommt. Und gleichzeitig entwickelt sich dein Know-how eben weiter und dein Stil und Ähnliches. Das finde ich echt wichtig.
Wie können Autor*innen eine langfristige Beziehung zum Verlag aufbauen?
[Alex] Und wenn man jetzt quasi erfolgreich war und ein Buch veröffentlicht hat beim Verlag, was können denn Autorinnen und Autoren tun, um eine langfristige Beziehung zum Verlag aufzubauen, dass sie vielleicht auch ein zweites Buch oder drittes Buch da veröffentlichen?
[Nina] Also das mit der Lektorin in Kontakt zu bleiben, finde ich halt total wichtig.
Also dieses ist ein bisschen schwierig, weil man dann gucken muss, was gibt es denn zum Beispiel für Anlässe, aber wenn die einem mailt, weil zum Beispiel die zweite Auflage des Buches erscheint oder weil ein schöner Artikel irgendwo erschienen ist oder einfach auch zu Weihnachten irgendwas zu schicken und eben im Hinterkopf zu beidem oder sie auch mal zu fragen, es ist jetzt so und so lange her, dass wir das Buch gemacht haben. Ich möchte gerne noch ein Buch machen und dann zu schauen, entweder sie hat Ideen, was man basierend auf dem Thema noch machen könnte oder wenn man mehrere Themen als Autor anbieten könnte, dann könnte man ja auch von sich aus wieder einfach den nächsten Pitch machen.
Aber das eben, ich sag mal, formlos mit der zum Beispiel am Telefon zu besprechen und zu signalisieren, ich bin da ganz offen, was könnten wir denn machen, was wäre denn eine gute Richtung oder Ähnliches.
Also man muss schon ein bisschen dranbleiben, weil viele Verlagslektorinnen das jetzt nicht unbedingt auf dem Schirm haben, weil sie ja immer schon in den Programmen sind, die anderthalb bis zwei Jahre weiter sind. Das muss man sich als Autor immer klar machen. Es dauert ja lang, wenn man über einen Verlag geht, bis das Buch erscheint. Das heißt, die ist dann quasi schon zwei Jahre weiter, sage ich mal, in ihrer Planung.
Und man muss ein bisschen sich ranhalten, um dann wirklich da mit dem nächsten Buch wieder drin zu sein. Andererseits, wenn das erste noch gar nicht richtig erschienen ist, wird sie wahrscheinlich erstmal kein weiteres planen, weil man muss erstmal gucken, wie läuft denn das erste.
Aber auch zu schauen, kann ich mein erstes Buch unterstützen? Was kann ich denn machen? Weil das Marketing bleibt heutzutage immer an den Autoren hängen. Also egal, ob man jetzt Selfpublisher oder Verlagsautor ist. Das heißt auch ruhig der Lektorin zu sagen, ich habe jetzt dies und das gemacht, ich habe mich um Lesungen gekümmert oder was auch immer man getan hat. Also man sagt ja, Klappern gehört zum Handwerk, aber dass die sieht, man tut was für das Buch.
[Alex] Da waren jetzt schon super viele tolle Tipps dabei. Hast du vielleicht abschließend einen Tipp für Autor*innen, die eine Buchidee erfolgreich an einen Verlag herantragen wollen? Also was würdest du sagen, ist denn wirklich vielleicht das Allerwichtigste, wenn es denn sowas gibt?
[Nina] Die erfolgreich eine Buchidee. Also ich würde sagen, an eine Agentur herantragen, wie wir oben gesehen haben.
[Alex] Okay, das ist das schon mal ein guter Tipp. Nicht an den Verlag, sondern an eine Agentur.
[Nina] Und ganz uneigennützig würde ich sagen, sich professionelles Feedback zum Exposé zu holen, finde ich wichtig.
Also einfach auch, um das nochmal aus einer anderen Perspektive anzugucken, wie wir gerade gesagt haben, du selber bist eigentlich zu nah dran.
Also vielleicht, wenn du jemand anderem, muss ja jetzt nicht ich sein, wenn du jemand anderem sagst, das ist für die Zielgruppe das Thema, so stelle ich mir das Buch vor, ist dann dieses Exposé wirklich das Entscheidende sozusagen.
Und ich würde eben sagen, zu gucken, dass das Exposé wirklich auf die Personen zugeschnitten sind, an die du das schickst. Also ich versuche immer, den Autor*innen klarzumachen, Die haben total wenig Zeit, die gucken da ein paar Sekunden drüber, also dass man eben nicht zu langatmig und erstmal quasi drei Stunden Vorrede, sondern wirklich denen das so aufbereitet, dass die da einmal schnell drüber gleiten können sozusagen und gleich schon vom Klappentext quasi reingezogen werden. Das finde ich total wichtig.
[Alex] Ja, super. Vielen Dank, Nina, für all deine Tipps. Mir hat es großen Spaß gemacht heute mit dir. Und ich hoffe, dass es auch ganz vielen Menschen draußen weiterhilft.
[Nina] Ja, das wäre natürlich schön.
Shownotes
Social Media und ethisches Marketing - wie passt das zusammen? Teil 2: Mikrotargeting und Datenschutz
In dieser Podcastfolge machen wir weiter mit der Reihe „Social Media und ethisches Marketing – wie passt das zusammen?“. Ich hatte dir in der letzten Solofolge bereits was zum Begriff „ethisches Marketing“ gesagt. Und heute geht es um das Thema Mikrotargeting und Datenschutz.
In dieser Podcastfolge machen wir weiter mit der Reihe „Social Media und ethisches Marketing – wie passt das zusammen?“. Ich hatte dir in der letzten Solofolge bereits was zum Begriff „ethisches Marketing“ gesagt.
Und heute geht es um das Thema Mikrotargeting und Datenschutz.
Folge anhören
Transkript lesen
Was ist Mikrotargeting?
Stell dir vor, du gehst in einen Buchladen, schaust dich kurz im Bereich „Trennung verarbeiten“ um, blätterst einmal kurz in einem Ratgeber und gehst dann doch wieder raus, ohne was zu kaufen.
Am nächsten Tag steht ein Typ vor deiner Haustür mit einem Klemmbrett und sagt:
„Hey du! Ich hab gesehen, du interessierst dich für emotionale Verarbeitung nach Beziehungskrisen. Hier habe ich drei passende Therapie-Angebote für dich, einen Rabattcode für Schokolade – und übrigens: Deine Nachbarin weiß jetzt auch Bescheid!“
Klingt absurd? Ja.
Ist aber Alltag – zumindest online. Und vor allem auf Social Media.
Denn genau so funktioniert Mikrotargeting:
Du zeigst irgendwo Interesse – und zack, die Social-Media-Plattformen registrieren, speichern und werten das Ganze aus. Und anschließend verkaufen sie diese Informationen an Werbetreibende weiter.
Der Begriff Mikrotargeting bezeichnet also eine datenbasierte Marketingstrategie, bei der Zielgruppen unterschiedlich angesprochen werden und zwar nach Alter, Wohnort, Geschlecht, Interessen und vielem, vielem mehr. Und das Ganze auch noch mit verschiedenen, individuell zugeschnittenen Botschaften.
Ganz konkret heißt das, dass Selbstständige und Unternehmen auf Social Media Werbung schalten und diese Werbung personalisieren. Also mithilfe des mächtigen Werbeanzeigenmanagers den exakt richtigen Menschen zur exakt richtigen Zeit ausspielen.
Und wenn du Social Media selbst nutzt, wird das Alltag für dich sein. Da wirst du alles bereits kennen:
Du guckst dir zum Beispiel in einem Onlineshop neue Sneaker an. Und wenn du wieder zurück zu Instagram gehst, werden dir genau dieselben Sneaker als Werbung angezeigt.
Das ist natürlich kein Zufall.
Soziale Medien stellen Werbetreibenden einen Code zur Verfügung, der auf ihrer Website eingebunden werden kann.
Bei den Meta-Diensten Facebook und Instagram ist es das sogenannte Meta-Pixel.
Aktuell binden laut einer Studie etwa 11% aller Websites das Pixel ein, also etwa 22 Millionen Websites weltweit.
Das sind meist Selbstständige und Unternehmen und andere Organisationen, die das tun.
Wenn das Pixel eingebunden ist, registriert es (nahezu) jede Handlung, die auf der Website vollzogen wird, also zum Beispiel
wenn du einen Artikel liest
wenn du dir ein Video anschaust
dich zum Newsletter anmeldest
eine PDF downloadest
ein Produkt zum Warenkorb hinzufügst
oder ein Produkt kaufst
und so weiter
Diese Informationen leitet das Pixel dann an die Social-Media-Plattformen weiter. Jedes Pixel hat eine bestimmte ID und kann damit dem entsprechenden Werbekonto genau zugeordnet werden.
Damit können die Social-Media-Plattformen nun den Nutzer*innen im zweiten Schritt Werbeanzeigen zeigen, die perfekt auf ihr Verhalten zugeschnitten sind.
Wenn du dir zum Beispiel auf einer Website ein Video angeguckt hast, bekommst du vermutlich andere Werbeanzeigen ausgespielt als die Menschen, die bereits ein Produkt im Warenkorb hat.
Ja, neben den Informationen, die die Plattformbetreiber vom Pixel bekommen, werten Facebook und Co. auch das Verhalten auf den Plattformen selbst aus.
Zum Beispiel:
Welche Seiten oder Beiträge gefallen dir?
Mit welchen Inhalten hast du in der Vergangenheit interagiert?
Wem folgst du?
Und natürlich haben die Plattformbetreiber auch Zugriff auf die persönlichen Informationen, die bei der Anmeldung fällig wurden oder die im Profil dann freiwillig ergänzt wurden, also:
Alter, Wohnort, Geburtsort, Beziehungsstatus und so weiter.
Das alles ist eine mächtige Kombination. Und so ist es kein Wunder, dass personalisierte Werbung für die meisten Selbstständigen und Unternehmen nicht mehr aus dem Marketing wegzudenken sind.
Es gibt tatsächlich eine Menge Vorteile für personalisierte Werbung. Und vermutlich kennst du sie auch alle bereits. Denn in der Marketing-Bubble dominiert diese Ansicht eindeutig:
Vorteil eins – ich hatte es gerade schon erwähnt –, dass wir damit gezielt eine bestimmte Gruppe von Menschen ansprechen können. Wir könnten zum Beispiel offene Stellen nur Männern zeigen oder nur Frauen unter 30. Warum das ethisch ein Problem sein könnte, da werde ich gleich noch drüber sprechen.
Ein weiterer Vorteil von personalisierter Werbung auf Social Media ist, dass wir damit neue Zielgruppen erschließen können und damit schneller Reichweite aufbauen und unsere Onlinesichtbarkeit erhöhen können.
Ein dritter Vorteil ist, dass wir damit Freebies oder Webinare wieder gezielt bewerben können und damit unsere E-Mail-Liste schneller aufbauen können oder effektiver launchen können.
Und schließlich lassen sich mit Retargeting-Kampagnen Menschen kontaktierten, auch das hab ich schon gerade erwähnt, die fast bei uns gekauft haben. Zum Beispiel haben sie bereits ein Produkt im Warenkorb liegen und werden dann mit der Ad daran erinnert, das Produkt auch zu kaufen.
Ja, das sind einige der wichtigsten Vorteile von Mikrotargeting und personalisierter Werbung. Das war in aller Kürze ein Abriss, was das alles eigentlich ist.
Doch wir müssen uns jetzt unbedingt auch die andere Seite anschauen: die Probleme und ethischen Herausforderungen, sag ich mal, die sich durch den Einsatz von personalisierter Werbung auf Social Media ergeben.
Ja, wo fangen wir bloß an?
#1 Datenschutz
Am besten bei dem Thema Datenschutz. Ich habe vorhin schon erwähnt, dass Mikrotargeting darauf basiert, dass Websiteverantwortliche das Meta-Pixel auf ihren Websites einbinden.
Doch der Einsatz des Pixels ist aus datenschutzrechtlicher Sicht problematisch, denn:
Es werden personenbezogene Daten erhoben und gespeichert. Es sind also keine anonymen Daten oder zumindest pseudonymisierte Daten, sondern Informationen, die sich explizit auf eine Person beziehen.
Diese Daten werden in die USA an den Meta-Konzern übermittelt und ausgewertet.
Und diese Informationen werden Werbetreibenden zur Verfügung gestellt.
Und schließlich kann auch die US-Regierung theoretisch jederzeit Zugriff auf diese Daten bekommen.
Rechtlich sind Websitebetreiber*innen – also Selbstständige und Unternehmen – dafür verantwortlich, das Pixel datenschutzkonform einzubinden.
Doch viele informieren lediglich in ihren Datenschutzhinweisen darüber, dass sie das Meta-Pixel nutzen. Doch dieser Hinweis allein ist eben nicht ausreichend. Eine solche Verwendung des Pixels ist nämlich nicht DSGVO-konform.
Menschen müssen aktiv in die Nutzung der Daten und das Anzeigen von personalisierter Werbung einwilligen bzw. der Nutzung widersprechen können. Das nennt sich Opt-in- und Opt-out-Möglichkeit.
Und das bieten wohl die meisten Cookie-Consent-Banner, weshalb es nach allgemeiner Auffassung ausreicht, solch ein Tool zu nutzen, um sich vor einer Abmahnung zu schützen.
Die Herausforderung ist aber, dass das Meta-Pixel nicht laden soll, bis die Einwilligung erteilt ist. Denn nicht alle Websiteverantwortliche haben das nötige Wissen, das auch technisch umzusetzen.
Und vermutlich wird das Tracking in den meisten Fällen dennoch ohne das Wissen der Websitebesucher*innen erfolgen.
Denn vielleicht kennst du das auch:
Oft machen wir uns einfach nicht die Mühe, beim Cookie-Banner auf „Einstellungen“ zu klicken und das Tracking zu deaktivieren. Und ob Menschen, die noch nie in Berührung mit dem Werbeanzeigenmanager gekommen sind, überhaupt von der Existenz und dem Einsatz eines solchen Pixels wissen, sei auch mal dahingestellt.
Warum ist der Schutz personalisierter Daten jetzt überhaupt so wichtig?
Viele Selbstständige, und ich hab ehrlicherweise auch lange Zeit dazu gehört, finden das Thema Datenschutz extrem unsexy und unnötig und lästig. Und wenn auch du bereits schlechte Laune bekommst, wenn du auch nur das Wort „DSGVO“ hörst, könnte es sein, dass du überhaupt keinen Bock auf diese Folge hast und dir gerade denkst: „Oh, Datenschutz? Nicht schon wieder!“
Doch das Ding ist, dass Privatsphäre und Datenschutz zwei Grundrechte sind, die zum Beispiel in EU-Verträgen verankert sind oder in der EU-Charta der Grundrechte.
Und das hat einen guten Grund.
Stell dir vor, du sitzt in einem Café, redest mit einer Freundin über deinen Plan, dich selbstständig zu machen – ganz privat, leise, ohne dass jemand mithören soll.
Und plötzlich kommt der Kellner zurück und legt dir kommentarlos drei Flyer auf den Tisch:
– für eine Steuerberatung
– einen Online-Kurs zur Sichtbarkeit
– und für ein Coaching gegen Versagensängste
Und genau so fühlt es sich an, wenn du online ein bisschen suchst, ein bisschen klickst und plötzlich Werbung bekommst, die zu genau weiß, was gerade in deinem Leben los ist. Ohne, dass du jemals bewusst zugestimmt hast, diese Info zu teilen.
Deshalb geht’s beim Datenschutz nicht um Bürokratie. Das ist die falsche Perspektive.
Es geht darum, die Kontrolle über deine eigenen Gedanken, Gefühle und Entscheidungen zu behalten – auch im digitalen Raum.
Und wer dazu sagt „Ich hab doch gar nichts zu verbergen“ – meine Lieblingsantwort kommt von Edward Snowden. Er sagt in etwa:
„Zu argumentieren, dass du keine Privatsphäre brauchst, weil du nichts zu verbergen hast, ist in etwa so, als würdest du sagen, dass du keine Meinungsfreiheit brauchst, weil du gerade mal nichts zu sagen hast.“
Es ist also eine gefährliche Kurzsichtigkeit.
Und ich werfe einfach mal ein paar Reflexionsfragen in den Raum, die du mal ganz in Ruhe für dich nach der Folge klären kannst:
Bist du dir sicher, dass dein Pixel wirklich erst nach aktiver Zustimmung lädt?
Wie würdest du reagieren, wenn du in einem anderen Geschäft so „beobachtet“, „verfolgt“ und analysiert würdest wie online?
Hättest du selbst Lust, mit einem Unternehmen zu arbeiten, das deine Daten ungefragt an Dritte weitergibt?
Widerspricht der Einsatz solcher Tracking-Tools vielleicht deinen eigentlichen Werten – zum Beispiel Vertrauen, Respekt oder Selbstbestimmung?
Wie möchtest du in Zukunft Werbung für dein Thema oder deine Produkte machen? Als Mensch, der verfolgt – oder als Mensch, der einlädt?
#2 Content Optimization und Dark Patterns
Hinzu kommt noch, dass es inzwischen eine ganze Marketingdisziplin gibt, die sich damit befasst, möglichst viele Menschen dazu zu bringen, möglichst niedrigen Datenschutzbestimmungen zuzustimmen, damit möglichst zielgerichtete Werbeanzeigen geschaltet werden können.
Das nennt sich Consent Optimization und es geht dabei im Großen und Ganzen darum, durch ein spezielles Wording oder Design Menschen dazu zu „motivieren“, Tracking zu akzeptieren.
Diese Consent-Optimierung öffnet Tür und Tor für sogenannte Dark Patterns, also Strategie-, Design- oder Sprachmuster, die Menschen zu einem bestimmten Verhalten verleiten und ethisch fragwürdig sind.
Zum Beispiel:
Du besuchst eine Website und sofort poppt ein Cookie-Banner auf, wie es rechtlich ja auch sein muss.
Dieses Cookie-Banner ist ganz groß, bunt und genau in der Mitte siehst du einen grünen Button mit „Zustimmen und weiter“.
Daneben, ganz klein und grau, irgendwo in einer Ecke siehst du dann „Einstellungen“ oder „Nur notwendige Cookies zulassen“.
Wenn du da draufklickst, öffnet sich eine verschachtelte Liste mit 30 Häkchen – und du musst aktiv alle Werbepartner abwählen.
Das dauert, nervt und vielleicht gibst du an dieser Stelle auch schon auf.
Das ist Consent Optimization.
Nicht, um dir alle Möglichkeiten gleichwertig zu präsentieren und dir die Wahl zu lassen, sondern um dich dazu zu bringen, möglichst schnell „Ja“ zu sagen.
Technisch gesehen ist das eine Einwilligung. Ethisch gesehen geht es vielleicht auch schon in Richtung Manipulation.
Wenn du willst, kannst du an dieser Stelle auch schon mal für dich reflektieren:
Hast du schon mal aus Bequemlichkeit bei einem Cookie-Banner auf „Akzeptieren“ geklickt, obwohl du es eigentlich nicht wolltest? Und wie ging es dir dabei?
Wie geht es dir, wenn du merkst, dass alle Alternativen gleichwertig präsentiert werden und du dich frei entscheiden darfst?
Wie könnte das bei den Menschen sein, die den Cookie-Banner auf deiner Website sehen?
#3 Überwachungskapitalismus und Gefahr für die Demokratie
Aber gehen wir noch einmal einen Schritt zurück und kommen zum dritten Punkt, den man auf dem Schirm haben muss, wenn man sich für oder gegen den Einsatz von personalisierter Werbung entscheidet.
Ich hatte es schon erwähnt:
Egal, was wir auf Social Media tun – die Plattformbetreiber schauen uns ganz genau zu und schreiben akribisch mit. Sie wissen im Grunde alles über uns: Jedes Like, jedes Follow, jeder Kommentar, ja, jede Sekunde, die wir zögern, bevor wir weiterscrollen, wird registriert, gespeichert und analysiert.
Die Harvard-Professorin und Autorin Shoshana Zuboff spricht in ihrem Buch, das auch so heißt, von einem „Überwachungskapitalismus“.
Das bedeutet: Die Plattformbetreiber sammeln diese Daten nicht nur – sie haben sie zu einem Wirtschaftsgut erklärt. Und während sie alles über uns wissen, sind sie uns gegenüber komplett aber unkenntlich und intransparent.
Das heißt, das ist eine beispiellose Asymmetrie an Wissen und Macht. Und dieses Wissen nutzen Plattformbetreiber, um Menschen zu beeinflussen, aber nicht zum Vorteil dieser Menschen, sondern zum Vorteil der Menschen, die für diese Daten bezahlen, also Werbetreibende.
Und genau diese Mechanismen machen nun immer öfter Probleme.
Rechtsextreme Parteien und Gruppierungen oder Verschwörungstheoretiker*innen verbinden Mikrotargeting zum Beispiel mit radikalen Inhalten und mobilisieren oder demobilisieren gezielt bestimmte Gruppen.
Donald Trumps Wahlkampfteam zum Beispiel nutzte schon in der US-Wahl 2016, also vor neun Jahren, Daten von 200 Millionen Wahlberechtigten, um Schwarze, die damals mehrheitlich Demokraten wählten, mit „Negativwerbung“ gezielt vom Wählen abzuhalten.
Andere Berichte zeigen, dass Facebook es zulässt, dass Immobilienwerbung nur Weißen angezeigt wird (und nicht Schwarzen) und erst 2017 die Möglichkeit, Werbeanzeigen an selbsterklärte „Judenhasser“ auszuspielen, entfernte.
Und manchmal ist es auch schlicht Unwissen oder mangelndes Bewusstsein, das zu einem Problem führt.
Im Juli 2023 wurde zum Beispiel bekannt, dass die Polizei in England das Meta-Pixel auf Meldeseiten für häusliche Gewalt verwendete und diese sensiblen Daten an Meta weiterleitete. Damit waren die Menschen für Meta als mögliche Opfer häuslicher Gewalt erkennbar.
Mikrotargeting mag also nach einer tollen Chance für Selbstständige und Unternehmen klingen, ja.
Doch es stellt inzwischen immer mehr eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie dar, die so langsam nicht mehr wegdiskutiert werden kann.
Die Stimmung wird beeinflusst, politische Entscheidungen werden beeinflusst, Wahlen werden durch Mikrotargeting beeinflusst.
Und Selbstständige und Unternehmen, die Mikrotargeting nutzen, unterstützen mit jeder Kampagne dieses Geschäftsmodell.
Und auch hier will ich dir einfach mal drei Fragen mitgeben:
Was passiert mit Vertrauen, wenn Werbung sich wie Überwachung anfühlt?
Willst du Teil eines Systems sein, das Menschen weniger frei statt freier macht?
Willst du mit deinem Geld ein System unterstützen, das immer öfter die Demokratie gefährdet?
#4 Manipulation
Kommen wir zum vierten wichtigen Aspekt: der Manipulation.
Mikrotargeting kann Menschen nämlich unbemerkt in eine ganz bestimmte Richtung lenken – emotional, politisch oder kommerziell.
Ich will jetzt damit nicht sagen, dass das über Lügen geschieht, sondern einfach nur durch gezielt platzierte Inhalte, die bestimmte Emotionen triggern – Angst, Hoffnung, Unsicherheit, was auch immer.
Das ist problematisch, weil …
Nutzer*innen so gar nicht merken oder wissen, warum sie etwas sehen.
Weil Werbung sie oft in verletzlichen Momenten trifft, zum Beispiel nach einer Trennung, Krankheit oder einem Jobverlust
Oder weil Entscheidungen nicht mehr aus innerer Überzeugung entstehen, sondern aus einer extern gesteuerten „Stimmungslage“.
Auch hier wieder ein Beispiel:
Stell dir vor, du hast gerade eine Phase, in der du vermehrt an dir selbst zweifelst. Vielleicht hat dir jemand abgesagt, du hast einen Pitch verloren oder dich mit deinem Partner oder deiner Partnerin gestritten.
Du scrollst durch Social Media und dann erscheint genau in diesem Moment eine Anzeige und da heißt es:
„Bist du manchmal unsicher, ob du wirklich gut genug bist?
Hier ist dein Weg raus aus der Selbstsabotage.
Nur noch heute: 50 % Rabatt auf mein Intensiv-Coaching.
Du denkst:
„Wow – das passt ja gerade wirklich wie die Faust aufs Auge.“
Aber die Frage ist:
Passt es wirklich zu dir – oder nicht viel mehr zu deinem temporären emotionalen Zustand?
Diese Anzeige wurde dir nämlich nicht zufällig ausgespielt.
Sondern basierend auf deinem bisherigen Verhalten oder deinem aktuellen Verhalten:
– deinen Suchbegriffen
– deinen Likes
– deiner Verweildauer bei bestimmten Inhalten
– deinen Klicks auf Beiträge mit ähnlichen Emotionen
- und so weiter
Was hier passiert, ist keine reine Information.
Das ist Stimmungsausnutzung, könnte man sagen.
Dein Bedürfnis wird nicht nur angesprochen, sondern auch verstärkt – damit du kaufst.
Solche Strategien können dazu führen, dass du Kaufentscheidungen triffst,
– die du später vielleicht bereust
– die du dir eigentlich nicht leisten kannst
– oder die auf einem kurzzeitigen Gefühl basieren statt auf wirklichem Bedarf
Und das passiert, wie gesagt, alles nicht zufällig, sondern weil Algorithmen gelernt haben, wie sie dich „weichkochen“ können.
Nicht weil du schwach bist, sondern weil du einfach ein Mensch bist.
Auch hier habe ich ein paar Reflexionsfragen für dich:
Wann hast du dich zuletzt emotional von Social Media Ads angesprochen gefühlt – und war dir klar, warum?
Wie würdest du es finden, wenn deine eigenen Unsicherheiten gezielt für Werbezwecke genutzt würden?
Wenn du selbst Werbung schaltest: Nutzt du gezielt bestimmte Emotionen, um Menschen zu „aktivieren“? Und wenn ja – wie weit möchtest du da gehen?
#5 Diskriminierung – wer wird ausgeschlossen oder anders behandelt?
Kommen wir zum letzten Punkt: der Diskriminierung.
Mikrotargeting funktioniert über Profile, und Profile basieren auf Vorannahmen.
Das kann dazu führen, dass Menschen bestimmte Informationen gar nicht mehr sehen, weil ein Algorithmus entschieden hat, dass sie „nicht zur Zielgruppe“ gehören.
Das kann zum Beispiel dazu führen, dass …
Frauen seltener Finanz- oder Tech-Anzeigen zu sehen bekommen
ältere Menschen weniger digitale Weiterbildungsangebote sehen
Menschen mit Migrationsgeschichte bewusst ausgelassen werden
oder politische Filterblasen sich weiter verhärten
Zum Beispiel kann es sein, dass Arbeitgeber gezielt Anzeigen nur an junge, männliche User ausspielen – obwohl vielleicht auch ältere oder weibliche Bewerber*innen grundsätzlich infrage kommen würden.
Heißt konkret:
Du als Frau über 40 bekommst du die Anzeige für den gut bezahlten Job vielleicht gar nicht zu sehen – weil ein Algorithmus entschieden hat, dass du nicht zur Zielgruppe passt oder weil Werbetreibende beschlossen haben, die Werbeanzeige nur an Männer auszuspielen.
Und das alles bemerkst du gar nicht, weil du natürlich nie erfährst, was du nicht gesehen hast.
Auch hier möchte ich dir ein paar Fragen zum Weiterdenken geben:
Ist es okay, Anzeigen nur bestimmten Gruppen zu zeigen, auch wenn andere genauso qualifiziert oder interessiert wären?
Würdest du wollen, dass ein Algorithmus entscheidet, welche Inhalte du siehst und welche nicht?
Welche Targeting-Optionen nutzt du, wenn du Werbung auf Social Media schaltest? Ist dir klar, wen du damit gezielt ausschließt?
Fazit
Du siehst: Es ist eine ganz schön komplizierte Sache: Mikrotargeting ist im digitalen Marketing allgegenwärtig – und auf den ersten Blick auch effektiv.
Es ermöglicht punktgenaue Werbung, verspricht höhere Reichweite, bessere Conversion-Raten und gezieltere Ansprache.
Doch diese Vorteile haben ihren Preis: den Schutz unserer Daten und unserer Privatsphäre, unsere Entscheidungsfreiheit und vielleicht sogar demokratische Grundwerte.
Die zentrale Frage, die für mich am Ende bleibt, ist:
Wie wollen wir Marketing machen?
Als Menschen, die einladen und auf Augenhöhe kommunizieren – oder als Teil eines Systems, das immer wieder manipuliert, ausschließt und überwacht?
Shownotes
Warum ist digitale Barrierefreiheit auch für Selbstständige wichtig, Nina Jameson?
In dieser Podcastfolge habe ich Nina Jameson von „Gehirngerecht Digital“ zu Gast. Im Interview sprechen wir darüber, warum digitale Barrierefreiheit auch für Selbstständige wichtig ist, die nicht vom Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das Juni 2025 ja in Kraft tritt, betroffen sind. Und wir reden über typische Barrieren auf Websites und wir sie beseitigen können.
In dieser Podcastfolge habe ich Nina Jameson von „Gehirngerecht Digital“ zu Gast. Ich habe sie bereits in meinem gerade erschienen Buch „Don’t be evil: Wie gutes Marketing gelingt“ zu digitaler Barrierefreiheit interviewt. Und weil ich das für so ein wichtiges Thema halte, habe ich sie auch noch mal in den Podcast eingeladen.
Im Interview sprechen wir darüber, warum digitale Barrierefreiheit auch für Selbstständige wichtig ist, die nicht vom Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das Ende Juni ja in Kraft tritt, betroffen sind. Und wir reden über typische Barrieren auf Websites und wir sie beseitigen können.
Transkript lesen
Digitale Barrierefreiheit verstehen
[Alex]Ja, hallo Nina, was genau bedeutet eigentlich digitale Barrierefreiheit? Hast du vielleicht ein griffiges Beispiel, das direkt klar macht, was es eigentlich ist, worum es da geht?
[Nina]Digitale Barrierefreiheit, da kommt es natürlich immer darauf an, wen man fragt. Grundsätzlich, worum geht es überhaupt? Es geht darum, dass jeder Teilhabe am digitalen Leben haben kann.
Prinzipiell ist es so, dass wenn Software entwickelt wird, dass man sich vor allem auf die Bedienbarkeiten konzentriert, die man eben selber hat oder die vor allem im Team vorhanden sind. Und das heißt dann Bedienung mit der Maus oder mit der Tastatur, vielleicht auch per Touch, wenn du Webseiten entwickelst.
Aber jetzt Nutzungsweisen, wie es zum Beispiel eine blinde Person mit der Webseite interagiert oder eine Person, die vielleicht keine Hände hat, die dann Sprachsteuerung verwendet. Sowas wird in der Regel eher weniger berücksichtigt.
Und in der digitalen Barrierefreiheit versuchen wir, alle Nutzungsstrategien unter einen Hut zu bekommen und Webseiten so zu programmieren, dass eben jeder bedienen kann, egal wie er oder sie eben Webseiten bedienen möchte.
[Alex]Und warum sollten sich Solo-Selbstständige auch mit diesem Thema beschäftigen? Warum ist das für sie relevant?
[Nina]Weil es einfach viel damit zu tun hat, qualitativ hochwertige Webseiten zu entwickeln, würde ich sagen.
Jetzt aus einer fachlichen Perspektive betrachtet, ist das tatsächlich eine recht große Wissenslücke, die wir in den Fachbereichen haben. Es ist tatsächlich egal, ob man sich Designentwicklung oder die Redaktion anschaut.
An sich ist, barrierefreie Inhalte zu erstellen, gar nicht so anders als einfach gute Inhalte zu erstellen. Es sind nur viele Dinge, die man halt wirklich nicht macht, wenn man Inhalte barrierefrei erstellt.
Wenn wir uns beispielsweise die Entwicklung rauspicken würden, wenn ich eine Webseite selber programmieren würde, dann würde ich dafür HTML benutzen.
Das ist eine Sprache, mit der ich beschreiben kann, wie meine Webseite denn aufgebaut sein soll. Und indem ich einfach die Sprache richtig verwende und wirklich in der Anwendung korrekt nutze, entstehen dann auf der Seite meines Gegenübers sehr viel weniger Barrieren. Und das sind genau diese Wissenslücken, die oft im Handwerk auftauchen, die am Ende dann dafür sorgen, dass eine Webseite nicht barrierefrei ist.
Und da gibt es dann auch, finde ich, oft eine falsche Wahrnehmung davon, dass Barrierefreiheit gar nicht heißt, viel extra zu machen, sondern wenige Dinge einfach richtig zu tun, die dann beim Gegenüber nicht aufschlagen und als Barriere enden, sozusagen.
Relevanz der digitalen Barrierefreiheit für Solo-Selbstständige
[Alex]Wenn ich auch so mir angucke, wie ich selbst zum Thema Marketing gekommen bin, also man hat ja eigentlich immer nur gelernt, was effektiv ist, was funktioniert, aber selten, wie möglichst viele Menschen Zugang dazu finden.
Also begegnet dir das auch, dass man erstmal auch Menschen dahin bringen muss, sich überhaupt mit diesem Thema zu beschäftigen?
[Nina]Ja, absolut, weil wir in der Praxis einfach sehr wenig Berührungspunkte haben mit Menschen mit Behinderung.
Also wir sind ja wirklich weit davon, eine inklusive Gesellschaft zu sein und deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass wir da in der Umsetzung überhaupt keinen Blick dafür haben, was brauchen andere Menschen denn eigentlich?
Also ich habe zehn Jahre in der Individualentwicklung gearbeitet und habe tatsächlich in dieser ganzen Zeit nie mit jemandem zusammengearbeitet, der eine Behinderung hatte, und dementsprechend habe ich mir natürlich auch nie die Frage gestellt, was braucht eine Person überhaupt, um eine Webseite zu bedienen und gibt es überhaupt andere Möglichkeiten, das zu machen, als ich es tue?
Also schon alleine die Frage, warum sollte man sich das denn stellen? Und ich glaube, das ist so weit weg von vielen Realitäten, dass man davon alleine gar nicht drauf kommt. Deswegen insofern auf jeden Fall, man muss diese Welt aufmachen und einfach mal zeigen, was gibt es denn eigentlich da draußen noch und wie funktioniert das denn überhaupt?
Ist natürlich auch sehr spannend, das einmal zu sehen und zu erfahren, wie unterschiedlich die Strategien sind, Inhalte zu konsumieren.
[Alex]Und abgesehen von diesem Gedanken, dass wir ja alle oder möglichst viele Menschen, hoffe ich, eine inklusive Welt und Gesellschaft anstreben, kommt Ende Juni ja auch ein bestimmtes Gesetz oder tritt in Kraft. Kannst du da mal ein bisschen drüber erzählen?
Ich weiß, du bist keine Rechtsanwältin, aber was sagt das so grob und wer ist davon betroffen überhaupt?
[Nina]Sehr gerne. Genau, das ist das Barrierefreiheitstärkungsgesetz, das Ende Juni in Kraft tritt.
Und es betrifft vor allem die Privatwirtschaft und da den B2C-Bereich, also überall dort, wo an Endkund*innen verkauft wird, müssen in Zukunft Inhalte barrierefrei sein.
Also große Online-Shops sind zum Beispiel davon betroffen, größere Friseurketten, wo man online einen Termin buchen kann, wenn Restaurantketten, die eine Größe erreicht haben, Online-Reservierungstools verwenden, sowas muss dann barrierefrei gemacht werden in Zukunft.
Und Grund dafür ist ganz einfach der, dass die Privatschwirtschaft und tatsächlich jetzt auch in der Vergangenheit der öffentliche Bereich, die fangen nicht von alleine an, Inhalte barrierefrei zu machen. Da hat man die Leute ein bisschen reinzwingen müssen.
Und ich muss auch ganz ehrlich sagen, ich finde es auch ganz gut so, weil Barrierefreiheit ist für mich so das perfekte Beispiel dafür. Ohne das Wirksamwerden des Gesetzgebers hätte sich hier nichts getan. Und dann bemerken auch alleine dadurch, dass jetzt klar wird, okay, das Gesetz kommt, jeder muss in Barrierefreiheit investieren, die Leute würden es nicht machen, wenn sie nicht müssten.
Und durch diesen Zwang machen sich aber auch viele jetzt erstmal in der Welt auf und kommen dann auch in das Thema rein und ändern dann schon auch ihre Einstellung dazu und finden es dann auch wichtig. Also ich kann gut verstehen auch immer, wenn man sagt, Zwang ist vielleicht nicht oft das beste Mittel der Wahl. In diesem Fall ist es aber viel, auch jemanden erstmal wirklich damit konfrontieren und vertraut machen mit dem Thema und viele finden dadurch einen sehr guten Zugang. zu dem Bereich.
[Alex]Und Solo-Selbstständige sind da erstmal außen vor meistens, wenn ich das richtig verstehe.
[Nina]Genau, also es kommt immer drauf an, also letzten Endes muss man sich natürlich dann von dem Anwalt oder von der Anwältin eine Einschätzung geben lassen, wer jetzt unter das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz fällt oder nicht.
Prinzipiell gibt es aber Ausnahmen für Unternehmen. Bezieht sich auf die Regelung für Kleinstunternehmen, also Unternehmen, die weniger als 10 Mitarbeiter und weniger als 2 Millionen Euro Umsatz im Jahr machen, die müssen nicht barrierefrei werden.
Also es hat vor allem den Grund, dass wenn man sich jetzt überlegen würde, wir haben irgendwie einen kleinen Online-Shop, den haben wir letztes Jahr in Auftrag gegeben, wir verdienen damit im Jahr 500 Euro, dann müssen wir keine 20.000 Euro ausgeben, um den Shop neu machen zu lassen. Also der Gesetzgeber will nicht, dass Leute pleite gehen deswegen.
Aber es gibt außerhalb von der Regelung, jetzt hat es keine pauschale Ausnahme, wo man sagen kann, okay, die Leute müssen das nicht machen. Aber das wäre eben etwas, wenn man sagt, okay, man ist recht klein, dann wäre man nicht direkt davon betroffen.
Oder aber auch zum Beispiel, wenn man ein spezielles Feature hat, das so erstmal gar nicht barrierefrei zu machen ist, dann könnte man da auch Ausnahmen für sich in Anspruch nehmen. Zum Beispiel, wenn man sich jetzt da sowas wie Google Maps anschauen würde, so diese Drag-and-Drop-Funktionalität, die Google Maps normalerweise hat, das ist nicht zu bedienen mit jemandem, der halt diese Drag-Funktionalität nicht machen kann. Das wären dann auch Ausnahmen, auf die man sich berufen kann, aber die müssen immer im Einzelfall untersucht werden am Ende.
SEO und Barrierefreiheit
[Alex]Und trotzdem ist es ja für Solo-Selbstständige wichtig oder kann es ja sinnvoll sein, sich mit digitaler Barrierefreiheit zu beschäftigen. Ein Grund ist ja zum Beispiel das Thema SEO. Kannst du da vielleicht den Zusammenhang herstellen, warum das auch für die Auffindbarkeit oder die Rankings gut sein kann?
[Nina]Ja, total. Also eine barrierefreie Webseite ist am Ende eine sehr technisch saubere Webseite. Viele Menschen mit Behinderung verwenden assistive Technologie.
Wenn sie mit Webseiten interagieren. Das kann Software sein, das kann aber auch Hardware sein. Am Ende läuft es aber immer darauf hinaus, dass irgendwer versucht, unsere Webseite oder unsere Posts auf Social Media oder unsere PDF-Dokumente auszulesen.
Und wenn wir sie barrierefrei machen, dann machen wir sie eigentlich technisch besonders gut lesbar. Und eine Suchmaschine ist am Ende nichts anderes als eine Art Technologie, die unseren Content verstehen will. Deswegen sind barrierefreie Webseiten absolute SEO-Rennmaschinen. Da geht es tatsächlich Hand in Hand, würde ich sagen.
[Alex]Und es ist ja nicht nur die Technik, das ist ja auch wahrscheinlich die Sprache. Also wenn ich eine eher einfachere Sprache verwende, ist es ja auch irgendwie für alle gut, wenn ich verstanden werde.
[Nina]Ja, absolut. Das ist ganz spannend, weil da haben wir ja dann auch einen Unterschied zwischen den Anforderungen in der Privatwirtschaft, in dem öffentlichen Bereich.
Der öffentliche Bereich, der muss Inhalte in Leichter Sprache vorhalten. Das ist etwas, für die Privatwirtschaft kommt es nicht. Da ist irgendwo festgehalten, dass Inhalte in Einfacher Sprache dargeboten werden sollen.
Jetzt ist aber sehr schwer zu sagen, was bedeutet Einfache Sprache genau. Das ist sehr schwer messbar, vor allem, wenn man dann sowieso eigentlich in der Experten-Domäne unterwegs ist. Da muss man mal gucken, okay, was kann das jetzt hier genau heißen.
Da haben die Privatwirtschaft und Unternehmen auf jeden Fall weniger zu tun. Und man tut sich am Ende aber immer einen Gefallen damit, wenn man einfacher kommuniziert. Das merken wir auch in unserer Sprache, dass wir mehr Leute erreichen, wenn wir einfach Dinge erklären.
Typische Barrieren auf Webseiten
[Alex]Was sind denn jetzt so deiner Erfahrungen nach typische Barrieren auf Websites von Solo-Selbstständigen? Also ich denke jetzt nicht an so große Unternehmen, sondern, keine Ahnung, an die Grafikdesignerin, die über ihr Angebot informiert und dann vielleicht ein Portfolio hat und ein Kontaktformular und einen Podcast vielleicht. Also was kannst du da sagen? Was ist so typisch?
[Nina]Es ist ganz spannend, weil es sind tatsächlich meistens immer dieselben und da ist ganz egal, ob man sich eine große Webseite anschaut oder eine kleine. Und so die wirklich diese kleinen, einfachen Dinge, die man immer findet, sind, dass Bilder keine Alternativtexte haben.
Also es gibt natürlich viele verschiedene Arten von Bildern. Wenn wir jetzt vorstellen, wir haben eine Webseite und da steht unser Portfolio drauf und wir stellen irgendwelche Arbeiten von uns vor, dann ist es natürlich toll, wenn wir die Bilder so beschreiben, dass die auch von jemandem wahrgenommen werden können, der vielleicht Bilder nicht sieht. Und sowas sind Fehler, die finden wir auch sehr oft auf Webseiten.
Kontrastprobleme. Es gibt Anforderungen, die ganz klar spezifizieren, wie stark soll sich Text von Hintergrund abheben, damit man das gut lesen kann. Sowas ist öfter ein Thema.
Tastaturbedienbarkeit ist oft ein Problem. Das heißt, wenn ich auf eine Webseite gehe, dann möchte ich in der Lage sein, überhaupt nicht die Maus nutzen zu müssen, sondern nur mit meiner Tastatur mich entlang der Webseite zu bewegen.
Dafür verwendet man in der Regel die Tab-Taste. Die Tab-Taste ist die Taste überhalb der dauerhaften Hochstelltaste und damit kann ich quasi von Element zu Element springen. Und eine barrierefreie Webseite würde das im Endeffekt hergeben, dass ich auch immer bestimmen kann, wo befinde ich mich gerade. Sowas funktioniert oft nicht.
Und das Spannende ist aber auch gerade bei Solo-Selbstständigen, die wahrscheinlich dann ihre Webseite eher nicht selber programmieren, sondern dann auf CMS-Systeme zurückgreifen, wie jetzt WordPress oder Joomla oder Typo3 oder vielleicht andere Tools, dass ganz oft die Tools schon so problematisch sind, dass man damit gar keine barrierefreie Webseite bauen kann, weil die Struktur, die ausgespuckt wird von den Tools, einfach nicht sauber ist.
Und damit kann man, wenn es blöd läuft, sich schon generell sehr viel verbauen. Deswegen immer Augen auf bei der Tooling-Wahl. Da kann es dann sehr schwer werden.
CMS und Barrierefreiheit
[Alex]Ja, das wäre tatsächlich auch meine nächste Frage aus rein egoistischen Motiven. Ich bin nämlich bei Squarespace und habe mich jetzt auch vor einiger Zeit informiert, wie die das denn halten mit Barrierefreiheit.
Und die sagen so viel wie: Ja, jeder ist dafür selbst verantwortlich. Also die gewähren da nicht irgendwie Zugang zu irgendwelchen Codes.
Genau, also muss man sich dann im Grunde fragen: Will ich da noch sein, wenn ich digitale Barrierefreiheit umsetzen und angehen will? Muss ich dann unter Umständen tatsächlich das CMS wechseln?
[Nina]Ja, also das kommt immer ein bisschen an. Also prinzipiell, wir verfahren da so. Wenn wir evaluieren wollen, ob ein Tool barrierefreie Ergebnisse erzeugt, das Erste, was ich immer mache, ist, ich gehe auf die Webseite und versuche auf der Webseite eine Aussage dazu zu finden.
Tools oder Unternehmen, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, die schreiben immer auf ihrer Webseite, weil es gerade aktuell ein absoluter USP ist, leider. Aber es ist schon ein Alleinstellungsmerkmal, wenn sich jemand mit dem Thema beschäftigt hat.
Und wenn ich nichts auf der Webseite finde, dann kann ich meistens schon davon ausgehen, dass das Unternehmen noch keine Zeit investiert hat.
Und das ist ein sehr langfristiger Prozess, dann für die auch barrierefrei zu werden. Was ich dann aber als nächstes mache, ist, ich schreibe auf jeden Fall den Support an und frage nach, ob es da schon eine Aussage dazu gibt. Und bis wann man denn damit rechnen kann, dass die Anforderungen umgesetzt werden.
Ganz wichtig, wenn man diese Anfragen macht, ist, dass man immer genau konkretisiert, was man denn wissen möchte. Und da ist dann ganz wichtig, auf die Standards abzuklopfen. In Europa der gängige Standard, der für uns alle maßgeblich ist, ist die EN 301549.
Das ist eine europäische Norm, die gilt für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union und die hält quasi wirklich fest, was muss meine Webseite erfüllen, damit sie als digital barrierefrei gilt. Das ist auch ein Standard, da sollten wir uns alle dran halten, dann machen wir es uns einfach einfacher untereinander zu wissen, von was wir überhaupt reden und natürlich auch dann am anderen Ende kann die Person mit einer Behinderung dann wissen, kann ich die Webseite nutzen, wenn sie konform ist oder vielleicht eben nicht, weil manche Anforderungen vielleicht gar nicht durch die EN gedeckelt sind, das kann natürlich genauso sein.
Und so schreibe ich dann eben immer die Anbieter an, frage, wie schaut es denn aus, seid ihr konform mit den Anforderungen der EN, kann ich mit eurem Tool eine Webseite bauen oder PDFs erstellen, die konform sind mit den Anforderungen und wenn dann zurückkommt: Was ist das genau? Dann weiß man schon. Dann weiß man schon genau.
Und man sollte sich überlegen, ob man nicht wechseln kann. Das Gute ist, es gibt inzwischen schon einige Anbieter, die haben verstanden, dass man da einfach Zeit investieren muss. Es kommt, man kann sich dagegen wehren, aber am Ende ist es unvermeidbar und es ist auch gut und richtig so. Und man wird jemanden finden, aber klar, der Schmerz beim Wechsel, der ist auf jeden Fall da.
Empfehlungen für barrierefreie Tools
[Alex]Hast du denn andersrum Tipps für zum Beispiel WordPress-Themes oder Page-Builder, die barrierefrei sind oder mit denen es zumindest sehr gut möglich ist, eine barrierefreie Website zu erstellen?
[Nina]Also wir bauen sehr viele Webseiten mit WordPress und wir benutzen Bricks.
Bricks ist ein Theme, aber das ist kommerziell und da muss man Zahlen für.
Ich weiß, dass die Basis von WordPress gut barrierefrei ist. Also wenn man sich da ein Theme raussucht, das gut performt, dann läuft man damit eigentlich ganz gut. Ich meine, Avada soll ganz gut sein, aber das müsste ich nochmal crosschecken. Das weiß ich tatsächlich gerade nicht ad hoc.
Dadurch, dass wir schon recht viel probiert haben und immer wieder beim Bricks-Builder gelandet sind, kann ich auf jeden Fall sagen, dass es nicht so einfach ist.
Elementor geht aktuell nicht barrierefrei. Das ist wahrscheinlich vielen ein Begriff. Divi Builder leider auch nicht. Womit ich gute Erfahrungen gemacht habe, ist die Greyd.Suite. Auch aus einem Unternehmen in der Nähe von München. Die orientieren sich auch an dem Blog-Editor von WordPress. Damit kann man auch sehr gute barrierefreie Webseiten bauen, die in der Umsetzung aber auch sehr leicht und oberflächlich sind. Also auch da braucht man nicht unbedingt ein tiefergehendes technisches Wissen, um zu guten Ergebnissen zu kommen.
Und das finde ich eigentlich auch immer dann ganz gut. Also es ist halt immer die Frage, wo man einsteigen will. Bricks jetzt zum Beispiel ist sehr entwicklernah und da sollte man schon HTML-Kenntnisse haben, um die Seite gut umsetzen zu können. Das ist immer die Frage, wo du einsteigen möchtest.
[Alex]Und was können dann Selbstständige machen, die wirklich sehr geringe Programmier-Skills haben?
[Nina]Da würde ich mir mal Greyd.Suite anschauen.
Die haben auch einige Tutorials auf ihrer Seite, wo man sich mal ganz gut orientieren kann. Ich glaube, generell das Problem ist, dass viele Tools jetzt als sehr lange erfolgreich ein doch recht großes Handwerk sehr einfach dargestellt haben.
Und gerade bei Themen wie Barrierefreiheit, wo es eben extrem wichtig ist, technisch korrekt zu sein, da funktioniert das dann irgendwann nicht mehr.
Und da ist, finde ich, die Frage, dass man sich einfach selber ein bisschen einordnen können muss und sich überlegen muss, möchte ich professionell Webseitenentwicklung anbieten? Dann würde ich sagen, sollte man sich einfach die Themen anschauen und das lernen, weil das kann man, das ist nicht kompliziert, es ist einfach nur viel zu wissen, aber diesen Schritt muss man dann tun.
Oder aber man sagt halt, okay, ich kaufe mir ein Tool ein, das es für mich übernimmt, das wäre zum Beispiel die Greyd.Suite, die, meine ich, ist auch kostenpflichtig. Damit kann man aber auch recht gut einfach Sachen machen, weil einfach das Basis-Set an Komponenten relativ barrierefrei ist, damit kommt man dann gut zurande oder aber man sollte das abgeben oder aber man konzentriert sich halt auf die Bereiche, wo man sagt, so kriegen wir halt Kunden, denen das nicht wichtig ist, ist halt die Frage, wo man da sich selber bewegen will.
Ich glaube aber, wenn man wirklich barrierefreie Inhalte entwickeln möchte, dann führt da kein Weg dran vorbei, sich einfach mit den Anforderungen vertraut zu machen. Wie gesagt, die wirken am Anfang extrem abschreckend, weil es einfach auch so wahnsinnig viel ist. Aber es ist wirklich nicht so kompliziert, wie es am Anfang klingt. Das ist einfach nur super viel.
Medien und Barrierefreiheit
[Alex]Was ist denn jetzt, wenn ich auf der Website zum Beispiel Videos oder Podcast-Folgen einbinde? Was kann ich da beachten? Weil das ist ja auch etwas, was vermutlich unabhängig von meinem CMS funktioniert, worauf ich da achten kann.
[Nina]Ja genau, das ist ein sehr guter Punkt. Und ich habe mir das inzwischen so gemerkt, dass ich mir immer weiß, wenn ich ein Medium hochlade, dann brauche ich immer eine alternative Art, wie man diese Dinge wahrnehmen kann.
Bei einem Podcast zum Beispiel, Podcast ist ja in erster Linie ein Audioformat, das kann man mit einem Transkript versehen als Alternative. Transkript wäre quasi ein Text, der einfach genau festhält, was wird gesprochen. Wenn es mehr als zwei Sprecher*innen in dem Podcast sind, dann ist es auch immer gut, wenn man den Namen davor schreibt, damit einfach nachvollzogen werden kann, wer hat das gesagt. Das wäre eine super Alternative für einen Podcast.
Bei einem Video schaut das ein bisschen anders aus. Bei einem Video, das ist immer ein bisschen komplexer, was man da machen würde, wäre zum einen Untertitel und aber auch eine Audiodeskription, wenn man eine braucht.
Untertitel ist quasi die Verschriftlichung von dem, was wir sprechen. Wenn jetzt im Hintergrund irgendwas Spannendes passiert wäre, über das wir nicht geredet hätten, dann zum Beispiel eine Explosion, dann würde man das auch in einem Untertitel verschriftlichen. Und dann gibt es noch die Audiodeskription. Die Audiodeskription ist dafür da, Dinge zu beschreiben, die nicht besprochen werden, die aber wichtig sind für das Verständnis.
Zum Beispiel, wenn wir jetzt in einem Filmsetting wären und wir unterhalten uns im Vordergrund und im Hintergrund raubt jemand eine Bank aus und das wird aber nicht erwähnt, wäre das eine Information, die müsste man der Person mitgeben, die diese Inhalte nicht sehen kann, damit sie den Film noch verstehen kann. Und da entsteht dann tatsächlich in der Redaktion ein bisschen mehr Aufwand, weil so eine Audioskription, die erstellt sich eben nicht nebenbei.
Technisch gibt es auch mehrere Möglichkeiten, wie man das umsetzen kann. Manche Videoplayer haben die Funktionalität, dass man die Audiodeskription genauso wie den Untertitel als separate Datei hochladen kann und dann kann der Player das eben vorlesen, aber dafür braucht man auch den richtigen Player. Und das ist dann auch wieder nicht so einfach, ein CMS-Tool zu finden, das diese Art von Player anbietet, dass du den eben einbinden kannst, der dann diese Funktionalität einfach abrufen kann. Also das ist tatsächlich auch noch nicht die Norm. Da kann ich aber den AblePlayer empfehlen. Da gibt es auch ein Plugin, das man in WordPress installieren kann und der hat all diese Funktionalitäten drauf.
[Alex]Ich habe auch vor einem Jahr, glaube ich, – oder vielleicht sogar länger – angefangen, Transkripte für meine Podcast-Folgen einzubinden auf der Website und war überrascht, wie viele Menschen das gut fanden, die auch gar nicht digitale Barrierefreiheit gebraucht hätten, aber die gesagt haben, ich lese viel lieber, als dass ich höre.
Und ich musste da so ein bisschen an euren Spruch denken. Ich glaube, ich habe ihn irgendwo auf der Website gelesen. Ich weiß gar nicht, 20 Prozent brauchen digitale Barrierefreiheit oder korrigiere mich in den Prozenten. Dann ein großer Prozentsatz, für die ist es leichter, aber für 100 Prozent ist es quasi sehr nützlich, das umzusetzen.
[Nina]Ja, da bin ich voll bei, das ist dieses 10, 20, 30.
[Alex]Okay.
[Nina]Ich meine, ich glaube, die Zahl, die weiß tatsächlich gar nicht, wie das statistisch abgeleitet wird. Ich glaube, diese 10 Prozent, wo man sagt, die brauchen digitale Barrierefreiheit, das wird so ein bisschen grob abgeleitet aus der Schwerbehindertenquote, die wir in Deutschland haben.
Aber es ist genauso, wie du sagst. Also ich bin jetzt auch nicht auf Untertitel zum Beispiel angewiesen, aber jedes Mal, wenn ich Videos gucke, ich mache mir die Untertitel an, weil dann bin ich laut oder irgendwas passiert und ich weiß, da kann ich den Ton nicht gut mitschneiden. Und mir hilft es extrem dabei, einen Film einfach zu schauen.
Also ich finde es einfach angenehm. Und genauso ist es mit dem Transkript auch, wenn du sagst, du hast irgendwas Wichtiges gehört, es ist wesentlich einfacher, sich das Transkript dann durchzuscannen und zu gucken, welche Stelle war besonders interessant für dich, dann musst du es dir nur noch mal anhören.
Also es ist tatsächlich, wenn man für die Extremfälle gestaltet, dann erreicht man damit eigentlich eine wesentlich größere Bandbreite, als man im ersten Moment meint.
Langfristige Vorteile der Barrierefreiheit
[Alex]Das ist ein toller Gedenke, finde ich, Weil eigentlich denkt man sich, das kostet zu viel Zeit und vielleicht auch Geld und Energie. Aber letzten Endes ist es ja eine ganz wichtige langfristige Investition, dass ich eigentlich mehr Menschen erreiche.
Eigentlich sollte das doch ein gutes Argument für viele Selbstständige sein, das auch zu tun.
[Nina]Ja, ich glaube, jetzt aktuell sieht man wahrscheinlich einfach nur die Mehrkosten zum großen Teil, die halt dadurch entstehen und dass es wahrscheinlich für den einen oder die andere auch sehr schwer ist, das dann beim Kunden anzubringen, dass es eben Sinn macht und das dann wieder zu vergeltlichen, weil am Ende muss ich es ja auch finanziell wieder reinvestieren.
Und ich glaube, da die Geduld zu haben, zu warten und zu sehen, wie gut funktioniert es, viel besser kommt es an, das ist natürlich mit sehr viel Unsicherheit verbunden. Und ich glaube, da tun sich die meisten noch schwer.
Deswegen ist es schön, dass es jetzt eben für den großen Bereich dieses Gesetz gibt, wo man dann auch diese ganzen Studien erheben kann. Also auch gerade zum Beispiel im Bereich Onlineshops, wenn man sagt, wir haben die Chance, eine sehr viel größere Zielgruppe anzusprechen.
Wenn wir jetzt halt bei diesen 10 Prozent bleiben, wo wir sagen, die kommen aktuell nicht auf unsere Inhalte drauf, dann sind es ja 10 Prozent ungenütztes Potenzial, das wir eigentlich haben. Und da wird es spannend, dann die ersten Studien zu sehen, die wirklich belegen, dass ein barrierefreier Onlineshop oder eine barrierefreie Webseite eine sehr viel höhere Conversion Rate hat als jetzt eine nicht barrierefreie Variante. Aber da kenne ich aktuell noch keine Studie leider dazu.
Website-Tests und Barrierefreiheit
[Alex]Und wenn ich jetzt das Thema angehen möchte, wie fange ich denn an? Wie teste ich zum Beispiel meine Website? Ist die barrierefrei – vermutlich nicht, aber wie finde ich heraus, was daran nicht barrierefrei ist?
[Nina]Da gibt es mehrere Wege, würde ich sagen, wie man sich dem Thema nähern kann. Was ich einen guten Einstieg finde, ist das Thema automatisiertes Testing. Man kann seine Webseite automatisiert auf Barrieren prüfen lassen. Automatisierte Tests finden jetzt nicht besonders viel, aber immerhin circa 20 bis 30 Prozent aller Probleme, die in Bezug auf Barrierefreiheit auftreten können.
Das heißt, es ist nicht nichts. Man sollte sich aber da auf jeden Fall nicht drauf ausruhen. Und was dieser Test dir rausgeben würde, ist dann quasi einfach eine Liste von Punkten, wo er sagt, da solltest du nochmal gucken und die kann man ganz gut nehmen, um sich am Ende in das Thema einzuarbeiten.
Letzten Endes führt leider kein Weg dran vorbei, sich mit den Anforderungen der Standards zu beschäftigen und da haben wir auf der einen Seite eben diese europäische Norm, diese EN 301549 und dann haben wir aber auch noch die WCAG, das sind die Web Content Accessibility Guidelines. Das ist der internationale Standard, wenn es um digitale Barrierefreiheit geht. Den gibt es schon sehr, sehr lange und da wird quasi auch festgehalten, was denn eine Webseite leisten können muss oder was Inhalte leisten können müssen, damit man sagen darf, sie sind barrierefrei nach WCAG AA zum Beispiel.
Und als wir angefangen haben, uns mit der digitalen Barrierefreiheit zu beschäftigen, das Thema hat uns total gehooked sofort. Aber wir haben für uns gemerkt, dass es einfach wahnsinnig trocken ist. Es ist halt wirklich so ein technisches Standarddokument.
Und was wir deswegen versucht haben, ist ein bisschen grafischer und ein bisschen mehr mit Spaß an das Thema ranzugehen. Und wir haben auf unserer Webseite die WCAG-Kriterien A und AA runtergebrochen, versucht sie ein bisschen kurz zusammenzupacken, um einfach einen Beschreiben darin, einen Überblick zu geben, was muss ich denn machen?
Und so könnte man sich dann auch einarbeiten in die verschiedenen Anforderungen. Was noch geht, und das ist dann ein sehr ausgedehner Weg, wäre, sich verschiedene Prüfprozesse anzuschauen, wie man anwenden kann. Aber das wird dann auch sehr schnell sehr technisch. Und da ist die Frage, möchte man sich auf diesem Pfad bewegen? Man sagt, man ist soweit interessiert, dass man sich diese Anforderungen anschauen möchte.
[Alex]Okay, der erste Punkt ist dann quasi Wissen einsammeln, sich informieren. Und ich kann da auch eure Website wirklich empfehlen, weil es auch sehr, sehr klar und gut verständlich aufbereitet ist. Ich verlinke die auch gerne nochmal in den Show Notes. Hast du vielleicht für diese automatisierte Testverfahren auch noch einen Tool-Tipp, was ich nutzen könnte?
[Nina]Ja, absolut. Mein Lieblingstool, wenn ich automatisierte Tests laufen lasse, ist Axe DevTools. Das ist ein Plugin. Das kann man installieren in seinem Browser und das taucht dann in der Entwicklerkonsole auf. Wem die Entwicklerkonsole nichts sagt, dafür gibt es auf YouTube-Videos, die zeigen einem, wie man das aufmachen kann, wie man das nutzen kann.
Also wenn man das ein, zwei Mal gesehen hat, dann ist das recht einfach. Für Leute, die es gerne weniger technisch mögen, könnte man zum Beispiel Wave nutzen. Wave ist eine Webseite, die kann man einfach aufrufen, da kann ich gerne den Link teilen im Nachgang, und da kopiert man einfach die URL seiner Webseite rein und dann werden auch so Basiskriterien abgeprüft und damit kann man auch seine Webseite auf Barrierefreiheit dann einfach abchecken und schauen, was der so rausschmeißt.
[Alex]Aber brauche ich am Ende doch immer eine Person, die sich damit auskennt, die meine Website dann irgendwie abschließend prüft, wenn du sagst, diese Tools erkennen vielleicht 20, 30 Prozent?
[Nina]Ja, es gibt einfach viele Themen, die können Stand heute noch nicht automatisiert getestet werden.
Möglicherweise ist es ein paar Jahren anders, aber wir wollen natürlich nicht so lange warten, bis KI dann mal in der Lage ist, gute Webseiten zu bauen. Deswegen führt da kein Weg dran vorbei. Das sind zum Beispiel Themen wie Textalternativen für Bilder.
Also was automatisiert geprüft werden kann, ist, wenn ich ein Bild habe, dann kann ja festgestellt werden, dass es ein Bild ist, weil es im Code speziell markiert wird als Bild. Und dann kann auch geprüft werden, hat dieses Bild eine Alternative?
Was aber nicht automatisiert geprüft werden kann, ist, ist der Text, den ich reingeschrieben habe, ausreichend? Ist das Schmarrn? Sollte da nachgebessert werden? Steht da was drin, was da nicht drinstehen darf? Gibt es vielleicht eine Alternative anbei und das Bild braucht gar keine?
Und diese weiterführenden Denkmechanismen, die gerade Menschen machen müssen, die sind aktuell einfach noch nicht durch die automatisierten Tests abgedeckt. Mein Stand ist tatsächlich, dass kein oder kaum ein Kriterium vollautomatisiert abgetestet werden muss, deswegen muss man eigentlich auch nochmal komplett manuell durch die Prüfkriterien durchgehen.
Wenn wir ein Audit machen auf Barrierefreiheit, dann nutzen wir die Tests meistens ergänzend, um zu gucken, haben wir was vergessen. Dafür eignet sich das. Oder aber auch für erste Einschätzungen. Hat sich eine Person schon mit Barrierefreiheit beschäftigt oder nicht?
Wenn ich unter Druck wäre, meine Sachen barrierefrei zu machen, ich würde mit den automatisierten Tests anfangen, weil das das Schnellste ist, was andere finden werden bei mir. Also wenn es auch zu Klagewellen kommt später, diese Tools werden genutzt werden, um die Webseiten vorzuanalysieren, weil es einfach keine Zeit kostet, das laufen zu lassen. Deswegen ist das ein guter Einstiegspunkt auch in die Thematik.
Kleine Schritte zur Barrierefreiheit
[Alex]Gibt es eigentlich so low-hanging digitale Barrierefreiheits-Fruits? Also Kleinigkeiten, die ich vielleicht heute machen könnte, wo ich sage, so ein Minischrittchen gehe ich dann ein Stückchen in Richtung digitale Barrierefreiheit.
Also wirklich so banale Dinge, die ich vielleicht gar nicht auf dem Schirm habe.
[Nina]Für mich war das die Benamung von Links. Passiert ganz oft, dass, wenn wir, wir schreiben irgendwie ein Textdokument oder Texte für eine Webseite und dann schreiben wir, das Kochrezept für Apfelkuchen findest du hier und wir setzen den Link auf „hier“.
Passiert ganz oft. Das ist problematisch für Leute, die nicht visuell navigieren, weil die bekommen dann von ihrer Technologie eine Liste ausgegeben an Links und die bekommen dann quasi in ihrer Liste „hier mehr lesen“, „mehr dazu“ und die haben den visuellen Kontext nicht, den wir haben, wenn wir sehend auf die Seite gehen.
Deswegen sind sprechende Link-Namen eines der besten Dinge, die man machen kann. Also statt einen schlechten Namen zu nehmen, wie „hier“ oder „mehr lesen“ oder die Teilseite immer auf den Text setzen, der wirklich sagt, um was es geht. Das finde ich, ist eine sehr gute Möglichkeit.
Überschriften zu verwenden und seinen Text gut zu strukturieren. Das sind wirklich so die Basics, wie man sie halt kennt, aber das unterscheidet einen barrierefreien Text oder eine barrierefreie Webseite von einer nicht barrierefreien Webseite.
Das ist wirklich die Dokumentenstruktur und aber auch dann sowas wie Farbkontraste. Das ist etwas, da schaut jemand drauf, der ein bisschen Ahnung hat und dem fällt sofort auf: nicht barrierefrei oder barrierefrei. Und da kann man eigentlich recht schnell ganz viel Gutes erzeugen. Oder aber auch Alttexte. Das ist immer ein Thema.
Fördermöglichkeiten für Selbstständige
[Alex]Du hast ja schon vorhin angesprochen, dass es ja auch eine Budgetfrage ist, gerade für Soloselbstständige, da jetzt vielleicht ganz professionell ranzugehen.
Weißt du eigentlich, ob es Fördermöglichkeiten gibt, also auf Landes- oder Bundesebene für kleine Unternehmen, für Selbstständige, die vielleicht sich weiterbilden wollen oder die Website gestalten lassen wollen? Gibt es sowas?
[Nina]Also ich kenne zwei. Ich weiß, dass Aktion Mensch fördert die Barrierefrei-Werdung von Webseiten von Vereinen. Da kann man so einen Mikrokredit beantragen. Das muss dann von dem Verein oder von der Organisation gestellt werden. Da werden bis zu 5.000 Euro gefördert.
Also wenn man da einen Kunden oder eine Kundin hat, die man damit unterstützen kann, dann ist das eine ganz gute Möglichkeit. Und aber auch für Solo-Selbstständige gibt es die sogenannte Kompass-Förderung.
Mit der kann man sich auch seine Fortbildungen bezuschussen lassen, genau. Und für die haben wir zum Beispiel auch so ein Ausbildungspaket. Da machen wir Schulungen zum Thema Design, Entwicklung, Content, Umsetzung von barrierefreien Webseiten mit WordPress und das Testen.
Also wirklich so ein Komplettpaket, wo man alle Stationen abklappert, die man in Bezug auf Barrierefreiheit braucht. So was könnte man sich durchaus fördern lassen. Wer Interesse hat, der kann sich dann gerne auch mal melden, da haben wir bei uns was vorliegen. Und ansonsten wüsste ich tatsächlich nicht, was es noch so gibt dazu.
Erster Schritt in Richtung digitale Barrierefreiheit
[Alex]Aber da sind ja schon mal zwei Stellen, wo ich anfangen kann.
Gut, was wäre denn abschließend so, vielleicht auch nochmal zusammenfassend, dein Tipp für Selbstständige für den allerersten Schritt in Richtung digitaler Barrierefreiheit? Was können sie, womit fangen die an?
[Nina]Kann ich das zum Blogartikel weiterleiten?
[Alex]Sehr gerne. Aber sag vielleicht kurz das Thema des Blogartikels.
[Nina]Also wo fängt man an? Das finde ich ganz spannend, weil die Frage hören wir öfter und die Leute wollen sie immer nicht hören.
Das Beste, was man machen kann, ist sich anzuschauen, wie benutzen Menschen mit Behinderung Webseiten. Weil sobald man einmal verstanden hat, wie benutzen Menschen das überhaupt, diese ganze Anforderungskataloge machen auf einmal so viel Sinn, weil man versteht, warum man manche Dinge nicht tun soll.
Schaut euch ein Video an, wie eine blinde Person einen Screenreader benutzt. Schaut euch an, wie das funktioniert.
Dann versteht man auch, warum man Links sinnvoll benamen muss oder warum man keine sensorischen Merkmale verwenden soll alleine. Also genau das ist ja wie mit der Linkbezeichnung. Wenn ich sage, ich drücke den gelben Button oben links, dann muss die Person in der Lage sein, gelb zu erkennen und sie muss halt wissen, wo oben links ist. Eine Person, die nicht visuell navigiert, die kann diesen Punkt nicht finden. Und das erklärt sich von alleine, wenn wir einmal verstanden haben, was brauchen denn die Leute.
Deswegen ist tatsächlich die Bewusstseinsschaffung der erste Schritt, den man wirklich braucht, wenn man nachhaltig gute Webseiten oder gute Inhalte machen will, die wirklich barrierefrei lesbar sind.
Und wenn wir das gemacht haben, dann kann man die Anforderungen durchgehen.
Wer es gerne im Comic-Stil mag und lustig mag, den lade ich sehr gerne zu uns auf die Webseite drauf ein. Dann geht es an die WCAG-Kriterien, die kann man sich selber anlernen. Wir haben sehr viel zu Barrierefreiheit auf unserem Blog.
Wir haben natürlich auch Workshops zu den Kursen, also wenn man es lieber gebündelt haben möchte, dann kann man sich da auch schulen lassen. Da sind wir auch nicht der einzige Anbieter. Da gibt es recht viele auf dem Markt, da findet man dann jemanden, den man sich aussuchen kann oder aber man kann natürlich auch auf die Inhalte der W3C gehen. Die schreiben sehr viel, auch im englischsprachigen Bereich zum Thema digitale Barrierefreiheit ist auch eine sehr gute Quelle. Kann man sich also auch alles selber anlernen, aber der Weg in die Fachlichkeit, der muss dann auf jeden Fall nachkommen.
[Alex]Dankeschön. Das war ein sehr aufschlussreiches Gespräch. Und ich hoffe, wir haben einige Menschen für das Thema digitale Barrierefreiheit begeistern können. Vielen Dank, Nina, dass du da warst.
[Nina]Danke dir.
Shownotes
Blogartikel: Mit digitaler Barrierefreiheit anfangen
WAVE Web Accessibility Evaluation
Mein Buch „Don’t be evil“ ist da (yay!) und ich lese aus dem ersten Kapitel vor
Heute, genau heute, ist mein zweites Buch im Rheinwerk Verlag erschienen. Es heißt „Don’t be evil – wie gutes Marketing gelingt“ und ich dachte mir, dass ich dir heute mal einen Auszug aus dem allerersten Kapitel vorlese, damit du einen ersten Eindruck bekommst.
Heute, genau heute, ist mein zweites Buch im Rheinwerk Verlag erschienen. Du kannst es direkt beim Verlag bestellen oder in der Buchhandlung deines Vertrauens. Und in den nächsten Tagen wird es das Buch auch in Onlineshops wie Amazon zu kaufen geben und natürlich auch an allen anderen Orten, wo es gute Bücher gibt.
Das Buch heißt übrigens „Don’t be evil – wie gutes Marketing gelingt“ und ich dachte mir, dass ich dir heute mal einen Auszug aus dem allerersten Kapitel vorlese, damit du einen ersten Eindruck bekommst.
Folge anhören
Transkript lesen
Da es ein Auszug aus dem Buch ist, gibt es diesmal kein Transkript.
Der Verlag stellt aber auf seiner Website eine Leseprobe zur Verfügung.
Shownotes
Was machen soziale Medien mit unserem Nervensystem, Theresa Ackermann?
In dieser Podcastfolge habe ich Theresa Ackermann zu Gast. Theresa begleitet Führungskräfte und Selbstständige auf ihrem Weg der bewussten Lebensführung und kennt sich demzufolge bestens mit sowohl chronischem Stress als auch innerer Ruhe aus. Im Interview sprechen wir darüber, wie soziale Medien auf das Nervensystem wirken und was Selbstständige tun können, um wieder zur Ruhe zu kommen.
In dieser Podcastfolge habe ich Theresa Ackermann zu Gast.
Theresa begleitet Führungskräfte und Selbstständige auf ihrem Weg der bewussten Lebensführung und kennt sich demzufolge bestens mit sowohl chronischem Stress als auch innerer Ruhe aus.
Im Interview sprechen wir darüber, wie soziale Medien auf das Nervensystem wirken und was Selbstständige tun können, um wieder zur Ruhe zu kommen.
Folge anhören
Transkript lesen
[Alex]Ja, hallo Theresa, starten wir ganz am Anfang. Was genau ist denn das Nervensystem und warum spielt es so eine große Rolle für unser Wohlbefinden?
Nervensystem und Wohlbefinden
[Theresa]Ja, wenn wir mal auf den Körper schauen, dann haben wir ja ganz viele Organe im Körper.
Wir haben einen Magen, der irgendwie unser Essen verdaut. Wir haben irgendwie eine Blase, die irgendwie Urin auch rausgibt und so weiter.
Und so hat am Ende jedes Organ, was wir im Körper haben, irgendeine Funktion. Und wenn wir jetzt mal auf das Nervensystem schauen, dann ist das sehr verbunden mit unserem Gehirn.
Und das Gehirn in Verbindung mit unserem Nervensystem hat die Funktion, unser Überleben zu sichern.
Also das ist die Hauptfunktion unseres Gehirns.
Also das heißt, die Funktion ist nicht sicherzustellen, dass wir irgendwie glücklich sind, dass wir ein zufriedenes Leben haben, dass wir ein erfülltes Leben haben, sondern wirklich erstmal, dass wir überleben.
Und jetzt ist ja die Frage, was genau ist jetzt das Nervensystem im Vergleich zum Gehirn?
Also die spielen extrem stark zusammen. Im Gehirn sind halt sehr, sehr viele kognitive Prozesse, die bewusst oder unbewusst sind.
Und gerade das Nervensystem ist viel dieser unbewusste Teil, der wirklich dann in den Körper hineingeht und über den wir oft auch irgendwie merken, also den, den wir oft irgendwie mitkriegen. Ah, jetzt werde ich nervös oder jetzt entsteht eine Spannung in mir oder ich kriege eine Angst. Und auf körperlicher Ebene kriegen wir das oft mit.
Und gleichzeitig sind wir es aber halt als Menschen oft sehr gewöhnt, das alles wegzudrücken und gar nicht so richtig hochkommen zu lassen.
Und gleichzeitig ist meine Erfahrung, wenn man das Nervensystem dann mal wieder etwas besser versteht, dass das eigentlich total viel Sinn macht und dass man total viel über sich selber lernen kann, wenn man sein eigenes Nervensystem versteht.
[Alex]Und was passiert denn jetzt zum Beispiel mit dem Nervensystem, wenn wir gestresst sind?
[Theresa]Also es gibt ganz verschiedene Zustände, was passieren kann, wenn wir gestresst sind. Also was das Nervensystem als allererstes macht, ist, dass es versucht, und ich bin jetzt mal ganz basisch unterwegs, das können wir sogar auch bei Tieren beobachten, als allererstes versucht es erstmal zu flüchten. Also zu gucken, kann ich irgendwie aus dieser Situation verschwinden?
Das sehen wir jetzt, wenn wir mal auf unser Leben schauen, vielleicht, wenn wir prokrastinieren, dass wir halt, anstatt dass wir die Aufgabe machen, die wirklich, wirklich wichtig wäre, dass wir irgendwie sagen, ach, ich schraube nochmal an meinem Design ein bisschen rum oder ich gehe putzen in der Küche lieber, anstatt dass ich arbeite. Das ist wie so eine Flucht. Also Flucht kann eine Sache sein.
Dann kann, wenn wir gestresst sind, auch ein Kampf sein, dass wir so das Gefühl haben, ich kämpfe jetzt. Das sind oft die Menschen, und ich finde, da darf man auch sehr genau aufpassen, wenn man selber jetzt selbstständig ist, dass man in welchem Nervensystemzustand die Menschen sind, mit denen man zusammenarbeitet.
Ich achte zum Beispiel sehr stark darauf, dass ich nicht mit Menschen zusammenarbeite, die in so einem Ding sind von, wenn ich das schaffe, dann schaffst du das auch und so weiter.
Also das ist für mich so ein typischer Kampfzustand von, hey, ich zieh's durch und lass uns eine Challenge draus machen und so weiter. Also das ist so ein Kampfzustand und da ist halt auch oft keine Sicherheit drunter.
Und was ich oft bei diesen Art von Menschen erlebe, die können mega erfolgreich sein von außen gesehen, also was wir so als Gesellschaft als Erfolg definieren, aber wenn wir sie dann wirklich fragen und wenn sie wirklich ganz ehrlich zu sich sind, sind sie aber trotzdem nicht richtig glücklich mit ihrem Leben und kommen immerhin dieses höher, schneller, weiter.
Und dann kann es halt irgendwann passieren, also von der Flucht in den Kampf, dann kann es irgendwann passieren, dass unser Nervensystem im Stress in so einen Freeze-Modus geht. In Freeze, das nennt man auch Erstarren, und da passiert es einfach, dass bei der Flucht und Kampf, was ich gerade hatte, ist ja eine starke Aktivierung im Körper. Also da ist ganz viel Sympathikus-Energie, wer das vielleicht schon mal gehört hat. Also eine Aktivierung im Körper. Und wenn wir jetzt in den Freeze kommen, da entsteht schon sowas von, eigentlich wird mir alles zu viel. Und da ist oft beides da.
Da ist sowohl eine Aktivierung im Körper noch von diesem Kampf, der auch immer noch in uns drin ist, aber gleichzeitig wird mir schon zu viel. Das zeigt sich oft daran, dass Menschen, die in dem Stresszustand sind, und den kenne ich persönlich sehr, sehr gut, also ich bin da immer gerne sehr transparent, von so Gedanken von, oh, ich muss heute das noch machen und ich muss noch das machen und diese To-do-Liste, die nie endet, wo man immer das Gefühl hat, oh, die wird immer nur noch länger.
Und oft sind das auch Menschen, die in diesem Freeze-Zustand hängen, die auch gerne zusätzlich noch dieses People-Pleasing in sich haben.
Das ist auch ganz typisch in dem Zustand, dass wir dann das Gefühl haben, wir müssen es allen anderen Menschen recht machen, wir müssen gucken, wenn der Kunde das noch von mir will, dann schicke ich dem jetzt auch das noch und so.
Also auch schwer, in dem Zustand fällt es uns dann schwerer, auch Grenzen zu setzen und so. Dann gibt es noch einen vierten Zustand, in dem wir im Stress geraten können. Und dann ist das dann irgendwann wirklich der Shutdown, wo das System komplett sagt, ich kann jetzt hier gerade gar nicht mehr. Und das ist im Extremfall wirklich der Burnout.
Und es gibt alle vier Zustände. Und was ich halt so spannend finde, meistens erkennt man sich halt in einem der Zustände wieder. Man kennt vielleicht alle. Und was mir da aber immer wichtig ist, ist, unser Nervensystem ist da, also es ist unsere Biologie und es geht nicht darum, dass wir da irgendwas falsch machen, sondern eher, dass wir es erkennen und dass wir halt mehr und mehr erkennen, okay, da bin ich drin und es gibt eine Möglichkeit, da wieder raus.
[Alex]Warum ist denn dieses Wissen jetzt vor allem für Selbstständige so spannend? Weil das ist ja schon jetzt recht biologisch. Und was hat das jetzt mit der Selbstständigkeit zu tun?
[Theresa]Also was ich jetzt bei mir beobachte, ich bin ja noch selber gar nicht so lange selbstständig. Ich bin seit September 2023 selbstständig, also jetzt über anderthalb Jahre. Und ich war halt immer so ein Mensch, da bin ich auch immer noch. Ich würde sagen, es ist noch nicht aus meiner Biologie komplett raus. Ich habe halt sehr stark funktioniert, einfach funktioniert.
Das heißt, ich habe eine Zeit lang nach dem Studium geguckt, dass ich halt immer irgendwie gute Noten habe, dass ich irgendwie gut durchs Leben komme. Dann habe ich nach dem Studium in der Unternehmensberatung gearbeitet. Dann habe ich nach der Unternehmensberatung lange für BMW gearbeitet und jetzt bin ich selbstständig. Und das Problem ist, dass wenn unser Nervensystem lange Jahre gewöhnt ist, in einem Zustand zu sein und ich war das in diesem Funktioniermodus, ich muss hier leisten und so weiter.
Ich tue mich schwer, Grenzen zu setzen. Dann ist es oft so, dass wir dann irgendwann so eine Erschöpfung auch in uns haben, wie bis hin zu Burnout.
Und gerade wenn wir uns selbstständig machen, ist es ja so, dass diese Sicherheit, die uns ein Job gibt wie eine Anstellung, wo wir ja eine größere Sicherheit haben. Wir wissen, dass jeden Monat wie viel Geld da auf unser Konto kommt. Also natürlich auch nicht 100 Prozent, aber es ist auf jeden Fall oftmals mehr Sicherheit da drin, als wenn wir selbstständig sind, wo wir vielleicht noch nicht so genau wissen. Das heißt, in einer Selbstständigkeit sind meiner Wahrnehmung nach wesentlich mehr Unsicherheiten als in einer Festanstellung.
Und immer wenn diese Unsicherheiten reinkicken und gerade sowas wie, ich weiß eigentlich nicht, wie viel Geld nächsten Monat auf meinem Konto ist, kann uns an Existenzängste bringen. Und gerade diese Existenzängste, in die wir dann reinkommen, da reagiert einfach extrem wieder das Nervensystem.
Und da finde ich es für Selbstständige mega, mega hilfreich, erstmal zu verstehen, in welchen Modus kippt denn mein Nervensystem unter Druck und Stress? Und wie kann ich vielleicht da auch mehr und mehr wieder rauskommen beziehungsweise vielleicht auch Themen in mir heilen, ich sage jetzt mal heilen oder integrieren, das mag ich eigentlich fast noch lieber das Wort, integrieren, sodass ich in Summe mehr innere Ruhe in mir spüre und mehr ein größeres Vertrauen in mein Leben.
Und ich glaube, gerade wir Selbstständigen kennen das, dass das eigentlich mega, mega wichtig ist, dass wir nicht dann nur aus unseren Überlebensstrategien unsere Selbstständigkeit aufbauen, weil dann kann es halt wirklich passieren, dass wir uns, also ich sage immer gerne, wenn ich das Nervensystemwissen nicht gehabt hätte, als ich mich selbstständig gemacht habe, dann hätte ich mir das nächste Hamsterrad selber aufgebaut.
[Alex]Ich gehe ja die Sachen ganz gern so systematisch an und da habe ich mich gerade gefragt, kann ich dann im Prinzip so jeden Aspekt der Selbstständigkeit auch daraufhin überprüfen? Also was macht das mit meinem Nervensystem?
Wenn ich zum Beispiel mir die Menschen angucke, mit denen ich zusammenarbeite, du hast es schon gerade erwähnt, was passiert dann eigentlich, wenn ich mit diesen Menschen interagiere, mit mir? Man könnte sich zum Beispiel auch das Marketing angucken und überlegen, wenn ich jetzt auf Instagram bin, was passiert denn eigentlich mit mir, mit meinem Nervensystem? Also würdest du auch sagen, dass man so die Selbstständigkeit daraufhin abklopfen könnte?
[Theresa]Absolut. Das ist genau das, was ich in meiner Selbstständigkeit genau mache. Also ich habe ja, du weißt es, ich habe ja Instagram komplett verlassen, weil ich einfach gemerkt habe, es sind mehrere Punkte. Einerseits habe ich gemerkt, dass es mir selber nicht wirklich gut tut, dass es mich stresst, dass es viel Kriechstrom zieht. Also diesen Kriechstrom, also ich nenne das Kriechstrom, das sind so diese Sachen, ich bin morgens wach geworden und habe irgendwie gedacht, oh scheiße, heute wolltest du noch eine Story online stellen und du musst heute irgendwie unbedingt daran denken, wenn du dich mit dem und dem triffst, dass du dann auch ein Foto für die Storys machst, weil ich habe das oft vergessen.
Und dann war ich zu Hause und dachte, ah, du hast wieder das Foto vergessen. Und dann habe ich halt immer so gemerkt, dass das immer so viel Gedanken in mir schon produziert hat, was ich da jetzt wieder in Instagram noch alles machen müsste.
Und ja, das hat mich irgendwie gestresst und mich hat auch dieses Vergleichen gestresst. Und was ich auch gemerkt habe, ist, dass ich war halt auch nicht immer, also war auch so ein bisschen formabhängig von mir, hat auch wieder was mit dem Nervensystemzustand zu tun.
Es gibt halt Nervensystemzustände, da war ich vielleicht auch selber anfälliger, drin hängen zu bleiben, zu scrollen, mich zu vergleichen. Ich sage mal, wenn es mir nicht so gut ging, dann war ich vielleicht auch länger auf Instagram und habe mich noch tiefer reingeholt ins Rabbit Hole von mir geht es nicht so gut. Und da habe ich halt irgendwann beschlossen, dass ich Instagram verlasse.
Und so mache ich das letzten Endes mit allen Themen, dass ich das wirklich abklopfe. Auch zum Thema Kunden, was du gerade gesagt hast. Also beim Thema Kunden: Wie reagiert mein Nervensystem auf bestimmte Kunden? Wo macht mein Nervensystem wirklich auf? Wo merke ich halt, wow, ich habe wirklich richtig Lust, mit denen zusammenzuarbeiten? Und wo merke ich aber auch, dass ich denke so, oh nee, da habe ich nicht so Lust drauf.
Also ich merke zum Beispiel immer, dass ich mega gerne mit Menschen auch zusammenarbeite, die in der Eigenverantwortung sind.
Deshalb liebe ich es halt auch, mit Selbstständigen zusammenzuarbeiten, weil die tendenziell wirklich auch in der Eigenverantwortung sind und nicht so in diesem, oh, hoffentlich kommt jemand, der mein Leben rettet, so von außen.
Und sowas klopfe ich da halt auch sehr genau ab und prüfe aber auch immer, was hat das Muster trotzdem auch mit mir zu tun? Weil ich natürlich schon auch immer jemand bin, ich bin tendenziell jemand, der selber gerne schnell wieder aufsteht und in die Eigenverantwortung geht und sagt, ach ja, komm, ich brauche auch niemand anders im Zweifel, also in so einen unabhängigen Anteil geht. Das heißt, ich schaue mir schon auch immer meine Schattenthemen selber dann an.
[Alex]Ich habe gerade nur gedacht, ich habe das, glaube ich, so ähnlich auch gemacht bei den Produkten, die ich anbiete. Also ich habe mir bei den Onlinekursen, die ich anbiete, zum Beispiel auch ganz klar überlegt, dass Schreiben mir voll gut tut und mich nicht stresst und deswegen basieren meine Kurse nur auf Text. Und du hast es ja ähnlich gemacht mit einem Kongress, den du jetzt gerade machst. Du hast die Beiträge nur als Audio zum Beispiel jetzt angeboten, richtig? Kannst du da mal ein bisschen drüber erzählen, was so deine Hintergedanken waren?
Druck durch Social Media
[Theresa]Ja, gerne. Also ich habe einen Kongress entwickelt, weil ich einfach merke, seitdem ich auf Social Media nicht mehr bin, dass wahnsinnig viele Selbstständige sagen, ach cool, Theresa, ich wusste gar nicht, dass das möglich ist.
Und die Alex ist auch Gast in dem Kongress. Und ich habe halt überlegt, als ich damals überlegt habe, ob ich das mache oder nicht, da habe ich immer gemerkt, dass mich eine Sache besonders stresst und das wäre, wenn ich wirklich so eine Live-Phase hätte.
Also so eine Live-Phase, wo ich sagen würde, heute siehst du irgendwie drei Videos und die kannst du nur heute sehen. Und ich habe gemerkt, dass ich überhaupt keine Lust gehabt hätte, da auch die ganzen E-Mails dazu zu schreiben, weil du musst ja dann jeden Tag wieder die ganzen E-Mails schreiben. Und nur heute siehst du das Video mit der Alex. Und wenn du es nicht heute schaust, dann musst du das Kongresspaket kaufen.
Und da habe ich halt gemerkt, ich will die Live-Phase eigentlich gar nicht, weil das macht was mit meinem Nervensystem, aber es macht ja auch was mit deinem Nervensystem, wenn ich sage, und nur heute, und Alex, heute musst du es noch schauen.
Das löst ja auch Druck aus. Deshalb habe ich zum Beispiel halt diese Live-Phase weggelassen. Und dann habe ich halt auch gesagt, was du gerade schon erwähnt hast.
Ich habe die Videos oder die Interviews nur als Audio produziert, weil ich empfinde, dass wir sind ja sowieso total überreizt. Und diese ganze Reizüberflutung macht ja auch was mit unserem Nervensystem.
Und ich spüre das auch total in mir, dass diese ganze Reizüberflutung viel macht. Und da gibt es tatsächlich ein Buch, ich weiß nicht genau, wie viele Studien da wirklich im Hintergrund sind, aber in dem Buch sagt ein Mann, dass ein Bauer im 18. Jahrhundert in seinem Leben so viel Reize zu verarbeiten hatte, also Informationen und Reize, wie wir heute an einem Tag verarbeiten.
Ich weiß nicht genau, ob das wirklich in den Studien belegt ist, aber ich kann es mir schon vorstellen. Also ein Bauer im 18. Jahrhundert, der war es vielleicht sogar Analphabet und konnte gar nicht lesen. Also was hatte der für Reize? Im Prinzip nur die Natur und seine Tiere und seine Felder und so.
Ich glaube zwar, dass der auch Reize gesehen hat, die wir heute gar nicht mehr wahrnehmen vom Wetter und so weiter.
Aber das finde ich mega, mega spannend. Aber deshalb habe ich halt überlegt, okay, ich hätte auch gerne ein Produkt, wo die Reize nicht so überfrachtend sind. Und deshalb habe ich die Interviews halt nur als Audio produziert. Weil dann kann man sie letzten Endes ja auch im Auto hören, beim Putzen hören und so weiter. Und deshalb habe ich die wirklich einfach nur als Audio produziert.
[Alex]Finde ich voll spannend und voll cool. Und wir können ja jetzt eigentlich weitergehen und wir haben es schon ein bisschen angedeutet, ein Element in der Selbstständigkeit ist das Marketing, ist zum Beispiel Social Media.
Und was passiert denn jetzt mit uns oder sagen wir mal aus Sicht des Nervensystems, wenn wir ständig auf Social Media präsent sind, wenn wir ständig da rumscrollen und liken und irgendwas checken, was macht diese Erreichbarkeit mit uns?
[Theresa]Also was da auch ganz wichtig ist, ist das Dopamin. Also im Gehirn wird ja Dopamin ausgeschüttet und das ist quasi so ein bisschen das Glücksspieler-Hormon, sagt man auch.
Und das wartet im Prinzip permanent immer noch wieder auf den nächsten Kick. Und die Herausforderung, deshalb hält es uns dann auch oft so schwer, wenn wir in Social Media sind, da rauszugehen, ist, dass das Nervensystem wirklich ein bisschen wie beim Glücksspieler, der halt an irgendeinem Glücksspielautomat steht und immer sagt, ein Spiel noch, im nächsten Spiel gewinne ich bestimmt, im nächsten Spiel gewinne ich bestimmt.
Und genau so ist es letzten Endes auch auf Instagram, Social Media, dass wir, ah komm, ein Post noch, ein Post noch und da kommt der Kick, da kommt der nächste Kick und so weiter. Und das passiert sehr, sehr, also das passiert im Gehirn mit dem Dopamin und wir werden da wirklich wie so ein bisschen Dopamin-abhängig, dass wir ständig diesen neuen Kick brauchen. Und deshalb fällt es uns halt auch so schwer, dann wirklich aus Social Media rauszugehen und auch den Absprung zu finden.
Also das mal einfach, warum macht uns das so süchtig?
Und das ist ja tatsächlich auch ein Grund, warum ich dann gesagt habe, ich verlasse Instagram, weil ich gesagt habe, ich bin Nervensystem-Coach. Ich will den Menschen zeigen, wie sie wieder mehr in die innere Ruhe kommen, wie sie mehr wieder bei sich ankommen. Und genau diese Tools verhindern das. Und ich will einfach nicht auf diesen Plattformen präsent sein.
Aber es passiert ja noch mehr, wenn wir auf Social Media sind. Also auf Social Media ist einerseits es mit dem Dopamin. Aber wir Menschen sind Säugetiere und das ist auch ein mega wichtiger Teil von der Nervensystemarbeit, sich das bewusst zu machen.
Und wir leben einfach in Gemeinschaften. Und wenn wir jetzt mal auf Säugetiere schauen, egal auf welches Säugetier. Wenn wir auf Hunde schauen, die leben in Rudeln. Wenn wir auf Zebras schauen, die leben in Herden oder Pferde oder so.
Aber selbst Delfine und Wale, da nennt man das Schulen. Und witzigerweise war ich im Winter in Indien, da habe ich sogar Flughunde beobachtet. Und da habe ich gedacht, sind das eigentlich auch Säugetiere? Da werde ich dann immer neugierig mit meinem Nervensystemwissen. Und dann, die hängen halt alle in einem Baum. Und dann dachte ich so, sind das Säugetiere? Und habe festgestellt, ja, es sind auch Säugetiere. Flughunde sind auch Säugetiere und die hängen auch alle in einem Baum, weil die halt auch einer Gemeinschaft leben.
Das heißt, wir sind das total gewöhnt, einfach als Säugetiere, dass für uns die Gemeinschaft extrem wichtig ist zum Überleben. Also da sind wir wieder bei dem, was ich am Anfang gesagt habe, das Gehirn sichert unser Überleben und die Gemeinschaft ist ein Teil, der wichtig ist, dass unser Überleben gesichert wird.
So und jetzt denkt man ja erstmal, okay toll, wir kommen auf Social Media, da sind ganz viele andere Menschen, ist ja super, die sichern alle unser Überleben vielleicht, aber unser Gehirn ist permanent auch extrem sensibilisiert darauf.
Wo gibt es Gefahr, dass ich aus der Gemeinschaft ausgestoßen werde? Weil früher, vielleicht in der Steinzeit, wenn wir da aus der Gemeinschaft ausgestoßen worden sind und auch heute ist es noch so bei Affen oder so in der freien Wildnis, dann war das eigentlich unser Todesurteil.
Wir brauchten die Gemeinschaft, um zu überleben. Und das ist halt immer noch so tief in uns, in unserem Nervensystem gespeichert, dass wir total sensibel darauf sind.
Das heißt, wenn wir jetzt auf Social Media sind und vielleicht irgendeine andere Selbstständige sehen, die viel mehr Follower hat oder die gerade irgendwie einen Reel hat, was total durch die Decke geht, dann kann es halt super schnell passieren, dass unser Nervensystem anfängt und so denkt so, oh Gott, oh Gott, ich bin nicht gut genug und alle anderen finden die andere besser und ich werde hier irgendwie, also wir haben vielleicht nicht dieses, wir werden aktiv ausgestoßen, aber wir werden halt irgendwie nicht so gesehen wie die andere. Und dann reagiert halt auch unser Nervensystem extrem.
Also das sind so die wesentlichen Sachen, die ich sehe, dass es einerseits uns süchtig macht und auf der anderen Seite halt diesen Ausstoß aus dieser Gemeinschaft, auf den wir sehr sensibel reagieren.
[Alex]Was ich auch sehr interessant finde, ist, man nimmt ja irgendwie so gemeinhin an, dass ältere Menschen vor allem auch sehr einsam sind, aber immer mehr Studien kommen gerade zu dem Schluss, dass die junge Gen Z eigentlich, also dass die Einsamkeitsgefühle da total durch die Decke gehen und voll steigen.
Also gerade die Generation, die halt sehr, sehr viel und intensiv Social Media nutzt, fühlt sich immer einsamer. Also ich finde, es muss einem auch so ein bisschen zu denken geben, woran das liegen könnte.
Es ist ja irgendwie verrückt, weil man ist da die ganze Zeit oberflächlich gesehen mit Menschen zusammen, aber so richtig gut scheint es dann einem nicht zu tun. Also man scheint nicht so richtig zu denken, dass man wirklich Teil einer Gemeinschaft ist, sondern wie du sagst, sich eher darum bemüht und einfach permanent Angst hat, da irgendwo ausgestoßen zu werden.
[Theresa]Ja, absolut. Und ich meine, die erleben das ja gerade in dieser jüngeren Gesellschaft teilweise noch extremer, finde ich. Also ich kriege das manchmal auch ein bisschen mit über andere Kinder, die in meinem Umfeld sind, dass halt manchmal auch Kinder ausgestoßen werden, also wenn sie zwölf sind oder so, aus irgendeinem Klassenchat.
Und da gibt es eigentlich einen Klassenchat und dann passiert irgendwas und dann wird er rausgeschmissen aus dem Klassenchat.
Und wenn die dann halt größer werden, die haben dieses Erlebnis einmal gehabt und dann ist die Angst und die Sensibilität, wenn sie dann zehn Jahre älter sind, immer noch da. Weil was halt unser Gehirn macht, das speichert ja auch alle Erfahrungen, die wir irgendwo mal gemacht haben, irgendwie ab.
Und alle Erfahrungen, die besonders bedrohlich für uns waren, speichert es besonders stark ab.
Also ich mache mal ein Beispiel, was ein Thema ist, was besonders bedrohlich bei mir mal war, was jetzt in eine ganz andere Richtung geht. Aber ich finde, es ist ein plakatives Beispiel. Mein Mann und ich, wir waren mal irgendwann joggen und wir sind von einem Reh angegriffen worden.
[Alex]Angegriffen? Oh Gott.
[Theresa]Angegriffen worden. Und es war so, natürlich, erst mal da, da kam dieses Reh und dann denkt man sich so, ach wie schön, ein Bambi und so.
Und plötzlich fing der an und griff uns an und wir wussten gar nicht warum, weil man denkt ja eigentlich, Rehe müssten flüchten. Und jetzt, wenn ich im Wald bin und ein Reh sehe, dann ist mein Nervensystem sofort so, oh, schauen wir mal.
Also ich reagiere überhaupt nicht mehr mit, oh, wie schön, ein Bambi. Das war halt meine, die kleine Theresa, die früher Bambi vielleicht mal geschaut hat, hat früher so reagiert und da hat es nur ein Erlebnis geben müssen, dass sich was in mir verändert hat, weil das war natürlich tatsächlich, wenn man jetzt mal schaut, die meisten Situationen heutzutage sind ja gar nicht wirklich bedrohlich für unser Überleben.
Das war jetzt vielleicht mal was, wo man sagen kann, das ging, weil es halt wirklich in Richtung körperlicher Angriff ging. Genau, und da braucht das Gehirn nicht viele Erlebnisse, um das abzuspeichern.
Und gerade bei dieser jüngeren Generation, weil ich kenne das noch von mir, eigentlich diese Jahre in dieser Pubertät, das sind doch eigentlich die extremsten, wo solche Sachen auch irgendwie passieren, von Ausschließen und so weiter.
Wenn wir dann älter werden, dann wird das irgendwie wieder anders, finde ich. Und wenn diese Erfahrungen halt auch aus dieser Pubertät einmal im Gehirn sind, dann ist man halt auch, wenn man älter wird, besonders sensibilisiert darauf.
[Alex]Und wenn ich mir jetzt zum Beispiel Social Media angucke, weil du jetzt meintest, Gefahr, Überleben, die Situationen sind nicht wirklich gefährlich, aber trotzdem kann es sein, dass unser Hirn da trotzdem diese Gefahr so wahrnimmt.
Also zum Beispiel, Benachrichtigungen sind ja in der Regel rot. Das ist ja irgendwie so der weltweite Code für Achtung, Gefahr. Warum haben die das gemacht? Vermutlich nicht einfach so aus Zufall, sondern weil die gezielt diese Reaktion auslösen wollten. Oder wenn ich jetzt eben meinen Ton anlasse, dann kommt natürlich auch immer ein akustisches Signal. Und akustisches Signal in der Stille ist dann auch erstmal, oh Achtung. Das heißt, das Design ist ja auch schon bei sozialen Medien so, dass wir eigentlich permanent in so einem Modus sind, dass es potenziell gefährlich sein könnte hier.
[Theresa]Ja, absolut. Und das ist halt das, was ich auch mega kritisch sehe, weil das ist auch, ich meine, dein Thema ist ja auch ethisches, wertebasiertes Marketing und gerade ganz viele Dinge im Marketing allgemein, aber auch auf Instagram oder Social Media läuft halt so, dass die Menschen eigentlich die Psyche verstanden haben.
Aber sie nutzen sie halt so, um uns zu manipulieren. Und man könnte ja auch eher es andersrum machen. Und das versuche ich tatsächlich in meinem Marketing umzusetzen.
Ich meine, ob es mir immer gelingt, weiß ich auch nicht. Aber eher im Sinne von, hey, ich helfe dir, dass du dich sicher fühlst. Ich helfe dir, dass du das Gefühl hast, du kannst aus dir selber heraus eine erwachsene Entscheidung treffen, wo wir uns vielleicht auf Augenhöhe begegnen.
Und nicht so dieses, hey, wenn du jetzt nicht buchst, dann bist du selber schuld und so weiter.
Damit manipuliere ich ja ins Krasseste hinein und trigger halt das Nervensystem voll an. Und das Problem ist ja, sobald unser Nervensystem mal einmal richtig angetriggert ist, umso mehr Verhaltensweisen geht unser Nervensystem zurück, die eher aus dem Unterbewusstsein sind und gar nicht mehr, die wir so bewusst steuern.
Das heißt, umso mehr Stress eigentlich in unserem Körper ist, umso mehr geht unser, man nennt das Neokortex, der bewusste Gehirnteil geht dann wie offline, weil unser Gehirn im Prinzip sagt, naja, so mit dem bewussten Verstand und so, der hat sich von der Evolution her viel später entwickelt. Die anderen Gehirnteile, die gibt es schon viel, viel, viel, viel länger.
Das heißt, die älteren Gehirnteile, die sichern schon viel länger das Überleben von dem Menschen. Also schalten wir mal lieber die neueren Gehirnteile ab. Die sind viel kürzer da. Wer weiß, ob die wirklich so gut sind. Das müssen wir nochmal von der Evolution her checken, so nach dem Motto.
Das heißt, die gehen wirklich offline. Und dann fällt es uns halt auch schwer, bewusste Entscheidungen zu treffen. Und dann kommen wir halt auch in diese Momente, wo wir vielleicht nicht aus Instagram mehr rauskommen, obwohl wir eigentlich merken, eigentlich wäre es besser, aber das ist das Unterbewusstsein, das uns immer wieder reinzieht.
Erfahrungen ohne Instagram
[Alex]Du selbst hast ja schon, du hast jetzt gerade schon ein paar Mal angedeutet, du selbst bist ja weg von Instagram.
Hast du bei dir eigentlich eine Veränderung festgestellt? Hat sich da irgendwas in deinem Nervensystem oder dein Gefühl und in deinem Stressempfinden verändert, seit du weg bist?
[Theresa]Total, wobei ich auch sagen muss, ich bin auf Instagram damals nur erst gegangen, als ich wusste, dass ich mich zu 100% selbstständig mache.
Das heißt, ich würde sagen, ich hatte mal eine Phase so, ich habe tatsächlich kürzlich mal überlegt, wann das eigentlich war, so 2017 oder so. Ich bin mir nicht ganz sicher, wann das war. Da war ich viel auf Facebook.
Also und da habe ich auch so diese Suchtverhaltensweisen mit Facebook gehabt, dass ich jeden Abend dann, was weiß ich, eine Stunde oder so in Facebook rumgescollt habe.
Und irgendwann ist mir das aber bewusst geworden und irgendwie habe ich es dann irgendwann geschafft, das loszulassen, so ganz genau. Also das ist auch manchmal spannend im Nervensystem, manchmal sind uns ja Dinge bewusst und wir schaffen es denen nicht bewusst zu verändern und trotzdem von einem Tag auf den anderen gibt es dann eine Veränderung.
So war das tatsächlich bei mir mit Facebook irgendwann auch. Also irgendwann habe ich einfach, habe ich die App gelöscht von meinem Handy.
Und dann hatte ich eine ganz lange Phase, wo ich eigentlich gar nicht mehr auf Social Media großartig war.
Und bin dann irgendwann wieder auf LinkedIn, weil alle gesagt haben, LinkedIn und so, du musst unbedingt auf LinkedIn sein.
Das fand ich eine Zeit lang auch mal ganz interessant. Und dann habe ich halt gedacht, dass ich mich selbstständig mache. Und das war halt erst im Februar 2023, dass ich dann auf Instagram meinen Account eröffnet habe.
Und am Anfang fand ich es auch ganz cool, weil ich schon auch viel verstanden habe, gelernt habe da über diese ganz vielen Formate mit, man kann da ja im Prinzip alles machen, von Audio über Video über Text über Slides über alles. Das heißt, ich fand es schon ganz cool, mich da einfach mal so ein bisschen auszuprobieren.
Aber was ich vor allem gemerkt habe, und das fand ich eigentlich interessant, weil so richtig kapiert, was es mit mir macht, habe ich eigentlich erst letztes Jahr im Mai, da war ich, da hatte ich eine Erkältung.
Und dann habe ich gedacht, okay, komm, Theresa, du bist Nervensystemcoach, du machst jetzt hier nicht weiter auf Instagram, also wenn du krank bist oder was heißt krank, aber eine Erkältung hast, sondern bist auch Vorbild.
Und dann habe ich gesagt, ich bin jetzt mal mindestens eine Woche nicht hier. Und in dieser Woche, wo ich nicht mehr da war, habe ich eigentlich erst so richtig gespürt, was es mit mir gemacht hat. Und das Spannende war in dieser Woche, weil ich war dann auch total konsequent. Ich habe nicht konsumiert, gar nichts. Und ich habe einfach gemerkt, wie entlastend das war, nicht mehr dieses Ding zu haben, ah ja, welche Storys und so, oder du wolltest ja noch diese Story und jetzt musst du noch wieder an die nächsten. Also irgendwie wusste ich auch, ich hätte sogar einen Post für diese Woche gehabt.
Aber ich habe den halt trotzdem nicht hochgeladen, weil ich halt gesagt habe, nee, ich bin jetzt krank. Und dann habe ich ja gewusst, ach ja, komm, jetzt hast du auch einen Post schon für nächste Woche, den verschiebst du ja jetzt einfach um eine Woche. Und auch das war total entlastend. Und dann habe ich irgendwie das so richtig beobachtet. Und ich würde sagen, jetzt wo ich so komplett raus bin, dass ich bin ja jetzt auch nicht auf LinkedIn mehr aktiv.
Also Instagram habe ich tatsächlich gelöscht. LinkedIn habe ich meinen Account noch, aber ich nutze ihn nur passiv.
Und da würde ich sagen, ich habe einfach viel mehr innere Ruhe einerseits, weil ich einfach nicht mehr diese ständigen Gedanken, ah, was könntest du jetzt noch wieder und so weiter machen und was ich aber auch wahrnehme, ist, dass ich einfach viel mehr bei mir bin.
Das liegt auch ein Stück weit an meinem typischen Nervensystemzustand. Mein Nervensystemzustand ist schon auch eher so dieses People Pleasing, das heißt, ich bin eher schon auch so vom Mensch her, dass ich dann, schaue, was machen die anderen und wenn die dann erzählen, dann muss es so machen, dann bin ich total anfällig von, oh scheiße, ich muss es auch so machen.
Vor allem, weil ich weiß ja auch, als Nerven …, oder ich bin ja jemand, ich habe jahrelang als Beraterin und Trainerin und Coach jetzt schon gearbeitet. Was ich aber nie gemacht habe, ist Marketing. Das heißt, für mich war das schon auch bewusst, ich muss Marketing lernen. So, und das Das heißt, ich habe da total oft auch meine eigene Autorität oder meine eigene Wahrheit überhaupt nicht hingehört, weil ich dachte, die anderen wissen es ja besser und da habe ich halt auch schon immer so ein Ding gehabt, also auch wieder meinen Nervensystemzustand von wenn jemand eine Autorität ist, dass mein Nervensystem in so einem Kollaps so, ah ja, okay, dann muss ich es ganz genau so machen, wenn ich auch von der Polizei mal, also das wäre super selten passiert, aber wenn ich mal von der Polizei angehalten werde, dann spürt man das ja total so, oh Gott, was habe ich jetzt falsch gemacht und was muss ich jetzt tun und oh Gott, oh Gott, oh Gott und so.
Und genau das passiert im Prinzip, also ich übertreibe jetzt, aber genau das passiert halt auch in mir, wenn so ein Marketing-Coach da steht, dass ich denke, oh Gott, oh Gott, ja, ich muss jetzt genau das machen, was derjenige sagt und dann verliere ich mich halt selber total. Und das merke ich halt dadurch, dass ich nicht mehr auf Instagram bin, dass ich viel mehr bei mir bin und nicht mehr so jedem Coach hinterher renne, der mir irgendwie wieder irgendwas erklärt, wie ich es jetzt wieder doch zu tun hätte. Und ich habe das Gefühl, dass ich dadurch viel mehr in meiner eigenen Kraft und Authentizität bin und das mich auch viel mehr erfüllt.
[Alex]Und wie sieht jetzt dein, ich sag mal, nervensystemfreundliches Marketing aus für dich persönlich? Welche Marketingstrategie nutzt du jetzt?
Also Kongress haben wir schon angesprochen. Ist das so ein Weg, den du gehst, also dass du mit anderen mehr zu tun hast, Dinge organisierst und so weiter?
[Theresa]Genau, also ich habe tatsächlich erstmal, also diesen Kongress ist sicherlich ein Thema, weil ich hatte die Idee, den Kongress zu machen und dann war mir aber natürlich auch klar, okay, wenn ich andere Interviewpartner habe und die auch Werbung für meinen Kongress machen, dass mir das auch in meiner Sichtbarkeit hilft. Also das war definitiv eine ganz klare Strategie.
Und vorher habe ich halt auch einen Podcast. Also ich habe einen Podcast letztes Jahr im Sommer rausgebracht und das war auch spannend. Ich habe lange darüber überlegt, mache ich einen Podcast, mache ich keinen. Aber bei dem ganzen, ich muss jetzt noch Instagram machen, habe ich überhaupt nicht gewusst, wann ich jetzt eigentlich auch noch mir Zeit nehme, meinen Podcast zu launchen.
Und in dem Moment, wo ich dann halt Instagram, nicht mehr auf Instagram war, war es plötzlich total easy. Und ich hatte kurze Zeit später meinen Podcast gelauncht, weil ich ja natürlich viel mehr Zeit hatte. Das heißt, ich mache einen Podcast, aber auch da, ich spüre in alles durch mein Nervensystem rein.
Weil Menschen, die zum Beispiel einen neuen Podcast launchen, da ist es ja oft so, dass die als erstes mal vier, fünf Folgen online bringen, direkt. Und ich habe immer gemerkt, wenn jemand, dem ich gefolgt bin, einen neuen Podcast gelauncht hat und ich habe irgendwie gesehen, ah, jetzt hat er einen Podcast gelauncht und gleich vier, fünf Folgen, was hat mein Nervensystem gemacht? Oh Gott, so viel. Wann soll ich denn das alles hören?
Und dann bin ich immer gleich wie so, also tatsächlich bin ich dann auch oft gar nicht dran geblieben. Wenn dann die erste richtige Folge kam, die so im normalen Zyklus war, hatte ich ja schon vier Folgen, die ich nicht gehört hatte.
Also hatte ich schon gar keine Lust, die fünfte jetzt zu hören, weil ich hatte ja gefühlt schon vier verpasst. Also da ist dann mein FOMO-Anteil irgendwie auch angesprungen.
Und deshalb habe ich ganz bewusst gesagt, nee, ich mache das nicht. Und ich weiß zwar aus Algorithmusgründen, dass das mehr Sinn macht, aber ich habe ganz klar gesagt, ich mache es nicht, weil ich merke einfach diesen Unterschied.
Das heißt, ich mache einen Podcast auch, der nur alle zwei Wochen rauskommt, nicht jede Woche, weil ich auch da spüre, dass ich oft habe, dass ich den Podcast von der Woche davor noch gar nicht von jemand anderem gehört habe. Und dann entsteht bei mir auch gleich so, oh Gott, die nächste Folge ist schon da, die letzte habe ich noch nicht mal gehört.
Also immer dieses Nervensystem in dieses Oh Gott, schon wieder und so. Da spüre ich sehr genau rein.
Genau, was ich dann habe, ist ein Newsletter, ganz klar. Diesen Kongress und ich bin da auch und will noch mehr aufbauen. Also ich arbeite auch in einem Trainernetzwerk, das heißt, ich gebe auch Trainings, da kann es auch immer mal wieder passieren, dass einfach Menschen mich in den Trainings erleben und vielleicht mal was anfragen, und dann plane ich schon auch noch mein SEO zu optimieren.
Aber auch da bin ich gerade und das ist auch nochmal etwas, was ich glaube ich auch erst die letzten Wochen so richtig kapiert habe nochmal in mir.
Für mich war es total hilfreich, erstmal den Podcast jetzt zu launchen. Das ist wirklich gut auch in mein Leben zu integrieren, bevor ich jetzt dann mit dem Blog dann irgendwann starte, das vielleicht gut in mein Leben integriere und nicht so alles gleichzeitig mache. Weil auch da, es ist ja erstmal alles neu wieder für uns.
Und alles, was neu ist, ist erstmal unsicher fürs Nervensystem. Das heißt, wenn wir zu viele neue Sachen gleichzeitig machen, kann das auch Stress auslösen im Nervensystem.
Und genau, das heißt, ich werde noch einen Blog machen. Ich überlege auch, dass ich Pressearbeit mache, also dass ich wirklich schaue, ob ich mit meiner Arbeit mehr in die Presse komme. Und ich überlege auch noch, dass ich mehr lokal mache.
Also gerade mit dem Nervensystem-Thema hätte ich total Lust, vielleicht auch gemeinnützig ein bis zwei Tage im Monat gemeinnützig zu arbeiten. Und vielleicht in Schulen zu gehen oder vielleicht, keine Ahnung, sowas wie eine Feuerwehr, die ja ständig irgendwie auch mit Menschen zu tun hat, die in einem extremen Nervensystemzuständen sind, dass die mehr Nervensystemwissen haben. Da hätte ich total Lust, so gemeinnützig auch mein Wissen zur Verfügung zu stellen.
Und ich denke halt, dass auch das einem helfen kann, sichtbarer zu werden, weil die Menschen dann ja auch von der Arbeit profitieren. Also ich habe noch viele Ideen, die ich noch nicht umgesetzt habe. Aber wie gesagt, Schritt für Schritt mein Nervensystem darf ich einen Schritt auch neu integrieren, bevor dann wieder das nächste kommt.
Glaubenssätze und Nervensystem
[Alex]Sehr gut. Viele Menschen und ich glaube, ich habe das auch so in Ansätzen und vielleicht kennst du das auch. Es gibt ja so bestimmte Glaubenssätze, die man hat, wie zum Beispiel, ohne Social Media bin ich unsichtbar und das hält dann einen davon ab, eigentlich nervensystemfreundliches Marketing umzusetzen.
Also vielleicht versteht man das so rational, aber trotzdem hat man noch diese Glaubenssätze, die einen davon abhalten und die auch einen vielleicht stressen. Hast du da vielleicht einen Tipp, wie man mit solchen stressigen Sätzen, die man dann so denkt oder glaubt zu wissen, umgehen kann?
[Theresa]Ja, also ich kenne das tatsächlich auch selber von mir. Ich hatte da eine Erkenntnis selber, als ich damals überlegt habe, mache ich jetzt, also ich war ja schon lange nicht auf Instagram und ich habe noch mega lange überlegt, lösche ich jetzt meinen Account oder nicht?
Und eigentlich wusste ich, ey, Theresa, du kannst ihn auch löschen. Aber irgendwie konnte ich es nicht löschen. Und was ich mir dann mal bewusst gemacht habe, ist, mein Nervensystem ist ja, und ich weiß, meins ist da wirklich sehr, sehr stark drauf sensibilisiert, so dieses, oh Gott, werde ich aus der Gruppe ausgestoßen. Und im Prinzip bedeutete ja, meinen Instagram-Account zu löschen, bedeutete ja an der Stelle, ich stoße mich jetzt selber aus der Gemeinschaft aus. Und als ich das erkannt habe, dass das eigentlich total krass ist, war es plötzlich total einfach.
Also da wäre letzten Endes wirklich mein Tipp oder manchmal zu überlegen, was ist eigentlich genau das Problem dahinter, warum fällt es mir denn eigentlich so schwer und ich habe halt diese Erkenntnis gehabt, dass es mir so schwer fällt, mich selber aus der Gemeinschaft auszustoßen.
Und was ich aber auch immer wichtig finde beim Nervensystem ist und was ich bei mir beobachte, oft ist uns was bewusst. Also wie jetzt das Beispiel eben mit Facebook. Mir war das lange bewusst mit Facebook. Oder ich hatte früher mal ein ganz anderes Thema, ist jetzt nichts mit Social Media. Ich habe mich früher mal eine Zeit lang jeden Tag auf die Waage gestellt und mir war das total bewusst, dass es überhaupt gar keinen Sinn macht, sich jeden Tag zu wiegen.
Und irgendwann gab es einen Punkt, wo ich meine Facebook-App gelöscht habe Und es gab den Punkt, wo ich meine Waage weggeschmissen habe und gesagt habe, ich wiege mich jetzt einfach gar nicht mehr.
Und das war nicht aus so einer radikalen Gegenbewegung, das kann ja auch passieren, sondern es war wirklich, weil ich gemerkt habe, ich brauche es jetzt nicht mehr.
Und manchmal ist es so, dass wir auf bewusster Ebene schon was klar haben und dass es einfach ein bisschen braucht, bis auch unser Körper, unser Nervensystem so weit ist, es loszulassen. Und da, den Tipp, den ich da habe, ist auch, sich gar nicht so stark selber dafür immer dann zu kritisieren, weil das ist ja das, was dann passiert.
Ich kriege mit, dass ich schon wieder auf Facebook hänge, dann kritisiere ich mich total dafür und dann lande ich noch tiefer da drin. Sondern einfach zu sagen, ja, jetzt ist es halt mal so. Jetzt ist es halt mal so und es einfach mal anzunehmen. Und ich glaube, da entsteht oft der Shift, wenn wir einfach mal sagen, jetzt ist es mal so und plötzlich ein paar Tage später oder vielleicht Wochen später können wir was verändern. Und dann ist es gar nicht bewusst, sondern einfach, weil wirklich das Nervensystem nachgezogen ist. Wie nachgezogen ist mit dem, was wir bewusst schon haben. Macht das Sinn?
[Alex]Das macht Sinn. Also ich verstehe das so, dass wir quasi auch ein bisschen ins Vertrauen gehen. Dass wir auch irgendwie wohlwollend uns selbst gegenüber sind. Und so vertrauen, dass wir schon so ein richtiges Timing haben.
Und ich glaube, mit so einem Vertrauen kann man ja auch eigentlich, also gewinnt man vielleicht auch so ein Stückchen Sicherheit. Und das ist ja das, worum es dem Nervensystem geht, wenn ich das richtig verstehe. Es geht immer darum, dass wir uns sicher fühlen. Und wenn ich anfange, mir zu vertrauen, meinem Timing zu vertrauen und zu denken, das ist schon alles okay, so wie es gerade läuft, dann ist es vielleicht einfacher, sich dann auch loszusagen. Was potenziell gefährlich ist, wird dann ein bisschen einfacher.
[Theresa]Genau. Und ich habe das eben am Anfang mal gesagt, aber das ist wirklich eine Grundhaltung für mich in der Nervensystemarbeit.
Weil es klingt ja immer so, als ob wir raus müssten aus den Zuständen. Aber das Wichtige ist eigentlich erstmal zu sagen, hey, es ist, wie es ist. Und es hat einen Grund, warum es so ist. Das ist ein Stück weit unsere Biologie. Und es geht gar nicht so sehr darum, dagegen zu kämpfen, sondern es eher zu erlauben, es zu akzeptieren, um dann halt mehr und mehr auch andere Möglichkeiten zu schaffen, aber gar nicht so in diesen inneren Widerstand und inneren Kampf zu gehen.
[Alex]Ja, ich kenne das auch tatsächlich, wenn ich irgendwie, weiß ich nicht, wütend bin oder traurig bin, dann hilft mir das einfach schon, das zu benennen, dass ich das so bin. Und dann ist es schon eine ganz große Erleichterung. Es geht gar nicht darum, das zu ändern oder jetzt irgendwas dagegen zu tun oder, keine Ahnung, sich abzulenken, sondern einfach nur zu benennen, wie ich mich fühle. Und dann, finde ich, ist schon so ganz viel Druck auch irgendwie da raus, aus diesem starken Gefühl manchmal. Genau.
[Theresa]Und das ist tatsächlich auch ein großer Teil in der Nervensystemarbeit, dass wir wieder lernen, unsere Gefühle und Emotionen auf Körperebene zu spüren und zu erlauben, weil das ist das, was einfach wahnsinnig viel Stress in unserem Körper auslöst.
Und gleichzeitig ist es aber gesellschaftlich so normal, meistens schwören wir uns das schon bei unseren Eltern ab, dass halt Gefühle und Bedürfnisse und alles weggedrückt wird und werden. Und da entsteht ganz viel Entspannung, wenn wir Gefühle wieder erlauben dürfen. Ja.
Schritte zu nervensystemfreundlichem Marketing
[Alex]Zum Abschluss vielleicht folgende Frage. Welche kleinen Schritte können denn jetzt Selbstständige gehen, die sagen, ich würde mir auch gern so ein Marketingsystem aufbauen, das nervensystemfreundlich ist?
Was würdest du sagen, könnten so die ersten ein, zwei Schritte vielleicht sein, die man in diese Richtung gehen könnte?
[Theresa]Also, ich würde erstmal aufschreiben, was mache ich denn aktuell eigentlich im Marketing, weil manchmal sind uns gewisse Dinge, die wir schon tun, ja gar nicht so bewusst, und dann halt wirklich mal in den Körper hineinzuspüren, was macht denn was eigentlich mit mir und das wirklich auch sehr gerne sehr genau.
Also es kann ja sein, wenn man jetzt Instagram, sag ich jetzt mal, noch nutzt, dass man auch mal schaut, okay, sind es die Storys, die mich stressen oder sind es die Reels, die mich stressen, oder sind es die Karussellposts, die ich eigentlich nicht so gerne mache, um dann halt mehr und mehr zu verstehen, an was habe ich denn eigentlich Freude und wo entsteht so eine Weite in mir?
Und ich würde das jetzt wirklich erstmal auf der Ebene machen, wenn du da reingehst, weil oft ist es ja so, dass wir trotzdem auch noch anfangen zu prokrastinieren, Dinge, die wir eigentlich gerne machen.
Das ist aber auf Nervensystemebene nochmal ein separates Thema, da will ich jetzt gar nicht so stark rein, sondern erstmal generell zu überlegen, was ist es denn, was mir da Freude macht?
Und dann halt, ja, auf eine Art auch zu gucken, wo kommen jetzt denn die Kunden aktuell auch her, weil das braucht man natürlich schon auch, um diese Sicherheit wieder zu spüren. Und dann, was ich immer hilfreich finde, ist gar nicht so diese definitive Entscheidung zu treffen von wegen, ich verlasse jetzt Instagram, sondern eher zu sagen, ja, jetzt probiere ich das mal aus, wie es denn ist.
Ich meine, ich habe damals wegen einer Erkältung eine Woche mal verzichtet. Vielleicht fängst du mit einer Woche an. Und auch da schau halt mal, was sich da sicher in deinem Nervensystem anfühlt.
Wenn du jetzt überlegst, ah ja, eigentlich habe ich keine Lust mehr auf Instagram, ich sag jetzt mal Instagram, und du überlegst, dass du das mal weglässt. Dann überleg mal, was fühlt sich sicher an? Ist es mal für eine Woche wegzulassen, für einen Tag wegzulassen? Vielleicht sagst du dir, nee, eigentlich hätte ich voll Bock auf drei Monate. Und dann folge auch da deinem inneren Gefühl und sehe es eher als Experiment.
Also ich habe in meiner Selbstständigkeit, liegt auch daran, dass ich mich mal extrem viel mit dem Thema positive Fehlerkultur beschäftigt habe, sehr stark so dieses Experimentieren.
Und oft ist es ja so, wir denken, dass wir wissen, wie es sich anfühlt, aber es fühlt sich am Ende doch irgendwie anders an.
Und dementsprechend viel mehr an Experimenten denken und sagen, okay, ich probiere das jetzt mal aus. Und da einfach, ja, so ein bisschen spielerisch dran zu gehen. Das ist das, was auch dem Nervensystem hilft, weil das Nervensystem macht oft zu, wenn wir sagen, so und jetzt für immer und immer musst du Instagram verlassen. Oh Gott. Aber wenn du sagst, okay, mal für einen Tag meinetwegen, dann, ach ja, das ist cool, einen Tag sofort, bin ich dabei.
[Alex]Ja, sehr schön. Das Spielerische, das nehme ich auf jeden Fall mit. Und Theresa, vielen, vielen Dank für das Gespräch. Es war mir eine Freude, dich hier zu haben.
[Theresa] Ja, sehr gerne.
Shownotes
Theresas Blogartikel: „Digitaler Dauerstress – Wie Social Media dein Nervensystem belastet“
Social Media und ethisches Marketing – wie passt das zusammen? Teil 1: Was ist ethisches Marketing?
In dieser Folge starte ich eine neue thematische Reihe im Podcast – und zwar rund um das Thema ethisches Marketing. Anlass dafür ist mein neues Buch „Don’t be evil – wie gutes Marketing gelingt“, das diesen Monat im Rheinwerk Verlag erscheint. In dieser Auftaktfolge erzähle ich dir, was ethisches Marketing genau ist, und gebe dir einen Ausblick auf die Themen, die dich in den nächsten Wochen erwarten.
Ich hatte mal wieder Lust auf eine thematische Reihe hier im Podcast.
Vielleicht weißt du, dass diesen Monat ein neues Buch von mir im Rheinwerk Verlag erscheinen wird. Das heißt „Don’t be evil – wie gutes Marketing gelingt“. Ich verlinke es dir auch noch mal in den Shownotes. Da kannst du es schon vorbestellen, wenn du magst.
Und ich werde dir sicherlich das Buch auch noch mal ausführlich im Podcast vorstellen. So viel sei aber vielleicht schon mal verraten:
Es geht im Buch um das Thema ethisches Marketing. Und ich habe darin Social Media zwar immer wieder erwähnt, aber es war jetzt nicht unbedingt mein Fokus im Buch.
Und ja, da dachte ich mir: Das kann ich doch auch im Podcast nachholen. Und deshalb habe ich mir ein paar Themen überlegt, über die ich in den nächsten Wochen hier sprechen möchte.
Und heute führe ich dich ein bisschen zum Thema hin und verrate dir, was ethisches Marketing genau ist und was ich mir für die nächsten Wochen in Zusammenhang mit Social Media so überlegt habe.
Folge anhören
Transkript lesen
Ja, Social Media und ethisches Marketing – wie passt das überhaupt zusammen?
Diese Frage will ich in den nächsten Wochen … ja … beantworten, hätte ich jetzt fast schon gesagt. Aber das Ding ist: Ich kann dir diese Frage eigentlich gar nicht beantworten. Ich will es auch gar nicht. Denn ich sehe mich nicht in der Position, darüber entscheiden zu können oder da endgültige Antworten zu finden.
Mein Ziel ist eher, Fragen zu stellen und dich zur Reflexion zu bringen. Und dann, wenn es gut läuft, dafür zu sorgen, dass du da deine eigenen Antworten findest.
Und zunächst einmal ist es, glaube ich, wichtig, sich einmal diesen Begriff ethisches Marketing anzugucken und zu definieren. Weil ich immer wieder feststelle, dass nicht allen Selbstständigen sofort klar ist, was genau damit gemeint ist.
Was ist also ethisches Marketing genau?
Ich selbst habe ja unter anderem Philosophie studiert und Ethik ist ein Teilbereich der Philosophie. Da geht es im Grunde darum, sich über das menschliche Handeln Gedanken zu machen. Und man sich da schon ziemlich viele Gedanken machen. Zum Beispiel:
Wie soll der Mensch handeln?
An welchen Werten soll er sich orientieren?
Und so weiter.
Und natürlich kann man da nicht nur allgemein darüber nachdenken, sondern es auf alle möglichen Bereiche anwenden.
Also zum Beispiel ist Ethik ein wichtiger Bestandteil in der Medizin, im Recht. Aber es gibt auch Tierethik oder Umweltethik. Im Grunde geht es immer darum, menschliches Handeln zu reflektieren.
Also sich zu überlegen:
Ist es richtig, so zu handeln?
Was spricht dafür?
Was spricht dagegen?
Welche Konsequenzen hat dieses Handeln?
Und ethisches Marketing meint im Grunde nichts anderes. Denn wir können genau dieselben Fragen auch einfach auf den Medien- oder Marketingbereich übertragen:
Also zum Beispiel:
Ist es richtig, im Marketing FOMO, also Fear of missing out, auszulösen?
Was spricht vielleicht dafür?
Was spricht dagegen?
Welche Konsequenzen hat FOMO auf andere Menschen?
Und du siehst jetzt schon: Wenn man sich als Selbstständige oder Selbstständiger diese Fragen stellt, dann bettet man einzelne Marketingstrategien in einen größeren Zusammenhang ein.
Es geht im Marketing dann also nicht mehr nur darum, zu verkaufen oder Profit zu machen.
Sondern es geht immer auch darum, sich an bestimmten Prinzipien zu orientieren.
Und welche Prinzipien das sind oder sein sollten, das kann ich dir auch nicht endgültig beantworten. Sondern das ist eine Frage, die gesellschaftlich ausgehandelt werden sollte.
Das bedeutet: Aus meiner Sicht sollten Selbstständige und Unternehmen nicht ausschließlich darüber sprechen, was Klicks und Conversion gibt, sondern auch immer wieder darüber, ob es überhaupt richtig ist, eine bestimmte Marketingstrategie zu verwenden, die Klicks oder Conversions bringt.
Und wenn ich mir jetzt zum Beispiel andere Blogs oder Podcasts oder Newsletter angucke – dann begegne ich dem Thema jetzt nicht so wahnsinnig oft, muss ich sagen.
Also es geht immer wieder darum, was im Marketing funktioniert und Verkäufe bringt, aber nicht unbedingt darum, das mal zu reflektieren, was da eigentlich gemacht wird.
Natürlich ist mir klar, dass Selbstständige und Unternehmen wirtschaftliche Interessen haben. Und das ist auch völlig berechtigt, denn sie brauchen nun mal Geld zum Leben oder um ihre Mitarbeiter*innen zu bezahlen. Und auch ich hab natürlich als Selbstständige wirtschaftliche Interessen. Denn auch ich kann nicht von Luft und Liebe leben, sondern … ja … brauche ab und an auch mal eine Pizza und so.
Und ja, deshalb höre ich oft das Argument, dass ethisches Marketing ein Widerspruch ist: Also dass Marketing gar nicht ethisch sein kann, weil diejenigen, die Marketing machen, ja, was verkaufen wollen.
Und das sehe ich überhaupt nicht so:
Denn wenn ich zum Beispiel in eine Pizzeria gehe, um jetzt mal bei dem Beispiel Pizza zu bleiben, will ich ja wissen, welche Pizzen es in der Pizzaria gibt.
Denn wie sollte dann überhaupt wissen, was ich bestellen sollte, wenn ich nicht weiß, was es gibt? Ich will also über das Angebot informiert werden. Ich will einfach nur frei darüber entscheiden können, was ich letzen Endes wähle. Also ich will nicht, dass mir jemand sagt: Du musst jetzt die Pizza bestellen und keine andere, sonst verpasst du was und hat dein Leben keinen Sinn und dann bist du nicht erfolgreich und keine Ahnung, was.
Und deshalb ist natürlich völlig unproblematisch, wenn Pizzerien oder Cafés oder was auch immer transparent ihr Angebot mitteilen.
Und deshalb ist es aus meiner Sicht eben auch genauso unproblematisch, wenn Selbstständige oder Unternehmen mitteilen, was es bei ihnen gibt und wem sie wie helfen können. Und deshalb ist Marketing an sich nicht das Problem.
Sondern es geht wirklich darum, immer wieder innehalten und zu überlegen:
Was mache ich da eigentlich?
Was sage ich hier eigentlich?
Und welchen Folgen könte das für andere Menschen haben oder wir können das auch größer denken: für die Gesellschaft oder für die Umwelt?
So, das war eine ganz, ganz kleine Erklärung, was ethisches Marketing sein könnte. Also nicht eine Festlegung von irgendeiner Seite, was richtig oder was falsch ist. Sondern die Reflexion, ja die kontinuierliche Reflexion von Marketingstrategien, die wir verwenden.
Social Media und ethisches Marketing
Und jetzt könen wir den Bogen zu sozialen Medien schließen.
Denn wir können uns natürlich fragen:
Ist es richtig, Social Media zum Marketing zu nutzen?
Was spricht dafür?
Was spricht dagegen?
Welche Konsequenzen könnte Social-Media-Marketing auf andere Menschen haben oder auf die Gesellschaft?
Und wollen wir diese Konsequenzen überhaupt auslösen mit unserem Marketing?
Und da das eben so eine große Frage ist, habe ich mir gedacht, dass ich unbedingt eine größere Podcastreihe dazu erstellen möchte und dabei vier verschiedene Themen abdecken möchte.
Es gäbe wirklich unglaublich viel dazu zu sagen, deshalb ist das letzten Endes natürlich eine willkürliche Auswahl, die ich getroffen habe.
Ich glaube, dass das eben mit die wichtigsten Themen sind, die Selbstständige auf dem Schirm haben sollten, wenn sie über ethisches Marketing und Social Media nachdenken.
Und das erste wichtige Thema ist der große Komplex Datenschutz und Mikrotargeting.
Meine Erfahrung ist, dass die meisten Selbstständigen Datenschutz sehr unsexy und lästig finden, weil es den Aufwand im Marketing natürlich spürbar erhöht. Stichwort: DSGVO. Du kennst das alles.
Aber es ist eben wichtig, sich bewusst zu machen, dass Datenschutz ein Grundrecht ist. Und das ist zum Beispiel verankert in der Europäischen Grundrechtecharta und deshalb gilt es auch, das Recht unbedingt zu schützen.
Und auf Social Media ist es mit dem Datenschutz eben so eine Sache. Gerade wenn wir uns Mikrotargeting anschauen, also Social Media Ads. Und gerade bei Retargeting-Kampagnen werden Menschen regelrecht „verfolgt“, ohne dass ihnen wirklich klar ist, wie ihre Daten genutzt werden, oder vielleicht sogar, dass ihre Daten genutzt werden.
Ja, deshalb wird das erste Thema in der Podcastserie „Datenschutz und Mikrotargeting“ sein. Und wir werden uns angucken, was dafür spricht, was dagegen spricht und welche Folgen Mikrotargeting für Menschen und die Gesellschaft hat oder haben könnte.
Und dann kannst du dir selbst überlegen, ob du weiterhin Werbung auf Social Media schalten möchtest oder nicht.
Das zweite wichtige Thema aus meiner Sicht ist der ganze Komplex Algorithmen und Aufmerksamkeitsökonomie.
Denn du weißt, dass Inhalte auf Social Media nicht einfach nur chronologisch ausgespielt werden, sondern dass Algorithmen bestimmen, was Menschen auf Social Media sehen.
Und deshalb ist bei Content Creators, Selbstständigen, Unternehmen, Parteien und anderen Organisationen ein regelrechter Kampf um unsere Aufmerksamkeit entbrannt.
Und um in der Masse des Contents aufzufallen, verwenden sie immer öfter manipulierende Verkaufstechniken und erstellen emotionalisierende Inhalte. Zum Beispiel durch Storytelling wie zum Beispiel „Nur noch heute! Letzte Chance“ wird emotionaler Druck aufgebaut, damit Menschen möglichst schnell das Produkt kaufen.
Das ist aber meistens nicht im Sinne der Menschen, die auf Social Media erreicht werden sollen.
Und deshalb wollte ich auch unbedingt in diesem Bereich mir angucken, was dafür spricht, was dagegen spricht und welche Folgen diese Art von Marketing auf andere Menschen oder die Gesellschaft als Ganzes hat.
Der dritte Bereich, den ich abdecken möchte, ist die Überinszenierung auf Social Media. Warum Überiszenierung?
Na ja, Inszenierung ist an sich eher neutral, würde ich sagen.
Jede Person, die auf Social Media postet oder auf eine andere Art kommuniziert, inszeniert sich immer auch in gewisser Weise. Das heißt: Sie wählt bewusst, was sie zeigt und wie sie sich darstellt, welches Licht, welche Worte, welche Themen und so weiter. Auch ich mache das natürlich im Podcast oder auf meinen anderen Kanälen . Und du machst das sicherlich auch, wenn du Marketing machst, auf deinen Kanälen. Du legst Worte, Farben, Bilder und so weiter alles fest.
Inszenierung bedeutet also einfach: eine bewusste Darstellung. Es ist nicht automatisch gut oder schlecht – sondern ein Element von Kommunikation, gerade im Marketing.
Überinszenierung aber beschreibt für mich einen Kipppunkt:
Es wird nicht mehr nur etwas ausgewählt und präsentiert, sondern es wird übertrieben, verzerrt, beschönigt – oft bis zu einem Punkt, an dem die Darstellung kaum noch etwas mit der Realität zu tun hat.
Und deshalb sollten wir uns auch bei der Überinszenierung auf Social Media fragen: Was spricht dafür, was dagegen? Und welche Folgen hat das Ganze für andere Menschen?
Abschließen möchte ich die Reihe mit einer grundsätzlichen Überlegung. Denn die Frage ist ja auch: Wer ist eigentlich dafür verantwortlich, dass es auf Social Media gerade so ist, wie es ist?
Sind es Individuen wie Selbstständige oder Influencer*innen, die eben bestimmte Strategien oder Taktiken dort aufrechterhalten? Oder sind es nicht vielmehr die Plattformbetreiber, die ein bestimmtes Geschäftsmodell verfolgen und bestimmte Praktiken auf Social Media notwendig machen?
Aktuelles Beispiel: Wenn auf Meta jetzt Faktenchecks abgeschafft werden – müssen Selbstständige dann unbedingt Social Media verlassen? Oder müssen sie sich schlecht fühlen, wenn sie auf Social Media bleiben? Oder ist ein zu hoher Anspruch an Individuen, weil sie ja gar nicht für die Systeme hinter sozialen Medien verantwortlich sind?
Das ist eine spannende Frage, finde ich, und das wird dann das Ende dieser Podcastreihe zu „Social Media und ethischem Marketing“ sein.
Ich hoffe, du hast jetzt genauso viel Lust auf diese Podcastreihe bekommen wie ich. Ich kann es jedenfalls kaum erwarten loszulegen.
Shownotes
Buchmarketing ohne Social Media – Interview mit Dr. Madlen Ziege
In dieser Podcastfolge habe ich die Autorin und Biologin Dr. Madlen Fellmeth zu Gast, die unter dem Namen Madlen Ziege bereits einige Bücher geschrieben und veröffentlicht hat. Für ihr Buchmarketing hat sie Social Media nur kurz ausprobiert und dann Marketingstrategien für sich entdeckt, die völlig ohne Social Media auskamen.
In dieser Podcastfolge habe ich die Autorin und Biologin Dr. Madlen Fellmeth zu Gast, die unter dem Namen Madlen Ziege bereits einige Bücher geschrieben und veröffentlicht hat.
Für ihr Buchmarketing hat sie Social Media nur kurz ausprobiert und dann Marketingstrategien für sich entdeckt, die völlig ohne Social Media auskamen.
Und wie das bei Madlen genau aussah, wird sie uns in dieser Podcastfolge verraten.
Folge anhören
Transkript lesen
[Alex] Ja, hallo Madeleine. Du hast als Autorin Social Media für dein Buchmarketing ausprobiert und wieder verworfen. Welche Plattformen hast du denn genau genutzt und was hat dich da so genervt, dass du wieder weg bist von Social Media?
Ein erster Versuch mit Social Media
[Madlen] Ja, als Wissenschaftlerin war gleich die erste Idee Twitter, und dann habe ich das auch gleich ausprobiert und dann kam noch Instagram dazu und ein bisschen Facebook.
Aber Twitter war das, worauf ich mich am meisten konzentriert habe, weil ich das Gefühl hatte, okay, da kann ich mich noch am ehesten sehen.
Aber es war eigentlich von Anfang an schon dieses Gefühl einfach, das ist nichts für mich. Also ich hatte schon einfach dieses das Bauchgefühl und auch diese Aversion dagegen.
Und dem kann ich aus meiner Erfahrung meistens auch wirklich Glauben schenken. Also meine Intuition spinnt nicht. Die sagt mir immer schon, was richtig ist und was nicht. Aber ich dachte, komm, ich probiere es trotzdem mal aus.
Und ich war völlig überwältigt und überfordert auch am Anfang, weil es ging mir alles viel zu schnell. Ich musste ständig gucken, wer hat dann wo was geschrieben und dann darauf reagieren. Und jetzt muss ich noch was Schlaues sagen.
Also ich habe einfach gemerkt, das ist eine Art der Kommunikation, die überhaupt nicht zu meiner Art passt.
Und ich habe da immer auch das Gefühl gehabt, ich muss mich irgendwie verbiegen und muss jetzt schlaue Sachen sagen. Und habe dann irgendwie nur noch Zeit damit verbracht, zu überlegen, was antworte ich denn da jetzt und gehe ständig durch diese ganzen Posts durch, um zu gucken, wer wo was geschrieben hat.
Das hat mich unheimlich angestrengt und genervt und ich konnte auch überhaupt nicht den Nutzen daraus sehen. Also es hat sich mir überhaupt nicht erschlossen, warum man das machen soll.
Erwartungen und Druck im Verlagswesen
[Alex] Warum bist du dann überhaupt hin? Also du bist Autorin, Wissenschaftlerin, hatte es da vor einer Seite so eine Art Druck oder so eine ausgesprochene oder unausgesprochene Erwartungshaltung gegeben, dass du das machen sollst?
[Madlen] Genau, das war die unausgesprochene, aber auch eine ausgesprochene Erwartungshaltung.
Also als Wissenschaftlerin noch nicht so sehr. Da wurde einem aber auch schon ans Herz gelegt, dass man sich mit dem Thema Wissenschaftskommunikation beschäftigen soll.
Also im Prinzip, wie kann man die eigene Forschung zielgruppenspezifisch aufarbeiten und auch unterhaltsam gestalten.
Und ich bin Verhaltensbiologin und habe mich mit dem Thema Tiere in der Stadt besonders intensiv beschäftigt. Und das ist ein sehr dankbares Thema, weil es viele Leute interessiert. Und man kann das auch gut kommunizieren auf eine einfache Art und Weise. Und darüber bin ich dann so das erste Mal auf die Idee gekommen, das überhaupt mal auszuprobieren, weil ich hatte eigentlich ein ganz gutes Thema dafür.
Und das andere war tatsächlich aber auch von meinem Verlag und von den Leuten, die sich mit dem Marketing meiner Bücher beschäftigt haben, dass die meinten, hey, guck doch mal, ob du nicht selber auch was mit Social Media machen kannst und willst.
Und da war jetzt kein Druck aufgebaut, aber schon eine nette bestimmte Einladung, mich damit zu beschäftigen. Weil klar, es geht darum, Bücher zu verkaufen. Es ist am Ende ein Geschäft.
Es ist ein Produkt, was man da hat. Und das muss eben unter die Leute. Und damit habe ich dann angefangen, mich da wirklich auch intensiver zu beschäftigen, als ich sonst, also ich hätte es sonst nie gemacht.
Auch privat habe ich nie mit Social Media viel zu tun gehabt. Ich hatte mal einen Facebook-Account, aber das auch nie wirklich benutzt. Und hatte auch nicht das Gefühl, dass mir da irgendwas fehlt, dass ich das nicht mache, dass ich da irgendwie nicht up-to-date bin.
[Alex] So ein bisschen kann man es ja auch verstehen vom Verlag, wenn man jetzt zum Beispiel an BookTok denkt, also es ist ja schon erstaunlich, was es da für Erfolge gibt und was da überhaupt möglich wird für Autorinnen.
Also hast du das dann auch beobachtet und hast du es auch aus diesen Gründen gemacht, weil es so dieses Land der unbegrenzten Möglichkeiten, da diese Geschichten es einem so nahegelegt haben quasi und gesagt haben, hey, wenn ich es kann, dann klappt es vielleicht bei mir auch.
[Madlen] Ja, schon. Also ich habe, wie gesagt, ich bin Wissenschaftlerin und bin in diese ganze Autorengeschichte so reingerutscht.
Also ich habe bei einem Science Slam, wurde ich sozusagen, ich sage mal, entdeckt in Gänsefüßchen und durfte dann ein Buch schreiben.
Aber ich hatte vorher überhaupt nichts zu tun mit dieser ganzen Literatur-Autorengeschichte-Welt. Das war völlig neu für mich. Und da bin ich dann so reingerutscht und habe erst mal gucken müssen, wie läuft dann hier der Hase.
Und da habe ich schon gemerkt, okay, es ist erstmal ganz, ganz viel Marketing. Es ist ein großes Geschäft, auch mit Büchern vor allen Dingen. Und ich bin da nur ein klitzeklitzekleines Sandkörnchen, was da mitläuft. Und damit man nicht untergeht, muss man halt irgendwie gesehen werden.
Und da habe ich schon gemerkt, dass viele Leute, die ihre Bücher geschrieben haben und auch erfolgreich sind, auch einen großen Social-Media-Auftritt haben, also ein großes Following haben. Und ich auch immer wieder gehört habe, dass, wenn man als Autorin oder als Autor erfolgreich sein will, braucht man einfach auch diese Community von Leuten auf Social Media, die dann die Bücher kaufen.
Und bei mir war es nochmal andersrum. Ich hatte nicht dieses Following zuerst, sondern habe erst das Buch geschrieben und habe dann das Gefühl gehabt, jetzt muss ich das irgendwie aufbauen. Und fühlte mich da aber auch sehr unter Druck gesetzt, weil, also ich habe zwei Sachbücher geschrieben zum Thema Natur und Stress bei Tieren und Kommunikation bei Tieren und das war aber so ein großer Bereich, dass ich gar nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Also an wen wende ich mich da? Das interessiert ja viele Leute, Natur.
Und dachte ich, was soll ich da jetzt twittern? Soll ich da irgendwas über mein Buch schreiben? Also ich habe überhaupt keine Ahnung gehabt, was ich da machen soll und habe dann auch Bücher mir besorgt und geguckt, wie funktioniert denn dieses ganze Social Media? Was muss man dann machen, damit es so gut klappt wie bei anderen Leuten?
Und habe dann aber auch gemerkt, dass alles, was dazugehört, nichts ist, was ich gerne machen möchte. Es hat mir einfach keine Freude bereitet, sondern eher Stress.
Und ich habe dann auch gemerkt, also ich habe zwei Bücher bisher geschrieben, in der Phase des dritten Buchs. Und ich konnte mich gar nicht mehr so gut konzentrieren, weil ich irgendwie nur noch dabei war, zu twittern und zu liken. Diese ganzen Sachen zu machen, dass ich in dieser Phase, wo ich mich eigentlich immer sehr konzentriere, völlig erschöpft schon war.
Also ich habe relativ schnell gemerkt, dass das völlig kontraproduktiv ist für mich. Und ich hatte dann auch den Eindruck, dass gerade Leute, die da einen großen Social-Media-Auftritt haben, das auch gar nicht alles selber machen, sondern da ein Team hinter sich haben, die das für einen machen.
Ich habe auch bei der Aurelia-Stiftung, bin ich Referentin für Biodiversität. Wir haben auch eine Social-Media-Abteilung und ich sehe einfach, dass die Leute rund um die Uhr beschäftigt sind, nur damit, um das am Laufen zu halten.
Und jetzt verstehe ich auch, warum ich da kläglich dran gescheitert bin, weil ich Wissenschaftlerin war, Autorin war und dann sollte ich auch noch ein komplettes Social-Media-Marketing aufbauen.
Social Media und Konzentration
[Alex] Das wäre tatsächlich auch meine nächste Frage gewesen. Also gerade so als Wissenschaftlerin und ich glaube, jede Person, die auch schreibt, merkt ja, wie wichtig Konzentration ist.
Und wie hat denn jetzt Social-Media auch da vielleicht deine Arbeit beeinflusst? Also gab es da irgendwelche Mechanismen, wo du gemerkt hast, ich kann mich nicht mehr so gut konzentrieren oder ich bin so leicht ablenkbar oder sowas? Also hat das deine Arbeit auch irgendwie beeinträchtigt?
[Madlen] Also ich habe es auf jeden Fall gemerkt, als ich mit Social Media angefangen habe, dass ich nervöser wurde, dass ich immer im Hinterkopf habe, okay, jetzt heute musst du nochmal durchgehen und du musst noch irgendwas Tolles schreiben, musst noch irgendwas Tolles posten und da jetzt noch überlegen, was du nächste Woche machst und vielleicht sogar so ein Social Media Content Planning.
Also ich habe da sehr viel Zeit und Energie drauf verwendet, habe aber auch gemerkt, dass das nichts war, was mich wirklich begeistert hat. Ich bin begeisterte Wissenschaftlerin, ich bin begeisterter Autorin, aber ich war nicht begeisterte Social Media Content Producerin.
Und das war für mich schwer, mich da wirklich mit zu beschäftigen. Und das hat mir Energie gezogen statt Energie gegeben. Und das habe ich im Laufe der Zeit wirklich auch gemerkt, dass ich frühs schwer rauskam und dann auch dachte, oh Gott, heute schon wieder diesen ganzen Zirkus.
Mit der Idee im Hinterkopf, dass ich mich wirklich jeden Tag auch drum kümmern muss, damit das überhaupt funktionieren kann. Und das hat so einen Druck aufgebaut, dass ich dann dachte, da habe ich gar keine Lust mehr drauf.
Und ich war dann auch schon irgendwie so tief drin. Man fängt ja dann an, investiert schon so viel Zeit und dann hat man das Gefühl, eigentlich will ich es gar nicht mehr weitermachen. Aber dann ist auf dieser anderen Seite schon dieses, aber ich habe ja schon so viel investiert und es dauert ja auch eine Weile, bis das so läuft. Jetzt kann ich ja nicht aufhören.
Also ich fand das sehr, sehr schwierig und umso schöner war es dann wirklich, als ich dann auch dein Buch gefunden habe, dass es auch ohne Social Media funktioniert, weil es eben auch mein Gefühl war, ja, es funktioniert auch ohne Social Media und es hat auch ohne Social Media bei mir funktioniert, weil die meisten Verkäufe habe ich nicht über das Twittern und das Liken und Instagram gehabt.
Social-Media-Ausstieg
[Alex] Da werden wir gleich auf jeden Fall noch intensiver drüber sprechen. Davor wollte ich noch fragen, gab es also nicht so einen bestimmten Auslöser?
Also ich habe manchmal hier Gäste im Podcast, die sagen, ja, mein Konto wurde gehackt und dann bin ich nicht mehr rangekommen und dann hat sich irgendwie alles so aufgebaut und ich habe verstanden, nee, ich will da einfach nicht mehr sein.
Also bei dir war es jetzt, wenn ich das richtig verstehe, einfach so eine Aneinanderreihung von, das ist nicht das Richtige für mich. Also so einen konkreten Auslöser gab es jetzt nicht unbedingt.
[Madlen] Also es war eine Aneinanderreihung von Dingen, die nicht zu mir passten, aber es war schon auch, ich sag mal, als es anfing, dass da Leute auch kritisch kommentiert haben und dann eben, also ich hatte jetzt keine Hate-Kommentare oder irgendwie, wie man das nennt.
Aber es war schon so, wo ich gemerkt habe, mehr und mehr muss ich mich da irgendwie auch verteidigen für Sachen oder ich muss irgendwie meine Arbeit oder mich irgendwie rechtfertigen, warum ich jetzt dieses Buch geschrieben habe.
Also ich habe das Gefühl gehabt, man präsentiert sich da so auf so einer Riesenfläche, wo man angreifbar ist von allen Seiten. Und das ist einerseits vielleicht schon auch was, was man selber lernen kann, dass man steht ein für sein Buch oder auch für seine Wissenschaft. Und das ist ja auch gut, wenn Leute Nachfragen haben.
Aber ich hatte so das Gefühl, diese Anonymität verleitet vielleicht viele Leute dazu, Kommentare zu schreiben, die sie so vielleicht nicht sagen würden, wenn man sie irgendwo persönlich treffen würde.
Und ich fühlte mich da oft auch, ja, wie so an den Pranger gestellt und so öffentlich zugänglich für jeden und alle, mir da einfach Kommentare um den Kopf zu hauen, ob das nun gerechtfertigt war oder nicht.
[Alex] Gerade bei deinem Thema, das ist ja jetzt nicht so ein hochpolitisches Thema wie irgendwas anderes. Also man liest ja zum Beispiel, dass so Leute, die sich mit Gender beschäftigen oder Rechtsextremismus, dass die häufig angefeindet werden. Aber Tiere in der Stadt, also haben die Menschen daran auszusetzen?
[Madlen] Ja, tatsächlich schon gab es auch einige Sachen. Also ich hatte Kontroversen im Sinne von, die Kaninchen in Frankfurt zum Beispiel wurden bejagt.
Und die wurden aber nicht durch mich bejagt, sondern durch die Stadt Frankfurt. Und es gab da schon auch Konfliktpotenzial mit diesem ganzen Thema. Also diese Bücher, die ich darüber geschrieben habe, da war nicht so sehr das Konfliktpotenzial, aber wirklich, als ich über meine Wissenschaft auch gesprochen habe, habe ich schon gemerkt, dass da von dem Konfliktpotenzial, das ich sowieso schon hatte während meiner Arbeit in Frankfurt mit den Tieren, da hat man so viele verschiedene Leute, die sich dafür interessieren.
Du hast die Jäger und Jägerinnen, du hast die Leute vom Grünflächenamt, die die Kaninchen weghaben wollten. Dann war ich diejenige, die gesagt haben, hey, Tiere sind doch toll in der Stadt, die sollen bleiben.
Und da hatte ich schon sehr viel mit Mediation zu tun. Und dann habe ich es sozusagen nochmal auf Twitter gehabt und da ging es dann nochmal los.
Und da konnte ich dann irgendwann, wo ich dachte, das ist jetzt, das wird mir jetzt irgendwie auch zu viel. Und ich habe auch das Gefühl gehabt, man verlor sich so in so Diskussionen, die irgendwann überhaupt nichts mehr mit dem Thema zu tun hatten. Und dann dachte ich so, jetzt muss ich aber trotzdem nochmal antworten, weil das macht man ja. Man antwortet ja immer.
Reaktion des Verlags auf den Social-Media-Ausstieg
[Alex] Dann hast du dich entschieden, da raus aus dem Zirkus, hast du es, glaube ich, in einer Mail bei mir formuliert, zu gehen. Wie hat denn dein Verlag darauf reagiert?
[Madlen] Also dadurch, dass ich denen von Anfang an auch gesagt habe, dass ich das erstmal nur ausprobieren will und nichts verspreche, war das jetzt, glaube ich, nicht so schlimm, dass ich da jetzt nicht volle Kanne reingegangen bin.
Ich glaube, es wäre schwieriger für sie gewesen, wenn ich am Anfang schon viel gemacht hätte und ein großes Social Media Following und dann einfach sage, ich gehe jetzt raus. Das war aber nicht bei mir der Fall.
Mir gegenüber hat sich da jetzt niemand negativ geäußert, aber ich glaube, sie hätten sich sicherlich schon gefreut, wenn ich mich da mehr engagiert hätte.
Aber was ich viel gemacht habe, war, ich war sehr viel auf Interviews, Podcast-Interviews, Fernseh- und Radio-Interviews und das, glaube ich, war dann so ein bisschen auch so ein Ausgleich für den Verlag, dass ich da sehr zur Verfügung stand und mir da wirklich auch die Zeit für genommen habe.
Wie geht Buchmarketing ohne Social Media?
[Alex] Du hast in der Mail geschrieben, meine Bücher haben sich trotzdem verkauft. Ich habe einfach andere für mich twittern, posten und liken lassen. Sehr spannend. Wie schafft man das?
[Madlen] Ja, im Prinzip genau, wie ich jetzt auch schon meinte, dass man das Following von anderen Leuten nutzt, indem man einfach sagt, hey, ich habe hier ein spannendes Produkt, ich habe ein Buch geschrieben oder ich habe ein cooles Thema, über das ich sprechen will.
Und dann recherchiert man, wer hat dann da einen Podcast drüber oder wer hat dann da irgendwie einen Social-Media-Kanal oder einen YouTube-Kanal oder irgendwie so und dann kontaktiert man die Leute und die freuen sich ja auch, weil sie ja auch produzieren müssen. Die besuchen ja auch immer wieder Leute, die was Spannendes zu erzählen haben und wenn man dann schon auch an sie herantritt und sagt, guck mal, ich habe hier ein cooles Buch.
Zum Beispiel mein letztes, mein zweites Buch war „Die unglaubliche Kraft der Natur – wie Stress Tieren und Pflanzen den Weg weist“.
Also ich habe geguckt, Und wer hat dann irgendwas mit dem Thema Stress zu tun, mit Work-Life-Balance, egal ob nun mit Tier oder nicht. Und dann habe ich die Leute angeschrieben und habe gemeint, hier, ich würde gerne, also können wir einen Podcast oder ein Interview machen.
Und die meisten von denen haben dann eben auch Social-Media-Kanäle, über die sie ja dann die Folgen teilen. Und darüber verbreitet sich das Ganze natürlich.
Und ich mache nur einmal das Interview. Ich habe dann sonst nichts damit mehr mit zu tun, aber es ist dann trotzdem online, ohne dass ich mich darum kümmern muss. Und das ist natürlich eine elegante Möglichkeit, dann doch Social-Media-Vorteile indirekt zu nutzen, ohne dass man sich selber damit auseinandersetzen muss.
Und am Ende hat jeder was davon – win-win. Und genau, da habe ich mich sehr darauf konzentriert, zu gucken, wo passt mein Thema hin, mit wem kann ich drüber sprechen, wer hat dann schon auch einen großen Kanal.
Und gerade mit dem Thema Bücher, da finde ich, ist gleich das, was sich am meisten für mich gelohnt hat, wirklich auch Bücher zu verschenken, zu verschicken an Leute, wo ich denke, denen könnte das Buch gefallen, die würden das weiterempfehlen, auch Leute, die größere Reichweiten haben.
Und ich hatte natürlich schon auch einen sehr konfrontablen Start durch meinen Verlag, weil die eben sehr viele Kontakte hergestellt haben zu Interviewpartnern, also ich war zum Beispiel im Mittagsmagazin, beim ZDF oder beim RBB zibb. Da wurde eine Homestory über mich gemacht, da habe ich überhaupt nichts für zugetan das kam alles zu mir, weil der Verlag sich da schon auch sehr drum gekümmert hat und ich glaube, das lag eben auch daran das war vor allen Dingen für mein erstes Buch, weil ich auf so einer Themenwelle mitgeritten bin.
Da war damals sehr dieser Peter Wohlleben bekannt, vielleicht viele kennen ihn von deinen Zuhörenden, der zum Thema Bäume geschrieben hat.
Und ich bin mit meinem ersten Buch „Kein Schweigen im Walde“ so auf dieser Welle mitgeritten und konnte da sehr, sehr viel auch an Aufmerksamkeit mitnehmen, weil es gerade so spannend war.
[Alex] Da steckte ja jetzt so viel drin und ich würde das mal so ein bisschen aufdröseln.
Also zum einen, das Erste, was du beschrieben hast, das ist ja das, was, ich weiß nicht, ob du den kennst, das ist so ein Marketingpapst quasi, Seth Godin, der spricht so vom Mona-Lisa-Effekt, den ich auch sehr gerne zitiere, weil ich den sehr spannend finde.
Also er meinte, dass Mona Lisa eigentlich überall auf Social Media ist, aber sie hat halt keinen Twitter-Account. Sie twittert nicht, weil sie halt eine Ikone ist. Das bedeutet, wenn man ein Thema hat, und das hast du ja auch gerade gesagt, das irgendwie spannend gerade ist, reden halt Menschen drüber auf Social Media.
Und man muss noch nicht mal unbedingt einen Account haben, man muss noch nicht mal sich jeden Tag überlegen, was man da postet. Wenn man einfach etwas zu sagen hat, ein wichtiges Thema, vielleicht gerade auf so einer Welle surft, kann es einfach sein, dass andere Menschen auf Social Media einem diese Arbeit quasi abnehmen.
Das finde ich immer wieder spannend. Also das bestätigt sich immer wieder, wenn ich mit Menschen rede. Insofern überrascht mich das erstmal gar nicht, sondern finde ich total passend.
Das zweite, was du gesagt hast: Du hast dann stattdessen … was so am besten für dich funktioniert hat … auf Podcast-Interviews und andere Interviews gesetzt. Da hast du gesagt der Verlag hatte einiges übernommen und hat die Kontakte hergestellt. Hast du vielleicht auch irgendwas gemacht, wo du vielleicht den Zuhörenden Tipps geben könntest, wie man dann an sowas rankommt.
[Madlen] Ja, also genau, am Anfang kam schon sehr viel über den Verlag zu mir, aber ich habe auch während meiner wissenschaftlichen Arbeit viel versucht, mit Leuten in der Presse in Kontakt zu kommen.
Also wir haben zum Beispiel Pressemitteilungen für die wissenschaftlichen Artikel verfasst, die ich geschrieben habe, weil ich dachte, das würde glaube ich viele Leute interessieren. Also ich habe geguckt, wer sitzt dann da an diesen Verteilerpositionen in Sachen Presse?
Also da muss man ein bisschen recherchieren, aber wenn man eben jetzt sein Buch zum Beispiel geschrieben hat und es hat ein bestimmtes Thema oder es hat eine bestimmte Botschaft, zu gucken, in welchem Bereich wäre das wichtig? Wen würde das interessieren?
Also ich glaube, es geht immer wieder um diese Zielgruppe und das ist so der Unterschied zwischen Social Media und diesem direkten Marketing, finde ich. In Social Media habe ich das Gefühl, man schießt einfach irgendwo hin und wer da vorbeikommt, der interessiert sich vielleicht dafür oder eben nicht.
Und wenn man es aber selber in die Hand nimmt, sagt, okay, ich überlege mir ganz genau, worum geht es in meinem Buch, was ist die Botschaft und wer könnte davon einen Nutzen ziehen? Und dann sucht man genau diese Leute und schiebt dann sozusagen sein Buch dann da auch den Leuten das direkt unter die Nase, indem man zum Beispiel guckt, gibt es bestimmte Magazine? Also ich habe dann damals alles im Bereich Naturwissenschaft, also Naturerlebnis, Naturgeo oder sowas geguckt. Da gibt es Artikel über Stress.
Ich habe Artikel geschrieben zum Thema Stress aus Sicht der Natur und habe dann den Verleger angeschrieben. Man hat gemeint, hier, das könnte auch interessant sein für euch. Also, dass man da einfach recherchiert, das, was man zu sagen hat, wo könnte das am besten hinpassen, wen könnte das interessieren und dann die Leute direkt versuchen anzuschreiben und da auch dran zu bleiben und das immer wieder auch zu pushen und wirklich zu gucken, wie kann man sich da reinwuseln.
Ich habe schon das Gefühl gehabt, diese ganzen Pressegeschichten, Journalistinnen, Journalisten, das ist auch so eine Welt für sich und wenn man da von außen versucht reinzukommen, ist es manchmal ein bisschen schwierig, aber wenn man erstmal drin ist und die Leute einen kennen und die wissen, ach, das ist die Expertin für Verhaltensbiologie oder die weiß über Kaninchen Bescheid.
Ich habe heute immer noch jemanden, die kommt immer und immer wieder zu mir. Das ist von einem Kinderpodcast beim Kakadu. Heißt ja Kakadu Kinderpodcast. Wenn die Kinder Fragen haben zum Thema Biologie, ruft sie mich an und dann machen wir eine kurze Aufnahme. Weil sie weiß, sie kann mich anrufen. Ich bin erreichbar. Ich kann irgendwie das so formulieren, dass das auch für Kinder schön ist. Also man muss da auch ein bisschen an seinen Kommunikationsskills dann arbeiten. Aber wenn man einmal drin ist und einmal als Expertin oder Experte für eine Sache bekannt ist, dann ist das im Prinzip dann schon so ein Selbstläufer.
Wie gehst du mit Absagen um?
[Alex] Wie gingst du denn mit Absagen oder Herausforderungen um? Also ich kann mir vorstellen, dass man ja nicht immer ein Ja kriegt und dass es vielleicht ein bisschen demotivierend sein kann. Was hast du da gemacht?
[Madlen] Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man selbst an sich und seine Arbeit glaubt oder in dem Fall ans eigene Buch.
Also zu wissen, man hat da ein gutes Produkt oder es ist was, was wichtig ist. Bei mir war es eben auch meine Forschung. Ich hatte das Gefühl, das ist was, was viele Leute interessiert, was auch wichtig ist, dass man darüber spricht.
Und wenn man das so hat, dann geht man ja auch ganz anders in so ein Gespräch rein, weil man genau weiß, hey, ich habe hier was Tolles. Ich komme hier nicht einfach nur, weil ich gerne berühmt werden möchte, sondern ich habe wirklich was zu sagen.
Und ich glaube, damit fängt es an. Und wenn man das für sich klar hat, was ist die eigene Botschaft für das eigene Buch, je nachdem, worum es dann da auch geht, und zu sagen, hey, das ist wichtig. Ich möchte das gerne kommunizieren, weil das ist eine Botschaft, die ist wichtig. Die wird viele Leute interessieren und es wird vielen Leuten helfen. Und dann mit dieser Klarheit, mit dieser Präsenz auch in so ein Gespräch reinzugehen.
Sicher wird man dann trotzdem noch auch Absagen kriegen können, aber dann ist für mich immer so, im Englischen gibt es diesen Spruch „Rejection is Redirection“.
Also das heißt im Prinzip, wenn du abgelehnt wirst, dann ist das einfach nur für dich der Hinweis, du musst woanders gucken. Und das hat sich für mich immer und immer wieder auch bewahrheitet, dass wenn ich mal abgelehnt wurde, dann war das für mich auch vielleicht gar nicht so das richtige Setup, Sondern ich habe dann einfach woanders geschaut. Und da einfach so dieses Vertrauen auch zu haben, dass man da schon die richtigen Leute auch findet. Vielleicht jetzt nicht gleich beim ersten oder zweiten Versuch, aber einfach dran zu bleiben. Und ich glaube, deswegen ist es auch umso wichtiger, dass man für sich ein Thema findet, wie jetzt zum Beispiel auch mit dir.
Also man merkt dir einfach an, das liegt dir am Herzen, das ist wichtig, das ist eine Botschaft, die du vermitteln möchtest. Dass man da wirklich das für sich findet, was einen so begeistert und brennen lässt, dass man erstens auch gut drin wird.
Also du recherchierst, du findest Informationen, du schreibst ein Buch darüber und dann bist du wirklich ja automatisch schon ein Experte oder eine Expertin für dieses Themengebiet. Und da kann dir auch keiner dann irgendwas vom Pferd erzählen, du weißt ganz genau, worum es geht und hebst dich dann vielleicht auch einfach mal, ich sag mal, ab von anderen Leuten, die sich damit beschäftigen, weil du da so für brennst und das merken ja dann auch die Leute, mit denen du drüber sprichst.
Die sagen, ach guck mal, da ist jemand, der oder die hat sich da wirklich intensiv mit dem Thema beschäftigt, die laden wir jetzt mal ein zum Interview.
Ich muss auch sagen, also ich glaube, ich habe es schon auch leicht gehabt, einfach weil ich als Wissenschaftlerin mich ja schon immer mit Biologie beschäftige und durch meine Promotion dann auch diese Büchergeschichte reingekommen bin.
Also es ist nicht so, dass mich da einarbeiten musste zum Thema, sondern ich habe einfach nur aufgeschrieben, was ich eh schon wusste. Und da dann auch als Wissenschaftlerin, ich sag mal, diesen akademischen Hintergrund mit reinzubringen, sodass die Leute sagen, ah ja, sie hat ein Buch geschrieben, aber sie ist ja auch Wissenschaftlerin. Das hat schon geholfen, aber es heißt nicht, dass das immer so sein muss.
Also ich glaube, es gibt so viele Beispiele für Autorinnen und Autoren, die aus einem ganz anderen Fachbereich kommen. Und dann haben sie aber trotzdem ein tolles Buch geschrieben, weil sie sich für ein Thema interessiert haben und sind dann auch Experte drin geworden und werden regelmäßig eingeladen, ohne dass sie dieses Thema studiert haben. Also davon sollte man sich, glaube ich, nicht abhalten lassen.
[Alex] Und was ich so ein bisschen in so einem Nebensatz rausgehört habe: Es ist wichtig, quasi nicht so auf Leute zuzugehen und zu sagen, hey, ich habe ein Buch geschrieben, sondern mit konkreten Themen und Botschaften und Positionen einfach an die Rand zu gehen.
Und das Buch kommt dann wahrscheinlich nebenbei einfach zur Sprache, so wie du jetzt auch quasi nebenbei über deine Bücher erzählst. Aber das Spannende ist ja jetzt für diesen Podcast zum Beispiel, wie du ohne Social Media Buchmarketing machst.
Ich glaube, das muss man so herausarbeiten, wenn man an andere Menschen rantritt. Also was könnte die Botschaft, das spannende Thema sein und nicht unbedingt dann das Buch, das ich geschrieben habe, das kommt dann eher so nebenbei vermutlich.
[Madlen] Genau, das Buch ist ja an sich nur das Produkt. Aber die Frage ist ja, was kann dieses Produkt für dich? Wenn du dieses Buch liest, was passiert dann da mit dir? Lernst du irgendwas Neues? Und wenn die Leute an diesem Thema nicht interessiert sind, dann kommt man da auch nicht mit weiter.
Deswegen ist es umso wichtiger für einen selber zu wissen, was ist die Botschaft, was kann dieses Produkt und immer auch am Ende den Kunden oder die Kundin auch im Kopf zu behalten, weil letztendlich ist ja Marketing nichts anderes als zu überlegen, was gibt es für ein Problem und wie kann ich das Ganze lösen.
Ob das nun über ein Buch ist oder ein anderes Produkt, aber auch wenn man selber an einen Journalisten oder Journalistin herantritt und sagt, hey, ich habe ein spannendes Thema, das ist gerade hochaktuell und ich habe hier einen Aspekt mir angeschaut, den hat bisher noch kein anderer sich angeguckt, also in meinem Fall zum Beispiel beim Thema Stress.
Stress, gibt es schon tausend Artikel drüber, wurden schon zigtausend Bücher drüber geschrieben, aber ich habe mir Stress aus Sicht der Natur angeguckt und aus Sicht der Evolutionsbiologie.
Und das zu sagen, hey, das ist neu, das hat man sich so noch nicht angeguckt. Und was können wir denn aus Stress lernen, wenn wir gucken, wie Tiere und Pflanzen damit umgehen? Und dann hat das einen komplett neuen Spin.
Und da zu gucken, was ist dann so einzigartig an meinem Buch und an meiner Geschichte, was so noch nicht erzählt wurde und was auch nur ich so erzählen kann. Und dann wird es einzigartig, dann wird es interessant für Leute, die darüber berichten wollen. Sei es jetzt in einem Interview oder in einem Artikel oder in einem Fernsehbericht oder wie auch immer.
Bücher verschenken
[Alex] Was du vorhin auch erwähnt hast, ist, dass du Bücher verschenkt hast und dass das für dich ja ganz gut funktioniert hat. Kannst du da nochmal ein bisschen mehr drüber erzählen? An wen genau hast du das verschenkt und wie hat sich das dann so weiterentwickelt?
[Madlen] Genau, da würde ich gerne ein bisschen ausholen, weil die Idee kam jetzt nicht von mir, sondern von einem Bekannten von mir. Das ist der Tim Grawl. Tim Grawl ist der CEO of StoryGrid und das ist eine amerikanische Firma, die zum Thema Buchschreiben sich extrem positioniert hat.
Kann ich auch allen sehr empfehlen, ohne jetzt Werbung machen zu wollen. Aber der Tim hat gesagt... Der ist sehr, sehr viele Jahre schon auch im Buchmarketing vorhanden. Also er kennt auch alle Aspekte sozusagen und er hat gesagt, wenn Bücher zum Beispiel gehackt wurden, also ein E-Book wurde plötzlich geteilt, ohne dass man dafür bezahlt hat, dann hat man gesehen, dass innerhalb von wenigen Wochen das Ganze zu einem Bestseller wurde.
Das heißt, die Leute haben zufällig dieses Buch gelesen, fanden es toll und haben es weiterempfohlen. Und auch wenn es am Anfang vielleicht erstmal kostenlos war und der Autor dafür nichts verdient hat, wenn das Buch gut ist, dann wird es über Mund-zu-Mund-Propaganda sich weiterentwickeln und dann wird man auch sehen, hey, da kommt dann die Käufe, die Leute kaufen das Buch.
Und das fand ich sehr, sehr interessant, weil ich hatte irgendwie immer so im Kopf, okay, wenn mein Buch nicht innerhalb der ersten zwei, drei Wochen, weiß ich, zigtausendmal gekauft wird, dann ist es kein Bestseller und dann ist es schlecht.
Stimmt nicht. Das hat auch was damit mit Marketing zu tun, klar. Aber es gibt ja natürlich auch Longseller-Bücher, viele Bücher, die erst nach Jahren wirklich bekannt wurden, weil sich über Mund-zu-Mund-Propaganda das sozusagen weiter, gesagt haben.
Und deshalb habe ich gedacht, okay, wenn ich anfange, Bücher zu verschenken, so wie der Tim das auch sagt, gucke ich doch mal, was passiert und da habe ich wirklich gemerkt, dass ich zum Beispiel, wenn ich bei einem Geburtstag eingeladen war und bei Freunden oder ich habe erstmal mit Freunden und Verwandten angefangen, die haben das Buch gesehen und haben, ach ja, das ist ja spannend, ach, da kaufe ich gleich noch eins für meine Tante.
Ja, das ist ganz oft passiert. Und auch, dass ich dann eine E-Mail bekommen habe von jemandem und sagt, ach Mensch, das Buch habe ich gelesen, das ist toll, das empfehle ich jetzt jemandem anderen weiter, weil das Thema hat mir geholfen und ich glaube, der Person würde das auch helfen.
Das funktioniert aber nur, wenn das wirklich ein gutes, gutes Buch ist, weil nur dann empfiehlt man die Sachen weiter. Und deshalb ist meine Empfehlung auch, also ich glaube, nicht so viel Fokus auf dieses ganze Marketing zu setzen und wie kann ich meine Bücher so toll verkaufen, sondern am Anfang steht erst mal die Frage, okay, warum will ich dann überhaupt ein Buch schreiben? Was ist meine Motivation dahinter? Und was ist auch die Botschaft dahinter?
Und dann sich wirklich darauf zu fokussieren, dass dieses Buch die beste Version von diesem Buch werden kann, die man selber produzieren kann. Und das kann man eben, indem man selber lernt über Schreiben.
Also Schreiben ist ja im Prinzip auch etwas, was man lernen kann. Ich dachte früher immer, entweder man kann schreiben oder man kann nicht, aber es ist definitiv etwas, was man lernen kann. Und sich damit zu beschäftigen und wirklich zu gucken, wie kann ich mein Buch so gut wie möglich schreiben für den Leser, dass der durchliest und denkt, toll, toll, spannend und ich habe auch was gelernt. Oder es hat irgendwas in mir verändert. Weil solche Bücher überdauern dann wirklich auch die Zeit und werden sich von alleine verbreiten.
Ich glaube nicht, dass man dafür Social Media braucht, um dieses Buch dann zu vermarkten, sondern einfach eine Ausdauer zu haben und zu sagen, okay, immer wenn ich irgendwo hingehe, nehme ich ein Buch mit, unterschreibe das und sage, hey, guck mal, ich habe ein Buch geschrieben zum Thema Stress, ich glaube, das könnte dir helfen und dann gebe ich es einfach weiter.
Klar ist das erstmal am Anfang eine Investition, man verschenkt ja, man hat sozusagen Kosten, aber ich glaube, auf lange Sicht wird sich das dann tatsächlich auch auszahlen.
[Alex] Kann man das doch so an, also du hast jetzt nur so von privaten Schenkungen quasi gesprochen, das kann man ja auch dann professionalisieren quasi und dann andere Leute verschenken, die vielleicht einen Podcast haben oder was auch immer.
[Madlen] Genau, genau, also das war jetzt nur als Beispiel, ich habe mit meinem Netzwerk angefangen, alle Leute, die ich kannte, von denen ich das Gefühl habe, das könnte die interessieren, da habe ich es erstmal hin verschenkt und dann habe ich aber auch geguckt, wem könnte ich das schenken, der auch einen Einfluss darauf hat, der das zum Beispiel dann twittert, weil er es gelesen hat und toll findet zu dem Thema.
Und da habe ich auch eben, wie vorhin gesagt, ich habe recherchiert, wo könnte ich es hinschicken? Wen könnte das interessieren? Ich habe eine nette E-Mail oder einen netten Brief formuliert und das auch handschriftlich und dann das Buch eingepackt und verschickt. Oder wenn ich irgendwo auf Vorträgen war oder auf Veranstaltungen, ich hatte immer 10, 15 Bücher in der Tasche.
Science Slams und Fame Labs als Instrument fürs Buchmarketing
[Alex] Du nutzt auch eine Strategie, die ich selbst bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatte, aber ich bin auch nicht als Wissenschaftlerin tätig und zwar Science Slams und Fame Labs.
Kannst du vielleicht erstmal für die Leute, die nicht wissen, was das ist, erklären, was das ist und was sie so effektiv macht fürs Buchmarketing oder für Buchverkäufe?
[Madlen] Ja, genau. Science Slams, ich weiß gar nicht genau, wo es ursprünglich herkommt. Das Fame Lab ist auf jeden Fall aus England, aber letztlich geht es darum, dass da einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Bühne stehen.
Die haben zehn Minuten Zeit, um ihre Wissenschaft zu präsentieren, auf eine lustig unterhaltsame Art und Weise. Und die treten sozusagen gegeneinander an. Und genau, der, der es am besten gemacht hat, gewinnt am Ende.
Viele kennen ja Poetry Slams. Das ist im Prinzip, ja, der kleine Bruder davon, nur mit der Wissenschaft.
Und ich fand das sehr, sehr produktiv auch in Sache. Es hat gut funktioniert für die Buchproduktion oder fürs Buchmarketing, weil die Leute mich als erstes auch gesehen haben.
Die haben mich auf der Bühne erlebt und die haben auch gesehen, ich habe über mein Thema gesprochen mit den Kaninchen. und mein Buch geht ja auch darüber. Sie haben sozusagen so ein Häppchen präsentiert bekommen und je nachdem, wie groß so ein Science Slam ist, also es können bis zu 500, 700 Leute da sein, haben sozusagen in 10 Minuten habe ich 700 Leute erreicht, habe mein Buch hochgehalten und habe gesagt, hey, das bin ich und darum geht es hier.
Und ich hatte danach immer Leute, die zu mir kamen, die ein Buch kaufen wollten, die die Möglichkeit genutzt haben, mich noch darüber zu unterhalten und mir Fragen zu stellen, dass ich das Buch signieren konnte.
Das ist aber natürlich was, ja, wie gesagt, man muss da irgendwie wissenschaftlich einen Hintergrund für haben. Aber letztendlich kann man das ja mit verschiedenen Veranstaltungen machen. Dass man wirklich guckt, okay, wo kann ich auftreten zu einem bestimmten Thema, wo Leute sind, die sich dafür interessieren.
Weil ich wusste, da sind Leute, die interessieren sich für Wissenschaft, die interessieren sich für unterhaltsame Wissenschaft. Ich hatte mein Buch, ich hatte meinen Vortrag und ich habe denen genau das gegeben, was sie haben wollten.
[Alex] Das kann ich übrigens total bestätigen. Ich war neulich auf einem Science Slam das erste Mal. Irgendwie bin ich die ganze Zeit nicht dazu gekommen.
Und das war nicht nur einer der unterhaltsamsten Abende ever, sondern man hat echt auch angefangen, die Leute zu googeln. Und die haben sich dann eben in der Pause dann auch irgendwie aufgestellt. Man konnte sie Dinge fragen und man hat sofort irgendwie Zugang zu ihrem Thema und auch ihrer Person gefunden. Also total genial.
Aber wie bist du denn da rangekommen, also dass du da auftreten durftest? Muss man sich da bewerben?
[Madlen] Also es ist ja schon ein paar Jahre her, als ich damit angefangen habe. Ich glaube 2014 oder so war ich das erste Mal bei einem Science Slam.
Ja, es läuft schon ein paar Jahre. Und selbst da lief es schon einige Jahre. Also als ich auf dem Science Slam das erste Mal war, wusste ich gar nicht, was ein Science Slam ist. Ich habe auch da ein bisschen unterm Stein gelebt und das nicht so mitgekriegt, was da passiert.
Ich habe einfach mich beworben. Also es lief ein bisschen anders. Ich hatte damals bei meiner Pressestelle an der Uni Frankfurt angefragt, weil ich gerne ein Kinderbuch schreiben wollte zu dem Thema Wildtiere in der Stadt. Und dann meinten die Leute dort, fang doch erstmal mit einem Science Slam an.
Dann hast du schon mal so eine Überlegung, wie kann man dann deine Wissenschaft auch so allgemein verständlich und unterhaltsam aufarbeiten. Mach das doch erstmal.
Und dann habe ich das recherchiert. Und dann habe ich auch ganz zufällig noch einen letzten Platz in Berlin damals bekommen, im Lido. Das war ein relativ großes, ein großer Veranstaltungsort auch. Wusste nicht mal, was ein Science Slam ist, hatte noch zwei Wochen Zeit, mich darauf vorzubereiten.
Davon habe ich eine Woche prokrastiniert und dann habe ich gedacht, okay, jetzt musst du dir nochmal irgendwas überlegen.
Genau, also es ging aber ganz unkompliziert. Das Schöne ist ja, dass die Leute wirklich auch, also die Veranstalter auch Leute suchen. So viele Wissenschaftler gibt es da jetzt, glaube ich, auch nicht, die sich da auf die Bühne stellen wollen. Und das zu präsentieren, aber ich hatte da keine Probleme und als ich dann auch dort meinen Auftritt hatte, war das eben auch der Moment, wo ich von einer Berliner Agentur entdeckt wurde oder die haben sich gedacht, ach, das Thema mit den Wildkaninchen in der Stadt und auch wie die miteinander kommunizieren, das ist ja spannend, da könnte man noch ein Buch drüber schreiben und so bin ich überhaupt erst zu einem Buch gekommen.
Die Rolle der Positionierung im Marketing
[Alex] Ja, jetzt bei all dem, was du jetzt erzählst, merke ich immer wieder, wie wichtig eigentlich so eine glasklare Positionierung ist.
Also deine Positionierung als Verhaltensbiologin, du hast jetzt bestimmt 30 Mal von Kaninchen gesprochen. Also das sind konkrete Dinge, die du machst und die du kommunizierst.
Würdest du auch sagen, dass das eine große Rolle spielt, dass Buchmarketing auch ohne Social Media oder auch mit Social Media überhaupt erfolgreich sein kann?
[Madlen] Ja, ich glaube, das ist der erste Punkt, der einem wirklich auch klar sein muss. Wo positioniert man sich dann auch selber? Wo will man dann hin mit seinen ganzen Sachen? Was hat man da zu sagen? Was ist einem wichtig?
Weil jetzt kommen Leute dann auch mit Fragen auf einen zu, gerade wenn man im Interview ist und wenn man dann anfängt so zu straucheln und man weiß eigentlich gar nicht, was man dazu sagen möchte oder was die eigene Position zu einem bestimmten Thema ist, dann kann das auch für einen selber dann auch nicht mehr so ein schönes Erlebnis sein.
Ich habe immer gerne Interviews gegeben, weil ich einfach gerne über das Thema Stadttiere oder Tiere in der Stadt spreche, weil mich das begeistert. Und ich mich da auch sicher fühle, weil ich da alle Aspekte irgendwie mir angeguckt habe. Und ich glaube, um langfristig mit seinen Büchern erfolgreich zu sein oder auch mit dem, was man machen macht, macht es wirklich Sinn, für sich zu überlegen, was sind denn meine Werte? Wofür stehe ich ein? Was ist mir wichtig, an Dingen hinaus zu kommunizieren? Und ich glaube, damit fängt es auch an, wenn man ein Buch schreiben möchte.
Was ist die Botschaft meines Buches? Warum möchte ich dieses Buch schreiben? Und es gibt genügend Leute, die sagen, ich will einfach nur ein Buch schreiben, um vielleicht Autorin zu sein. Völlig legitim, kann man machen.
Aber es gibt, glaube ich, eben auch diese andere Seite zu sagen, okay, wenn ich jetzt schon mal ein Buch in meinem Leben schreibe, was soll der Aspekt dahinter sein? Und mir war es immer wichtig, den Menschen zu zeigen, zum Beispiel beim ersten Buch, dass alles in der Natur kommuniziert. Ich wurde immer gefragt, aber wie Bäume kommunizieren miteinander oder Pflanzen? Ich meine, so ein Hund bellt und eine Katze miaut, aber ein Baum steht doch da nur dumm rum. Und das hat mich irgendwie nicht geärgert, aber ich dachte mir so, nee, die Natur ist so viel mehr, als die meisten Leute wissen.
Und ich als Wissenschaftlerin beschäftige mich damit jeden Tag und ich möchte das gerne den Leuten zeigen, was da alles funktioniert, was da alles passiert im Erdreich, wie die alle miteinander kommunizieren über chemische Duftstoffe und das war meine Motivation zu sagen, hey, ich schreibe da ein Buch drüber, um allen Leuten zu zeigen, wie toll die Natur ist und das ist immer wieder meine Motivation, mein Wissen, was ich in den Jahren aufgearbeitet habe und mir erarbeitet habe, zu sagen, hey, ich versuche das so zu kommunizieren, dass das viele Leute verstehen und dass ich da viele Leute für begeistern kann, für die Natur, für Tiere, für Pflanzen.
Und vielleicht sagt der ein oder andere auch, wow, ich engagiere mich vielleicht mehr im Tierschutz jetzt oder irgendwie ich pflanze einen Baum oder keine Ahnung, gehe anders mit der Natur um. Das war immer meine Motivation. Und das ist so mein Motor auch, darüber zu sprechen und noch weitere Bücher auch zu schreiben. Und ich glaube, das kann wirklich einem auch helfen, für sich selber zu sehen: Wo will ich denn hin in meinem Leben? Was ist mir denn wichtig? Was möchte ich dann erschaffen?
Also ich glaube, da geht es um viel mehr als nur um die eigenen Bücher zu verkaufen, sondern auch die Frage, wer bin ich? Was möchte ich in dieser Welt vielleicht auch verändern? Was ist mir wichtig? Was sind meine Werte? Wie entscheide ich?
Und ich finde, das Thema Werte war von Anfang an für mich auch dieser Hintergrund, dass ich mit Social Media gar nicht so viel zu tun haben wollte, weil das nicht meinen Werten entsprach. Diese schnelle Kommunikation, dieses Anonyme, diese, ja, ich weiß nicht, für mich war das irgendwie immer so dieses Gehetztsein.
Es hat mich mehr von der Natur weggebracht, weil ich die ganze Zeit vom Computer saß, als dass ich mit der Natur mich verbunden hatte. Und das waren für mich einfach gegensätzliche Werte, die nicht zusammenkamen. Ich glaube, darüber kann jeder sehr für sich auch sein eigenes Leben planen und zu überlegen, wenn ich Bücher schreiben möchte, worum soll es dann da gehen? Und einen tieferen Sinn zu haben und auch eine tiefere Botschaft für alle Menschen da draußen. Und dann wird sich auch das entsprechende Publikum finden.
[Alex] Also auf ganz, ganz vielen Ebenen ist die eigene Positionierung, die eigene Botschaft super wichtig. Als Motivation, als Motor, als Pitch, als Kommunikationsbrücke. Also man sollte sich bewusst machen, worüber geht es eigentlich im Buch? Was ist für ein Thema mir wichtig? Was möchte ich nach außen tragen?
[Madlen] Ja, und ich glaube, wir merken das ja selber auch. Wir merken, wenn wir mit jemandem sprechen, der für etwas brennt, dem etwas wichtig ist, dem hören wir zu, weil wir denken, wow, da hat jemand was zu sagen.
Oder wir merken, ja, ich habe das jetzt mal geschrieben, weil ich möchte gerne Autorin werden und berühmt werden. Wie gesagt, das ist alles legitim. Ich möchte es nicht in Schatten stellen und auch nicht verurteilen. Aber ich glaube, da kommt eine andere Verbindung rüber, wenn man merkt, dass da wirklich jemand ist, der etwas sagen möchte, der sich ausdrücken möchte und, von Herzen auch etwas teilen möchte.
[Alex] Hast du es jemals bereut, nicht mehr auf Social Media zu sein?
[Madlen] Auf keinen Fall. Also ich muss zugeben, ich habe einen YouTube-Kanal, aber das ist für mich kein Social Media. Das ist für mich mehr wie eine Art Suchmaschine, weil ich nutze selber auch YouTube viel, um Videos anzuschauen zu bestimmten Themen. Ich bin da auch sehr so ein visueller Typ.
Ich mag auch gerne Videos drehen und da auch was zu machen. Und ich hatte ja damals auch meinen Podcast „Die Sendung mit der Ziege“ angefangen. Das war auch ein Videocast, darüber bin ich auch durch YouTube eingestiegen und das war für mich aber okay.
Ich hatte da nicht das Gefühl, das ist Social Media, wo ich ständig liken, twitten und wie auch immer muss, sondern da habe ich mir überlegt, okay, einmal im Monat mache ich ein Video ohne Stress, was bei rauskommt, kommt bei raus und wenn nicht, ist auch okay und ich habe, was ich sagen wollte, einfach auch irgendwo da draußen. Und das ist das Einzige, womit ich klarkomme, aber alles andere habe ich für mich völlig abgewählt und brauche es auch nicht mehr.
[Alex] Das heißt, du hast immer noch deinen YouTube-Kanal, wo du auch Videos veröffentlicht.
[Madlen] Genau, ich habe noch meinen YouTube-Kanal, da geht es aber vor allen Dingen jetzt also auch um meine Bücher, aber ich arbeite nebenher auch im Bereich Naturheilpraxis, also da geht es um spirituelle Ökologie, also zum Beispiel auch die Frage, wie indigene Völker mit der Natur umgehen und dieser Podcast oder dieser YouTube-Kanal hat vor allen Dingen den Fokus eher darauf, auf diese Themen auch, also schon größer eingebettet ins Thema Natur und Biologie, aber auch die Frage, wie Wissenschaft und sowas wie zum Beispiel das Thema Manifestation und auch wie wir selber mit unseren Gedanken unsere Realität erschaffen.
Also ich mag da gerne diese Brücke zu schlagen zwischen der Wissenschaft und auch dem, was wir vielleicht jetzt nicht als Esoterik bezeichnen, aber zum Beispiel indigene Völker. Wie gehen die mit der Natur um? Sowas interessiert mich auch sehr.
Tipps für Autor*innen ohne Social Media
[Alex] Und letzte Frage: Welche Tipps hättest du denn für Autor*innen, die ebenfalls keine Lust auf Social Media haben, die überlegen, ob sie damit anfangen oder ob sie damit aufhören, was würdest du denen sagen?
[Madlen] Ja, also ich glaube, die eigene Intuition ist da ganz wichtig, das innere Gefühl und sich da wirklich auch nochmal für sich vielleicht die Ruhe zu nehmen und eine Liste aufzuschreiben, warum hat man das Gefühl, man muss es machen und warum möchte man es nicht machen. Ich finde, es fängt auch immer alles damit an, sich zu informieren und wirklich erstmal über ein Thema auch etwas zu wissen.
Und ich finde es schön in deinem Buch, wie du es auch beschrieben hast, am Anfang dieses, du kannst es selber aussuchen, du musst jetzt nicht sagen, ich sage dir, du darfst es auf keinen Fall machen oder sollst es nicht machen, weil es ist nicht gut, sondern erstmal auszuprobieren und zu gucken, wie fühlt es sich an.
Oder man macht nur einen Social-Media-Kanal, dem einen irgendwie gut gefällt, der zu einem passt. Also ich glaube, das Ausprobieren ist wichtig, aber auch an dem Punkt zu sagen, hey, das ist nichts für mich und man muss sich dann nicht da durchprügeln, weil alle anderen sagen, das musst du jetzt aber machen, sondern auf die eigene Intuition zu hören.
Und wenn es jetzt speziell auch um das Thema Bücher geht und zu sagen, hey, ich möchte Bücher über Social Media promoten, dann finde ich, ist der Fokus erstmal ganz wichtig auf die Qualität des eigenen Produktes, also auf die Qualität des Buches zu legen.
Ist das Buch super? Ich glaube, dann braucht man sich da nicht so viel Gedanken drum zu machen, dann findet es schon seinen Weg. Dann wird es über Mund-zu-Mund-Propaganda sich weitergeben und wenn man dann vielleicht ein bisschen was mit Social Media machen will, ist das völlig okay, aber da zu sagen, okay, ab einem gewissen Punkt, wenn mir das nicht mehr gut tut, dann höre ich auch auf.
Ich muss das nicht. Ich glaube, das ist die wichtigste Botschaft. Man braucht es nicht. Man braucht es nicht. Und es wird auch aus meiner Sicht überbewertet, wenn man mal guckt, wie hoch da wirklich auch die Rate ist von den Leuten, die diesen Post sich angucken, Und dann draufklicken und dein Buch kaufen. Im Vergleich zu der Zeit, die du da aufwendest, um diesen Post zu erstellen, um dir zu überlegen, was da inhaltlich alles rein muss, hatte ich so das Gefühl. Ist das Verhältnis völlig daneben.
[Alex] Ja, Madlen, vielen Dank. Wir haben gesehen, dass man echt eine Menge Möglichkeiten hat, auch ohne Social Media Buchmarketing zu betreiben. Also vor allem, wenn es im Wissenschaftsbetrieb tätig ist, mit den Science Slams, finde ich total grandios. Danke, dass du hier warst.
[Madlen] Ja, vielen Dank für die Einladung.
Shownotes
Ein kritischer Blick auf Social-Media-Coaches
In dieser Podcastfolge geht es um ein Thema, das mir schon länger unter den Nägeln brennt: Social-Media-Coaches und warum sie einen großen Anteil daran haben, dass Selbstständige und Unternehmen glauben, unbedingt Social Media fürs Marketing zu brauchen.
In dieser Podcastfolge geht es um ein Thema, das mir schon länger unter den Nägeln brennt:
Social-Media-Coaches
Folge anhören
Transkript lesen
Ja, heute will ich eine Podcastfolge lang nur über Social-Media-Coaches reden.
Warum?
Weil sie aus meiner Sicht einen großen Anteil daran haben, dass Selbstständige und Unternehmen glauben, unbedingt Social Media fürs Marketing zu brauchen.
Du hast es bestimmt auch schon mal irgendwo gehört beziehungsweise gelesen:
Ein Instagram-Coach sagt, dass Selbstständige, die Instagram nicht nutzen, die Möglichkeit verpassen, neue Menschen zu erreichen.
Eine TikTok-Beraterin betont, dass es für Unternehmen ohne TikTok heutzutage einfach nicht mehr geht.
Ein Facebook-Ads-Berater kennt keine bessere Möglichkeit, die Reichweite zu vergrößern als mit Facebook-Ads.
Eine Influencerin schwört auf ihre große Social-Media-Community und betont immer wieder, dass ohne sie gar nichts mehr bei ihr geht.
Ich will dir in dieser Folge vier Gründe nennen, warum wir solche Aussagen immer mit einer guten Prise Vorsicht genießen sollten.
Ich rede hier übrigens nicht als Außenstehende.
Ich selbst war mehrere Jahre lang als Pinterest-Beraterin tätig und weiß deshalb sehr genau, warum man als Social-Media-Beraterin bestimmte Aussagen von sich gibt.
Wirtschaftliche Interessen
Und Grund Nummer #1 ist, dass wirtschaftliche Interessen dahinterstehen.
Instagram-Coaches sagen ja in der Regel nicht:
„Instagram ist toll. Nutzt alle Instagram. Googelt doch einfach mal nach Tipps, es gibt schon so viel Zeugs da draußen“.
Sie sagen ja:
„Instagram ist toll. Nutzt alle Instagram. Ach, und übrigens: Nächste Woche startet mein Instagram-Kurs. Melde dich jetzt an.“
Mir geht es jetzt nicht darum, wirtschaftliche Ambitionen in der Marketingberatung zu kritisieren. Die haben grundsätzlich ja alle Selbstständige und Unternehmen. Egal, ob sie als Marketingberaterin arbeiten oder als Yogalehrer. Und ich hab sie natürlich auch.
Mir geht es vielmehr darum, noch einmal explizit daran zu erinnern, dass Empfehlungen, bestimmte Social-Media-Kanäle zu nutzen oder gar Social Media im Allgemeinen zu nutzen, nicht im luftleeren Raum existieren, sondern sie sind eben in wirtschaftliche Interessen eingebunden.
Natürlich betonen Coaches und Berater*innen die Vorteile einer Plattform, wenn sie dazu passende Produkte verkaufen.
Und natürlich ist es für sie vorteilhafter, diese Plattformen dann als das Nonplusultra darzustellen als ein Eingeständnis, dass es theoretisch auch ohne ginge.
Deshalb sind pauschale Empfehlungen und ein überschwängliches Lob einer Plattform immer mit einer guten Portion Vorsicht zu genießen.
Sie sind keine Ratschläge von unabhängigen Stellen wie dem Verbraucherschutz oder einer „Stiftung Marketingtest“, wenn es sie denn gäbe, sondern von Menschen mit unternehmerischen Ambitionen.
Wir sind sehr schnell dabei, etwas als Fakt anzusehen.
Doch Botschaften wie „Du brauchst unbedingt Instagram“ oder „Ohne Instagram geht heutzutage gar nichts mehr“ sind keine unumstößlichen Wahrheiten, sondern erst einmal:
Marketingbotschaften.
Die Berater*innen oder Agenturen verbreiten diese Thesen, um ihre Dienstleistungen oder Angebote zu verkaufen.
Nicht mehr und nicht weniger.
Content-Marketing
Grund Nummer #2 ist das Thema Content-Marketing.
Ich glaub, es ist wichtig, sich noch einmal bewusst zu machen, dass Social-Media-Coaches und -Berater*innen ja auch für ihre eigenen Produkte und Dienstleistungen Content-Marketing betreiben.
Das bedeutet:
Sie identifizieren ein Problem, das Selbstständige haben, zum Beispiel:
„Ich erreiche zu wenige Menschen.“
„Ich bin online zu wenig sichtbar.“
„Ich verkaufe zu wenig.“
Und dann erstellen sie – passend zu dem Problem – Content, der dann ihren Ansatz – Social Media – als perfekte Lösung präsentiert:
Instagram.
TikTok.
Facebook.
Oder was auch immer.
Du kennst diese Posts, diese Reels und Storys und so weiter bestimmt auch:
„5 Gründe, warum dein Business Instagram braucht“
„Hast du das Gefühl, Instagram bringt nichts? Dann machst du diese Fehler!“
„Instagram funktioniert nur für Influencer*innen? Falsch!“
„Wie du in 30 Tagen eine loyale Community auf Instagram aufbaust“
„Wie Anna durch Instagram ihren Umsatz verdreifachte“
„Schreib mir dein größtes Instagram-Problem – ich helfe dir!“
Daneben gibt es noch Erfolgsgeschichten, Behind the Scenes – das volle Programm eben.
Dieser Content läuft IMMER darauf hinaus, dass wir erkennen, dass Instagram oder eine andere Social-Media-Plattform die beste Marketingstrategie ever ist.
So ist eben Content-Marketing.
Instagram-Coaches sagen uns nicht: Hier ist mein Kurs – kauf ihn!
Nein, sie erzählen Geschichten.
Sie interviewen ehemalige Kund*innen.
Sie teilen Tipps, Tricks, Hacks, Strategien.
Nun will ich damit nicht sagen, dass das alles eine Lüge ist. Überhaupt nicht.
Ich glaube einfach nur:
Wir sollten die These, dass Instagram oder andere Social-Media-Kanäle das Nonplusultra für alle Selbstständigen und Nischen ist, immer eben auch als Teil des Content-Marketings von Social-Media-Coaches begreifen.
Und wir sollten uns fragen, ob diese allgemeinen, pauschalen Marketingbotschaften wirklich auch für uns funktionieren.
Ja, es kann sein, dass wir mit Instagram eine Plattform finden, die uns liegt, und dass wir dort Menschen finden, die sich für unsere Themen interessieren, und mit ganz viel Glück, dass auch die Algorithmen uns wohlgesinnt sind.
Das kann alles sein.
Es kann aber eben genauso gut sein, dass wir uns Monate oder gar Jahre bemühen, aber keine Erfolge sehen.
Bei mir war das zum Beispiel so: Instagram hat mir rein gar nichts gebracht.
Und vielleicht ist es auch bei dir so. Das musst du für dich einschätzen.
Fehlende Komplexität
Was uns gleich zu Grund Nummer #3 bringt: Auf Social Media ist nur selten Raum für komplexe Botschaften da.
Lass mich raten: Dass du Social Media brauchst, hörst du vermutlich vor allem von jemandem, dem oder der du auf Social Media folgst.
Du liest ihre Posts.
Du schaust dir ihre Reels und Storys an.
Bist dabei, wenn sie live geht.
Diese Formate lassen aber leider meist nur sehr, sehr wenig Raum für komplexe Gedanken. Denn sie sind in der Regel ja zeitlich oder räumlich begrenzt.
Eine Caption darf maximal 2.200 Zeichen haben.
Eine einzelne Story maximal 15 Sekunden lang sein.
Wie soll auf so wenig Raum differenziert oder abgewogen werden?
Natürlich werden Social-Media-Coaches eher einfache, zugespitzte Aussagen wählen wie:
„5 Gründe, warum dein Business Instagram braucht“
Das lässt sich dann so schön in Slides darstellen. Oder wie auch immer darstellen.
Auch Algorithmen mögen kurze, prägnante Inhalte, die sich gut konsumieren lassen. Und natürlich erstellen Social-Media-Coaches die Inhalte, die Algorithmen wollen. Sonst wären sie ja keine erfolgreichen Social-Media-Coaches.
Da soziale Medien eben so sind, wie sie sind, neigen Menschen dazu, und Social-Media-Coaches sind da eben auch keine Ausnahme, vereinfachte, unterkomplexe Botschaften zu teilen und nicht allen Situationen und Szenarien gerecht zu werden.
Deshalb hören wir natürlich öfter:
„Du brauchst Social Media, wenn du selbstständig bist.“
Als:
„Es kommt darauf an.“
Fehlende Neutralität
Und schließlich Punkt Nummer #4: Social-Media-Coaches holen sich oft ihre Infos von den Plattformen selbst.
Bei mir war das zum Beispiel damals als Pinterest-Beraterin so:
Ich war in der Pinterest-Community.
Ich hab mit anderen Mitgliedern der Pinterest-Community Infos oft als erste erhalten. Und wir durften neue Funktionen oft als erste testen. Und wir wurden auf Pinterest-Events eingeladen.
Und es ist ein bisschen peinlich, das im Nachhinein so zuzugeben, aber ich war auch ein bisschen stolz darauf.
Und natürlich habe ich die Infos, die ich da erhalten habe, auch gerne verbreitet. Nach dem Motto:
„Pssst … Hier ist eine brandneue Info, direkt von Pinterest.“
Wenn Pinterest gesagt hat:
„Wir führen ein neues Format ein. Das wird super.“
Dann haben es die meisten eben auch genauso weitergeben:
„Pinterest führt ein neues Format ein. Das wird super.“
Ich weiß es natürlich nicht und kann meine Hand dafür nicht ins Feuer legen. Aber ich glaube eben, dass ich da nicht die Ausnahme war. Ich glaube, dass es ganz vielen Social-Media-Coaches ähnlich geht.
Dass sie nur wenig Distanz zu den Plattformen haben, zu denen sie beraten. Sie sind überzeugt von diesen Plattformen. Das dürfen sie ja auch gerne sein. Sie dürfen da gerne all ihre Leidenschaft reinstecken. Nur leider leidet darunter eben manchmal auch die Kritik- und Reflexionsfähigkeit.
Und das sollten wir einfach auf dem Schirm haben.
Wenn du dich also schon immer gefragt hast, warum auf Social Media immer behauptet wird, dass Selbstständige UNBEDINGT Social Media brauchen, hoffe ich, dass ich in dieser kurzen Podcastfolge für etwas Klarheit gesorgt habe:
WEIL wirtschaftliche Interessen dahinter stehen und Social-Media-Coaches meistens ein Produkt haben, das sie mit dieser These verkaufen wollen.
WEIL diese Botschaften im Rahmen von Content-Marketing verbreitet werden und Content-Marketing nun mal das Ziel hat, Inhalte so auszuwählen, dass wir das Produkt als Lösung für unser Problem begreifen.
WEIL es drittens auf Social Media nur wenig Raum für Komplexität gibt und Social-Media-Coaches sehr häufig auf vereinfachte, unterkomplexe Botschaften zurückgreifen.
und WEIL viertens Social-Media-Plattformen eine These in die Welt setzen und Social-Media-Coaches sie sehr häufig einfach unreflektiert weiterverbreiten.
Falls du gerade überlegst, ein Social-Media-Coaching oder eine Marketingberatung zu buchen, wollte ich dir mit dieser Folge nicht sagen: „Tue es nicht!“
Aber ich wollte dir in Erinnerung rufen, dass wir unbedingt unser Hirn mitnehmen und all diese Faktoren auf dem Schirm haben sollten.
Shownotes
Teilweiser Social-Media-Ausstieg: Interview mit Claire Oberwinter
In dieser Podcastfolge habe ich Claire Oberwinter zu Gast. Nachdem Claire jahrelang als Social-Media-Beraterin gearbeitet hat, hat sie 2018 eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht und zieht sich seitdem immer mehr aus Social Media zurück. Wie es zu ihrem teilweisen Social-Media-Ausstieg kam und welche Alternativen Claire stattdessen zum Marketing nutzt, erzählt sie im Interview.
In dieser Podcastfolge habe ich Claire Oberwinter zu Gast.
Nachdem Claire jahrelang als Social-Media-Beraterin gearbeitet und Selbstständige bei ihrem Facebook-Marketing unterstützt hat, hat sie 2018 eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht und zieht sich seitdem immer mehr aus Social Media zurück.
Wie es zu ihrem teilweisen Social-Media-Ausstieg kam und welche Alternativen Claire stattdessen zum Marketing nutzt, erzählt sie uns im Interview.
Podcastfolge anhören
Transkript lesen
[Alex] Ja, hallo Claire, du hast deine Selbstständigkeit als Social-Media-Beraterin begonnen.
Kannst du uns mehr über deine früheren Erfahrungen mit sozialen Medien erzählen und was dich auch anfangs an Social Media so fasziniert hat?
Das Potenzial sozialer Medien
[Claire] Ja, das kann ich natürlich sehr gerne machen.
Also ich bin in meinem Studium, ich habe Kommunikationswissenschaften auf Bachelor erst studiert, bin ich sehr schnell auf dieses Thema Web 2.0 gekommen.
Also da habe ich gemerkt, dass mich das mehr interessiert als diese ganzen klassischen Medien, wo es im Studium oft darum ging, wie Radio, Fernsehen und so weiter.
Und mir war schnell klar, ich will was in Richtung online machen, weil das so meine Welt war.
Und dann bin ich auch sehr schnell auf Social Media gekommen und habe sogar mich für einen Masterstudiengang in Social Media angemeldet, an der englischen Uni und auch abgeschlossen.
Und das war so die Zeit des arabischen Frühlings, also wo wirklich durch Social Media auch Revolutionen möglich waren.
Also wir haben auch im Masterstudium genau über diesen arabischen Frühling gesprochen und welche Rolle Social Media da gespielt hat.
Und das war eine sehr zentrale Rolle von Social Media tatsächlich. Und das war für mich so die Zeit, ich nenne das immer so das gelobte Land, also es war so die Zeit für mehr Demokratie, für mehr Öffnung, mehr Transparenz, nicht mehr so unidirektionale Kommunikation, also nicht mehr, wir werden einfach nur überschwemmt mit Infos von Unternehmen und von den normalen Medien, sondern es geht jetzt auch mal in die andere Richtung.
Wir können direkt in Kontakt mit anderen Institutionen, mit Menschen kommen und das war für mich das Potenzial von Social Media, was mich so unendlich begeistert hat, weil ich dachte, also weil ich so das Gefühl hatte, da wird so viel möglich und ich habe es auch die ersten Jahre so empfunden, dass da eine Öffnung war, dass da viel Positives einfach auch passiert ist.
Und das war so mein Einstieg in Social Media, weswegen ich unter anderem mich auch entschieden habe, Social-Media-Beraterin zu werden, weil ich dieses Potenzial anderen Menschen erklären wollte und ihnen sagen wollte, hier, wenn du Social Media in dein Unternehmen, in deine Kommunikation, in dein Marketing integrierst, das hat ganz viel Potenzial und wenn du es so und so machst, dann sollte es auch gut funktionieren. Und das war so mein Ursprungsgedanke dabei.
Fokus auf Facebook
[Alex] Und du bist dann ja Facebook-Beraterin geworden, richtig? Also zumindest als ich mich selbstständig gemacht habe, ganz, ganz frisch, hatte ich dich sofort als Facebook-Beraterin auf dem Schirm.
Erzähl mal, wie kam dann dieser Fokus auf diese Plattform?
[Claire] Das war, als ich mich halt selbstständig gemacht habe, habe ich erstmal mich allgemein als Social-Media-Beraterin aufgestellt, habe aber sehr schnell gemerkt, dass ich damit nicht sehr weiterkam. Es war so schwammig, es fühlte sich für mich nicht zielgerichtet an.
Und da ich immer schon, seit ich mit Social Media zu tun habe oder damals immer schon mit Facebook am meisten was anfangen konnte und auch die meisten Kenntnisse aus dem Bereich hatte, habe ich einfach gedacht, okay, dann fokussiere ich mich halt jetzt einfach auf Facebook und mache das quasi, also stelle das vorne dran.
Ich habe immer noch auch Fragen zu anderen Kanälen beantwortet, aber das war einfach so mein Fokusthema und habe das dann einfach vorne dran gestellt und das war auch gut, weil dann lief es auch direkt besser. Für mich und auch so generell im Business mit einer klareren Positionierung einfach.
[Alex] Und was hast du dann genau gemacht? Also hast du dann andere Selbstständige beraten?
[Claire] Genau, andere Selbstständige. Ich habe auch Unternehmen teilweise beraten, also so mittelständische Unternehmen. Aber der Fokus, den ich mir gegeben habe selber, war Facebook-Beratung für Solopreneure, also für Einzelunternehmer, Einzelselbstständige.
Zweifel an Social Media
[Alex] Dann kamen aber irgendwann die ersten Zweifel an sozialen Medien bei dir. Und darüber möchte ich natürlich auch mehr wissen. Gab es da einen bestimmten Auslöser oder hat sich das mit der Zeit so entwickelt? Wie war das bei dir?
[Claire] Es war ein bisschen was von beidem. Also ich habe 2017 eine Yogalehrerausbildung angefangen und dreiviertel Jahr später merkte ich, dass sich in mir ganz viel veränderte.
Also ich glaube, jeder, der schon mal eine Coaching- oder Yoga-Ausbildung gemacht hat, der weiß, wovon ich spreche, was das für ein Potenzial hat, im Inneren sehr viel zu verändern. Und das war bei mir auch so. Und das war Anfang 2018.
Und da habe ich einfach gemerkt, dass das Facebook-Thema mir immer weniger Spaß macht. Dass ich immer weniger Lust habe, Menschen darin zu beraten. Weil es waren immer die gleichen Sachen. Es war auch ganz oft irgendwie, dass ich erklären musste, wenn du hier klickst, passiert das. Und wenn du da klickst, nein, kannst du das nicht löschen. Also es war viel so dieses Klein-Klein. Und das nervte mich sehr.
Und ich habe einfach auch gemerkt, im Laufe des Jahres 2018 wurde mir das Yoga immer wichtiger und das auch mehr nach draußen zu bringen.
Und dann habe ich halt so im Jahr 2019 den Shift vollzogen, dass ich gesagt habe, ich mache keine Social Media oder keine Facebook-Beratung mehr, sondern gehe in den Bereich Yoga und Coaching. Und das war schon mal so ein bisschen der erste Bruch, würde ich sagen, mit dem Thema Social Media.
Das war noch nicht, dass ich so einen kritischen Blick drauf hatte. Es war mehr so dieses Persönliche, ich kann mir nicht mehr vorstellen, Menschen da zu beraten, weil mir das keinen Spaß mehr macht. Das war so der Anfang dessen, würde ich sagen. Meine Güte, das sind auch schon sieben Jahre, fällt mir dann auf. Wahnsinn.
[Alex] Ja, aber das ist ja auch irgendwie klar. Also du hast ja auch gesagt, wer so eine Coaching-Ausbildung mal gemacht hat oder eine Yoga-Ausbildung, da passiert was im Inneren.
Und gerade das Thema Yoga, das ist ja auch super viel Achtsamkeit, bei sich sein und gucken, wie es einem geht. Und dann merkt man dann eben, ah, okay, soziale Medien haben eigentlich einen Effekt auf mich, der mir gar nicht gut tut.
Also du hast ja auch auf deinem Blog einen Artikel, wo du ganz viele Gründe gesammelt hast, warum du ausgestiegen bist oder teilweise, wie wir gleich dazu kommen. Kannst du mal so ein bisschen erzählen, was soziale Medien mit dir gemacht haben dann auch?
Negative Effekte des Vergleichens
[Claire] Also das, wo ich mich am meisten daran erinnere oder wo ich auch heute immer noch merke, dass ich da sehr schnell reinrutsche, ist das Vergleichen, was mir einfach nicht gut tut. Dieses, ich sehe, wie unfassbar erfolgreich andere sind und komme mir dann klein und unwichtig vor und mein Business funktioniert nicht und all das.
Also ich würde sagen, das war so mit das Vorrangigste, was ich immer wieder erlebt habe. Also ich habe dann so durch den Feed gescrollt und gedacht, boah, ja, die ist voll sichtbar und die hat es ja irgendwie voll drauf.
Auch bei der läuft es gut und bei dem läuft es gut und ich selber krebs da so rum und so. Also das hat meinen Selbstwert sehr angegriffen, habe ich gemerkt einfach mit der Zeit. Also immer wenn ich rauskam aus Social Media oder selbst wenn ich noch drin war, merkte ich irgendwann, dass meine Stimmung kippte und ich dann dachte, okay, zumachen, weg.
Oder eben wenn ich schon zugemacht habe, dass ich merkte, ich fühle mich irgendwie nicht so besonders gut. Und da wieder rauszukommen, dann erstmal wieder aus diesem alle anderen haben es viel besser und haben es mehr drauf als ich, das hat auch natürlich immer eine Weile gebraucht. Inzwischen bin ich da etwas robuster, aber nicht vor gefeit, immer noch in diese Fallen zu tappen.
[Alex] Hatte sich das dann auch auf dein weiteres Leben ausgewirkt? Also dieses Vergleichen, hast du dann irgendwie auch im privaten oder beruflichen Leben gedacht, hier wirkt Social Media noch irgendwie nach bei mir?
Auswirkung von Social Media auf die Selbstständigkeit
[Claire] Ja und nein. Also ich glaube nicht so mega in der Tiefe, aber so Thema Versagen, Scheitern und so waren die letzten zwei, drei Jahre schon ein großes Thema.
Unter anderem deswegen, weil ich von der vollen Selbstständigkeit nach acht Jahren wieder in eine Anstellung auch gegangen bin teilweise und ich fühlte mich wie die Vollversagerin.
Und ich will jetzt nicht sagen, dass Social Media dafür verantwortlich ist, weil das hatte erstmal nichts mit Social Media zu tun. Ich glaube aber, dass dieses Thema Selbstwert, Versagen, andere sind viel erfolgreicher, dass das mit reingespielt hat in meine Versagensgefühle, die ich hatte zu der Zeit.
Also das kann ich nicht abstreiten, weil es während ich eben noch in dem Prozess war von, ich wechsle wieder auch in der Anstellung oder ich teilweise, ich bin ja immer noch selbstständig, da habe ich schon gemerkt, dass das Social Media durchaus einen Einfluss hatte, wenn ich da mal wieder rumgescrollt habe und gedacht habe, ja toll, und ich muss jetzt in eine Anstellung gehen, während die da voll abgeht oder so.
Also das ist schon ein Einfluss. Ich würde nicht sagen, dass das allein nicht dafür verantwortlich war, aber es war definitiv ein Einflussfaktor.
[Alex] Also ich würde schon auch sagen, als ich da war, habe ich schon noch beobachtet, wie so dieses unternehmerische Mindset auch sehr glorifiziert wurde. Also das war so dieses Nonplusultra und natürlich für alle Menschen in allen Lebensbereichen und Situationen immer die richtige Entscheidung, sich selbstständig zu machen. Das ist ja nicht so.
[Claire] Ja, genau. Und damit wurde ich konfrontiert. Und ich bin auch immer noch der Meinung, also meine Seele schlägt immer noch für die Selbstständigkeit, das sage ich ganz offen.
Aber ich bin gerade total fein damit, angestellt zu sein, weil ich es gerade auch schön finde, dass jeden Monat fest Geld reinkommt, ob ich jetzt krank bin oder nicht.
Und ich war zum Beispiel Ende des letzten Jahres jetzt vier Wochen krank, wäre ich in der Zeit selbstständig gewesen, das wäre eine Vollkatastrophe gewesen. Das sage ich ganz offen.
Und das hat mich schon auch sehr beeinflusst, was auf Social Media geredet wurde. Wie du sagst, dieses Mindset, es ist das Nonplusultra, selbstständig zu sein. Jeder muss das. Und da dachte ich auch irgendwann, warum tue ich mir das eigentlich an, so zu denken? Weil es ist nicht das Nonplusultra, es hat alles seine Vor- und Nachteile. Und Unternehmer sein hat auch Vor- und Nachteile, genauso wie angestellt sein.
Der Facebook-Hack
[Alex] Ja, und dann kam es bei dir richtig dicke, nämlich dein Facebook-Konto wurde gehackt. Kannst du erzählen, wie das war? Also du bist auch nicht die Erste jetzt hier in dem Podcast, der das passiert ist, aber wie war es dann bei dir?
[Claire] Ja, ich bin auf eine Phishing-Mail tatsächlich reingefallen. Ich hätte ja nicht gedacht, dass mir das mal passiert, aber niemand ist davon gehalten. Ja, wirklich.
Die haben halt meine Daten abgegriffen und ich bin, also es war irgendwie abends und ich bin dann ins Bett und am nächsten Morgen war was komisch, also ich kam nicht mehr in Facebook rein.
Und auf Instagram hatte ich ganz viele Likes und ich hatte nichts veröffentlicht und habe dann irgendwie geguckt, für was habe ich denn jetzt so viele Likes bekommen?
Das waren Werbeanzeigen, die über mein Konto geschaltet wurden.
Also ich habe das so ein bisschen rekonstruieren können, was passiert sein muss, ist, dass die Hacker eben meine Daten genommen haben, haben sich bei mir eingeloggt, haben mein Werbekonto gekapert, haben das quasi auf sich, auf ihre E-Mail-Adresse umgeschrieben, dass ich dann nicht mehr drankomme.
Und haben dann über mein Werbekonto auf Instagram Anzeigen geschaltet. Und dann haben die noch irgendwas auf Facebook gemacht, damit der Algorithmus anspringt und mich rausschmeißt.
Und Facebook hat von jetzt auf gleich gesagt, so, du hast gegen unsere Richtlinien verstoßen, du fliegst raus und du kommst auf gar keinen Fall mehr an dein Facebook-Konto dran.
So, und genau, dann stand ich auf einmal da mit irgendwelchen Werbeanzeigen, die liefen, auf meine Kosten. Ich meine, ich habe die dann zurückbuchen lassen. Gott sei Dank war das alles Lastschrift und ich konnte der Bank sagen, bitte blockiert die alle, ich buche das zurück. Also mir sind keine finanziellen Schäden in dem Sinne entstanden.
Aber es war eine krasse Sache. Also ich bin zwei, drei Tage völlig rotiert. Ich konnte dann irgendwie, indem ich mein Instagram-Konto vorübergehend deaktiviert habe, die Anzeigen eben stoppen. Sonst wären die noch tagelang weitergelaufen.
Aber ich fand alleine so dieses von Facebook „Hey, du verstößt gegen unsere Richtlinien, du fliegst raus, keine Chance, Einspruch zu erheben“ – das hat mich so mit am meisten schockiert, weil ich 15 Jahre mein Konto hatte und mir nie etwas zu Schulden hab kommen lassen. Und von jetzt auf gleich wirst du ausgesperrt, ohne angehört zu werden.
Und da habe ich echt gedacht, boah, Leute, ihr habt sie doch nicht mehr alle. Entschuldigung, wenn ich das jetzt so sage. Aber das war wirklich so mein Gedanke. Ich kann noch nicht mal mich, ich will nicht sagen rechtfertigen, ich kann noch nicht mal Stellung beziehen.
Und das hat mich sehr, sehr angefressen, muss ich schon sagen, dass man so hilflos war. Und vor allen Dingen, ich habe dann Mails geschrieben an den Facebook-Support. Dann kam immer nur so eine dämliche Standardantwort zurück. Wir sind nicht zuständig oder sie fühlten sich einfach nicht zuständig. Hier sind ein paar Links, die helfen könnten. Nein, sie haben natürlich nicht geholfen, weil ich alles schon fünfmal durch hatte.
Und ich habe dann letztendlich nur über einen Anwalt mein Konto wiederbekommen. Und das fand ich echt übel. Ich hatte sogar noch kurzzeitig überlegt, will ich den Anwalt jetzt überhaupt bezahlen oder ist das nicht das Signal, jetzt dann das Facebook-Konto sein zu lassen?
Aber es ging nicht, einerseits aus beruflichen Gründen und ich wollte nicht, also in dem Sinne, vielleicht kommen wir da auch noch gleich zu, vielleicht nur ganz kurz. Weil ich mir über die Jahre wirklich ein sehr, sehr gutes Netzwerk auf Facebook aufgebaut hatte und wirklich auch zu einigen Leuten nur darüber Kontakt habe und auch gerne habe.
Also es ist nicht so, dass ich alles schlecht finde bei Facebook, sondern ich habe da wirklich ein sehr wertvolles Netzwerk. Und dann habe ich irgendwann gedacht, für das Netzwerk würde ich jetzt das Geld investieren, um den Anwalt zu bezahlen und mein Konto wieder zu bekommen. Aber ich war kurz davor, es alles komplett sein zu lassen. Also das sage ich schon.
[Alex] Die ganze Zeit und Energie und ja auch das Geld, das man da aufwendet, das ist einfach super, super ärgerlich.
[Claire] Ja, vor allem für etwas, was Facebook eigentlich sowieso machen muss. Es gibt Gerichtsurteile, die sagen, Facebook darf nicht einfach Leute ausschließen. Die müssen zumindest die Leute erstmal anhören und können nicht einfach sagen, du fliegst raus.
Und das ist das, was mich so stört. Das ist dieses Willkürliche und du musst einen Anwalt, nur mit Anwalt haben die reagiert, obwohl ich vorher auf eigene Faust genau das Gleiche gesagt habe.
Und sowas mag ich überhaupt nicht. So diese Willkür und diese, nee, das macht mich wahnsinnig. Da geht mein Ungerechtigkeitssensor ganz stark.
[Alex] Nun hast du dich ja aufgrund all dieser Gründe, die du gerade erwähnt hast, entschieden, Social Media zu verlassen, aber nur teilweise. Was genau meinst du damit? Wie sieht für dich so eine teilweise Social-Media-Nutzung genau aus?
Teilweiser Social-Media-Ausstieg
[Claire] Genau. Also ich habe ja im Rahmen dieses Hacks dann später auch noch mein Instagram-Konto verloren, weil in der Zeit, wo das Konto deaktiviert war, war wieder irgendwas und ich habe angeblich schon wieder gegen irgendwelche Richtlinien verstoßen, was aber nicht der Fall sein konnte, weil mein Konto deaktiviert war.
Dann habe ich noch versucht, Einspruch zu erheben und zwar mehrfach. Da kam nichts mehr. Das Instagram-Konto habe ich jetzt einfach gesagt, komm, weg, ist mir jetzt egal. Und mit teilweise einem Ausstieg ist also gemeint, ich brauche Facebook oder generell Social Media halt schon noch für die Arbeit.
Ich bin teilzeit angestellt als Marketingmanagerin bei einer IT-Firma und Social Media ist da eben Teil und da kann ich nicht einfach sagen, nee, ich bin gar nicht auf Social Media, weil zum Verwalten der Konten brauche ich eigene Konten.
Das ist einfach, das ist ja so aufgebaut und das ist ja auch grundsätzlich richtig, damit man, wenn man als Mitarbeiter irgendwann wieder rausgeht, einfach nicht das komplette Konto zumacht, sondern einfach nur den Mitarbeiter aus dem Konto wieder rausschmeißt.
Also deswegen ist es einfach so eine berufliche Anforderung, die ich habe, mit der ich gerade gut aber umgehen kann, weil ich mit tatsächlich Social Media in meinem Berufsalltag gar nicht so viel zu tun habe. Also das nimmt gar nicht so viel Raum ein. Das ist schon mal ganz gut.
[Alex] Du meinst als Selbstständige dann?
[Claire] Ja, aber auch als Selbstständiger habe ich halt eigentlich mit Social Media gar nichts mehr zu tun.
Weil, wie gesagt, Instagram-Konto ist weg, Facebook-Konto ist weg. Wenn ich mal was promote, dann über mein persönliches Facebook-Profil ist das aber auch selten geworden, weil ich einfach das, meine Promo mache ich inzwischen viel mehr über andere Kanäle, wie zum Beispiel meinen Newsletter oder mein WhatsApp-Status, ganz ehrlich.
Also ich meine, gut, WhatsApp gehört auch zum Meta, kann man jetzt auch kritisch sehen, aber darüber kommt auch schon mal das eine oder andere. Also ich nutze da einfach andere Möglichkeiten. Genau, aber teilweise Ausstieg ist halt einfach, ich brauche es für die Arbeit und ich habe, wie gesagt, einfach mein Facebook-Konto mir zurückerkämpft, weil mir das Netzwerk dort wichtig ist.
Und da merke ich immer noch, wenn ich da mal bin, ich bin in so einer Bubble drin, wo es eigentlich ganz nett ist. Und das ist dann auch ganz gut, wenn es mir mal wieder nicht passt, gehe ich wieder raus und dann ist es auch okay. Also ich nutze es halt nur wesentlich weniger als vorher und wirklich für das Marketing, für mein Marketing im Business, fast gar nicht mehr.
[Alex:] Also du hast kein Instagram-Konto mehr. Du nutzt deine Facebook-Unternehmensseite nicht mehr. Richtig?
[Claire] Weil die ja auch dem Hack zum Opfer gefallen ist. Und die Seite habe ich zum Beispiel nicht wiederbekommen. Und das war mir dann auch irgendwie egal, ganz ehrlich.
[Alex] Aber das Facebook-Profil hast du noch, weil du da einfach mit Menschen zu tun hast, die du magst und wo dir der Austausch auch wichtig ist. Nun könnten Hater ja sagen, das ist aber ein bisschen inkonsequent. Was würdest du ihnen dann antworten?
[Claire] Den würde ich tatsächlich sagen. Du hattest mir die Fragen im Vorhinein ja geschickt und insofern war es ganz gut, weil ich dachte mir, oh Gott, was soll ich jetzt antworten? Aber ich weiß genau, was ich antworte.
Ich finde es schade, wenn es immer um diese 100 Prozent geht.
Wir haben zwischen schwarz und weiß, haben wir Millionen bunte Farben. Warum muss es 100% weiß sein? Warum muss ich 100% gehen?
Ich würde den Leuten sagen, oder sie mal eine Gegenfrage stellen, bist du in allem 100%, wirklich 100% konsequent und perfekt aufgestellt? Und wenn das der Fall ist, können wir uns gerne nochmal über Konsequenzen überunterhalten. Solange das nicht der Fall ist, ziehe ich mir den Schuh gar nicht erst an.
[Alex] Ja, das finde ich eine total tolle Einstellung, weil ich predige das auch immer, dass einfach jeder Mensch so seine individuelle Nutzung finden muss und egal, wie sie aussieht und gerade, wenn man etwas findet, was einem gut tut, das ist ja eine super wertvolle Info, dass man weiß, das tut mir gut, das tut mir nicht gut und eben das dann eliminiert, was einem nicht gut tut, und das behält, was einem gut tut, also genau.
[Claire] Ja, klar.
Alternativen zu Social Media
[Alex] Du hast schon ein bisschen angesprochen, dass es jetzt für dich und dein eigenes Marketing einfach auch andere alternative Marketingstrategien gibt. Also du hast gesagt, für deine Teilanstellung brauchst du dein Facebook-Konto noch, aber für dich als Selbstständige, als Yoga-Lehrerin – richtig? – nutzt du Social Media fast gar nicht mehr zum Marketing.
Du hast schon erwähnt, Newsletter spielt eine Rolle. Oder kannst du vielleicht da mal so ein bisschen näher drauf eingehen, wie sieht jetzt dein alternatives Marketing ohne Social Media aus?
[Claire] Ja, so genau. Also ich kann dir jetzt keine straightforward Antwort geben, weil ich auch in meiner Selbstständigkeit immer mit verschiedenen Projekten arbeite, sage ich jetzt mal.
[Claire] Aber wenn ich jetzt nur daran denke, Yoga-Produkte zu verkaufen, ist es tatsächlich, ist der Newsletter mein Hauptkanal.
Und da kommen auch regelmäßig neue Anmeldungen rein. Klar, es fallen auch wieder welche raus, aber ich sehe ja in meinem Newsletter-Anbietertool immer, also kann ich ja Neuanmeldungen abrufen oder generell einfach meine Liste aufrufen und ich kriege ein bis drei Anmeldungen pro Woche neu rein, ohne dass ich viel mache, weil mein Blog dann wiederum gute Suchergebnisse liefert.
Also ich habe halt über die Jahre einige Blogartikel geschrieben, die gut performen auf Google und darüber kommen die Leute auf meinen Blog und darüber kommen sie dann eben teilweise oder eben doch teilweise in meinen Newsletter und dann, je nachdem, kaufen die auch schon mal von mir. Also das ist halt so meine Hauptstrategie, sage ich jetzt mal.
Ich hatte auch mal einen Podcast, den bediene ich jetzt so nicht mehr. Ich habe inzwischen einen neuen Podcast mit einer Kollegin, der ist aber jetzt noch nicht auf meinem Blog mit drauf.
Genau, aber einfach so durch, also im Prinzip ist es eine Kombination aus Suchmaschine plus Newsletter. Das sind so die Hauptkanäle.
Und ansonsten läuft dadurch, dass ich viel Offline im Yoga-Bereich gerade mache, einfach auch viel über Mund-zu-Mund-Propaganda oder hier lokales Marketing.
Also ich habe letztens einen Workshop gemacht, da habe ich Aushänge hier in Läden gemacht und solche Sachen. Also ganz banal sage ich jetzt mal offline, klassisches Offline-Marketing mit Printprodukten oder so kann auch mal drin sein, je nachdem, was ich gerade anbiete.
[Alex] Das finde ich auch total wichtig, dass man das nicht vergisst, dass wenn man irgendwie ein Thema hat, wo auch Leute eben dann zu dir quasi in dein Studio kommen, kann sich das auch lohnen. Also ich habe auch, erzähle ich, glaube ich, auch immer wieder in diesem Podcast, eine Wildkräuterwanderung mitgemacht, weil ich halt auf dem Spaziergang mit dem Hund irgendwo einen Aushang gesehen habe, dass sie das anbietet hier in der Nähe und ich dachte, ja cool und melde ich mich mal an.
Also ich glaube, das irgendwie von vornherein so als altmodisch oder veraltet oder nicht effektiv zu verteufeln, das ist keine gute Strategie, also je nach Thema, das man selbst macht.
[Claire] Im Gegenteil, also meine besten Erfahrungen habe ich eigentlich mit Menschen, die schon mal bei mir waren und wissen, was sie von bei mir bekommen, die sich dann anmelden für Retreats, Workshops, was auch immer.
Oder eben, wie gesagt, Mund-zu-Mund-Propaganda, dass jemand irgendwie rumfragt hier im Ort, kennst du eine Yoga-Lehrerin oder irgendwie sowas. Oder letztens habe ich hier, wir haben hier so ein Lokalblättchen vom Bürgerverein, da habe ich eine Anzeige geschaltet und habe tatsächlich eine Anfrage bekommen, weil jemand gesagt hat, ich möchte meiner Frau zu Weihnachten jetzt einen Gutschein schenken für eine Einzelstunde mit dir.
Ja, also das kann auch funktionieren. Deswegen gerade wenn man, ich habe so ein bisschen so ein Hybrid-Business, ich mache durchaus einiges online, aber eben auch viel offline. Und dann darf man, gerade wenn man im Offline-Bereich unterwegs ist, auch wirklich hier gucken, was kann ich offline machen. Und das finde ich total wichtig, das auf dem Schirm zu haben.
Kooperationen und Netzwerken
[Alex] Und so ein bisschen im Nebensatz hast du ja auch noch erwähnt, du machst einen Podcast mit einer Kollegin. Also quasi mit realen Menschen auch Kooperation machen und was zu tun haben und Netzwerken. Das kann ja auch eine gute Strategie sein, um die Sichtbarkeit zu haben.
[Claire] Zumal unser Podcast, ich nenne ihn jetzt einfach mal, Ungezähmte Frauen heißt er.
Da geht es darum, im Prinzip als Frau ungezähmt zu sein, also sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben. Und da reden wir über ganz viele unterschiedliche Themen, auch über Yoga und Spiritualität und alles Mögliche.
Und da platzieren wir beide auch regelmäßig unsere Angebote oder weisen auf unseren Newsletter hin und sowas alles. Also da bin ich auch schon vielseitig aufgestellt und habe eben andere Angriffspunkte und ich muss nicht unbedingt Social Media haben.
Und zum Beispiel bei dem Podcast, den wir zusammen machen, die Susanne und ich, wir haben uns bewusst von vornherein entschieden, dass wir unseren Podcast nicht auf Social Media bringen.
[Alex] Warum?
Dass wir unsere nette Marketingstrategie ohne Social Media machen wollen. Ja, weil wir beide so ein bisschen Social-Media-müde sind. Sie hat zum Beispiel gerade ihr Facebook-Konto jetzt wirklich deaktiviert aufgrund dieser furchtbaren Ankündigung von Mark Zuckerberg letzte Woche.
[Claire] Und sie hat gesagt, ich habe jetzt wirklich die Schnauze voll, ich gehe. Ich würde das tatsächlich gerne tun, aber ich kann es nicht aus beruflichen Gründen. Also ich bin gerade auch an einem Punkt, wo ich denke, boah, was tue ich mir da eigentlich noch an?
Genau, aber wir hatten vorher beide schon so diese Entwicklung hin zu weg von Social Media. Es stresst uns, es nervt uns, es tut uns nicht gut. Und haben dann beide, weil wir so achtsam miteinander sind und so ein gutes Gespür haben, was tut uns gut, beide gesagt, nee, das ist nicht die Strategie, mit der wir unseren Podcast bekannt machen wollen. Und haben es dann einfach von vornherein gelassen. Und es sorgt auch dafür, dass es stressfreier ist, weil es ist auch einfach weniger Arbeit. Muss man einfach sagen.
[Alex] Ja. Habt ihr euch dann alternative Strategien überlegt?
[Claire] Also im Moment läuft viel über, wir haben jeweils einen Newsletter, dass wir das darüber immer mal promoten. Ich stelle es immer mal in meinen WhatsApp-Status. Also im Moment ist der Podcast noch verhältnismäßig klein, wobei dafür, dass wir, ich sag mal, 10 Folgen veröffentlicht haben, haben wir jetzt, ich glaube, knapp unter 300 Downloads. Das ist schon mal ganz gut. Also ich finde es gar nicht so schlecht. Und ja, wir wollen halt jetzt demnächst auch anfangen mit Interviews und so.
Also im Prinzip ist es oft ein Zwiegespräch zwischen uns. Wir reden viel über unsere eigenen Erfahrungen, aber wir wollen eben bei bestimmten Themen auch Expertinnen mit reinbringen und dann verbreitet sich das ja wiederum auch.
Weil wenn die dann sagen, hey, ich war in dem Podcast, dann kommen ja über deren Netzwerk auch wieder neue Leute auf unseren Podcast. Also das darf jetzt auch langsam und organisch wachsen.
Also wir haben beide nicht, ich habe zwar eine große Vision für diesen Podcast, das schon, aber ich bin da gerade in dem Prozess drin, dass ich sage, ja, aber das darf auch jetzt Schritt für Schritt für Schritt größer werden. Das muss jetzt nicht sofort einschlagen wie eine Bombe und viral gehen. Also das ist völlig in Ordnung, wenn es ein bisschen braucht, bis es bekannter ist.
[Alex] Das klingt sehr entspannend.
[Claire] Ja, also ich habe lange gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen. Auch nicht immer, aber im Großen und Ganzen habe ich mir diese Einstellung in den letzten Jahren doch erarbeitet, dass ich sage, Schritt für Schritt immer weiter und dann wird das irgendwann auch funktionieren oder einfach bekannter werden.
Auswirkungen auf die mentale Gesundheit
[Alex] Okay, du hast gesagt, du hast ja das quasi erarbeitet, diese entspannte Einstellung. Kannst du vielleicht nochmal erzählen, wie sich dieser Social-Media-Ausstieg ausgewirkt hat auf dich, auf deine Selbstständigkeit oder auf deine mentale Gesundheit? Gab es positive oder negative Auswirkungen überhaupt oder hatte das null Konsequenzen?
[Claire] Also, wenn ich jetzt an meinen Umsatz denke, hatte der Ausstieg gar keine Relevanz. Also, ich habe sogar besseren Umsatz gemacht als vorher, also als die Jahre davor. Das hat mehrere Gründe. Also ich will jetzt auch nicht wieder Social Media als den Faktor, aber es hat definitiv sich nicht negativ ausgewirkt auf meinen Umsatz.
Was ich merke oder sagen wir es mal so, ich bin ja durchaus immer noch in Social Media aktiv, nicht mehr ganz so viel wie vorher und eher zielgerichteter und merke immer noch manchmal, dass es mir nicht so gut tut und dann versuche ich auch aufzuhören.
Ja, das ist nicht immer einfach. Wir kennen die Mechanismen. Aber ich bin noch sensibler geworden, was die Nutzung angeht, dass ich noch mehr darauf achte, dass ich mir gewisse Dinge einfach nicht antue, dass ich Leuten konsequent entfolge, wo ich merke, die triggern mich einfach, dass ich Dinge ausblende oder dass ich einfach frühzeitig rausgehe.
Also ich glaube, für meine mentale Gesundheit hat das schon viel gemacht. Vor allen Dingen, wir hatten ja vorhin über das Thema Selbstwert und Vergleichen gesprochen. Das mache ich tatsächlich weniger, weil ich viel, viel mehr bei mir bin und merke, wie viel leichter es mir jetzt fällt, meinen Weg zu gehen. Das ist ja auch Thema unseres Podcasts, den eigenen Weg gehen.
Und ja, durch den Wegfall von Social Media oder nicht mehr so viel Nutzen zumindest, es hat mit Sicherheit auch wieder einen Beitrag geleistet. Ich will jetzt auch wieder nicht sagen, da war Social Media zentral, aber es war definitiv ein Faktor, ein nicht zu leugnender Faktor.
Tipp zum Schluss
[Alex] Letzte Frage. Du hast schon diese Ankündigung von Mark Zuckerberg angesprochen und wenn es jetzt Menschen gibt, die sich das auch überlegen, aus Social Media raus, aus Facebook raus, teilweise oder vollständig, hast du eine Empfehlung für sie? Also irgendwas, was du gelernt hast mit deinen Erfahrungen, was ist besonders wichtig, worauf kommt es an?
[Claire] Also ich würde mich einfach fragen, was ist meine Priorität?
Und meine persönliche Priorität ist meine Gesundheit und da zählt auch die mentale Gesundheit zu. Und wenn ich merke, dass mir etwas nicht gut tut, bin ich sehr gut beraten, damit aufzuhören. Und für mich ist es einfach eine Frage der Prioritäten, was heißt einfach.
Ich weiß, dass das nicht so einfach ist und dass auch so ein Ausstieg ja dann mit vielen Ängsten verbunden ist. Und eben, oh mein Gott, wie soll ich denn mein Marketing gestalten ohne? Ich meine, die Ängste nimmst du ja auch in deinem Buch durchaus ernst und nimmst sie mit auf und zerstreust sie so ein bisschen.
Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, mein Marketing, also auch wenn ich so generell über meine letzten Jahre Social-Media-Nutzung nachdenke in Bezug auf Marketing und mein Business, hat Social Media tatsächlich nie wirklich eine Rolle gespielt.
Also den Umsatz habe ich nie über Social Media gemacht. Ja, es wurde der eine oder andere vielleicht auf mich aufmerksam, das will ich nicht abstreiten. Aber wirkliche Buchungen habe ich darüber nicht erhalten.
Und vielleicht hilft das so ein bisschen und wie gesagt, sich einfach zu fragen, wo liegt meine Priorität? Und wenn ich merke, mir ist es wichtig, dass ich mich wohlfühle, dass es mir gut geht und ich merke, Social Media tut mir nicht gut, ist die Antwort für mich einfach klar.
Also vielleicht so einfach als Impuls oder als Denkanstoß mal über die eigenen Prioritäten und Werte nachzudenken und darauf basierend zu handeln.
[Alex] Ja, ich denke, ein wunderbares Schlusswort. Claire, vielen, vielen Dank, dass du heute hier warst.
[Claire] Ja, danke, dass ich da sein konnte.
Shownotes
Die 5 Phasen des Social-Media-Ausstiegs
In dieser Podcastfolge geht es um die fünf Phasen des Social-Media-Ausstiegs. Ich hab in den letzten Jahren mit vielen Menschen zu tun gehabt, die aus Social Media ausgestiegen sind. Und mir ist aufgefallen, dass sie dabei meist ähnliche Gedanken und Gefühle hatten. Vielleicht helfen dir meine Überlegungen zu verstehen, an welchem Punkt du dich gerade befindest.
In dieser Podcastfolge geht es um die fünf Phasen des Social-Media-Ausstiegs.
Ich hab in den letzten Jahren ja mit vielen Menschen zu tun gehabt, die aus Social Media ausgestiegen sind oder die zumindest überlegt haben, aus Social Media auszusteigen.
Und mir ist aufgefallen, dass sie dabei meist ähnliche Gedanken und Gefühle haben.
Ich will nun damit nicht sagen, dass es eine streng wissenschaftliche Abfolge von Phasen ist, die jeder Mensch genauso und nicht anders durchlaufen muss.
Aber vielleicht helfen dir meine Überlegungen zu verstehen, an welchem Punkt du dich gerade befindest und was als nächstes kommen könnte.
Folge anhören
Transkript lesen
Social-Media-Ausstieg – Phase #1: negative Erfahrung(en)
Ja, starten wir direkt mit der ersten Phase des Social-Media-Ausstiegs. Und das ist meistens eine negative Erfahrung bzw. negative Erfahrungen – im Plural.
Ich hab das jetzt bewusst so allgemein formuliert, weil das bei jedem Menschen natürlich etwas völlig anderes sein kann. Und auch die Dauer dieser negativen Erfahrung oder Erfahrungen ist total individuell.
Ganz viele stellen zum Beispiel fest, dass die Social-Media-Nutzung sich negativ auf ihr Wohlbefinden auswirkt. Also, dass sie vielleicht sich mehr mit anderen vergleichen, mehr Selbstzweifel haben oder vielleicht sogar schlechter schlafen können oder vor lauter täglichem Onlinesein geradewegs in einen Burnout schliddern.
Andere wiederum sind frustriert, dass soziale Medien gar nicht so viel fürs Marketing bringen, wie immer versprochen wird. Also einerseits stecken sie viele Stunden ins Social-Media-Marketing, sind präsent, sind da, bauen eine Community auf, doch letzten Endes hilft all das nicht dabei, die Unternehmensziele zu erreichen.
Vielleicht werden die Posts und Videos nicht gut ausgespielt oder Menschen interagieren zwar mit den Inhalten, die man postet, aber letzten Endes werden sie nicht zu Kund*innen.
Oder es kommt sogar zu einem Hack oder zu einer Sperrung, obwohl man überhaupt nichts falsch gemacht hat.
Mir ging es ja zum Beispiel damals so, dass mein Werbekonto bei Facebook von einem Tag auf den anderen nicht mehr funktioniert hatte und ich super deprimiert war, weil ich es wochenlang versucht hatte, wieder zum Laufen zu bringen. Aber nun ja.
Der Facebook-Support war überhaupt nicht bereit, mir da zu helfen. Und ich sah das letzten Endes als einen Wink mit dem Zaunpfahl, da nicht mehr Energie als nötig reinzustecken. Und deshalb hörte ich auf, mich zu bemühen.
Ich hab damals übrigens auch einen Abschiedsbrief an Mark Zuckerberg geschrieben. Den verlinke ich dir noch mal in den Shownotes, wenn dich da noch mehr Details interessieren.
Und ja, ich hab in den letzten Jahren auch so viele Menschen kennengelernt, die es noch schlimmer getroffen hat. Wo ihr FB-Konto gehackt wurde und wo zum Beispiel kinderp*rnographische Inhalte gepostet wurden von den Hackern und das Konto deshalb sofort gesperrt wurde von Facebook und man dann letzten Endes nur mit einem Anwalt wieder ran kam.
Auch da verlinke ich dir ein passendes Interview vom letzten Jahr in den Shownotes.
Und schließlich kann es auch sein, dass du einfach wertemäßig nicht einverstanden bist mit dem, was auf Social Media passiert. Und du einfach regelmäßig dir denkst: WTF?!s Was hat Elon Musk oder Mark Zuckerberg da schon wieder angestellt?
Ja, das sind so vier Beispiele für negative Erfahrungen mit Social Media. Vielleicht findest du dich darin schon wieder. Vielleicht ist es bei dir auch etwas völlig anderes. Falls du mir das erzählen willst, sehr gerne übrigens. Du kannst mir jederzeit schreiben.
Social-Media-Ausstieg – Phase #2: Verdrängung
Ja, und dann kommen wir auch schon zur zweiten Phase des Social-Media-Ausstiegs und das ist meistens Verdrängung.
Also dass wir merken, dass uns soziale Medien nicht gut tun, der Welt nicht gut tun, der Demokratie nicht gut tun, dass wir es aber irgendwie nicht wahrhaben wollen.
Oder dass wir im Alltag den Gedanken daran sanft zur Seite schieben, vielleicht weil uns der Gedanke, aus Social Media auszusteigen, erst einmal überfordert und wir gar nicht wissen, wo wir starten sollen.
Vielleicht versuchen wir auch, gut auf uns einzureden und zu sagen:
„Hey, das ist vielleicht alles halb so wild. Okay, da zweifel ich vielleicht ein bisschen mehr an mir. Aber das liegt vielleicht auch an etwas anderem.“
Und das ist häufig die Phase, wo Menschen versuchen, die Beziehung zu Social Media aufrechtzuerhalten oder gar zu reparieren.
Dann versuchen sie häufig, Social Media achtsam zu nutzen. Legen zum Beispiel einen Digital Detox ein oder entfolgen ganz vielen Accounts, die ihnen nicht gut tun.
Bei mir war das so, dass ich mir angewöhnt hatte, die Social-Media-Apps zum Wochenende hin zu deinstallieren und montags wieder zu installieren.
Und das mag auch eine Weile alles so funktionieren. Doch bald stellt man dann eben fest, dass es das grundsätzliche Problem mit Social Media nicht löst.
Um noch mal bei meinem Beispiel zu bleiben:
Das Social-Media-freie Wochenende war total super. Aber montags fing das ganze Elend ja schon wieder von vorne an und ich hatte wieder fünf Tage vor mir, wo ich Dinge machen musste, die ich nicht wollte.
Social-Media-Ausstieg – Phase #3: Erkenntnis/Entscheidung
Was uns direkt zur dritten Phase bringt, nämlich der Erkenntnis oder der Entscheidung.
Das ist die Phase, wo wir entweder erkennen, dass weniger Social Media oder Social Media anders nutzen, uns nichts bringt.
Oder dass wir einfach diese Erkenntnis in uns haben: Jetzt reicht’s.
Und wir entscheiden uns: Ich will Social Media verlassen. Oder ich muss vielleicht sogar gehen, weil sonst XYZ bei mir oder in meinem Leben passiert.
Bei mir war das:
Ich muss gehen, sonst werde ich krank.
Das kann aber auch sein:
Ich will gehen, weil ich jetzt drei Jahre zwei Stunden täglich an Social Media verschwendet habe und das Fass jetzt einfach voll ist.
Es kann aber auch ein Ereignis von außen sein. Also dass Zuckerberg irgendwas ankündigt und man sich denkt: „So, jetzt ist Schluss. Bis hierhin und nicht weiter, Freundchen! Ich kann das nicht länger mit mir vereinbaren.“
Ja, was auch immer das ist – es ist sehr häufig eine mächtige Erkenntnis oder Entscheidung.
Sie zeigt, was uns wichtig ist, und dass soziale Medien sich im Konflikt mit dem befinden, was uns wichtig ist.
Social-Media-Ausstieg – Phase #4: Loslassen
Und das führt unweigerlich zur vierten Phase: zum Loslassen.
Und wie lange diese vierte Phase dauert, das Loslassen, ist total verschieden. Ich kenne jemanden, die hat innerhalb von einem Tag all ihre Kanäle gelöscht.
Andere oder die meisten brauchen da ein bisschen länger. Ein paar Wochen oder Monate oder Jahre.
Ich selbst hab – ich kann es nicht mehr auf den Tag genau sagen – aber ungefähr so 1,5 bis zwei Jahre gebraucht vom ersten Gedanken „Ich mag nicht mehr“ bis zum endgültigen Löschen von allen Kanälen.
Meine Beobachtung ist, dass ganz viele Menschen, ganz, ganz viele Menschen in dieser Phase sehr lange verharren. Dass sie wissen, dass sie und Social Media einfach kein guter Match sind, aber sie trauen sich einfach nicht, den allerletzten nötigen Schritt zu gehen.
Es ist wie, als wären sie in einer Beziehung gefangen, von der sie einerseits wissen, dass es keine gemeinsame Zukunft gibt, wo sich aber gleichzeitig eine so große Abhängigkeit eingestellt hat, die sich nur sehr schwer auflösen lässt.
Es ist eine herausfordernde, komplizierte, manchmal sogar leicht beängstigende Phase und es ist für die meisten Menschen verdammt schwer, einen Schlussstrich zu ziehen.
Social-Media-Ausstieg – Phase #5: Springen
Letzten Endes aber – und damit sind wir bei der fünften Phase angelangt – muss man springen.
Es ist letzten Endes ein Sprung. Daran führt kein Weg vorbei.
Und deshalb ist es völlig normal, wenn man aufgeregt ist oder leicht schwitzige Hände vielleicht sogar hat, wenn man seine Konten deaktiviert oder löscht.
Manchmal ist es ein kleiner Sprung.
Manchmal ist es eben ein großer Sprung.
Manchmal ist der Sprung völlig ungefährlich.
Manchmal besteht ein größeres Risiko.
Das ist total individuell und wie sicher die Landung ist, auch.
Shownotes
Abschiedsbrief an Mark Zuckerberg
Facebook-Konto gehackt und dann? Interview mit Judith Peters
Social Media, zyklusbasiertes Arbeiten und die innere Taylor Swift – Interview mit Zyklusberaterin Mandy Jochmann
In dieser Podcastfolge habe ich Mandy Jochmann zu Gast. Mandy ist Zyklusberaterin und spricht mit mir über zyklusbasiertes Arbeiten, das für sie mehr bedeutet als die Arbeit an den verschiedenen Zyklusphasen auszurichten. Außerdem geht es um Social Media und warum es manchmal gut ist, die innere Taylor Swift zu channeln.
In dieser Podcastfolge habe ich Mandy Jochmann zu Gast. Mandy ist Zyklusberaterin und spricht mit mir über zyklusbasiertes Arbeiten, das für sie mehr bedeutet als die Arbeit an den verschiedenen Zyklusphasen auszurichten. Außerdem geht es um Social Media und warum es manchmal gut ist, die innere Taylor Swift zu channeln.
Folge anhören
Transkript lesen
Love-Hate-Beziehung zu Social Media
[Alex]Ja, hallo Mandy. Schön, dass du da bist. Ich freue mich sehr und ich wollte dich gerade schon im Vorgespräch fragen, wie ist eigentlich gerade deine eigene Beziehung zu Social Media?
Und du hast gesagt Love-Hate und da habe ich gesagt, halte den Gedanken, erzähl mir jetzt offiziell davon. Also du bist Zyklusberaterin selbst und was für eine Beziehung hast du denn zu sozialen Medien?
[Mandy]Ja, beste Frage ever. Also erstmal moin. Ja, Social Media und ich. Also es ist so, ich glaube, wir waren mal sehr deeply in love. Ich glaube, ich mache Social Media, seitdem es gefühlt Social Media gibt.
Ich habe schon 2007 meinen ersten Facebook-Account aufgesetzt, weiß noch, wie ich in das Büro meiner Uni gelaufen bin und gesagt habe, so, wir müssen jetzt Instagram machen und wir müssen Twitter machen. Und meine Schulleiterin damals meinte, ey, du bist echt early bird, early adopter.
Und ich war auf Instagram 2011 und ich habe es geliebt. Also auch wenn ich mir heute noch meinen alten Account angucke, wo man nicht sich fotografiert hat, sondern sein Essen, die Laubblätter, also das Leben da draußen.
Ich habe es so wirklich geliebt und inhaliert und hatte dann so eine Phase mit „Go Girl! Run!“, mit Deutschlands größten Laufblog für Frauen, wo ich es auch einfach noch geliebt habe. Und es ist einfach seit vier, fünf Jahren, vier Jahren ungefähr, fünf, ja, dass es echt so eine Love-Hate-Geschichte ist.
Ich weiß noch, ich glaube, ich habe 2022, als du mal ein Seminar gegeben hast, damals mit Carina Herrmann, wie man aus Social Media quasi loskommt, da habe ich da schon gesessen und gedacht, ja, eigentlich möchte ich davon loskommen, aber irgendwas hält mich immer noch da.
Also ich bin da, aber ich war jetzt, glaube ich, drei Monate fast gar nicht online. Also ich bin noch auf Instagram und LinkedIn und ich merke, dass es mir gerade auch schwerfällt, wieder reinzukommen und ich immer so warte auf den letzten Absprung quasi.
Aber dadurch, dass ich noch jetzt eine Zeit lang Kundinnen hatte, die auf Instagram unterwegs sind, also ich habe eine Zeit lang noch im Online-Marketing gearbeitet und zwei Kundinnen gehabt. Aber ich glaube, ich bin auf dem abspringenden Ast.
[Alex]Es ist ein Prozess.
Auf Social Media wegen Taylor Swift?
[Mandy]Ja, ich habe ihn mal kurz beschrieben, ja genau, aber ich, ich sehe immer noch ganz viele Vorteile, aber gleichzeitig ist es so, ich sehe ja einfach, wie viel Energie und Kraft es mir auch zieht.
Und manchmal glaube ich, der Hauptgrund, warum ich noch bei Instagram bin, ist Taylor Swift, dass ich mir quasi noch immer anschaue, wie die Eras-Tour in Amerika zu Ende geht und ich glaube, danach gehe ich dann auch richtig.
[Alex]Ein sehr nachvollziehbarer Grund. Ist es auch ein Taylor Swift-Pulli, ich wollte vorher nicht so... Sieht man jetzt leider nicht, ganz sehr schön.
[Mandy]Genau, ich bin heute im Taylor-Swift-Kuschelpulli-Look hier unterwegs.
[Alex]Vielleicht, Klammer auf, ich habe mir tatsächlich nie diesen Taylor-Swift-Hype verstanden. Und vor einem halben Jahr habe ich mir gedacht, das kann nicht sein. Ich bin immer für Musikhypes zu haben. Also ich war immer so ein riesiger Boygroup-Fan und alles. Und dann habe ich gedacht, ich bringe mir jetzt diesen Taylor-Swift-Hype bei und habe einfach einen Monat lang nur Taylor Swift gehört. Und jetzt bin ich auch drin. Also sehr schön. Ich mag es. Aber gut, das ist alles nicht unser Thema.
[Mandy]Ich habe gesagt, wir werden damit anfangen, hören wir nie wieder auf.
Zyklusbasiertes Arbeiten einfach erklärt
[Alex]Ja, genau. Wir wollen ja heute über die Verbindung reden von zyklusbasiertem Arbeiten und Menstruationszyklus und sozialen Medien.
Ein sehr, sehr spannendes Thema, finde ich. Und deswegen habe ich dich ein bisschen nach deinem eigenen Verhältnis zu sozialen Medien gefragt. Aber um jetzt mal zu diesem eigentlichen Thema zu kommen, kannst du vielleicht für diejenigen, die noch ganz am Anfang stehen bei diesem Thema zyklusbasiertes Arbeiten, kurz beschreiben, was das ist und auch vielleicht die vier Phasen kurz ansprechen, worum es da genau ging. Was ist so dein Grundgedanke dahinter?
[Alex]Das mache ich sehr, sehr gerne. Für mich ist die größte Herausforderung, kurz zu bleiben.
[Alex]Wir können auch länger machen. Daran soll es nicht scheitern.
[Mandy]Aber ja, zyklusorientiertes Arbeiten bedeutet im Endeffekt, dass... Also ich früher hätte ich so erklärt, ja, es bedeutet, dass du deine Arbeit nach deinen Zyklusphasen ausrichtest, dass du weißt, okay, welche Stärken hast du in welchen Zyklusphasen, aber ich habe da auch einen Prozess hinter mir und würde mittlerweile sagen, dass es darum geht, die eigenen Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen, wirklich von Tag zu Tag, von Phase zu Phase und die im Alltag und in der Arbeit auch zu priorisieren und auch miteinander in Einklang zu bringen.
Also meine eigenen Bedürfnisse mit dem, was ist jetzt in der Arbeit zu tun, was steht irgendwie an und das ist ja auch nochmal ein Unterschied, ob ich selbstständig arbeite, ob ich im Team arbeite oder ob ich in einem Unternehmen auch arbeite oder angestellt und deswegen finde ich es so schön, dass es einfach wirklich um diese eigenen Bedürfnisse geht.
Und gerade als Mensch, der mit einer Gebärmutter geboren wurde, verändern die sich. Und das ist so mein größtes Aha-Erlebnis, was ich mit dem Zyklus hatte, dass ich eben nicht jeden Tag gleich bin, dass ich nicht jeden Tag gleich leistungsfähig bin.
Oder die krasse Energie, die ich gestern noch hatte, um meine To-dos wegzurocken, kann sein, dass ich die fünf Tage später eben nicht mehr habe. Und darum geht es eben im zyklusorientierten Arbeiten. Das wahrzunehmen, sich danach auszurichten.
Und als Menschen, die mit Gebärmutter geboren worden sind, haben wir einfach diesen wunderbarsten Vorteil, dass wir eben einen Zyklus haben, der sich in vier Phasen unterteilen lässt. Und ich stelle immer gerne noch mal voran, warum gibt es eigentlich diesen Zyklus? Also was ist das Ziel vom Zyklus? Und das ist, wenn wir es mal ganz einfach runterbrechen, neues Leben zu erschaffen. Und das kann auf biologischer Ebene sein, dass man vielleicht ein Kind bekommt.
Dass quasi ein neuer Mensch entsteht oder erschaffen wird. Aber, und das ist das Tolle, dass man auch raussuchen kann und dass unser Zyklus eben auch auf Metaebene da unterstützend sein kann, etwas Neues zu erschaffen.
Die vier Phasen des Zyklus
In unserem Fall zum Beispiel ein neues Projekt oder eine neue Idee voranzutreiben. Und das ist das, was ich so toll am Zyklus auch einfach finde.
Was ich schon gesagt habe, ist, und du ja auch, es gibt vier Phasen. Das wissen viele noch so aus dem Biounterricht und so ganz grob, aber dann hört es auch ganz oft auf.
Und ich muss auch sagen, ich habe das lange auch in die Ecke geschoben, ja, Schwangerschaft und kannte diese anderen Aspekte gar nicht, die der Zyklus mitbringt.
Diese vier Phasen erleben die meisten vor allem dann, wenn sie nicht hormonell verhüten, also wenn sie wirklich einen natürlichen Zyklus haben.
Und ich arbeite sehr viel auch mit dem Phasenmodell nach Dr. Miriam Stark, weil der eben auch eine psychologische Komponente hat.
Und wir im Zyklus viele Menschen einfach auch körperliche und mentale Blockaden erleben und die sich sehr oft auch auf psychologischer Ebene heilen lassen. Genau.
Wenn wir diese vier Phasen einmal im Schnelldurchlauf durchlaufen, ist es so, um es mal grob zu erklären, dass diese hormonellen Zustände, die wir auf biologischer Ebene erleben, die versetzen uns in unterschiedliche emotionale Verfassungen.
Also in jeder Phase erleben wir eine andere Verfassung und diese emotionalen Verfassungen, die wiederum bringen diese zyklischen Superkräfte, von denen man vielleicht schon mal gehört hat, mit sich und die wir wirklich, wenn wir sie auch kennen und gleichzeitig, was ich gerade schon sagte, gibt es Menschen, die eben da auch Blockaden erleben und da dürfen psychologische Themen gesehen werden.
Also unser Zyklus serviert uns das so ein bisschen wie auch dem Tablett und deswegen ist ganz oft, wenn man anfängt, auch mit Zyklus orientiert und arbeiten, kann es sein, dass man die erlebt und dass man sich diese Themen auch erstmal anschauen darf. Und das sind eben Dinge, wobei ich die Menschen unterstütze. Genau, also es gibt diese vier Phasen.
Das ist die Follikelphase, da findet auf biologischer Ebene die Eizellreifung statt. Und da wird vor allem ganz viel Östradiol produziert, was dazu führt, dass die Gebärmutterschleimhaut aufgebaut wird.
Und dazu auch führt, wenn wir schon bei Taylor Swift sind, ich benutze diese Beispiele sehr gerne, das ist so der Moment, wo Taylor Swift auf die Bühne oder andersrum nochmal, wo Taylor Swift sich quasi vorbereitet, und auch gerne, wo man selbst gerne im Außen ist, also sie macht sich ready für ihren großen Auftritt.
Und wir gerne im Außen sind, wo wir so eine Aufbruchs- und Aufschwungsstimmung nach der Periode erleben, so ein körperlicher Neubeginn und diese frische, junge Energie, das aktiviert in uns diesen jungen, archetypischen Anteil und der verfügt über die Superkräfte Lernen und Spielen.
Also das ist vor allem auch, wenn wir über die Arbeit sprechen, so die Phase, wo wir auch sehr kognitiv, sehr leistungsfähig sind, wo wir Multitasking machen können, wo Weiterbildungen super sind und wo wir auch sehr strukturiert wahrscheinlich unterwegs sind.
Und dann geht diese Phase über in die wunderbare Eisprungphase. Das ist Phase 2. Und das ist, wenn das Östradiol, was produziert wird durch die Eizellreifung, seinen höchsten Stand erreicht hat.
Und jetzt wird quasi so diese eine Eizelle, die da herangereift ist, also das ist ganz spannend, die reifen auch immer in Zehnergrüppchen, sodass wirklich auch die Crème de la Crème dann aussortiert wird. Weil die Crème de la Crème dann zum Sprung, zum Eisprung aussortiert wird. Und diese eine satteste Eizelle, die springt dann vom Eierstock rüber in den Arm der Gebärmutter.
Und das ist so der Moment, wo ich mir dann vorstelle, so jetzt, it's the opening, Taylor Swift kommt auf die Bühne und rockt halt die Stage.
[Alex]Oder ich bin Taylor Swift.
[Mandy]Genau, oder ich bin Taylor Swift. Ja, genau. Ich habe dann auch mal dieses, are you ready for it? Genau und diese Phase 2, so dieser Peak des Östradiols, das löst in uns den mütterlichen archetypischen Anteil aus und der verfügt über die Superkräfte, dass wir mühelos lieben und genießen können und dürfen.
Und das Schöne ist, dass es einmal dieses Lieben und Genießen auch anderen zugutekommen zu lassen, also im Job bedeutet das, es ist einfach der Zeitpunkt für Mutmomente, auch wenn man eher zum Beispiel introvertiert ist, empfehle ich auch immer meinen Klientinnen, leg dir da die Sachen hin, wo du so ein bisschen huu.
Das ist großartig fürs Netzwerken, um Vorträge zu halten, aber auch um diplomatische Gespräche zu führen und auch im Privaten dieses, ich liebe die ganze Welt, wirklich allen zukommen zu lassen.
Und gleichzeitig ist es die Einladung dazu, sich auch selbst dieses Lieben und Genießen zukommen zu lassen. Nicht immer nur alle anderen zu bemuttern, sondern auch sich selbst, gut um sich selbst zu sorgen. Das kann auf körperlicher oder mentaler Ebene der Fall sein.
Und dann gibt es die dritte Phase und das ist auch die längste Phase und die, wo ein Großteil der Menschen auch die meisten Herausforderungen erleben. Das ist die Lutealphase, die Phase 3. Und die unterteilt sich spannenderweise auch nochmal in zwei Teile. Der erste Teil ist der Teil, wo nach dem Eisprung die Follikelhülle zurückbleibt, in der die Eizelle herangereift ist. Und die wird jetzt zu einem Gelbkörper und produziert das Hormon Progesteron.
Also Östradiol sinkt jetzt wieder, was wir in der ersten Zyklushälfte hatten, und Progesteron tritt auf den Plan. Das ist der Moment, wo Taylor von der Bühne geht.
Und dieses Progesteron sorgt dafür, dass die Gebärmutterschleimhaut sich jetzt mit Blut anfüllen kann. Und gleichzeitig sorgt es auch dafür, dass wir so wirklich biologisch, und es ist absolut normal, so ein Rückzugsbedürfnis empfinden, dass wir uns quasi von diesem Außen, von dieser Stage, die Bühne, alles ist hell, dass sich alles so ein bisschen nach hinten zieht und dass wir es jetzt vielleicht ein bisschen ruhiger haben wollen.
Das ist so ein guter Zeitpunkt für Innenschau und gerade auch in der ersten Hälfte nennt man das auch immer progesterones Nestbauhormon. Das ist so die Zeit, in der man vielleicht eher Bock hat, so die Ablage aufzuräumen und auch so ein bisschen das kluge Köpfchen jetzt so ein bisschen ausschalten darf beziehungsweise im Flugmodus nebenbei rattern lassen darf.
Und es vielmehr darum geht, ja auch reinzukommen in unsere anderen Weisheitszentren. Das sind Herz, Bauch und Gebärmutter.
Und der zweite Teil auf biologischer Ebene ist dann nämlich so, dass nach zehn Tagen nach dem Eisprung bemerkt unser Körper, ob jetzt eine Befruchtung stattgefunden hat. Oder nicht. So, ob seine mühevollen Bemühungen, ob die gefruchtet haben, wir gehen jetzt mal davon aus, eine Befruchtung stattgefunden.
Und das bedeutet, dass der Progesteronspiegel jetzt auch wieder sinkt. Und dieser hormonelle Shift, also dieses Rückzugsbedürfnis und auch dieses, dass jetzt quasi auch das Progesteron wieder absinkt, das lässt uns magisch werden.
Also das ist dieser archetypische magische Anteil und der hat direkten Zugang zu unserer Intuition und unserer Kreativität, dass wir die in dieser Phase maximal ausleben, auch gerade zum Ende hin.
Das finde ich auch so für Kreativitätsprozesse unglaublich spannend. Und ganz oft kommt an der Stelle, werde ich dann gefragt, ja, aber habe ich sonst keinen Zugang zu meiner Intuition und meiner Kreativität? Natürlich hast du die, aber wir sind quasi hormonell gedopet, dass da uns dieser Zugang einfach, der ist dann direkt da.
Und im Job können wir das eben auch nutzen, was ich gerade sagte, so gerade am Anfang der Lutealphase ist halt geil für, bei mir ist immer Buchhaltung.
Also wirklich, seit ich mich zyklusorientiert arbeite, gebe ich meine Buchhaltung regelmäßig und ohne Pain ab. Aber es ist auch toll für schnelles, assoziatives Brainstormen, also auch alles Kopf mitrattern darf, das heißt auch mal aus dem Kopf rauszukommen beim Brainstorming und wie gesagt rein ins Herz, in den Bauch und da mal zu fühlen, okay, was kommt da?
Und das sind ganz oft ganz andere Ideen als vielleicht in der ersten Zyklushälfte. Und da auch gerade dieser Kreativität und Intuition einfach auch diesen Raum zu geben, sich ausleben zu dürfen. Und was ich schon sagte, da erleben halt viele Menschen auch PMS, das sogenannte prämenstruelle Syndrom.
Und auch wenn man das erlebt, dann darf man da auch auf psychologischer Ebene nochmal schauen, welche Themen können dahinterstehen. Und dann gehen wir rüber. Progesteron fällt wirklich in den Keller, Östradiol auch. Also wir erleben wirklich den hormonellen Tiefstand. Und wenn Progesteron wirklich den tiefsten Stand erreicht hat, dann ist das das Zeichen für die Gebärmutter-Schleimhaut. Let it go. Also sie löst sich, die Blutung setzt ein.
Und gleichzeitig, das finde ich auch immer so faszinierend, beginnt im anderen Eierstock schon wieder die Eizellreifung. Also da beginnt schon der nächste Zyklus. Und dieser hormonelle Tiefstand, den wir jetzt erleben, der lässt uns vor allem auf körperlicher Ebene sehr, sehr träge werden. Das kennen die meisten von uns. Und uns vielleicht auf eine gewisse Art auch alt fühlen. Also das ist der archetypische Anteil, ist eben der alte Anteil. Und das ist jetzt die Zeit, um uns mit diesen Superkräften mit der Weisheit der Inneren zu verbinden, aber auch, um Themen quasi loszulassen.
Es ist ganz schön, das ist so das, was gerade in Phase 3 am Ende hochgewirbelt wird. Das ist jetzt, wo wir plötzlich wieder den Durchblick haben. Also wenn wir am Ende von Phase 3 denken, oh Gott, es wird hier nie was mit meiner Selbstständigkeit, ist das wahrscheinlich dann so, ja komm, das läuft schon und alles ist gut. Das ist immer so ein typisches Beispiel auch für den Partner. Ist das wirklich der Richtige? Und dann in der Menstruation weißt du, es ist alles gut, guck mal, da kümmert sich vielleicht jetzt gerade gut um mich.
Und das Spannende ist, und das hat bei mir auch so einen riesen Change gebracht, die Menstruation nicht nur als eine Phase zu verstehen, in der wir nicht leistungsfähig sind, sondern mal zu hinterfragen, was heißt Leistungsfähigkeit?
Und ist Leistungsfähigkeit immer wie ein Duracell-Häschen durch die Gegend zu rennen und alle Aufgaben perfekt zu erledigen und immer on fire zu sein? Oder ist Leistungsfähigkeit auch dieses, sich in die Horizontale zu bringen, mal zu schauen, okay, welche Aufgaben sind jetzt wirklich wichtig und auch mal, ich will jetzt nicht sagen, Fünfe grade sein zu lassen, weil das ist es nicht, aber wirklich mal zur Ruhe zu kommen und dem Körper das zu geben, was er braucht. Und da enden wir wieder bei bedürfnisorientiertem Arbeiten.
Wenn ich wahrnehme, Alter, mein ganzer Körper braucht gerade diese Ruhe, wie kann ich sie ihm geben, auch in der Vereinbarkeit mit meinem Job, und sich dann bewusst zu machen, wie kann ich diese Phase auch nutzen.
Und das ist zum Beispiel, dass ich diese Phase ganz toll nutzen kann, um nochmal zurückzublicken auf vergangene Aufgaben und Projekte, weil ich jetzt so eine Metaperspektive habe, weil ich jetzt weder in die, ich bin draußen auf der Bühne und performe Richtung bin oder dieses Rückzugsbedürfnis und wieder auftanken.
Ich kann schon so ein bisschen in die Zukunft visionieren, wo soll es irgendwie hingehen? Also gerade so Business Development sind halt Themen, die da einfach total gut funktionieren. Vielleicht ist das eine Zeit, wenn ich im Team arbeite, wo ich delegieren darf, auch in der Familie. Da darf mal jemand anderes kochen und sich um den Einkauf kümmern, weil solche kleinen, kleinen Sachen interessieren mich in der Periode ganz oft nicht so. Also das ist vor allem auch gut, um einfach Dinge zu erledigen, die keine großen kognitiven Mühen brauchen. Und ich habe da einmal das Bild von dir, als du mal in meinem Podcast warst im Kopf.
Wie du mit deinem Kirschkernkissen auf dem Sofa liegst und die da gerade irgendwie dran sind. Genau, und auch hier erleben ja viele Menschen Herausforderungen, Schmerzen, Periodenbeschwerden.
Und auch da lohnt es sich hinzuschauen, okay, was kann auf psychologischer Ebene dahinterstehen? Aber ganz oft ist es auch diesen Bedürfnissen, die wir in diesen Phasen haben, Raum zu geben. Genau, und was ich schon gesagt habe, ist, während der Blutung beginnt sozusagen dann wieder ein neuer Zyklus und darf dann eben auch genutzt werden.
So, das war die Kurzform.
Verknüpfung von Zyklus und Marketing
[Alex]Ja, das waren jetzt natürlich auch sehr viele biologische Infos oder körperliche Infos. Und die Frage ist ja jetzt, wo ist da der Link zu so einem ganzen Business- und Marketing-Setting? Kannst du das vielleicht mal so ganz pointiert herausarbeiten?
[Mandy]Ja, das kann ich. Ich finde halt, dass diese Ebene unglaublich interessant und wichtig ist, weil ganz viele eben nicht wissen, was an ihrem Körper passiert.
Deswegen führe ich die eben auch gerne ein bisschen ausführlicher aus.
Um diesen Link zu schaffen, ist es einfach unglaublich großartig, weil du eben auch deine Marketingprojekte mit deinem Zyklus quasi erarbeiten kannst und da reinspüren kannst.
Also ich liebe das auch total, mache ich das mit Kundinnen, die jetzt zum Beispiel dieses Thema Positionierung oder Neupositionierung haben, dass ich halt nicht sage, okay, setze ich jetzt mal einen Tag hin und erarbeite das mal, wo du hin willst, sondern wirklich diese Qualität der Phasen mitzunehmen. Also man kann das auch wie ein Projekt aufbauen. Und auch da, wenn man sich auch die Zeit dafür nehmen möchte.
Also zyklusbasiertes Arbeiten ist eben auch oft, dass man sich auch mal Zeit für Dinge nehmen kann, dass man nicht immer alles übers Knie bricht oder es muss jetzt sofort erledigt werden. Und dass man zum Beispiel an dem Beispiel auch total schön in der ersten Phase schaue ich erstmal, ich recherchiere, ich nehme wahr, was ist irgendwie im Außen, was machen vielleicht andere, gehe auf die Recherche. Auf die Recherchejagd, wollte ich gerade sagen, geh auf Recherche.
Und dass ich dann vielleicht in der zweiten Zyklushälfte dann eher nochmal so einen Deep Dive mache und schaue, okay, was will ich wirklich, was ist wirklich das, was meins ist?
Manchmal kann man auch gut die Periode als Ausgangspunkt nehmen, dieses wo will ich hin auch?
Oder dann, wenn wir den anderen Weg, wie ich ihn gerade beschrieben habe, gehen, dann kannst du in der Periode auch nochmal schauen, okay, ist es wirklich das, was ich will? Und sich selber auch, oder auch das Projekt in all diesen Phasen wahrzunehmen, auch das Projekt in all diesen Facetten reinzuspüren, um einfach ein wunderschönes Gesamtpaket zu schnüren, das dann auch wirklich zu einem selbst passt.
Und nicht, dass ich jetzt, also das erlebe ich ganz oft mit meinen Klientinnen, also bei mir selbst und auch mit meinen Klientinnen, dass die halt sagen, okay, wenn ich so da rangehe, dann passt das für mich einfach auch über einen längeren Zeitraum.
Also es ist nachhaltig, das ist langfristig. Das ist nicht so, dass ich da in drei Monaten oder in fünf, sechs Monaten wiederstehe und mir denke, oh Gott, war das jetzt irgendwie? War das jetzt wirklich das Richtige? Sondern dass die wirklich das Gefühl haben, okay, das kommt jetzt auch aus mir heraus. Also auch diesen Wunsch, den ja auch viele haben, das soll mir entsprechen. Und es ist halt nicht dieses schnell, schnell. Also es ist auch so ein sehr tiefgründiges Arbeiten, gerade auch in dem Bereich, in dem wir beide unterwegs sind.
[Alex]Ich finde das auch voll den wichtigen Gedanken, weil ich finde gerade Marketing zum Beispiel oder Selbstständigkeit ist ja nichts Kognitives oder nichts ausschließlich Kognitives, sondern das manifestiert sich ja auch im Körper. Also gerade wenn wir zum Beispiel Social Media haben, ich bin auf Instagram und sehe all die tollen Accounts, das spüre ich ja in mir, das macht ja irgendwas in mir.
Und wenn ich so Marketing- und Business-Themen eben nicht nur mit dem Kopf bearbeite, sondern so mit dem ganzen Körper, ich mag das Wort ganzheitlich nicht, aber schon mit verschiedenen Aspekten, dann kann ich mir das voll gut vorstellen, dass es halt einfach auch so eine nachhaltige Entscheidung dann zum Beispiel für etwas ist, etwas zu tun oder nicht zu tun.
[Mandy]Total. Und weil du auch gerade Social Media und Instagram ansprichst, das weiß ich noch ganz genau, also Spoiler, du warst ja auch mal in meinem Podcast, als wir vor zwei Jahren darüber geredet haben, wie du das auch für dich erlebt hast, habe ich in dem Zusammenhang ganz viel darüber nachgedacht, okay, wie nehme ich auch Social Media im Laufe meines Zyklus wahr?
Und ich finde das unglaublich spannend und ich glaube, da können wahrscheinlich viele Hörerinnen und Hörer, also vor allem Hörerinnen, relaten, das mal zu beobachten. Also man kann das wirklich an diesem Taylor-Swift-Beispiel halt super gut sehen.
Das ist so, gerade in der ersten Zyklushälfte ist das, wo ich vielleicht präsenter sein möchte. Und gerade die zweite Zyklushälfte ist die, wo ich vielleicht sehr anfällig bin für negative Kommentare, aber auch dieses schnelle Durchlaufen, dieser schnellen Durchlauf an Informationen und Entertainment, den man da ja, das Entertainment Anführungsstrichen, aber es ist ja auch eine gewisse Form von Entertainment, den ich da habe, dass ich da auch ganz anders drauf reagiere.
Und das war für mich damals auch total spannend und hat eben auch dazu geführt, dass ich da viel, viel bewusster auch mit mir und meinen Ressourcen und Energien bin, wahrzunehmen, okay, in der zweiten Zyklushälfte... War ich dann damals sehr viel weniger dort unterwegs zum Beispiel auch.
[Alex]Das heißt, es ist auf jeden Fall eine gute Idee, so seinen Social-Media-Konsum, wenn man denn noch da ist, mit dem Zyklus irgendwie zu verlinken und sich selbst zu beobachten, wann es einem schwerer und leichter fällt, dort zu sein.
[Mandy]Zum einen das und zum anderen das auch mal wahrzunehmen. Was macht das mit mir? Also das ist ja das, wo ja auch Achtsamkeit für mich total beginnt. Der erste Schritt ist immer wahrzunehmen, was ist jetzt hier gerade? Oder auch zu hinterfragen, ist jetzt ein negativer Kommentar wirklich so schlimm oder bin das gerade ich? Und oft stehen da dann noch andere Themen hinter, gerade am Ende der Lutealphase. Sich da einfach mal selbst zu beobachten und da auch selbstfürsorglich mit sich zu sein.
[Alex]Aber es ist ja auch nicht so das, was uns so vermittelt wird. Weil wenn wir Social Media Marketing zum Beispiel betreiben, dann müssen wir ja täglich präsent sein und quasi täglich dieselbe Art der Leistung bringen. Und das wäre dann ja ein Widerspruch zu dem, was du sagst. Nämlich, wir können nicht jeden Tag dasselbe, oder es ist schwierig, jeden Tag dieselbe Form von Leistung zu bringen, weil wir eben zyklische Wesen sind. Also müsste sich so für die Menschen, die Social Media noch nutzen, auch müssen sie ihre gesamte Nutzung überdenken, dieses täglich präsent sein? Ist das überhaupt realistisch?
[Mandy]Das ist immer eine spannende Frage, weil ich finde es einfach unglaublich wichtig, dass wir immer mehr dahin kommen, was du gerade so schön gesagt hast, wahrzunehmen. Wir sind zyklische Wesen und wir leben in einer linearen Welt, in einer linearen Leistungsgesellschaft. Und das wahrzunehmen, und das ist einfach auch mit die größte Herausforderung, die ich ganz oft auch beim zyklusorientierten Arbeiten erlebe, dass viele sagen, ja, wie soll denn das funktionieren? Geht nun mal nicht, kann mich jetzt hier nicht hinlegen.
Aber ich glaube, es ist halt auch die innere Einstellung zu schauen, was ist mir wichtiger, mich selbst wahrzunehmen in dieser Welt und zu schauen, meinen Weg zu gehen oder mich ständig anzupassen und alles so zu machen, wie alle anderen das machen, was ich eben sehr oft auch, wie du es auch schon sagst, an deinem Körper manifestierst.
Also ich habe so krass lange unter körperlichen und emotionalen PMS zu leiden gehabt, weil ich nicht wusste, was will mein Körper mir da eigentlich sagen. Und da mal hinzuschauen und wenn wir aufhören, auch unsere Bedürfnisse zu übertrampeln, wird sich das in so vielen Wegen positiv auswirken. Und deswegen ist meine Einladung immer zu sagen, okay, ich nehme mich selber wahr und schaue, wie kann ich das in mein Leben, in mein Marketing, in meine Selbstständigkeit integrieren und da dann auch zu schauen.
Und um das sehr anschaulich zu machen bei Social Media, kann zum Beispiel ein Weg auch sein, also auch diese Entscheidung, will ich da jeden Tag zu 100 Prozent präsent sein? Will ich mir von dem Algorithmus diktieren lassen, wie meine Selbstständigkeit und meine Präsenz auszusehen hat? Oder kann ich da auch meine Wege finden? Content zum Beispiel vorzuproduzieren.
Oder auch zu schauen, ich glaube, du kannst jeden Tag auf Social Media sein, wenn du dir bewusst machst, in welcher Phase bin ich jetzt gerade? Was brauche ich gerade? Ich arbeite da auch ganz gerne mal auf energetischer Ebene, aber da auch zu gucken, was brauche ich gerade? Ist es heute, bin ich da nur mal kurz und check nur kurz die Nachrichten, weil ich da antworten will, aber guck nicht den kompletten Feed durch oder ich beantworte heute keine Kommentare oder ist heute der Tag, an dem ich einfach voll Bock habe, eine Story zu machen und mich selbst zu filmen?
Also auch da, das ist ja, wir sind dem ja nicht komplett ausgeliefert und sich dazu, also dieses, Du darfst entscheiden, wie du damit umgehst. Das ist halt das, worum es geht. Und das ist eben auch das, wozu dich dein Zyklus einlädt. Dieses Bewusstsein zu haben, ich priorisiere mich und meine Bedürfnisse und ich gucke dann, wie der Rest funktioniert.
[Alex]Also ich muss sagen, ich will jetzt niemandem nahelegen, soziale Medien zu löschen, aber ich muss sagen, es ist eine enorme Erleichterung, da nicht sein zu müssen.
Weil wenn man nur noch Strategien und Aufgaben hat, wo man mehr kontrollieren und mehr bestimmen kann, dann ist es schon leichter so, seine Bedürfnisse auch wahrzunehmen und sie auch zu erfüllen, als zum Beispiel früher diesen Satz immer täglich dort zu sein. Das habe ich mir schon immer zu Herzen genommen. Und sogar wenn ich wusste, ich bin jetzt an Tag X, hat mir das nicht wirklich geholfen. Also ich hatte trotzdem immer diesen Gedanken, ich muss jetzt aber das und das und das und das machen. Also so viel Fremdbestimmung war das.
Und ich finde, gerade als Selbstständige kann man ja sagen, okay, ich kann das vielleicht so nutzen, dass es mit meinem Zyklus irgendwie besser passt. Ich kann das Wissen um den Zyklus nutzen, um das für mich irgendwie anders zu gestalten. Aber ich kann eben auch sagen, okay, dann gehe ich halt weg. Also wenn ich so ein zyklisches Wesen bin, dass dieses lineare soziale Medien-Ding absolut nicht meins ist, kann ich halt auch rausgehen. Das ist immer auch eine Option.
[Mandy]Und ich finde gerade als Selbstständige ist das doch das Geilste, was wir haben. Ich darf und kann entscheiden und ich möchte manchmal einfach in so selbstständigen Starterinnenrunden, aber auch einfach bei fortgeschrittenen Selbstständigen einfach manchmal reinbrettern und sagen, ey, du kannst entscheiden, du bist dem nicht ausgeliefert. Und das ist ja auch wieder so ein bisschen, sehe ich auch so ein bisschen als Teil meiner Arbeit, es ist so dieses, sich diese Selbstwirksamkeit zurückholen.
Du hast die Kraft, all das zu entscheiden und du hast auch die Möglichkeit, also nimm sie dir. Und ich glaube, das ist noch immer so ein Riesenappell auch an selbstständige Frauen, du entscheidest und nur weil irgendwer sagt, du musst da jeden Tag sein oder nur weil jemand sagt, du musst, du musst, du musst. Sobald das Wort müssen aufkommt, bin ich sowieso so, muss ich wirklich?
Also ich glaube, sobald irgendwer mir erzählt, du musst, dürfen wir das hinterfragen, muss ich wirklich? Oder gibt es auch Alternativen? Und es gibt, das ist ja das Tolle, mich überfordert das manchmal total, aber es ist ja das Tolle, dass wir in unserer Welt die Möglichkeit haben, es gibt tausend Alternativen. Also es gibt auch Alternativen zu Instagram und Co. und es gibt auch zu anderen Sachen Alternativen, wozu ich keine Alternative sehe, ist zyklusorientiert zu arbeiten und zu leben, weil das ist, das hat für mich so Klick gemacht, dass es so in uns verankert und das ist ein Geschenk, was wir mitgegeben haben, wo es sich einfach lohnt, den kennenzulernen, den Zyklus da reinzuspüren. Und das einfach auch immer mehr ins Leben und die Arbeit einfließen zu lassen.
[Alex]Glaubst du, dass soziale Medien Zyklusbeschwerden beispielsweise PMS verstärken können?
[Mandy] Ja, definitiv. Definitiv. Also ich glaube, wenn wir jetzt gerade auch bei emotionaler PMS sind, die sich in, ach du Gott, ich kann sie ja in allem äußern. Das kann sich äußern in, was ich vorhin so ein bisschen beschrieben habe, in dieser Wehleidigkeit, nenne ich es jetzt mal in diesem Wehmut vielleicht auch, oder in diesem Hinterfragen, in dieser Spirale sein, ist das jetzt das Richtige für mich?
Zum Beispiel in dem, wenn ich da jetzt natürlich auf Social Media gehe und sehe, oh, da ist jetzt irgendwie eine Expertin oder eine Coachin, in meinem Fall, oh, da ist jetzt ein Zykluscoachin, ich habe damit ehrlich gesagt überhaupt kein Problem. Ich finde es großartig, wie viele Zyklus-Coachinnen es gibt. Aber keine Ahnung, ich bin vielleicht Autorin und gehe dann auf Social Media und sehe, ach guck mal, mir fällt gerade Caroline Wahl ein, weil ich das Buch gerade 22 Bahnen gelesen habe und denke so, oh guck mal, die ist total erfolgreich mit ihrem Buch und ach man, ich kriege es immer noch nicht geschissen, ich kann davon nicht leben. Das verstärkt ja diese Negativspirale, die wir sowieso schon haben. Und dann zu wissen, okay, das ist am Ende, kann es auftreten von Phase 3, da bin ich sehr anfällig für, natürlich verstärkt es das. Also wenn ich nicht auf Social Media wäre, hätte ich vielleicht diese Gedanken auch, aber könnte ganz anders mit denen umgehen. Vielleicht da nochmal einchecken, die Gedanken hinterfragen, sie überhaupt erstmal wahrzunehmen, ist ja schon ein Riesending.
Natürlich zieht dich Social Media, kann dich da total runterziehen. Gleichzeitig kann sich das natürlich auch, also ich bin ja auch ein Freund von Social Media, dich total nach oben bringen, aber definitiv kann es das auch verstärken, ja.
[Alex]Aber wenn ich gerade so überlege, also... Wenn man PMS hat, ist da ja schon auch so ein kleines Sensibelchen, oder ich zumindest. Und wenn man dann quasi in so ein Setting geht, wo man ja im Grunde sagt, bewerte mich, like mich, das kommt ja noch dazu. Und das macht das wirklich auch herausfordernd, dann das sich nicht so zu Herzen zu nehmen, weil alles im Körper ist so sensibel und fragile und ja.
[Mandy]Es ist halt, ich komme immer wieder zurück, das Taylor-Swift-Beispiel. Ich überstrapaziere das heute ein bisschen. Aber das ist so wie, wenn du, also stell dir vor, du hast drei Stunden auf der Bühne, du bist total fertig, du willst vielleicht nur noch ins Bett oder deinen Boyfriend irgendwo in den USA anrufen. Und dann stellt dich jemand auf die Bühne und sagt, so, jetzt mach mal weiter, wir wollen noch 100 Zugaben. Und das wird mir jetzt aber kacke, dass du jetzt nicht mehr tanzt. Wie, deine Stimme funktioniert jetzt nicht mehr.
Also das ist es ja im Endeffekt, was wir ganz oft mit uns selber machen. Wir zerren uns nochmal raus auf die Bühne und verlangen etwas von uns, wofür wir eigentlich gar nicht mehr fähig sind.
Und deswegen finde ich es auch so, also es ist ganz oft so, wenn Frauen auch mit Beschwerden in der ersten Zyklushälfte zu mir kommen, dann frage ich immer als erstes, wie sieht deine Periode aus? Wie sieht deine Menstruationszeit aus? Ja, so wie immer.
Naja, das ist aber dein Ankerpunkt, in dem du ausruhen darfst, in dem du wieder Kraft tankst, indem du bitte nicht auf der Bühne stehst, wenn möglich. Und selbst wenn du musst, kannst du schauen, wie kann ich mir das so gestalten, dass ich trotzdem diesen Auftankmoment erlebe in der Periode.
Und ich glaube, das ist halt etwas, was sich in uns verändern darf. Da sind wir auch wieder bei Selbstwirksamkeit. Du darfst entscheiden. Und das muss nicht immer gleich einen halben Tag in der Horizontalen sein. Es kann auch einfach mal diese zehn Minuten runterfahren sein. Das kann der Kuschelpulli sein. Alles zu tun, damit du dich wohlfühlst in dem, was du auch tust oder was vielleicht auch getan werden muss manchmal, in dem Fall dann muss. Es gibt ja auch Dinge, du kannst deinen Kindern nicht sagen, so, heute hole ich euch nicht vom Kindergarten ab oder so. Und aber da auch immer wieder bei sich selber einzuchecken.
[Ale]Ja, man muss sich ja für die Tage dann vielleicht nicht noch ein aufwendiges Drei-Gänge-Menü planen, sondern kann halt irgendwas anderes kochen.
[Mandy]Kannst du abgeben oder beim Lieferservice bestellen.
Langfristige Veränderungen durch zyklusbasiertes Arbeiten
[Alex]Du bist ja jetzt schon eine Zeit lang auf zyklusorientiertes Arbeiten spezialisiert und kannst du uns vielleicht so abschließend mal so ein schönes Bild zeigen? Also was passiert langfristig, wenn ich dieses Wissen anwende für mein Leben? Was für eine Erleichterung, was für eine Veränderung kann sich da einstellen?
[Mandy]Ehrlich gesagt bin ich, glaube ich, das beste Beispiel. Ich kann ja noch mal kurz mein Beispiel bringen. Also als ich die Pille abgesetzt habe, so ein Jahr danach, habe ich das erste Mal erst kapiert, was PMS sind, vor allem wie vielfältig die sind. Und ich hatte wirklich sehr, sehr, sehr dunkle PMS-Phasen, vor allem auf emotionaler Ebene. Also ich hatte sehr starke depressive PMS.
Gott, wenn ich da jetzt reingebe, wird es wirklich dunkel. Also es waren wirklich Phasen, in denen ich alles hinterfragt habe. Mein komplettes Leben, meine komplette Selbstständigkeit. Ich hatte körperlich so krasse Schmerzen während der Periode. Das waren wirklich, das waren so diese Tage, an denen ich nicht arbeiten konnte, weil es mir einfach körperlich und mental so schlecht ging. Und als ich angefangen habe, so nach und nach, bei mir ist es echt ein sehr langer Prozess gewesen. Ich habe, glaube ich, so 2017, 18 angefangen, mich damit zu beschäftigen. Auch eher so auf so einer oberflächlichen, wie ich jetzt sagen würde, was nicht schlecht ist. Ich finde, jeder, der sich damit beschäftigt, es ist großartig. Egal auf welcher Ebene, weil ich glaube, es bewirkt so viel. Und damals war das eher noch so ein, okay, ich fange mal so ein bisschen anders zu verstehen, habe mich ein bisschen besser verstanden, habe angefangen, meine Aufgaben danach auszuteilen, bin dann auch in viele Fettnäpfchen getreten.
Habe mich selber wieder unter Druck gesetzt, es muss doch jetzt so sein. Und als ich vor allem diese psychologische Ebene herausgefunden habe und geschaut habe, auch auf psychosomatischer Ebene, was kann hinter meinen auch körperlichen und mentalen Symptomen stehen, Und habe ich halt für mich auch wieder rausgefunden, gerade mit Phase 3, mit der Lutealphase, okay, ich lebe gerade nicht das Leben, was ich gerne leben möchte.
Also da kann ganz oft das Thema Exzentrik auch hinterstehen.
Also traue ich mich, das auszuleben, was ich gerne möchte und habe mich dann sehr stark mit dem Thema Beruf und Berufung auseinandergesetzt und musste immer wieder schmunzeln, weil ich, als ich „Go Girl! Run!“ noch gemacht habe, mich immer so dagegen gewehrt habe. Ich bin jetzt Coachin im Sinne von, ich setze mich doch nicht dahin und rede mit Menschen über ihre Probleme.
Und auch mich, ja, irgendwann hat das für mich nicht mehr gepasst und mich dann getraut habe, das aufzugeben. Es war ein Riesending, „Go Girl! Run!“ aufzugeben und zu sagen, ich mache jetzt was Neues. Also dieser krasse Mutmoment, was mir selber dem Moment gar nicht so bewusst war, weil es so, ich habe immer gemerkt, da irgendwas passt hier nicht. Irgendwas war zu eng und mich dann zu trauen, wirklich frei und radikal zu sagen, ich mache was Neues und das in diesem zyklusorientierten Arbeiten und Leben gefunden zu haben und so viele Menschen damit unterstützen zu können.
Das hat sich bei mir wirklich dann auf allen Ebenen ausgewirkt, wo ich am Anfang noch dachte, ich gehe doch jetzt hier nicht zu Alexandra in den Podcast, stelle mich auf eine Bühne und rede über Periode.
Und ohne Scheiß, das ist das Geilste, was ich in meinem ganzen Leben bisher gemacht habe, weil ich das so liebe, weil ich dafür so brenne.
Und das ist ja auch oft was, was sich Menschen wünschen, die es selbstständig machen. Ich will das machen, wofür ich lebe, wofür ich brenne. Und das fühle ich so in jeder Phase meines Körpers.
Und das führt auch dazu, dass ich mittlerweile ein Business führe, mit dem ich so happy bin, wo ich jeden Tag sehe, das wächst, das entspricht mir, das macht Spaß und ich wachse da immer mehr rein.
Vielleicht ist dann auch das Social-Media-Aufgeben etwas, was dazu gehört. Aber ich glaube, das ist so das, wo das hinführen kann, sich selbst nochmal ganz neu zu entdecken, in allen Facetten und gleichzeitig sich dann auch zu trauen, radikal seinen Weg zu gehen. Und ich habe jeden Tag das Gefühl, ich komme noch mehr bei mir an und ich bin so zufrieden mit allem, was ich tue.
Deswegen würde ich jetzt mal mich selber als Best Case nehmen, wo das hingehen kann. Also von, was mache ich hier, es ist doch alles schlimm und schrecklich, hin zu, geil, ich liebe dieses Leben.
[Alex]Aber sogar wenn es jetzt nicht zu dieser exorbitant tollen Version kommt, es ist ja auch schon eine große Erleichterung, vielleicht im Alltag an einzelnen Tagen eben nicht so erschöpft zu sein und zu wissen, wie kann ich jetzt mit diesen Gedanken, die ich habe, vielleicht anders umgehen. Also selbst diese kleinen Snippets, diese kleinen Erleichterungen sind ja oft schon sehr viel wert.
[Mandy]Überhaupt, also ich kämpfe auch wirklich dafür, dass es nicht mehr normal ist, dass wir so lapidar über PMS reden und sagen, ja, ist halt so oder über Periodenbeschwerden.
Also das verändert sich wirklich, je tiefer wir da reingehen, dass du einfach beschwerdefrei auch größtenteils sein kannst. Also auch das, und wie schon sagst, auch in diesen Kleinigkeiten, sich ganz anders in seinem Zyklus zu fühlen. Ich erlebe auch oft, dass Frauen sagen, ich fühle mich so ausgeliefert.
Das verändert sich, wenn du zyklusbasiert arbeitest. Du fühlst dich seltener ausgeliefert oder gar nicht mehr, weil du einfach dich kennst.
Du weißt, was passiert. Du kannst es einschätzen. Und auch da wieder ist wie alles im Leben und dann kommt, glaube ich, dieser Rundschliff wieder zu Social Media.
Es ist ein Prozess, es dauert. Ich arbeite seit 2017, 2018 zyklusorientiert. Ich würde sagen, in den letzten zwei, drei Jahren hat es bei mir so richtig Klick gemacht und bei Social Media erleben wir halt immer, es geht total schnell, mach diese fünf Schritte und dann bist du da und das ist halt etwas, was ich einfach unglaublich gerne mitgebe.
Es dauert, es ist ein Prozess, aber er lohnt sich und er wird sich den Rest deines Lebens auszahlen, weil wenn du vielleicht die letzten 10, 15, 20 Jahre nicht zyklusbewusst gelebt hast, dann darfst du da ja erstmal reinkommen. Und es wird dir in so vielen Bereichen deines Lebens helfen, auch wenn du in. Ich vertausche mal Prä- und Perimenopause, also in die Wechseljahre kommst und auch die Zeit danach, auch da wird dir das super hilfreich sein und es hilft auch anderen Menschen, um dich herum zu verstehen. Also du merkst schon, ich bin total on fire.
[Alex]Ich glaube, Bedürfnisorientierung ist zu jeder Phase des Lebens eine sehr, sehr gute Idee und egal ob für sich oder mit anderen.
[Mandy]Ja, genau.
[Alex] Ja, Mandy, ich freue mich sehr, dass du da warst, dass wir jetzt wissen, wie wir unsere innere Taylor Swift channeln können. Ein sehr schönes Bild, das ich jetzt definitiv nutzen werde immer. Ja, also vielen, vielen Dank für dein Wissen und deine ganzen Tipps heute. Dankeschön.
[Mandy]Sehr, sehr gerne.
Shownotes
Nutze ich Social Media privat?
Dass ich keine sozialen Medien mehr fürs Marketing nutze und auch andere Selbstständige dazu berate, weißt du vermutlich. Zusätzlich werde ich immer wieder gefragt, wie ich es eigentlich privat mit Social Media halte. Und genau das möchte ich dir in dieser Podcastfolge erzählen.
Dass ich keine sozialen Medien mehr fürs Marketing nutze und auch andere Selbstständige dazu berate, weißt du vermutlich.
Zusätzlich werde ich immer wieder gefragt, wie ich es eigentlich privat mit Social Media halte.
Und genau das möchte ich dir in dieser Podcastfolge erzählen.
Folge anhören
Transkript lesen
Ja, in dieser Podcastfolge wird es also etwas privater. Denn ich möchte dir von meiner privaten Social-Media-Nutzung erzählen.
Erst einmal: Warum ist es überhaupt sinnvoll, zwischen einer beruflichen und einer privaten Social-Media-Nutzung zu unterscheiden?
Nun, das kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn man privat in ganz anderen Kreisen unterwegs ist als beruflich.
Zum Beispiel, wenn man weiter weg von zu Hause wohnt und soziale Medien eine Möglichkeit sind, Kontakt zu Freundinnen und Familie zu halten.
Möglicherweise besteht dann der Instagram-Feed aus Fotos von seinen Liebsten, von Menschen, die man total gerne hat und wo man sich einfach dafür interessiert, was gerade bei ihnen so los ist.
Oder andersrum ist es vielleicht praktisch, einmal etwas von sich zu posten und alle anderen bekommen es mit und man muss nicht den Menschen einzeln erzählen: Hey, ich bin gerade wieder in Deutschland. Wollen wir uns mal treffen?
Vielleicht hat man privat auch ein ganz nischiges, nerdiges Hobby und nutzt soziale Medien dafür, mit anderen über das Thema abzunerden. Also vielleicht dreht sich das Privatleben nur darum, keine Ahnung, Sauerteigbrot zu backen, und man ist dann eben in diversen Facebook-Gruppen oder WhatsApp-Gruppen, um sich über die neuesten Tipps und Tricks zu Sauerteig austauschen oder so.
Das sind zwei Beispiele von Fällen, wo soziale Medien einem gut tun könnten, und ich bin mir sicher: Da gibt es bestimmt noch viel, viel mehr Beispiele, dass soziale Medien auch mal so gar nichts mit Marketing, Inszenierung, Stress oder Druck zu tun haben müssen, sondern einem das Leben wirklich schöner machen können.
Und wenn das so ist, kann es eine gute Idee sein zu sagen: Ich unterscheide zwischen einer beruflichen und einer privaten Nutzung sozialer Medien. Also vielleicht bin ich beruflich gar nicht mehr dort, weil mir die ganze Dynamik in meinem Bereich nicht gefällt, aber privat lieb’ ich es einfach für die und die Fälle.
Ich erzähle ja immer und immer wieder, dass es nicht nur zwei Möglichkeiten gibt, Social Media zu nutzen, also: Entweder nutze ich es ganz exzessiv oder lösche alle Kanäle, sondern es gibt natürlich auch Zwischenwege und Zwischenlösungen.
Zum Beispiel kann man sagen, bestimmte Plattformen tun mir nicht gut, die lass ich weg. Andere behalte ich dafür.
Man könnte aber eben auch sagen: Beruflich tun mir soziale Medien nicht gut, da geh ich raus. Aber privat mag ich es dort und bleibe dort.
Nun, das einfach mal grundsätzlich zum Thema.
Und bei mir selbst ist es jetzt aber so, dass es für mich persönlich kaum einen Unterschied gibt zwischen beruflich und privat.
Soziale Medien tun mir in 95 Prozent der Fälle einfach nicht gut.
Das liegt vor allem an dem süchtig machenden Design und an den emotionalen Triggern, von denen man inzwischen ganz genau weiß, dass sie gut funktionieren.
Und Menschen deshalb da gezielt Emotionen wie Wut zum Beispiel triggern.
Das liegt auch an der Vergleichskultur, die auf Social Media einfach super stark ist. Wenn Menschen dort irgendetwas erzählen, dann vergleiche ich mich im Grunde ständig damit und muss höllisch aufpassen, dass ich da nicht in Selbstzweifel abrutsche.
Und deshalb ist es für mich grundsätzlich total egal, ob ich mich da aus beruflichen oder privaten Gründen einlogge: Ich merke diese negativen Effekte auf jeden Fall.
Und deshalb habe ich persönlich gar nicht den Wunsch, privat da etwas ganz anderes zu machen als beruflich.
Aber gehen wir da noch mal Schritt für Schritt durch.
Facebook und ich
Der erste Social-Media-Kanal, den ich privat genutzt habe, war Facebook. Ich hatte da ein paar Jahre ein Konto. Ich glaub, ich hab da mal Hochzeitsbilder gepostet oder so was. Aber im Grunde hab ich einfach nur geguckt, was andere posten. Ich selbst war da nicht sonderlich aktiv. Und hab dann auch irgendwann das Konto gelöscht, weil ich Facebook alles in allem nicht besonders spannend fand und gemerkt habe, dass es mir auch nicht sonderlich gut tut, anderen Menschen beim Leben zuzugucken.
Und als ich mich dann selbstständig gemacht habe, habe ich wieder einen privaten Account gebraucht, um mir eine Facebook-Seite anzulegen. Aber ich hab diesen Account nie privat genutzt, weil, wie gesagt: Ich hatte mich privat schon von Facebook verabschiedet und kein Interesse, das wieder auferstehen zu lassen.
Insofern war das privat überhaupt kein Drama für mich, von Facebook wegzugehen, und ich hatte bis heute noch kein einziges Mal den Wunsch, Facebook privat zu nutzen.
Pinterest und ich
Der zweite Social-Media-Kanal bzw. es ist ein Suchmaschinen-Social-Media-Mix, den ich hatte, war Pinterest. Und das war für mich ja richtig lebensverändernd. Denn ich hab mich quasi auf den ersten Blick in Pinterest verliebt und hab, wie du vielleicht weißt, mich dann auch als Selbstständige auf Pinterest-Marketing spezialisiert. Und das habe ich dann auch tatsächlich privat und beruflich sehr, sehr intensiv genutzt.
Aber mit der Zeit hatte sich Pinterest verändert, vor allem ab 2019, als sie Werbeanzeigen in Deutschland released hatten. Und dann hat mir Pinterest auch privat eigentlich nicht mehr so viel Spaß gemacht, weil der Start Feed voll war mit Werbung und weniger mit den Pins von den Accounts, denen ich gefolgt bin. Und als ich dann 2020 angefangen habe, mich von Social Media zu lösen, hat das nicht nur mein berufliches Pinterest-Konto betroffen, sondern eben auch mein privates Pinterest-Konto.
Also den privaten Pinterest-Account gibt es tatsächlich noch, aber ich habe meine Zugangsdaten nicht mehr, weil das eine alte E-Mail-Adresse von mir war.
Ich hab das Konto 2011 angelegt und das ist einfach eine E-Mail-Adresse, auf die ich nicht mehr zugreifen kann. Das heißt, da komme ich nicht mehr rein und mache mir ehrlich gesagt auch nicht die Mühe, das jetzt irgendwie zu lösen.
Ich hab da auch erst wieder dran gedacht, als ich mir Gedanken für diese Folge gemacht habe.
Es ist also überhaupt nichts, was mich im Alltag in irgendeiner Weise beschäftigt. Ich verspüre nicht mehr den Wunsch, zu Pinterest zu gehen, habe keine App auf meinem Smartphone und deshalb, ja, spielt Pinterest überhaupt keine Rolle mehr in meinem Privatleben.
Witzig übrigens, das zu sagen. Ich hab früher immer gedacht, ich würde mich ohne Pinterest so uninspiriert fühlen. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Ich hab immer noch genügend Idee fürs Kochen und Einrichten und Leben und was weiß ich was.
X (Twitter) und ich
Der dritte Social-Media-Account, den ich privat hatte, war Twitter. Da war ich die meiste Zeit stille Beobachterin, hatte aber auch einmal die Phase, wo ich ein bisschen aktiver war und mich daran versucht habe, lustig zu sein. Aber diese Phase war kurz und ich hab den Account dann auch wieder gelöscht.
Und dann, als ich mich selbstständig gemacht habe, dachte ich wieder, ich bräuchte jetzt dringend einen beruflichen Twitter-Account, und hab mir wieder einen angelegt, aber schnell gemerkt, dass der raue Ton, der schon damals 2016 auf Twitter herrschte, so überhaupt nichts für mich war. Also so gar nichts. Und ich hab dann relativ bald den Account auch wieder gelöscht, weil er mich einfach nur gestresst hat und mir schlechte Laune gemacht hat.
Und spätestens seit Elon Musk da jetzt X daraus gemacht hat, weiß ich: Mich zieht es privat überhaupt nicht da hin. Das ist inzwischen kein tragbarer Ort mehr und deswegen auch hier: keine private Nutzung.
Instagram und ich
Ja, und dann kam meine persönliche Hölle auf Erden: Instagram. Da war ich nie privat unterwegs. Den Account habe ich mir nur angelegt, weil ich mich selbstständig gemacht hatte und dachte, das muss jetzt so sein.
Ich fand es vorher immer merkwürdig, so viel von meinem Leben preiszugeben. Ich bin überhaupt der Typ Mensch, der ständig gerne Fotos von sich macht oder das, was im Alltag passiert, gerne dokumentiert oder in Szene setzt. Ich bin auch kein Mensch, der ständig das Smartphone dabei hat und alles immer fotografiert. Ich esse mein Essen sehr gerne heiß und mir würde es nicht im Traum einfallen, das vorher zu fotografieren. Ja, soweit denke ich gar nicht.
Insofern ja: Privat hat mich Instagram noch nie gereizt. Ich war da einfach nur, weil ich dachte, ich muss.
Und als ich mich dann beruflich von Instagram verabschiedete, hatte ich auch überhaupt kein Interesse daran, privat weiter dort zu sein. Insofern habe ich da kein einziges Mal den Gedanken gehabt, dass ich da einen privaten Account bräuchte.
TikTok und ich
Und als dann 2020 die Pandemie kam, kam TikTok in mein Leben und ich will nicht lügen, es war zu Beginn eine großartige Ablenkung vom Lockdown und von der ganzen Anspannung zu dieser Zeit.
Aber ich hab sehr schnell gemerkt, dass TikTok einfach den krassesten Algorithmus hat und dass ich höllisch aufpassen muss, da nicht süchtig zu werden. Und ich hab es so alibimäßig versucht, TikTok beruflich zu nutzen, aber mehr schlecht als recht.
Und als ich mich dann von Social Media verabschiedet habe, war der TikTok-Account einer der ersten, der dran glauben musste, weil ich auch einfach gemerkt habe: Was da bei mir im Hirn passiert, das kann nicht gut für mich sein.
Und deshalb habe ich bis heute nicht den Wunsch, privat auf TikTok unterwegs zu sein und mir einen privaten Account anzulegen.
Recherche-Accounts auf Instagram und X
Gleichzeitig ist es so, dass ich auf Instagram und auf X aktuell je einen Rechercheaccount habe. Was meine ich damit?
Denn das Ding ist, dass ich inzwischen ja Bücher schreibe – über Social Media. Und das bedeutet manchmal, dass ich mir dort einen bestimmten Post angucken muss, für das Buch. Manchmal muss ich es mir einfach nur durchlesen. Ein anderes Mal brauche ich einen Screenshot.
Und bei TikTok geht das auch ohne Konto, aber auf Instagram und X geht das leider nur mit Konto. Deshalb habe ich mir vor einiger Zeit dort Konten angelegt.
Mit denen mache ich überhaupt nichts. Aber wenn ich für einen Post nachlesen etwas muss fürs Bücherschreiben, kann ich mich zumindest auf dem Desktop kurz einloggen. Und wenn ich den Post gelesen habe, wieder ausloggen. Und das war’s dann auch.
Wichtig ist mir einfach nur: Ich hab das nicht als App. Ich folge niemandem. Ich mach da nichts. Ich guck da nicht rein.
Ist vielleicht ein bisschen so wie mit einer Versicherung. Wir denken nicht die ganze Zeit daran, dass wir eine Haftpflichtversicherung haben. Wir stehen jetzt morgens nicht auf und denken: Oh, ich muss die Haftpflichtversicherung checken.
Aber wenn dann was passiert, ist sie da und ja, so ist es auch mit den Recherchekonten: Spielt im Alltag über keine Rolle mehr für mich, aber wenn ich was nachlesen muss, sind sie da.
YouTube und ich
Was ich aber immer noch habe und weiterhin super gerne im Alltag nutze, ist YouTube, was je nach Definition ja auch als visuelle Suchmaschine verstanden wird. Also es ist nicht so ein klassisches soziales Netzwerk.
Ich weiß, dass alle negativen Dinge, die ich an Social Media sehe, auch für viele Menschen bei YouTube zutreffen. Aber bei mir war das eigentlich noch nie der Fall.
Für mich ist YouTube einfach eine Suchmaschine für Anleitungen.
Ich hab mir zum Beispiel vor fast vier Jahren ein Klavier gekauft. Und ich nehme keinen Klavierunterricht und wenn ich mal den Wunsch habe, ein bestimmtes Stück spielen zu können, gehe ich dann eben zu YouTube und gucke mir dort ein Tutorial an oder kaufe mir dort sogar auch Noten.
Dasselbe mache ich auch bei Sport. Also wenn ich zum Beispiel Rückenschmerzen habe und Übungen für den Rücken suche, gehe ich zu YouTube und mache dort eine Yoga-Sequenz nach.
Und so weiter.
Das heißt, es ist nicht so, dass ich auf meinem Smartphone die YouTube-App hätte. Auf meinem Smartphone gibt es überhaupt keine Social-Media-Apps mehr.
Aber YouTube lässt sich eben total easy im Browser aufrufen und jedes Mal, wenn ich eine konkrete Fragestellung habe, mache ich das und suche dort nach einer Anleitung. Und gehe da wieder raus.
Das ist ein Nutzungsverhalten, das mein Leben total bereichert und mir gut tut und deswegen bin ich absolut fein damit und werde ich, glaube ich, auch in nächster Zeit so handhaben.
Es wäre etwas anderes, wenn ich YouTube als App nutzen würde und dann, keine Ahnung, immer die App öffnen würde und checken würde, was es Neues in meinem Feed gibt. Aber das mache ich wie gesagt nicht. Und deshalb spüre ich die negativen Konsequenzen, die natürlich bei YouTube theoretisch auch möglich wären, überhaupt nicht.
Wir haben YouTube auch auf unserem Fernseher als Fernseh-App quasi und genau das ist es für mich irgendwie auch: Ein Fernsehsender, den ich hin und wieder starte, wenn ich etwas ganz Bestimmtes schauen will.
Ja, das war ein kleiner Überblick darüber, wie ich es privat mit Social Media halte.
Du siehst: Der Wunsch, privat auf Social Media abzuhängen, ist bei mir inzwischen völlig verschwunden. Bis auf YouTube, das für mich eher eine Suchmaschine ist, nutze ich privat keine sozialen Medien mehr.
Ich weiß nicht, ob das jetzt für immer so bleibt.
Aber aktuell vermisse ich gar nichts.
Shownotes
Buch als machbares und zeitlich begrenztes Projekt – Interview mit Melanie Eschle
In diesem Podcastinterview habe ich Melanie Eschle zu Gast. Melanie unterstützt Expert*innen dabei, ihr eigenes Buch zu schreiben. Und im Interview wird sie uns verraten, wie wir das Buch als ein machbares Projekt planen.
In diesem Podcastinterview habe ich Melanie Eschle zu Gast. Melanie unterstützt Expert*innen dabei, ihr eigenes Buch zu schreiben. Und im Interview wird sie uns verraten, wie wir das Buch als ein machbares Projekt planen.
Folge anhören
Transkript lesen
[Alex]Ja, hallo Melanie. Ich habe mal gelesen, dass rund die Hälfte der Deutschen ein Buch schreiben will, aber nur sehr wenige von ihnen machen das dann auch tatsächlich. Woran liegt das deiner Meinung nach? Also ist es mangelndes Selbstvertrauen, ist es Prokrastination oder etwas anderes?
[Melanie]Ja, die Zahl kenne ich auch und ich finde es total schade, dass das so wenig Leute machen.
Aus meiner Erfahrung, der erste Grund, den ich immer genannt bekomme von Menschen, die ein Buch schreiben müssen oder wollen beziehungsweise, ist, dass sie keine Zeit haben. Der Wunsch ist da, aber die Zeit fehlt. Und dementsprechend wäre das wahrscheinlich dann so das Thema Prokrastination.
Allerdings bin ich da immer ein bisschen skeptisch, denn ich bin überzeugt, dass Prokrastination eigentlich immer nur ein Symptom ist, aber nicht die Ursache. Denn ich gehe ins Verschieben, wenn ich nicht weiß, was ich zu tun habe oder mir unsicher bin oder mir der Fokus fehlt.
Und dementsprechend lasse ich die Ausrede ungerne gelten und gehe dann immer nochmal einen Schritt tiefer rein und sage, dass diese Prokrastination eigentlich ein Ende finden kann, wenn du genau wüsstest, warum du ein Buch schreiben möchtest, was du damit anfangen willst.
Und dann gehen wir von einer ganz anderen Situation aus. Wenn das Ziel klar ist, dann kann man nämlich eigentlich auch die dahinführenden Schritte viel besser planen.
[Alex]Das bedeutet, all diese Prokrastinationstipps können wir uns eigentlich sparen oder Tipps, wie man Prokrastination überwindet. Also das ist einfach dann die falsche Ebene, auf der wir dann ansetzen, richtig?
[Melanie]Ich würde sagen, ja. Also das ist ja ähnlich wie bei der Aussage, ich möchte mehr Sport treiben oder ich möchte meine Ernährung verbessern.
Das ist auch so schwammig, aber wenn man ein konkretes Ziel hat und sich sagt, ich möchte keine Ahnung, mehr Sport treiben, weil mir mein Rücken wehtut und ich gesünder leben will, dann hat man ein ganz anderes Ziel vor Augen. Und deshalb ist diese Konkretisierung eines Ziels beim Buchschreiben für mich auch immer der erste Step, den ich mit meinen Kunden und Kundinnen bespreche, weil ich dahinter komme, warum willst du es?
Buchschreiben als Projekt
[Alex]Du hast schon so ein bisschen die Richtung eingeschlagen. Also dein Ansatz ist ja, dass du das Buchschreiben als ein machbares und zeitlich begrenztes Projekt siehst. Was genau meinst du damit? Kannst du das ein bisschen erläutern?
[Melanie]Ja, mir ist es wichtig, dieses Thema Buch so ein bisschen aus dem Elfenbeinturm zu holen und diese intellektuelle Aura wegzupusten.
Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, das war 2020, da habe ich mein erstes Buch geschrieben und hatte da aufgrund der Umstände nur sechs Wochen Zeit, es abzuliefern. Da hieß es ganz oder gar nicht, es war ein ganz brandaktuelles Thema. Wir waren da im Sommer alle noch so halbwegs im Lockdown und das Buch handelte von digitalen Events und der Verlag ist darauf angesprungen und hat gesagt, spannend, aber damit ihr noch in die Herbstrutsche kommt, brauchen wir es in sechs Wochen.
Und mit dem Druck im Nacken habe ich einfach angefangen, dieses Projekt zu planen mit Anfang, Mitte, Ende, weil das Ende stand ja fest. Und habe mir da kleine Arbeitsaufträge gemacht, die ich Stück für Stück abgearbeitet habe.
Und nach sechs Wochen stand das Buch. Das würde ich jetzt nicht unbedingt meinen Kundinnen empfehlen. Das geht auch schöner, so ein Buch zu schreiben. Aber die Techniken und Vorgehensweisen, die ich mir da zum ersten Mal herangeschafft habe, die waren total nützlich, um es einfach machbar zu machen. Und das möchte ich weitergeben, indem ich den Elefanten sozusagen in kleine Häppchen zerstückele, damit man ihn leichter essen kann sozusagen.
Techniken und Vorgehensweisen beim Buchschreiben
[Alex]Sechs Wochen, das ist schon krass sportlich.
[Melanie]Das war hart. Ich meine, das war jetzt auch kein Kompendium. Es war so ein kleiner Praxisratgeber. Aber schön war es nicht.
Letzten Endes war es aber total sinnvoll, um einfach da mit Scheuklappen durchzugehen und sich diese Häppchen selber zu machen und das wirklich als Projekt zu sehen, zu planen, die einzelnen Meilensteine abzuarbeiten. Und dann hatte ich hier überall zum Beispiel meine Post-its hängen, wie viele Seiten ich pro Tag dann schreiben musste. Und die habe ich dann abgerissen und konnte dann sehen, wie es vorwärts ging.
Und diese Motivation und diese grundlegende Vorgehensweise, die finde ich total nützlich, um es halt einfach machbar zu machen und nicht dieses diffuse, ich sitze an meinem Schreibtisch Monate, Jahre lang, trinke Rotwein, sitze in müffelnden Klamotten und komme trotzdem nicht vorwärts. Und habe keine sozialen Kontakte.
[Alex]Das ist ja so das Bild von den Menschen, die schreiben, so ein bisschen vorherrscht. Dieses Genie, dann ist es so inspiriert und dann schreibt das alles nieder und so.
Und genau, trinkt Rotwein oder schläft bis zwei Uhr nachmittags oder sowas. Aber das ist bei mir auch nicht so, wie ich schreibe. Und deswegen bin ich total gespannt, wie du das Ganze machst.
Und ja, wenn du willst, kannst du das ein bisschen erzählen. Also wenn ich mich quasi entscheide, jetzt ein Buch zu schreiben, sehe ich erst mal diesen Wust an Aufgaben. Du hast gesagt, ich sehe so einen großen Elefanten.
Und die Frage ist jetzt, wie bringe ich da Ordnung rein? Also was sind einzelne Schritte, die ich unternehmen kann, um das Buchschreiben dann in ein realisierbares Projekt zu verwandeln?
[Melanie]Genau. Und ich glaube, was man als allererstes sich bewusst machen darf, ist, dass Buchschreiben ganz viel Vorabplanung ist. Und diese Angst vor dem Schreiben, wenn ich noch nie so einen großen Text produziert habe, die kann man vielleicht ein bisschen reduzieren, wenn man sich bewusst macht, wie viel Planung vorausgeht. Und dass das Schreiben, ich weiß nicht, du kannst das vielleicht auch sagen, wie es bei dir war, aber ich würde sagen, das aktuelle Schreiben sind vielleicht 50 Prozent von so einem Buchprojekt und ein riesengroßer Teil ist Planung und dann kommt nochmal ein großer Teil Überarbeiten dazu.
Also vor diesem Schreiben braucht man gar nicht so große Angst haben, finde ich. Erst recht nicht, wenn man weiß, welche Schritte und welche Entscheidungen vor dem Schreiben getroffen werden sollten.
Und den einen hatten wir ja schon, das Ziel, also warum willst du das Buch überhaupt haben? Da gibt es ja unterschiedliche Ziele.
Viele meiner Kundinnen wollen sich halt als Expertin positionieren oder die eigene Sichtbarkeit erhöhen oder das Buch als langlebiges Marketing-Tool verwenden.
Was ich mir vorstellen könnte, was zum Beispiel auch dein Ziel war, weil das ja deine ganze Theorie, deine ganze Maxime ist, so langlebige Texte zu produzieren, die langfristig weiterverwendet werden können.
Ich hatte aber auch schon eine Kundin, die mit ganz vielen Ideen kam. Das war eine Frau, die mehrfache Behinderungen hatte und ihre Erlebnisse aufschreiben wollte. Und wir dann irgendwann drauf gekommen sind, nein, eigentlich will sie Role Model werden, um dieses Thema weiter in die Sichtbarkeit zu bringen.
Und mit dem Ziel im Herzen schreibt es sich natürlich ganz anders und man geht die Schritte ganz anders.
Und dann geht es natürlich weiter, dann kommen auch so unangenehme Dinge, wo die meisten nicht so große Lust zu haben, wie Zielgruppenanalyse.
[Alex]Gehört ja in jedes Exposé im Grunde rein.
[Melanie]Genau, gehört in jedes Exposé und ich höre dann ganz häufig, ja, das weiß ich, ich habe ja meine Kunden und Kundinnen, kenn ich, das geht schnell.
Und dann geht es am Ende doch gar nicht so schnell, wenn man sich da wirklich mal ernsthaft mit beschäftigt.
Und das sind dann so Schritte, da ist es ganz schön, wenn man jemanden hat, der einen doch dazu bringt, da nochmal ernsthaft drüber nachzudenken.
Und naja, und dann geht es natürlich weiter in die Themenfindung und in die Gliederung, in die Struktur.
Und so arbeite ich mich dann immer vom großen Ziel immer in die kleineren Schritte und sorge dafür, dass jede Entscheidung, die getroffen wurde, wieder den Weg klarer macht für die nächste Entscheidung.
Planung ist alles
[Alex]Du hast schon am Anfang gerade das Thema Länge angesprochen, also dass dieser Planungsprozess auch dauern darf, und du hast gesagt, Schreiben ist so 50 Prozent und ich kann das voll bestätigen. Also ich glaube, bei mir ist das Schreiben sogar noch ein bisschen geringer gewesen.
Also das Buch hat ungefähr ein Jahr gedauert und ich würde sagen, ein Drittel davon war Schreiben, ein Drittel davon war Planung und ein Drittel war Überarbeiten. Und gerade das Planen, das hat einfach so vieles erleichtert dann im Schreibprozess.
Also ich glaube, man ist geneigt, das zu überspringen und zu denken, ach komm, also vor allem, wenn man vielleicht in Richtung Self-Publishing geht, sieht doch keiner, braucht doch keiner, weiß doch keiner so. Aber ich war total erstaunt, wie lange wir an der Gliederung gefeilt haben im Verlag. Und dass man da so krass profitiert davon, einfach weil ich zu keiner Zeit gedacht habe, okay, und was schreibe ich jetzt eigentlich? Ich wusste es und musste einfach nur in meine Gliederung gucken und habe dann einfach geschrieben.
Also ich wollte es nur noch mal unterstreichen, dass dieser Planungsprozess wirklich dauern kann, je nachdem, wie umfangreich das Buch natürlich wird und vielleicht auch je nachdem, ob ich das das erste Mal mache oder vielleicht schon geübter bin.
Aber gerade fürs erste Mal, glaube ich, würde ich da wirklich Wochen, wenn ich gar zwei, drei Monate, wenn ich das nebenbei so mache, einplanen.
Oder wie siehst du das? Welcher Zeitraum schwebt dir da so vor?
[Melanie]Naja, es kommt halt immer darauf an, wie viel Zeit du hast, um die da zu investieren.
Wenn du sagst, okay, ich mache die nächsten drei Monate nichts anderes, dann kann es natürlich schnell gehen. Aber das tut ja niemand von uns. Also wir schreiben die Bücher dann ja alle neben dem normalen Alltagswahnsinn. Und von daher ist das schon sehr realistisch, was du da gesagt hast.
Ich habe ein Programm, das geht über sechs Wochen, was ich mit meinen Kundinnen mache. Und da gehen wir in die Themen rein.
Aber grundsätzlich, wie man überhaupt rangeht an eine Gliederung. Also der Schritt davor ist dann die Zielgruppe. Und wenn du weißt, wer deine Zielgruppe ist, dann kannst du natürlich auch viel leichter in die Gliederung gehen, weil du weißt, okay, für wen schreibe ich konkret? Ich habe eine Persona erstellt. Ich schreibe jetzt für Susanne Schmidt. Und die hat die und die Probleme. Und anhand dessen kannst du dann deine Gliederung viel leichter erstellen.
Wenn du die Gliederung hast, dann gehst du halt nochmal tiefer rein und überlegst dir, was sind da die Inhalte. Dann schreiben wir das auch in die Gliederung schon in Stichworten rein und überprüfen immer wieder, löst das ein Problem? Möchte Susanne das wissen oder sind das nur extra Informationen? Und so verfeinert sich das Ganze immer, dass es natürlich eine möglichst kleinschrittige Anleitung dann am Ende für dich ist, die du dann im besten Fall nur noch runterschreiben kannst.
[Alex]Ich habe vom Verlag damals den Tipp bekommen, den fand ich total hilfreich, und zwar mir so eine Reader's Journey vorzustellen. Also es gibt ja die Customer Journey, die kennen vielleicht die Leute, die Marketing machen. Aber so eine Reader's Journey finde ich auch super hilfreich, also sich vorzustellen, die Leserin oder der Leser legt eben so eine Reise zurück, steht dann einen gewissen Punkt und dann will sie irgendwo hin. Und welche Station braucht sie dann, um da hinzukommen? Und anhand von dieser Frage konnte ich da viel besser die Gliederung erstellen, weil ich wusste, okay, diese Punkte muss ich Schritt für Schritt behandeln. Das war dann so ein logischer, stringenter Aufbau, also aus meiner Sicht. Und dann war quasi meine Aufgabe, das dann mit den Themen zu füllen. Also vielleicht für jemanden, der sich das vorstellen will, so metaphorisch, finde ich, hilft das, sich das jetzt so eine Reise vorzustellen, die die Leserin oder der Leser dann macht.
[Melanie]Passt dann für dein Buch. Aber es gibt ja auch andere Bücher, die nicht so stringent aufgebaut sind, dass du sie von Deckel zu Deckel liest, sondern da kannst du hin und her springen und dir deine Informationen rausholen.
Also ich hatte da zum Beispiel eine Kundin, die hat zum Thema Online-Präsenz ein Buch geschrieben. Und da ging es dann auch um verschiedene Bereiche. Und das musstest du nicht von vorne bis hinten lesen, sondern du konntest hin und her springen, was für dich gerade relevant ist. Und dann musst du aber natürlich in der Gliederung da vielleicht nicht so sehr auf diese Reader-Journey eingehen, sondern in der Gestaltung des Buches eher darauf achten, dass man sich zurechtfindet.
Techniken und Vorgehensweisen beim Schreiben
[Alex]Hast du denn bestimmte ... Tools, Programme, Techniken, wie du in so eine Planung rangehst? Oder kann man das jetzt, blöd gesagt, auch auf Papier machen mit einem Stift?
[Melanie]Du kannst alles mit einem Stift auf Papier machen.
[Alex]Oder hast du so eine bestimmte Struktur, so eine Herangehensweise, wie du das systematisch machst?
[Melanie]Also von den Themen her, die wir halt eben schon am Wickel hatten: Ziel, Zielgruppe, Thema, Gliederung. Und dann mache ich auch sehr gerne noch die Struktur einzelner Kapitel, Weil, wie gesagt, einzelne Häppchen, die man gut abarbeiten kann, ich liebe es, wenn Kapitel gleich aufgebaut sind und meine Kundinnen dann wissen, okay, hier starte ich mit einem Storytelling-Teil, da kommt eine Statistik, da kommt dann mein Tipp und am Ende kommt der Kasten mit den Lifehacks oder whatever. Also da gibt es ja tausend verschiedene Strukturen, die man argumentativ anwenden kann.
Und für jedes Thema gibt es gute Methoden aus der Schreibberatung, die man da anwenden kann, um sich seinem Ziel zu nähern. Ich gucke dann immer, was meine Kundinnen so für Typen sind, ob die da sehr strukturiert rangehen oder ob die auch mal einen kreativeren Ansatz brauchen.
Ein Beispiel: Zielgruppe ist ja bei den meisten nicht so super beliebt, das Thema, sich da nochmal eingehend mit zu beschäftigen. Da kann man eine Persona erstellen mit Deckbriefen.
Was ich aber zum Beispiel auch total gerne mache, ist, dass ich einen Leserbrief aus der Zukunft schreiben lasse. Wenn das Buch zum Beispiel schon rausgekommen ist und du hast einen richtigen Superfan, der dir schreibt und sagt, das Buch war mega, hat mir total geholfen und sich dann rückwärts da reindenkt, wieso ist der so begeistert.
Dann hast du einen kreativen Ansatz, der deinen inneren Zensor sozusagen auch ein bisschen austrickst und kommst so über Umwege an die Informationen, an die du rankommen willst. Weil gerade dieser innere Zensor ist ja häufig ein schlechter Ratgeber beim Buchschreiben. Da kommen ganz oft Zweifel auf und ich versuche dann immer so Techniken zu benutzen, wo man diese Stimme im Kopf ein bisschen umgehen kann, indem man kreativere Übungen dazu macht.
[Alex]Es gibt ja immer so verschiedene Herangehensweisen, wie man mit dieser inneren Stimme umgehen kann. Also das heißt, du versuchst, die ein bisschen auszuschalten oder mit ihr zu sprechen oder die zu überlisten? Oder was ist da deine Herangehensweise?
[Melanie]Ja, ich glaube, so ein bisschen überlisten. Ich glaube, ein bisschen überlisten, weil es geht ja bei mir häufig um Expertinnenbücher, um es fürs Marketing und die Sichtbarkeit zu benutzen. Und alle, die diese Bücher für sich schreiben, die sind Expertinnen. Also das ist ihr Job.
Und da kommen ganz oft dann so Zweifel auf wie, bin ich überhaupt gut genug, ein Buch zu schreiben? Weiß ich genug? Darf ich mir das überhaupt erlauben? Und da versuche ich dann immer reinzugrätschen und dafür zu sorgen, dass diese Stimme nicht so laut ist.
[Alex]Ich finde, gerade, wenn es so allgemeine Phrasen sind, wie: Bin ich gut genug, darf ich das oder darf ich mir die Zeit nehmen, ich schiebe das mittlerweile auch einfach zur Seite, weil ich weiß, das ist mir überhaupt nicht dienlich.
Also wenn die Stimme jetzt sagen würde, hey, Kapitel 9 ist aber irgendwie echt lang im Vergleich zu anderen Kapiteln, dann weiß ich, ah okay, da kann ich mir was Konkretes angucken, nämlich die Länge und kann nochmal gucken, vielleicht kann ich da irgendwas kürzen.
Aber all diese Sachen, die sind ja in der Regel gar nicht hilfreich, wenn mir jemand sagt, darfst du das überhaupt oder bist du überhaupt gut genug? Das ist meistens eine Diskussion, die ich nur verlieren kann mit meiner inneren Stimme.
Und deswegen schiebe ich das mittlerweile auch echt einfach konsequent zur Seite und denke mir so, jetzt nicht. Jetzt nicht, ich frage das gerade gar nicht. Also ich finde, wenn man so überlegt...
Ich finde, Kritik ist an sich ja gut. Ein Buch braucht ja auch kritische Stimmen und braucht ja auch Überarbeitung. Es ist ja auch so ein ganz großer Teil von einem Buch. Aber die Frage ist immer, auf welcher Ebene ist es? Also ist es auf so einer konkreten Ebene oder ist es eben auf so einer allgemeinen Ebene, die uns überhaupt gar nichts gibt?
[Melanie]Was ich auch total gerne mache, ist, wenn tatsächlich der Rohtext geschrieben wird und du dann, keine Ahnung, deine Gliederung hast und da hängen bleibst, weil dir noch Informationen fehlen oder du denkst, na, das ist doch nicht so ganz rund.
Und beim Rohtext geht es mir immer darum, dass Text auf Papier kommt und dass genau da dieser innere Zensor möglichst leise ist. Man kann ihn aber nicht immer ausschalten.
Und deshalb rate ich dann immer dazu, diese innere Stimme einfach mit einzubauen. Auf verschiedene Art und Weise kann man das dann direkt in den Text machen. Entweder du schreibst dir einen Kommentar, wo dann steht, die Passage ist noch doof, aber du schreibst sie trotzdem runter und guckst später dann drauf. Oder du machst dir Sonderzeichen an die Passage, irgendwie Sternchen oder Hashtagzeichen. Dann kannst du es hinterher wieder rausfiltern über die Suchfunktion und dir alle Stellen, an denen du noch gezweifelt hast, nochmal separat angucken.
Aber es bringt dich dann nicht aus dem Schreibfluss. Du bleibst nicht hängen an einem Satz, der irgendwie nicht schön formuliert ist oder der vielleicht noch, keine Ahnung, eine Statistik ist, die rauskopiert wurde und so nicht stehen bleiben kann.
Das wird einfach markiert, das wird wahrgenommen, als ist noch nicht perfekt und dann wird einfach weitergemacht.
Und im nächsten Schritt kann man sich diese ganzen Dinge dann wieder rausfiltern und nochmal separat drauf gucken. Aber man ist im Schreibfluss und man kommt auf jeden Fall weiter.
[Alex]Das finde ich auch. Also das Wichtigste ist einfach, eine erste Fassung zu schreiben. Und das ist so das Ziel. Das Ziel ist nicht, eine perfekte Fassung zu schreiben, sondern eine Fassung zu schreiben.
Und solange ich das nicht mache, gehe ich da auch nicht rein und korrigiere, sondern mache das dann hinterher.
Also finde ich ein ganz, ganz wichtiger Perspektivwechsel auch. Also dass ich das Schreiben und vom Überarbeiten einfach so konsequent trenne. Und wenn ich denke, ich habe da vielleicht Stimmen in mir, die sagen, aber das ist vielleicht doof oder so, wie du sagst, einfach nebendran zu notieren. Das finde ich eigentlich einen super Tipp.
Schreibtypen und ihre Merkmale
Jetzt haben wir schon so angefangen, über Schreiben zu reden. Ich wollte dich noch fragen, ich habe nämlich auf deiner Website gelesen, dass du verschiedene Schreibtypen voneinander unterscheidest.
Und das fand ich total interessant. Also, welche Schreibtypen gibt es denn oder kennst du? Und warum ist es so wichtig, seinen Schreibtyp zu kennen? Also, was für Vorteile hat das?
[Melanie]Also, es gibt das Feld der Schreibforschung tatsächlich. Und auch noch gar nicht so lange. Also das ist in den 60er-, 70er-Jahren, glaube ich, in Amerika aufgekommen als tatsächlich wissenschaftliches Feld und in den 80er Jahren dann erst nach Deutschland rübergekommen. Und mittlerweile gibt es so verschiedene Ansätze zu den skurrilsten Schreibtypen, also vom Redakteur zum Puzzler zum, was gab es da noch, das Eichhörnchen.
Also die verrücktesten Sachen, wie man schreibt, grundsätzlich basieren die aber alle auf zwei Schreibtypen, die ich für mich auch nutze, weil ich sie sehr nachvollziehbar finde.
Das ist zum einen der Strukturschaffer oder der Strukturschaffer. Ich versuche es zu gendern, aber das gelingt mir nicht immer. Und das sind so Personen, die einfach drauf losschreiben, die keinen langen Anlauf brauchen, denen es wichtig ist, ihre Gedanken zu Papier zu bringen und die Vorteile von denen sind, dass sie relativ wenig Angst vor dem Weißen Blatt haben und in kurzer Zeit ziemlich viel Text produzieren können.
[Melanie]Hat allerdings den Nachteil bei so großen Schreibprojekten, dass man vielleicht abschweift, die Zielgruppe nicht mehr im Blick hat, andere Themen noch reinnimmt und so ein bisschen die Struktur vernachlässigt.
Das funktioniert total gut bei kurzen Texten, bei langen wird es irgendwann schwierig. Demgegenüber stehen die Strukturfolger und das sind die Menschen, die sehr ausgiebig und sehr lange nachdenken, bevor sie überhaupt etwas zu Papier bringen.
Die haben eigentlich schon alles im Kopf und durchdekliniert, fangen mit der Gliederung an und schreiben dann sehr sorgfältig, Step by Step, das, was sie vorher geplant und recherchiert haben, runter.
Die haben den Vorteil, dass sie eine super Struktur meistens haben.
Der Nachteil ist, dass bei den Dingen, die im Schreibprozess aufkommen, meistens nicht so richtig gut da einfügen können, weil sie ja festgelegt haben ursprünglich, was der Inhalt sein soll.
Und die haben, wie gesagt, beide ihre Vor- und Nachteile. Das Wichtige bei der Kenntnis des eigenen Schreibtyps ist, dass du deine Stärken kennst und weißt, wie du mit deinen Schwächen umgehen kannst.
[Melanie]Bei großen Schreibprojekten erkennt man Strukturschaffer und Strukturfolger meist sehr schnell, denn die Strukturschaffer, die schreiben die Einleitung und den Schluss immer erst am Ende, weil sie am Anfang gar nicht wissen, was am Ende dabei rauskommt.
Und für die Strukturfolger ist das überhaupt kein Problem, weil sie wissen einfach vorher schon, wo sie hinwollen und die können das von vorne bis hinten runterschreiben.
Aber denen fehlt manchmal die Kreativität. Also die haben Schwierigkeiten, wenn sie während des Schreibens dann doch merken, dass ein Thema noch dazu muss oder abgeändert werden muss. Da sträubt es sich dann in denen und die haben dann Probleme, ihren Plan wieder umzuschmeißen.
[Alex]Gibt es denn so eine Verteilung? Also was ist dann der häufigere Schreibtyp?
[Melanie]Also ich wüsste jetzt keine prozentuale Verteilung. Ich weiß aber, dass man einen angeborenen Schreibtyp hat und dass man sich aber umtrainieren kann. Das heißt, wenn du vielleicht in einem wissenschaftlichen Kontext arbeitest, dass du dir dann selber antrainierst, dass du ein Strukturfolger wirst, weil das von dir erwartet wird, so wissenschaftlich zu arbeiten und du dann aber immer Probleme damit hast. Das ist so wie umtrainierte Linkshänder, so stelle ich mir das ein bisschen vor. Du kannst es, aber es fühlt sich nicht richtig gut an.
Schreibroutinen entwickeln
[Alex]Man kann ja eigentlich immer gute Gründe finden, nicht zu schreiben. Also: Ich habe andere Dinge zu tun. Oder: Mir ist gerade nicht danach. Aber das Geheimnis ist ja, sich trotzdem täglich oder zumindest regelmäßig hinzusetzen und zu schreiben.
Und wie geht das deiner Erfahrung nach? Also wie finden Autor*innen eine Schreibroutine? Welche Möglichkeiten gibt es da?
[Melanie]Planung. Planung ist mein A und O. Also es konkret machen, wie mit allen Dingen. Wie mit Joggen und mit Sport und mit gesunder Ernährung.
Ich empfehle es tatsächlich als konkreten Termin in den Kalender einzutragen, eine Schreibzeit.
Weil sonst rutscht es häufig weg, wenn es keine Priorität eingeräumt bekommt.
Und das Beste ist, dass du dir regelmäßig, wenn es nicht anders geht, Kurzzeit einplanst als irgendwie große Strecken am Stück.
Also lieber dreimal die Woche eine halbe Stunde als am Freitagmorgen zwei Stunden am Stück. Das halte ich für effektiver.
Und eine zweite Sache ist vielleicht noch, was ich auch merke, was mir sehr hilft, ist, dass ich mich zum Coworking tatsächlich verabrede.
Das fand ich, bevor ich es die ersten Male gemacht habe, als Vorstellung total bescheuert, muss ich sagen. Mich mit jemandem oder mit einer Gruppe zu verabreden per Zoom, eine Kamera anzustellen und dann redet keiner, sondern jeder arbeitet vor sich hin. Da dachte ich, was für ein Blödkram. Aber es sorgt halt für eine totale Verbindlichkeit und ich bin viel produktiver, wenn ich das tue.
Und das kann ich einfach auch empfehlen, sich zu verabreden und drüber zu sprechen. Das ist mein Ziel für heute und es dann durchzuziehen.
Wie ist es bei dir, schreibst du alleine? Du hast auch deine Gruppen, oder?
[Alex]Ja, ja, ich wollte gerade sagen. Also ich habe ja vor nicht allzu langer Zeit immer die Schreibcircles gemacht. Da war die Rückmeldung auch immer, es hilft zu wissen, da ist ein Termin und da kann ich auftauchen oder ich muss auftauchen. Ich habe immerhin Geld bezahlt und so.
Und diejenigen, die da wirklich aufgetaucht sind, die haben dann auch ihre Texte geschrieben. Ich muss sagen, ich bin nicht der Typ. Ich weiß nicht, warum. Wenn ich schreibe, sehe ich total verwahrlost aus und bin so ein [unverständlich] im Pyjama auf dem Sofa, so nach dem Motto. Also mich würde das, glaube ich, eher stören.
Aber ich glaube, da ist es auch einfach wichtig, vielleicht auch mal ein paar Dinge auszutesten und zu überlegen, was hilft mir. Weil es gibt, glaube ich, kein Geheimrezept, Sondern es gibt verschiedene Möglichkeiten und man muss die am Anfang testen, um dann festzustellen, was für einer besten funktioniert.
[Melanie]Total. Und vor allem auch deine Zeit rauszufinden. Kannst du früh gut schreiben, kannst du nachts gut schreiben, wenn alle im Bett sind und Ruhe herrscht.
Bei mir, mein Gehirn schaltet aus ab 18 Uhr. Ich stehe lieber zwei Stunden früher auf und habe dann meine Ruhe. Aber das geht natürlich nicht jedem so.
Und genau, das muss man einfach testen. Ich könnte auch nie im Leben in einen Café schreiben. Also ich habe da auch Kolleginnen, die das lieben, im Trubel zu schreiben. Das ist ein absolutes Nightmare für mich. Ich brauche Ruhe und kein Radio. Aber wie du schon sagst, also da muss man tatsächlich gucken, was für einen gut passt. Und ich plädiere ja auch dafür, sich so schön wie möglich zu machen und so ein bisschen zu ritualisieren.
Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass ich Schreiben einfach so gerne mag und möchte, dass alle anderen es auch gerne mögen und sich einen Tee kochen und ein schönes Notizbuch kaufen. Ich zelebriere das. Also ich mache es einfach so schön wie möglich.
[Alex]Was ich ziemlich spät für mich entdeckt habe, aber jetzt seit einigen Wochen, jetzt für das neue Buch, an dem ich schreibe, habe ich es endlich entdeckt und zwar Noise-Cancelling-Kopfhörer. Ich will nicht mehr ohne schreiben.
Ich finde das so toll, weil bei uns laufen ja ständig Kinder und Hunde rum. Und mit den Noise-Canceling-Kopfhörern, ich mache mir immer so Lo-Fi-Schreibmusik an. Die ganze Zeit. Finde ich ganz toll. Also ich bin da so richtig im Fokus drin. Und jetzt neulich habe ich irgendwie in einer Stunde fünf, sechs Seiten einfach nur damit geschrieben.
Und genau, aber das wechselt auch bei mir. Also ich merke, im Sommer schreibe ich zum Beispiel anders als im Winter.
Im Sommer, ich weiß nicht warum, doch ich weiß warum, weil wir leben im Altbau und haben keine Rollos, wir dürfen außen keine Rollos dran bringen und deswegen kommt bei uns all das Licht sehr früh rein und im Sommer bin ich echt schon um halb sechs einfach super wach, gehe mit dem Hund raus und sitze dann oft schon um halb sieben einfach am Schreibtisch und deswegen schreibe ich im Sommer immer vormittags und kriege bis zwölf eigentlich fast alles gebacken.
Und jetzt im Winter wird es erst um acht richtig hell gefühlt. Also mein Kopf ist da irgendwie noch gar nicht wach. Und ich merke, erst nachmittags komme ich so richtig in Fahrt.
Also auch das kann ja irgendwie eine Rolle spielen. Welche Jahreszeit haben wir gerade? Wie hell ist es draußen? Auch da kann man mal drauf achten, ob das einem weiterhilft, da so ein bisschen zu gucken.
Freewriting und kreative Techniken
[Melanie]Weißt du, was mir gerade noch für ein Gedanke kam? Also ich schreibe gerne und du schreibst auch gerne. Wenn ich jetzt Autorinnen habe, die so ein bisschen Bammel davor haben, einen größeren Text zu schreiben, empfehle ich auch immer, dass man sich tatsächlich mal das Freewriting zu Gemüte führt.
Und ich finde, das ist ein total schönes Tool. Geht im Grunde genommen so, dass du dir eine bestimmte Zeit setzt, zehn oder zwanzig Minuten, Stift in die Hand nimmst und losschreibst. Es gibt da fokussiertes Freewriting zu einem bestimmten Thema, muss aber gar nicht sein, sondern super ist, wenn man einfach losschreibt. Alle Dinge, die einem so einfallen vom Kopf in die Hand.
Die einzige Regel ist, dass man nicht aufhört mit dem Schreiben. Wenn dir nichts einfällt, schreibst du, mir fällt nichts ein, ich male jetzt Kringel und dein Gehirn kann gar nicht anders, um wieder neuen Output zu kreieren. Und das Schöne daran ist, dass es meiner Meinung nach so dieses Besondere vom Schreiben für Nicht-Autoren so ein bisschen runter reduziert, indem man es einfach häufig praktiziert. Ich produziere jetzt Text und das mache ich am besten jeden Tag oder jeden zweiten in einem Freewriting. Und dann ist dieses sich an den Rechner setzen und am eigenen Buch schreiben nicht mehr so eine besondere Situation. Weißt du?
Es wird so ein bisschen normaler, dass man schreibt und trickst auch wieder den Kopf ein bisschen aus, dass da jetzt keiner blockiert, weil jetzt der große Texterguss kommen muss, sondern nee, ich schreibe jetzt halt. Mache ich ja jeden Tag.
[Alex]Ich mache das ganz gern als Aufwärmübung vor dem Schreiben. Das habe ich in den Schreibcircle immer gemacht, dass wir so 10, 15 Minuten einfach erst mal so, ich habe das Braindump genannt, also dass wir so unseren Kopf entleert haben.
Und ich finde ja, man muss immer am Anfang schreiben und das ist meistens immer Müll und dann kommt man erst zu den guten Sachen.
Also hilft es da einfach, mit so einem Braindump zu starten. Und es gibt ja auch diese Morgenseiten, das ist ja auch so was Ähnliches von Julia Cameron. Also dass man das einfach morgens macht, da schwören auch viele drauf.
Also morgens muss ich erst mal mit dem Hund raus, aber vielleicht für diejenigen, die noch gemütlich im Bett sitzen bleiben können oder wollen, wäre das vielleicht auch eine Option.
Schreibblockaden und Lösungen
Wie kommt es dann deiner Erfahrung nach dazu, dass Menschen sagen, sie haben eine Schreibblockade? Also ich persönlich glaube nicht so an Schreibblockaden. Ich wäre da so eher so bei dir, dass du am Anfang gesagt hast, hey, wenn du prokrastinierst, dann fehlt oft Klarheit und Struktur.
Und ich glaube, wenn ich denke, ich kann nicht schreiben, meiner Erfahrung nach fehlt da auch sehr häufig Klarheit und Struktur.
Wie siehst du das? Also woran liegt es? Wie kann ich mit solchen Situationen umgehen?
[Melanie]Ich glaube auch nicht wirklich an Schreibblockaden, weil du kannst nicht schreiben, weil dir irgendetwas fehlt, damit du es kannst.
Und den Knoten zu lösen, das ist ja in der Schreibberatung ganz häufig der Knackpunkt.
Und wenn da jemand zu mir kommt, dann fehlt meistens Klarheit für etwas. Und das Problem ist meist überhaupt gar nicht so großartig, sondern man sieht es einfach nur nicht, weil man so sich reingewurstet hat und vielleicht auch ein bisschen in Panik verfällt, weil eine Deadline naht oder solche Dinge. Aber ich persönlich kenne keine großen Schreibblockaden, muss ich sagen. Und liebe es, die von anderen zu lösen, weil es meist nicht so schwierig ist, wie die Betroffenen dann denken. Es fehlt meist nur der Blick von außen.
[Alex]Was könnte denn so, kannst du vielleicht ein Beispiel geben? Also was könnte ein Grund sein für so eine Schreibblockade?
[Melanie]Zu viele Informationen habe ich häufig schon gehabt. Also ich hatte eine Beratung, da hat eine ehemalige Studentin super viele Interviews gesammelt für ihre Diplomarbeit und wollte das Ganze, weil das wirklich schönes Material war über die Lebensgeschichten von polnischen Gastarbeiterinnen.
Und die war so überfordert mit dieser Menge an Daten und wusste nicht, wie sie das Ganze jetzt in ein Buch verpacken sollte. Und da hat ein Blick von außen halt total geholfen, diese ganzen Lebensgeschichten einfach in eine Zeitleiste zu bringen.
Und mit diesem Blick von außen und mit dieser Idee, einfach einen Zeitstrahl zu erstellen, konnte sie sofort weiterarbeiten und hatte mega Lust, das anzugehen, weil das dieser kleine Schubs war, der sie wieder auf Spur gebracht hat, zum Beispiel.
Wie viel Zeit sollte man für ein Buch einplanen?
[Alex]Ich habe ja vorhin schon gesagt, ich habe so ein Jahr gebraucht für mein Buch. Was sind denn so deine Erfahrungswerte?
Also klar, im Verlag muss man tendenziell eher mehr Zeit einplanen. Self-Publishing habe ich selbst so unter Kontrolle. Wie ist es bei deinen Beratungen gewesen? Wie viel Zeit muss ich für ein Buch einplanen?
[Melanie]Da kann ich dir tatsächlich auch keinen konkreten Richtwert geben. Das kommt immer darauf an, wie viel Zeit du ins Schreiben und in die Planung steckst.
Ich habe einen Teil, der bei mir Projektplanung heißt. Und da rechnen wir runter, wie lange das Projekt, das individuelle Projekt dauert. Das hängt ein bisschen davon ab, wie viele Kapitel man plant, wie viele Seiten geplant sind und wie schnell du schreibst, wie viel Information du noch suchen musst, ob du Interviews führen musst, all diese Dinge.
Und dann ermitteln wir da einen Richtwert und setzen dann entweder, je nachdem, wenn du vom Verlag eine Deadline hast, musst du halt rückwärts rechnen und deine einzelnen Schreibzeiten dementsprechend planen. Oder andersrum, wenn du im Self-Publishing bist und weißt, okay, ich kann in der Woche dreimal zwei Stunden schreiben, ich rechne mal so grob, wie viele Seiten ich pro Session schaffe und dann rechnen wir es halt hoch und planen da Urlaube und anderweitige Zeiten, in denen nicht geschrieben werden kann, mit ein.
Also es ist tatsächlich so ein richtiger Projektplan mit, was sind die Hindernisse, was sind die Verhinderungszeiten, wie viel schaffe ich pro Session.
Das wird natürlich nicht so sklavisch durchgezogen, aber nur um den Autorinnen so einen Richtwert zu geben und eine Perspektive, wo sie darauf hinarbeiten, ist es mir wichtig, am besten an jedes Projekt ein Datum dran zu hängen.
Aber halt individuell wir arbeiten alle, wir schreiben die Bücher nebenbei. also außer wir sind hauptberuflich Ghost Writer, aber ja, ich finde es ist super individuell.
[Alex]Also mein persönlicher Endgegner ist der Mittelteil. Ich weiß nicht warum aber so am Anfang ist man ja total hyped und motiviert und so yay und am Ende ist es so oh geil, ich bin bald fertig, nachdem man halt vielleicht drei, vier Monate wie bescheuert da rumgeschrieben hat. Aber in der Mitte geht irgendwie gar nichts so bei mir. Und hast du da einen Tipp für? Also fehlt mir Motivation oder gibt es dann irgendwas, was ich machen könnte? Wie ist so deine Erfahrung?
[Melanie]Ich versuche immer, schon vor dem Schreiben konkrete Meilensteine festzulegen und die zu feiern und im besten Fall sogar schon festzulegen, wie sie gefeiert werden. Also es muss ja nichts Spektakuläres sein. Also wenn du die ersten zehn Seiten hast, keine Ahnung, gehst du spazieren oder wenn du die ersten 50 Seiten hast, bestellst du dir eine Pizza nach Hause und musst nicht kochen. Whatever, aber ... Einfach, dass man sich vorher schon bewusst Belohnungen einbaut für die Dinge, die man geschafft hat, weil du häufig, wenn du in diesem Schreibprozess drin bist, ja nicht so richtig zurückguckst, immer nur nach vorne guckst, was liegt alles nur vor dir. Und ich möchte einfach, dass man sich beim Schreiben die Zwischensteps gönnt und die Zwischensteps feiert. Und gerade in der Mitte, da könnte man sich schon mal mit was Größerem belohnen, finde ich.
[Alex]Ja, also wenn du Ideen hast, immer her damit.
[Melanie]Massagen, Cocktails, Kinofilme.
[Alex]Ich verstehe. Aber im Grunde sieht mein Alltag auch schon so aus.
[Melanie]Du musst dich schon jeden Tag belohnen.
[Alex]Genau, nee, ich gehe voll gerne ins Kino und gehe gerne zur Thai-Massage. Insofern ist es jetzt nichts Besonderes. Aber ich muss da, glaube ich, mal eine Schippe drauflegen.
[Melanie]Genau, du kannst eine Schippe drauflegen. Das lässt in meinem Privatleben dann tiefer blicken.
Abschließende Tipps fürs Schreiben
[Alex]Okay. Wir haben jetzt, glaube ich, eine Menge, Menge Tipps von dir gehört. Und abschließend würde ich gerne auch wissen, was sind deine drei besten Tipps für Menschen, die ihr allererstes Buch schreiben möchten? Die wissen noch gar nicht, wo starte ich, was ist wichtig, welche drei Dinge sollen sie wissen?
[Melanie]Ich glaube, das Wichtigste, wenn du wirklich ein Buch schreiben möchtest, ist, warte nicht auf irgendwen oder irgendwas.
Warte nicht darauf, dass du mehr Zeit hast, weil wir wissen, das wird nicht passieren.
Warte nicht auf einen Verlag, der dich annimmt, weil heutzutage bist du davon nicht abhängig.
Du kannst, wenn du wirklich ein Buch veröffentlicht willst, es selber machen. Oder warte nicht auf den Kuss der Muse oder irgendeine Eingebung. Der kommt auch sehr selten. Sondern fang es einfach an. Und nimm es in die eigene Hand, weil als selbstständige Unternehmer*innen sind wir es gewohnt, Entscheidungen für uns selber zu treffen. Und das ist beim Buch genau das Gleiche. Da braucht man keine Absolution von irgendwem oder irgendwas, sondern nimm es einfach selber in die Hand. Das ist, glaube ich, mein wichtigster Tipp.
Drei wolltest du haben, ne? Naja, ich bin ja Verfechterin von Buch als Projekt und würde als Tipp geben, plan dein Buch als Projekt. Es ist nicht nicht machbar. Andersrum gesagt, plan dein Buch als Projekt, es ist machbar.
Ja. Und als drittes, versuch es vielleicht nicht im ersten Wurf richtig zu machen, wo wir drüber gesprochen haben.
Es ist wichtig zu wissen, dass Schreiben ein Prozess ist, der aus ganz vielen Schritten besteht und viele denken, sie müssen sich hinsetzen und druckreif schreiben. Das ist es aber nicht. Also schreib es einfach runter. Es kommen noch ganz viele Schritte hintendran. Es muss nicht perfekt sein. Es muss einfach nur auf Papier sein und den Rest kriegt man immer noch hin.
Weil das macht den größten Druck aus, diese Seiten zu füllen. Da haben, glaube ich, die meisten Menschen Angst vor. Und wenn man sich einfach bewusst wird, dass das wirklich nur der erste Wurf ist und man da wahrscheinlich noch zwei- oder dreimal drüber geht und vielleicht auch noch andere Menschen drüber schrubben, dann erleichtert das total und macht es viel leichter, das runterzuschreiben.
[Alex]Ja, vielen Dank für das Gespräch. Das war total hilfreich, hoffe ich, für ganz viele Menschen, die jetzt zuhören.
Genau, wenn noch mehr Leute über dich Bescheid wissen, ich verlinke ja deine Links noch in die Shownotes und ansonsten hoffe ich, sehen wir uns bald mal wieder und bis bald.
Shownotes
Ein Jahr Podcast – mein ehrliches Resümee
Im Oktober 2024 wurde mein Podcast ein Jahr alt und ich habe es total vergessen. Aber das macht ja nichts. Somit werde ich heute – leicht verspätet – eine Folge anlässlich meines einjährigen Podcastgeburtstags machen und ein kleines Resümee ziehen.
Im Oktober 2024 wurde mein Podcast ein Jahr alt und ich habe es total vergessen.
Aber das macht ja nichts. Somit werde ich heute – leicht verspätet – eine Folge anlässlich meines einjährigen Podcastgeburtstags machen und ein kleines Resümee ziehen.
Folge anhören
Transkript lesen
Ja, diesen Podcast gibt es jetzt schon über ein Jahr. Und wenn auch du einer von den Menschen bist, die den Podcast regelmäßig hören, erst einmal vielen, vielen Dank dafür.
Für mich ist das alles andere als selbstverständlich, dass du mir deine Zeit und deine Aufmerksamkeit schenkst.
Und wenn du einer von den Menschen bist, die auch gerade überlegen, ob ein Podcast ein geeignetes Marketingtool für dich sein könnte, wird dieser Rückblick vielleicht spannend für dich.
Meine Idee ist:
Erstens dir einen Rückblick auf das vergangene Jahr zu geben und zu erzählen, wie die Anfänge mit dem Podcast so waren, wie sich der Podcast im Laufe des Jahres verändert hat und, ja, wie es mir jedes Mal dabei ging.
Zweitens möchte ich ein paar Dinge verraten, die ich in dieser Zeit rund um das Thema Podcast-Marketing gelernt habe.
Und schließlich möchte ich dir drittens einen kleinen Ausblick in die nahe Zukunft, in das Jahr 2025 geben und dir auch erzählen, wie du Einfluss nehmen kannst auf die Themen des Podcasts.
Ja, soweit der Plan.
Und starten wir doch gleich mit dem ersten Punkt: dem Rückblick.
Rückblick aufs erste Podcastjahr
Ich hab den Podcast ja im Oktober 2023 gestartet, weil ich mich natürlich grundsätzlich für Social-Media-freie Strategien interessiere. Und ich war dementsprechend erst einmal einfach nur neugierig, was so ein Podcast für mich überhaupt leisten kann.
Ich bin jetzt keine Podcast-Beraterin im strengen Sinn, aber wenn ich mit Kundinnen zusammenarbeite, dann ist mir wichtig, einfach das große Ganze im Blick zu haben und eine Fülle an Strategien zu kennen und anbieten zu können.
Weil ich es immer so doof finde zu sagen: Wenn du keine sozialen Medien nutzt, dann brauchst du unbedingt dies oder das, einen Blog oder einen Newsletter oder was auch immer.
Das ist totaler Blödsinn, weil jeder Mensch unterschiedlich ist, unterschiedliche Stärken und Fähigkeiten mitbringt. Und es kann einfach sein, dass jemand überhaupt nicht so gerne schreibt. Und dann ist natürlich so ein Podcast eine weitere tolle Möglichkeit, mit seinem Thema online sichtbar zu werden und Menschen zu erreichen, ohne Social Media zu nutzen.
Deshalb wollte ich da in erster Linie einfach mal selbst Erfahrungen sammeln.
Aber ich hab nicht damit gerechnet, muss ich sagen, dass mir das Podcasten tatsächlich so gut gefällt und dass ich es auch nicht sonderlich schwer finde, Themen zu finden, da am Ball zu bleiben und einfach regelmäßig neue Folgen zu veröffentlichen.
Ich hab immer von mir gedacht, dass ich eher der schreibende Typ Mensch bin, und das bin ich auch. Aber ich bin gerade mal wieder so im Schreiben meiner Bücher drin, dass ich es eigentlich auch ganz nett finde, mal nicht zu schreiben und mal zu sprechen. Es ist eine ganz gute Abwechslung und Ergänzung und ich hab das Gefühl, ein Podcast macht das Social-Media-freie Marketing auch ein bisschen runder. Zumindest für mich so.
Ja, und als ich im Oktober 2023 den Podcast begonnen hatte, habe ich mich gefragt:
Was könnte für mich ein leichter Start sein?
Denn mir war es wichtig, jetzt nicht gleich nach 5 Folgen wieder aufzuhören (das hatte ich schon bei einem Podcast davor so), sondern das Ganze dann eben auch langfristig zu machen.
Und deshalb habe ich mich dafür entschieden, zu Beginn nur Solofolgen zu veröffentlichen. Ich hatte ja schon seit Jahren einen Blog. Und ich dachte mir: Es wäre doch eigentlich ganz easy, die Texte, die ich eh schon hab, einfach als Grundlage für Podcastfolgen zu nehmen.
Und ich muss im Nachhinein sagen, das war auch tatsächlich eine ganz gute Idee, die ich nur weiterempfehlen kann, also sich zu fragen:
Wie kann ich mir den Start eines Podcasts möglichst leicht machen?
Das wird jetzt vielleicht auch jeder oder jede anders für sich beantworten. Meine Antwort war eben: Ich will die Technik dahinter verstehen und ich will mir eine Routine aufbauen. Da möchte ich mir nicht auch noch gleichzeitig mehr Gedanken als nötig um komplett neue Themen machen müssen.
Deshalb war es für mich total gut, Material zu nehmen, was ich schon hatte.
Und das habe ich auch fast ein halbes Jahr genauso gemacht und jede Woche eine neue Solofolge veröffentlicht, bis ich Anfang 2024 mir gedacht habe: So, jetzt traue ich mich auch an Interviews ran.
Und so begann ich, andere Menschen in meinem Podcast zu interviewen.
Das habe ich einige Wochen so gemacht und dann festgestellt:
Interviews sind super für die Reichweite. Weil Menschen – jetzt nicht immer, aber immer wieder – die gemeinsamen Interviews auf ihren Kanälen teilen und so eben neue Menschen zu meinem Podcast bringen.
Aber ich habe auch gemerkt: Interviews sind viel, viel zeitaufwändiger als Solofolgen. Und diese Zeit kann und, ja, will ich einfach nicht investieren. Der Podcast ist bei mir ein Kanal von mehreren. Und ja deshalb bin ich letzten Endes zu dem Entschluss gekommen, dass ich Interviews mit Solofolgen abwechseln möchte.
Und ich muss sagen: Das ist für mich die perfekte Mischung. Denn Solofolgen sind relativ schnell gemacht. Interviews erhöhen die Sichtbarkeit des Podcasts. Und so ergänzen sich die beiden Formate total super, finde ich.
Ja, im Sommer hat sich dann noch einmal bei mir was geändert. Ich habe eine Zusage von einem Verlag für ein neues Buch bekommen. Und ein paar Wochen später hat sich ein weiterer Verlag für ein weiteres Thema interessiert, sodass ich so mit Schreiben, Exposé erstellen und Leseprobe verfassen beschäftigt war, dass ich zunächst einmal einen Monat in Sommerpause ging, in der mir dann klar wurde:
Ich kann den Rhythmus, jede Woche eine neue Folge zu veröffentlichen, nicht mehr beibehalten. Also ich könnte es vermutlich, aber das wäre dann mehr viel Stress als Spaß und das wollte ich nicht.
Ich möchte den Podcast noch eine Zeit lang machen. Und dafür ist es wichtig, dass ich meine Zeit und meine Energie dafür ganz gut einteile.
Deshalb kommt seit September, du hast es vielleicht schon gemerkt, „nur noch“ alle zwei Wochen eine neue Folge. Und auch wenn schon einige gesagt haben, dass es schade ist, fühle ich mich mit der Frequenz tatsächlich sehr wohl und werde es wohl auch 2025 so beibehalten.
Was ich gelernt habe
Soweit zum Rückblick auf das erste Podcastjahr. Kommen wir zu dem, was ich in dem Jahr gelernt habe.
Erstens: Es gibt verschiedene Formate und Frequenzen. Und es lohnt sich definitiv, sich nicht nur anzugucken, was andere so in ihrem Podcast machen, sondern immer auch zu schauen, mit welchem Format und mit welcher Frequenz man sich selbst gerade am wohlsten fühlt und was auch einfach am besten zu den Zielen, Stärken und der Lebensrealität von einem passt.
Wie gesagt: Ich hab mit Solofolgen begonnen, weil es mir wichtig war, einen möglichst einfachen Start zu haben. Ich hab die Solofolgen dann wöchentlich veröffentlicht, weil es mir wichtig, da eine bestimmte Routine reinzukriegen.
Aber nach ein paar Monaten haben sich ein paar Dinge eben bei mir geändert und deshalb habe ich dann auch das Interview-Format hinzugenommen und die Frequenz ein bisschen runtergeschraubt.
Das ist der große Vorteil eines Podcasts, auch im Gegensatz zu Social Media zum Beispiel: Wir können das Podcasten genauso gestalten, wie wir wollen und immer wieder Anpassungen vornehmen.
Und ja. Das ist eben bei Social Media nicht so. Wenn die Algorithmen etwas von uns fordern, dann müssen wir das eben machen oder wir sind weg vom Fenster.
Das Zweite, was ich im letzten Jahr gelernt habe, ist, wie großartig eigentlich Interviews sind.
Ich hab mich, ehrlich gesagt, zu Beginn ein bisschen davor gefürchtet. Deshalb habe ich es vermutlich auch so lange rausgeschoben. Und auch jetzt denke ich noch, dass Interviewen wirklich eine Kunst für sich ist, die ich gerne viel besser beherrschen würde. Aber es ist definitiv eine Fähigkeit, die man trainieren kann.
Und das Schöne an den Interviews ist, dass man mehr mit anderen Menschen zu tun hat als nur mit Solofolgen.
Gerade beim Social-Media-freien Marketing ist das ja immer eine kleine Herausforderung, in Kontakt mit Menschen zu treten, mal was gemeinsam zu machen und so weiter.
Und der Podcast ist einfach ein toller Anlass, auf Menschen zuzugehen. Manche kommen zu mir und schlagen mir ein Thema vor, manchmal schreibe ich jemanden an. Manchmal nimmt man wieder Kontakt zu jemandem auf, mit dem man schon länger keinen Kontakt mehr hatte, und dann ist das eben eine tolle Möglichkeit, den Kontakt wieder aufleben zu lassen.
Manchmal lädt man Menschen zu sich ein, die dann wiederum mich in ihren Podcast einladen und so entsteht dann eben auch so ein schönes Geben und Nehmen.
Und wie ich schon vorhin gesagt habe, haben Interviews oft eine größere Reichweite als Solofolgen, einfach weil die Menschen, die interviewt werden, diese Interviews dann auch immer mal bei sich teilen.
Seit ich Interviews mache, haben sich Downloadzahlen bei mir zum Beispiel verdoppelt bis verdreifacht.
Insofern: Interviews sind auf so vielen Ebenen eine gute Sache. Gerade wenn man keine sozialen Medien fürs Marketing nutzt, können Interviews da einiges kompensieren.
Und das dritte, was ich in diesem Jahr gelernt habe, ist, dass der Podcast sich zu einer der wichtigsten Säulen in meinem Social-Media-freien Marketing entwickelt hat. Das hätte ich so nicht erwartet. Und bin sehr positiv überrascht. Und sehr überzeugt von Podcasts als Social-Media-freier Marketingstrategie.
Menschen schreiben mir immer öfter, dass sie mich über den Podcast gefunden haben. Oder dass sie sich viele Folgen auf einmal angehört haben und dann meine Kurse gekauft haben.
Das heißt, ein Podcast ist auf so vielen Stationen der Customer Journey wertvoll. Er kann der allererste Kontakt und damit eine gute Ergänzung zu Suchmaschinenoptimierung sein.
Menschen lernen mich durch den Podcast aber auch besser kennen und entscheiden sich so für einen Kauf.
Ausblick auf 2025
Und damit komme ich zum dritten und letzten Punkt: der Zukunft und der Frage: Was dich 2025 in diesem Podcast hier erwartet.
Erst einmal: Stand heute wird es keine großen Veränderungen geben. Mein Plan ist immer noch, alle zwei Wochen eine neue Folge zu veröffentlichen, vermutlich auch weiterhin: Solofolge und Interview im Wechsel.
Doch wenn du willst, kannst du Einfluss auf die Themen des Podcasts nehmen.
Wenn es also etwas gibt, was dich zu Social-Media-freiem Marketing brennend interessiert oder du dir einen bestimmten Interviewgast wünschst, freue ich mich auf eine Nachricht von dir.
Egal, was dich interessiert, du kannst mir deinen Themenwunsch als E-Mail an alex(at)alexandrapolunin.com schicken.
Ja, ich würde mich, wie gesagt, sehr darüber freuen. Denn mir ist wichtig, dass die Themen dieses Podcasts dich weiterhin interessieren und du weiterhin fleißig zuhörst.
Auch 2025.
Shownotes
How to Instagram-Sucht besiegen – Interview mit Josianne Hosner von Quittenduft
In dieser Podcast-Folge habe ich Josianne Hosner zu Gast. Josianne ist Zyklusberaterin, Autorin und sie hat vor einigen Jahren Social Media verlassen. Im Interview verrät sie mir, wie es dazu gekommen ist und auf welche Marketingstrategien sie als Selbstständige und Autorin stattdessen setzt.
In dieser Podcast-Folge habe ich Josianne Hosner zu Gast. Josianne ist Zyklusberaterin, Autorin und sie hat vor einigen Jahren Social Media verlassen. Im Interview verrät sie mir, wie es dazu gekommen ist und auf welche Marketingstrategien sie als Selbstständige und Autorin stattdessen setzt.
Folge anhören
Transkript lesen
Der Einfluss von Social Media
[Alex] Ja, hallo Josianne, du hast in einem Blogartikel auf die Frage, warum du soziale Medien verlässt, geschrieben und ich zitiere jetzt mal:
„Weil ich einen Abdruck im Hirn habe von meinem Handy. Schließe ich am Abend die Augen“, hast du dann weitergeschrieben, „sehe ich das Display immer noch leuchten. Und wenn ich nachts pinkeln gehe, denke ich sofort wieder an mein Handy. Im Halbschlaf formuliere ich Sätze auf Hochdeutsch und sehe Hashtags vor mir, weil ich nicht ohne kann, weil ich abhängig bin.“
Erst einmal finde ich das grandios beschrieben. Also ich glaube, man kann es nicht besser ausdrücken. Und die Frage, die ich beim Lesen dieser Zeilen hatte, war: Wie ist es dann dazu gekommen, dass du einen Abdruck von deinem Handy in deinem Hirn hattest? Was ist da passiert?
[Josianne] Ich denke, das ist so entstanden, dass ich einfach wahnsinnig gerne mit offenen Augen durch die Welt gehe. Ich fotografiere gerne, ich texte gerne und ich liebe mein Business.
Und da hat sich dann einfach durch den ganzen Alltag hindurch, haben sich Bilder und Sätze formuliert in meinem Kopf.
Und das hat sich dann nach einer Weile so entwickelt, dass es direkt so einen Klick gemacht hat von „Das muss auf Instagram“.
Also das war dann nicht mehr losgelöst von, ich habe einfach meine zyklischen Gedanken, ich denke an mein Business, auch wenn ich einen Spaziergang mache, kommen irgendwelche Gedanken zu mir, sondern die waren immer gerade dann nach einer Weile vorgefertigt, in meinem Hirn schon bereit für den nächsten Beitrag, für den nächsten Post. Und das wurde ich nicht mehr los.
[Alex] Wie lange warst du denn auf Social Media? Hast du das von Anfang an genutzt, als du dich selbstständig gemacht hast?
[Josianne] Facebook war ich schon relativ lange. Auch eine riesige Facebook-Gruppe habe ich dort über die Jahre aufgebaut.
Instagram waren es, glaube ich, drei Jahre oder so, drei oder vier Jahre, genau.
Und am Anfang war das nicht so extrem, das ist dann wirklich irgendwie, ich war immer mehr auf diesen Plattformen, habe immer mehr Zeit dort verbracht. Und es hat sich auch so verlagert von, am Anfang lief mein Geschäft mehrheitlich über meine Inbox, über E-Mail und dann so meine Angebote. Und dann hat sich das irgendwie verlagert auf Social Media. Ja, genau.
[Alex] Ich würde gerne noch ein Zitat aus deinem Blogartikel bringen. Die Texte verlinke ich dann natürlich nochmal in den Shownotes. Du schreibst:
„Unser Hirn ist nicht gemacht für so viele Informationen und Inspiration. Es ist zu viel für mich. Ich kann es nicht mehr verarbeiten, nicht mehr aufnehmen und 98% von den Beiträgen, die ich sehe, sind nicht wichtig für mein Leben. Deshalb fühlt es sich an, als hätte ich Schnipsel und Pommes im Kopf.“
Was genau haben denn soziale Medien mit deinem Kopf angerichtet? Kannst du es vielleicht mal beschreiben mit deinen Worten?
Gedanken zur Social-Media-Sucht
[Josianne] Ein riesiges Durcheinander irgendwie, so fühlt sich das an, auch immer noch rückblickend. Also diese Mischung aus so vielen Inputs, so vielen Möglichkeiten, die ich auch sehe, die zu Entscheidungen führen, die ich dann treffen könnte.
Also nur schon: Lese ich etwas zu Ende, mache ich ein Like, kommentiere ich, lese ich Kommentare anderer? Und dann ist einfach wie so, es fühlt sich echt so ein bisschen an, wie so ein Sog aus meinem Hirn entstanden ist von: Ich bin einfach nicht mehr bei mir, ich bin irgendwo bei irgendwelchen Diskussionen oder Anregungen oder Tipps oder was auch immer da geboten wird und ich müsste oder musste so viele Inputs, wie ich gesehen habe, da gehört immer auch gerade eine Entscheidung dazu.
Nur schon die Entscheidung, weiter zu scrollen. Also einfach so, was mache ich damit? Also eigentlich eine komplette Reizüberforderung kombiniert mit einer grossen, grossen Langweile in meinem Hirn.
Also das ist, finde ich, so eine abgefahrene Mischung, auch immer noch, wenn ich zurückdenke. Es ist wie so, es ist so künstlich relevant, was da auf Social Media läuft.
Und ist es wirklich für mich als Person, als Josianne, als Privatperson und auch als Geschäftsperson, ist es wirklich relevant?
Und da hat sich einfach so eine riesige Schere aufgetan von, ich bin ständig und immer drauf, wie ich das auch formuliert habe.
Also ich im Nachhinein oder in dem Moment, wo ich die Entscheidung getroffen habe, da wegzugehen, habe ich es dann zum ersten Mal auch als Sucht definiert.
Diese Mischung aus dieser Sucht und dieser, diesem Gefühl von Distanziertheit hat gar nicht so viel zu tun, doch mit mir. Und das war ein bisschen zu viel für mein Hirn. Das sind zwei Komponenten.
[Alex] Ich finde es immer so spannend, weil so ganz viele Studien zu Social Media, die beschränken sich ja sehr häufig auf junge Menschen.
Und die zeigen dann, dass soziale Medien eben für Junge eine Gefahr für die mentale Gesundheit darstellen können. Aber ich habe es ja auch bei mir gemerkt. Ich meine, ich bin erwachsen, du bist erwachsen und auch auf erwachsene Menschen hat das eben so einen krassen Einfluss.
Als du dann Social Media verlassen hast, du hast gesagt, du hast es das erste Mal als so eine Sucht erkannt. Gab es dann einen bestimmten Anlass oder ist irgendwann so das Fass quasi übergelaufen für dich?
Der Ausstieg aus sozialen Medien
[Josianne] Ja, also ich glaube, es waren schon diese nächtlichen Abdrücke in meinem Kopf. Wirklich so dieses, ich schliesse die Augen am Abend und ich habe einfach immer noch das Handy-Display vor mir.
Und dann ist mir das wirklich mehr und mehr passiert. Und ich konnte wirklich keinen Baum, keine Blume, kein Lichtstrahl im Wald mehr einfach so angucken, ohne den Hashtag dazuzufügen.
Also wirklich eigentlich schrecklich. Ich empfand es als nicht so schrecklich, aber dann kam natürlich meine Zyklusbeobachtung da mit rein.
Ich bin eine Zyklusmentorin und ich bewege mich seit über zehn Jahren ausschliesslich in Kreisen. In Kreisläufen, in Abläufen und habe dann wirklich auch gemerkt, anhand meines eigenen Zyklus, wann liebe ich Social Media, wann bin ich völlig, verknallt in diese Möglichkeiten von der Kommunikation und Mitteilen und wann nervt es mich? Wann triggert es mich? Wann schaffe ich es, diesen Adlerblick einzunehmen und ein bisschen über mein Leben zu kreisen und zu sagen, was mache ich da eigentlich?
Und das war immer so die Woche vor der Menstruation oder auch während der Menstruation. Fand ich die ganze Thematik völlig idiotisch. Und das habe ich dann über mehrere Monate beobachtet. Was macht es mit mir, meinem Zyklus, meinem Zyklus-Ich, mein Verhalten auf Social Media, meine Beziehung dazu?
Und habe dann, ich weiss nicht mehr, wie ich das Buch gefunden habe. Das ist irgendwie zu mir gekommen, ein Buch von Carl Newport. Das heisst Deep Work. Und ich glaube, auf Deutsch ist es ein stilles Arbeiten oder so. Ich habe das Buch gelesen und es war schon nach drei Seiten klar: Okay, soziale Medien sind das Gegenteil von Deep Work.
Und ja, dann einfach auch wieder zurück zu diesem Menstruationszyklus, zu diesen Werten, die ich habe, wie ich Business machen will, und das ist ja dann diese perfide Vermischung, es ist ja dann nicht nur, ich bin ja nicht nur als Businessperson auf den sozialen Medien, sondern auch privat, also diese Vermischung konnte ich irgendwie nicht mehr so handeln.
Ja und dann zusätzlich habe ich noch einen Kurs gemacht bei einer Australierin, Marketing without Social Media, und dann ist es mir echt einfach wie Schuppen von den Augen gefallen.
Dass, ja, sage ich jetzt mal, 95% von meinem Verhalten auf Social Media, wie ich auch meinte, ich mache Business darauf, ist eigentlich nur Bullshit. Hat nicht den Zusammenhang mit meiner Arbeit gehabt.
Ja, also das waren dann so Prozesse, Schritte, irgendwann der Entscheid von: Okay, die Konsequenz heisst, ich gehe weg von Facebook und Instagram.
Und das hat mich echt physisch und psychisch so in Aufregung versetzt. Also es war nicht lustig, dieser Prozess.
Der war irgendwie anstrengend, sehr anstrengend. Und ich habe wirklich auch gedacht, ich betreibe jetzt da einen geschäftlichen Selbstmord. Ich werde nie mehr Kunden haben. Ich werde nie mehr Frauen in meinen Kursen haben, wenn ich von Social Media weggehe. Und weisst du was? Es ist überhaupt gar nichts passiert von dem.
Im Gegenteil. Ja, genau. Aber es war eine lange Vorbereitungsphase. Ich musste mich mit mir auseinandersetzen, mit meinen Werten, mit meinen Wünschen.
Ich brauche Zeit für solche Entscheidungen, sonst falle ich zu schnell hin und her. Wenn ich jetzt einfach gesagt hätte, nach den ersten drei Seiten des Buches, jetzt gehe ich weg, dann wäre ich vielleicht wieder drauf jetzt. Es hat so ein halbes Jahr in mir gedauert Und dann nochmal drei, vier, fünf Monate Kommunikation auf den sozialen Medien.
Und erst dann wirklich so der Stichtag, den ich auch kommuniziert habe. Das muss ich machen manchmal, damit ich Dinge wirklich... Damit die wirklich passieren. Also ich habe meine Community informiert. Bis Ende Juni, ich glaube, das war 2022, bin ich noch auf den sozialen Medien.
Danach schließe ich all meine Accounts und Gruppen. Ich musste das kommunizieren, auch ein bisschen Abschied nehmen, auch ein bisschen zelebrieren. Ja, dann habe ich das gemacht. Keine Sekunde lang bereut.
Warum ein Social-Media-Ausstieg kreativer macht
[Alex] Das ist total witzig, weil ich gerade so viele Punkte wiedererkannt habe bei mir. Also zunächst einmal Deep Work von Cal Newport war auch so einer der Startschüsse für mich, dass ich gedacht habe: Boah, das geht einfach nicht mehr mit sozialen Medien.
Und bei mir hat es auch ziemlich lange gereift. Ich glaube, noch länger als bei dir. Also es ist aber auch, glaube ich, ganz wichtig, also diesen ersten Gedanken zu haben oder dieses Gefühl, vielleicht ist es auch so ein diffuses Gefühl eher, boah, irgendwie passt das nicht für mich. Ich kann zwar noch nicht so richtig das artikulieren oder genau sagen, woran es liegt, aber irgendwie habe ich so ein Gefühl, es ist nicht mehr stimmig. Und ich glaube, es ist total wichtig, dem nachzugehen. Also vielleicht nicht gleich sofort was zu machen, sondern so ein bisschen schwanger mit diesem Gedanken zu gehen und zu gucken, was steckt da vielleicht dahinter.
[Josianne] Ja, genau. Und auch so, das war für mich eine Zeit lang, so eine Parallelwelt dann. Ich wusste schon, ich gehe. Ich wusste, das bleibt nicht für immer. Und dann zwischendurch immer wieder mal kleinere Panikattacken von, was mache ich dann? Wie handle ich mein Business? Woher kommen meine Kunden? Und habe aber gleichzeitig auch mit diesen Büchern, die ich gelesen habe oder mit diesem Kurs, den ich gemacht habe, gemerkt, es war wie so ein...
Ich litt unter einem Marketingmuskelschwund. Also es war wie so, das Einzige, was mir in den Sinn kam, war auf Instagram zu posten, was ich anbiete, meine Angebote, oder?
Und es war so, hey, die Welt, die hat sich schon lange, also schon viel länger ohne Social Media gedreht. Und es war bis vor ganz kurzem möglich, auch gut zu geschäften, auch gute Umsätze zu machen oder auch sich irgendwelche Selbstständigkeiten, Wünsche zu erfüllen, ohne Social Media. Und das ist vielleicht auch ein bisschen so meine, ich habe es ein bisschen noch eine rebellische Ader, die dann stärker hervorgekommen ist von, also das muss doch möglich sein für mich. Ich bin doch schlau genug, um mein Business nach meinen Regeln aufzustellen und zu gestalten.
[Alex] Ich glaube, diese rebellische Ader, die ist gar nicht schlecht dafür. Und ich finde auch, das macht kreativer.
Also wenn man sich so ein bisschen begrenzt, das kennt vielleicht die eine oder andere auch vom Kochen. Also wenn ich nur noch drei Zutaten habe und denke, oh Gott, ich habe einen leeren Kühlschrank, da habe ich meistens die besten Ideen, was ich damit machen kann, wenn ich mich so begrenzen muss.
Es ist so ähnlich, wie wenn: Ich steige aus Social Media aus und dann kann ich erst mal versuchen, kreativ zu werden. Ja, okay, was mache ich denn dann? Also jetzt kann ich vielleicht nicht auf Instagram sagen, dass es das und das bei mir gibt. Okay, was kann ich stattdessen machen?
Also ich finde, das hat halt nicht nur Nachteile, sondern man kann dadurch auch wirklich kreativer werden in der Art, wie man kommuniziert.
[Josianne] Ja, und mich dünkt es, meine Augen sind wie offener seither wieder, dass ich, wenn ich diese Möglichkeit nicht mehr habe, einfach konstant, täglich, stündlich, minütlich rauszuhauen, was ich will.
Also ich überlege viel besser, wie ich mein Marketing gestalte.
Und das ist jetzt nicht so spektakulär, mein Marketing. Also das sind so guten alten, bewährten Sachen wie mein Newsletter. Das ist so das Hauptmarketing-Tool, das ich verwende.
Gleichzeitig ist es aber auch meine große Leidenschaft, diese Newsletter zu schreiben. Also ich liebe es. Und das ist ja auch so ein Ding. Ich weiss nicht so genau, ich müsste mich wieder anders orientieren oder erfinden, wenn ich jetzt nicht gerne schreiben würde. Aber auch da würde ich Wege finden. Aber Social-Media-Marketing ist zu einfach und ganz, ganz ehrlich zu wenig gewinnbringend.
Auch wenn mein Business absolut nicht nur auf Zahlen und Fakten und Einkommen basiert. Aber es ist einfach so viel Aufwand und so viel von meiner Hirnkapazität und von mir als Person. Und ich bin nicht sicher, ob ich wirklich, wirklich jemals Einkommen generiert habe auf Social Media.
Auch wenn mir nachher all diese Social-Media-Coaches gesagt haben, ja eben, du stärkst die Beziehung, die Bindung, du positionierst dich.
Aber weisst du, wenn mein Hirn dann einfach abstellt bei solchen Aussagen und ich finde, das ist so öde, das kann ich auch auf andere Arten machen. Ja, also es ist auch eine Herausforderung, jetzt zu schauen, wie ich mein Marketing betreibe, was ich mache, wie ich es mache. Aber ja, den Buchtitel von Cal Newport, dieses Deep Work, das ist schon für mich so zu einem festen Wert geworden. Ich will qualitär was Gutes machen und ich will keine Schnipsel mehr raushauen. Könnte ich als Hobby betreiben, aber nicht als Marketingmaßnahme für meine Firma.
Zum Umgang mit Entzugserscheinungen
[Alex] Wir werden gleich nochmal auch darauf zu sprechen kommen, was du jetzt für dein Marketing stattdessen machst. Ich würde jetzt nochmal gerne zu diesem Social-Media-Ausstieg fragen.
Also du hast gesagt, du hast das zum ersten Mal so als Sucht definiert. Hattest du dann auch Entzugserscheinungen? Wie ging es dir denn dann, als du dann wirklich soziale Medien verlassen hast?
Also ich hatte zum Beispiel dieses klassische, ich nehme mein Handy und gucke und will irgendwas öffnen, aber merke, da ist ja gar nichts mehr. Hattest du das auch?
[Josianne] Ja, da bin ich ein bisschen in die Falle getappt. Und da habe ich nachher im Anschluss so viele News konsumiert wie noch nie. Ich musste bei den Händen was machen am Handy. Und genau, das ist so ein bisschen, und da arbeite ich ehrlich gesagt auch noch daran, dass mein News-Konsum sich mehr reduziert oder dass ich wenigstens solche Art News konsumiere, die auch ein bisschen in Richtung Deep Information gehen und nicht diese Fast Food News. Genau.
Ja, aber diese Entzugserscheinungen, die waren real, die sind real.
Veränderungen im Alltag ohne Social Media
Aber die Benefits waren halt schon auch schön. Also diese Entspannung im Hirn, die sich dann irgendwann einstellte, diese Ruhe im Kopf, die tat mir schon gut. Und weißt du, das Krasse ist, ich würde jetzt mal sagen, wenn ich ganz, ganz ehrlich bin, meine Handyzeit hat sich nicht mega fest reduziert.
Und das hat mich am Anfang genervt, das hat mich gestört, Weil das war auch so ein bisschen die große Hoffnung, einfach weniger Zeit am Handy zu verbringen.
Aber dann habe ich das mal ein bisschen auch analysiert, was ich denn mache am Handy. Und ich habe viel mehr Austausch mit meinen Freundinnen und meiner Familie. Also wirklich Zeiten, wo ich auf meinem Social-Media-Time im Austausch war mit fremden Menschen.
Auch wenn man den Instagram-Handle kennt, es waren fremde Menschen, habe ich zum Teil schon vor dem Frühstück schon ausgetauscht mit Leuten, Nachrichten beantwortet, Kommentare beantwortet und das vermisse ich keine Sekunde.
Man kann mir eine E-Mail schreiben und dann gibt es auch eine schöne Antwort. Aber man kann sich diese Satzfetzen in meine Richtung werfen, die zum Teil ziemlich auf eine Thematik oder Problematik hinzeigten, die man nicht mit zwei Sätzen beantworten kann.
Ja, und seither bin ich einfach wirklich viel mehr im Austausch mit den Menschen, die ich im echten Leben auch kenne und gerne mag.
Genau, also von dem her ist immer noch viel Handyzeit natürlich auch die ganze Familienorganisation läuft ja da auch darüber und, ja, aber ich würde sagen, die Ruhe in meinem Hirn ist größtenteils zurückgekehrt.
[Alex] Ich habe damals dasselbe gemerkt, dass ich also angefangen habe, Nachrichten zu lesen wie blöde.
Und damals war ja auch, hat Corona angefangen, dann der Krieg. Also es gab immer irgendwas zu lesen. Und dann habe ich es tatsächlich so gemacht, dass ich meinen E-Reader aufs Handy gepackt habe. Das bedeutet, immer wenn ich das Handy geschnappt habe, habe ich den zumindest in meinem Buch weitergelesen. Und da habe ich mir eingebildet, das war so ein bisschen in Richtung Deep Work oder halt einfach längere Inhalte, qualitativ hochwertigere Inhalte.
Also vielleicht so als Idee für Leute, die das kennen und überlegen: Was kann ich denn stattdessen auf meinem Handy machen, wenn ich das schon so automatisch greife? So ein Buch lesen könnte so ein Zwischenschritt sein, um vielleicht mal davon so wegzukommen.
Weil ich meine Nachrichten so letzten Endes ja auch Dopamin. Ich öffne die App und lese irgendwas Neues und mein Hirn denkt, yay, und schüttet Dopamin aus. Und das kann man so ein bisschen umgehen, indem man sich vielleicht dazu trainiert, was zu lesen und dann so ein bisschen wegkommt davon.
[Josianne] Ja, und krass finde ich schon auch. Also es sind so Langzeitwirkungen. In der wirklich intensivsten Social-Media-Zeit war meine Konzentrationsfähigkeit echt reduziert.
Also da konnte ich einfach nicht mehr als fünf, vielleicht zehn Minuten am Stück wirklich, wirklich eintauchen, ohne nach dem Handy zu greifen. Und das hält sich noch ein bisschen hartnäckig. Es ist wirklich besser geworden.
Also ich kann, ich schreibe jetzt auch in meinem zweiten Buch, ich kann lange Zeit schreiben, aber da ist immer noch dieser Mechanismus drin von, ich stehe auf, ich laufe vom PC weg, ich strecke mich, ich mache mir eine Tasse Tee und ich greife auf meinem Handy.
Und das ist schon, das sage ich, diese perfide Vermischung von, Wie gesagt, die gesamte Familienorganisation, die da auch drauf ist. Ich habe einen fast erwachsenen Sohn, der am anderen Ende der Schweiz wohnt. Es ist wie so eine Mischung von, doch, ich muss schon, ich denke es, ich weiss nicht, ob ich muss, ich meine, ich muss schon kurz nachgucken, was läuft, was los ist. Ob mich jemand gesucht hat. Ja, und das nervt mich immer noch.
Handyabhängigkeit, auch durch viele alltägliche Dinge wie Zug fahren, Ticket lösen. Und dann hast du das Ding einfach in der Hand. Also da bin ich schon noch so ein bisschen allergisch gegen mein Verhalten.
Also es nervt mich, es ärgert mich und ich weiss da nicht so genau, was mach ich damit. Und ich verbringe auch ganz, ganz viel Zeit in der Natur draussen. Wir haben zum Glück, sage ich, und nur schon so eine Aussage ist doch einfach absolut schräg, wir haben zum Glück grosse Teile mit Funklöchern im Wald.
Und ich bin froh darum. Und das zu äussern, das ist irgendwie so komisch. Ich bin froh um Funklöcher, damit ich nicht immer verwenden kann. Ja, finde ich kein schöner Aspekt von unserer Digitalisierung oder von meiner Digitalisierung damit.
Reaktionen auf den Social-Media-Ausstieg
[Alex] Wie hat denn dein privates oder berufliches Umfeld auf deinen Ausstieg reagiert? Konnten Sie es nachvollziehen oder hat es Sie überrascht? Was haben Sie gesagt?
[Josianne] Also in meinem privaten Umfeld gab es wirklich so ein bisschen die Einteilung von Freundinnen und Freunden, die auch selbstständig sind, die einfach total viele Fragen hatten zu diesem, wie machst du denn jetzt Marketing?
Der private Teil, mein Mann, meine Eltern, meine Geschwister, die waren alle so, whatever. Also das war so. Das ist ja keine große Sache. Von dem her, da gab es ein bisschen eine Einteilung.
Im beruflichen Kontext, also was am härtesten für mich war, Ich hatte eine Facebook-Gruppe, eine Zyklus-Gruppe mit fast 3000 Frauen drin. Und diese Gruppe, das war, also ich wage das fast nicht zu sagen, aber das war für viele so etwas wie ein neuer Heimatort.
Und das ist so krass. Also da habe ich Dutzende, wenn nicht Hunderte Nachrichten gekriegt von, hey, mach das nicht, tu uns das nicht an. Das ist der einzige Ort, wo wir so in diesem Safe Space austauschen können. Und das war für mich so die grosse Knacknuss.
Hat dann auch wieder viel mit meinen Werten zu tun. Oder vielleicht auch ein bisschen einem illusorischen Idealbild, das ich von der Welt habe, und gesagt habe, es kann nicht sein, dass meine Facebook-Gruppe dein einziger Safe Space ist.
Dann kümmere dich bitte, bitte, bitte in deinem Freundeskreis oder in einem neuen Freundeskreis oder einem Frauenkreis oder irgendwie um diese Art von Beziehungen. Also da habe ich wie so ein, für mich, das war eine harte Entscheidung, aber so einen Schritt zurück von, ich habe die Energie wahrscheinlich oder den Fokus nicht, um das noch länger zur Verfügung zu stellen. Für mich war das nämlich Zeit und auch Geld, das zu unterhalten. Ja, aber das war schwierig für mich.
[Alex] Hast du denn inzwischen eine Möglichkeit gefunden, deine Community auch weiter aufzubauen oder ist das jetzt ganz weg?
[Josianne] Ja, ich habe sowas zwischendurch gemacht und da haben mich am Anfang ein paar auch ausgelacht deswegen. Und zwar habe ich dann nach meinem Ausstieg analysiert, was ich persönlich vermisse.
Also jetzt abgesehen von Dopamin und Sucht und so, sondern einfach gibt es noch einen schönen Aspekt, den ich vermisse. Und dieser schöne Aspekt war für mich tatsächlich, ich fotografiere unheimlich gerne. Also es ist für mich so ein Leidenschaft/Hobby, auch ab und zu einen Fotokurs gemacht. Und ich bin ziemlich gut darin, meine Zyklusgedanken in kurze Texte zu fassen.
Das habe ich schon mit ganz viel Feedback gemerkt, das stösst auf sehr grosse Resonanz, wenn ich meine Zykluseinblicke in meinen persönlichen Alltag mitteile. Das rührt etwas an in anderen. Oh ja, stimmt, Zyklus und genau, wie ist es gerade bei mir und wie geht es mir gerade und so.
Und dann habe ich für mich eine Zwischenlösung gefunden, wo, wie gesagt, die waren mir am Anfang auch so fast ein bisschen peinlich. Ich weiss noch nicht so genau, warum, aber vielleicht, weil ich eben so konsequent war. Und dann habe ich einen Telegram-Kanal eröffnet, weil mir jemand gesagt hat, dass man da so eine Einstellung machen kann, dass es eben wirklich nur ein Kanal ist, keine Gruppe.
Und ich habe diesen Kanal von der ersten Sekunde an so eingestellt, dass ich darauf Fotos posten kann. Es kann niemand reagieren, es kann niemand kommentieren, man kann nicht mal liken, man kann einfach gar nichts.
Man kann das einfach lesen, man kann mich nicht kontaktieren, gar nichts. Und das war für mich nachher so diese Zwischenwelt von... Ich weiss, dass ich einen Mehrwert bringen kann und ich gleichzeitig noch ein Bedürfnis von mir erfülle.
Mit diesen Fotos, mit diesen schönen, ja zum Teil auch radikal ehrlichen, aber auch poetischen Texten, dass ich das noch schicken kann. Und die Leute lieben es.
Habe aber am Anfang E-Mails erhalten, die mir sagten, hey, das ist voll doof, was du da machst. Ich kann nicht kommentieren. Ich kann nicht sagen, wie schön und berührend ich das fand. Und ich war so, ja, das ist voll okay für mich, dass du das machen kannst. Finde es doch einfach berührend und schön und nützlich.
Ist okay, muss es mir nicht mitteilen.
Genau, also das ist das Ding. Aber ich glaube, es zählt nicht als Community, würde ich jetzt mal sagen.
[Alex] Ja, ich glaube, es gibt so unterschiedliche Meinungen. In meinem Buch zum Beispiel habe ich Telegram auch als möglichen Social-Media-Kanal, aber es ist, glaube ich, immer eine Definitionssache. Aber hast du den immer noch? Also hat sich das bewährt? Hast du den Telegram-Kanal immer noch?
[Josianne] Ja, der wächst. Und der ist easy. Und für mich, also das ist der größte Benefit für mich, für mich gibt es nie einen Grund, auf Telegram zu gehen, ausser ich mache einen neuen Beitrag.
Also ich kann auf Telegram nichts checken, nichts nachschauen, ob jemand reagiert hat.
[Alex:] Ob es neue Likes gibt oder Kommentare gibt …
[Josianne] Es ist eine ganz, ganz ruhige Sache in meinem Kopf.
Und das ist für mich ja auch vor allem wichtig. Ich will Ruhe da oben. Und ich brauche Ruhe, damit ich kreieren kann. Genau. Aber ein [unverständlich] habe ich nicht. Ein Austausch-Gruppen- Dingsgefäß habe ich nicht mehr.
[Alex] Du hast schon gesagt, du hast auch einen Newsletter, den du nutzt. Kannst du uns mal so mitnehmen? Was du als Online-Unternehmerin für Strategien nutzt, wenn du nicht mehr auf Social Media unterwegs bist?
[Josianne] Also wirklich Newsletter. Das ist mein Hauptkanal, mein Haupttool. Und ich habe gar keine andere.
[Alex] Du hast einen Blog aber noch.
[Josianne] Ja, stimmt. Vielleicht weiss ich gar nicht, was ich alles habe. Das stimmt.
Aber der Blog ist so etwas, wo ich nicht so, also da könnte ich noch ein bisschen regelmässiger was machen damit. Da bin ich nicht so konsequent wie mit dem Newsletter.
Wie gesagt, diesen Newsletter zu schreiben, das ist mein Highlight meiner Arbeit, also ich liebe das, Punkt. Da gehen mir die Themen nie aus, da könnte ich für die nächsten 10 Jahre easy Content machen, also das liebe ich einfach.
Ich sage ziemlich oft ja, wenn es um solche Vernetzungen geht, wie jetzt mit dir, mit Podcasts oder bei einem Online-Kongress mitzumachen. Da werde ich auch sehr oft angefragt. Ja, das sind sicher noch Dinge, die ich mache.
Dann merke ich, dass mein Buch, Back to the Roots, das ist ein ziemlich gutes, nachhaltiges Marketing-Instrument auch. Hätte ich nicht gedacht. Also da habe ich das große Glück, dass ich schon jetzt in der vierten Auflage bin, und es läuft immer noch.
Ja, das ist sehr schön. Das hätte ich nicht gedacht. Also dass ein Buch wirklich auch einen maßgeblichen Anteil hat an Marketing für meine Firma. Ja, genau.
[Alex] Das heißt, die Menschen lesen dein Buch und dann kommen sie zu dir auf die Website …
[Josianne] Tragen sich in meine Newsletter ein. Und genau, und buchen dann Angebote, die ich mache. Und meine Angebote, die bestanden bis vor ganz kurzem mehrheitlich aus Onlinekursen, mehrwöchigen Onlinekursen.
Jetzt seit ungefähr zwei Jahren, seit meine kleineren Kinder etwas grösser sind, mache ich auch vermehrt wieder Vorträge. Ich habe viele Anfragen auch so von, es kommt jetzt immer mehr von Teams, Schulungen für Teams, Zykluswissen für Firmen. Das macht auch mega Spass.
Und im Moment habe ich so eine Zwischenphase von, ich schreibe ein zweites Buch. Ich merke, ich kann nicht unbedingt gut dranbleiben und schreiben, während ich nebendran einen Kurs nach dem anderen noch anbiete. Das ist zu wenig Zeit.
Ich arbeite 40 Prozent, mein Mann 60, wir homeschoolen die Kinder. Also ich muss mega, mega bedacht sein, auch mit meiner Zeit, wenn ich die aufteile. Genau.
Und jetzt in diesem Jahr steht der Fokus echt auf dem zweiten Buch. Aber das wird dann nachher wieder kommen mit Onlinekursen und Webinaren. Die passen auch zu meinem Energie-Level. Es gibt Menschen, die sind mit mehr Energie ausgestattet als ich. Und von dem her muss ich da auch immer ein gutes Auge drauf haben, wie viel ich unter meinen Hut bringen kann.
[Alex] Jetzt hast du schon so oft das Thema Zyklus angesprochen. Kannst du vielleicht für die Menschen, die noch gar nicht so richtig wissen, worum es da genau geht, mal ganz kurz sagen, worum es beim zyklischen Leben und Arbeiten vielleicht geht?
[Josianne] Also menstruierende Menschen haben einen Menstruationszyklus. Lebensgrundlage aller Menschen, also alle unsere Mütter, ausschließlich alle, hatten einen Menstruationszyklus, sonst gäbe es uns nicht.
Und, ich finde es einfach ein spannender Fakt im Sinne von, auch wenn morgen niemand mehr diesen Zyklus hätte, es gäbe keine weiteren Menschen. Also schon mal eine ganz schöne Sache, unsere Lebensgrundlage, dieser Zyklus.
Er hat einfach einen schlechten Ruf. Wir sind vor allem bekannt mit den Themen wie Menstruationsschmerzen und PMS. Das sind so ein bisschen die Downsides vom Zyklus.
Und meine Leidenschaft ist es, diesen Zyklus so zu beleuchten, dass wir aus diesen vier Zyklusphasen, die wir monatlich durchleben, die uns durchfließen, dass wir aus jeder Zyklusphase das Beste herauspicken.
Das sind einfach verschiedene Qualitäten, die wir zum Vorschein bringen, je nach Zyklusphase. Soll ich es ganz kurz, ich kann es ganz, ganz kurz umreißen? Wenn du willst.
[Alex] Ja, bitte, bitte.
[Josianne] [unverständlich] innerer Winter und das ist so die Ruhephase, Rückzug. Nachher kommt die Energie wieder zurück nach der Menstruation. Östrogen steigt und das ist so dieses Aufblühen, dieses Fühler ausstrecken und zu gucken, was da draussen los ist. Da folgt nachher der innere Sommer, ist biologisch auch die fruchtbare Zeit, Einsprungzeit und ist die Zeit im Zyklus, wo wir sehr gesellschaftsfähig sind, sehr viel Energie haben, kompatibel sind mit allem, was da abgeht. Danach folgt der innere Herbst. In der Natur fallen da die Blätter. Es ist wieder die Zeit für den Rückzug. Und es ist so die verhasste Zeit im Menstruationszyklus.
Drachentage, ganz viele Frauen sind da, ja, finden sich da nicht toll, verstehen sich nicht, wissen nicht, was los ist, streiten viel, sind aggressiv, weinerlich, traurig, alles ist zu viel.
Und meine Aufgabe oder wie gesagt auch meine Leidenschaft ist es, da ein bisschen Licht ins Dunkle zu bringen, weil jede dieser Phasen hat auch Qualitäten und gerade auch im Arbeitsleben und natürlich auch in der Familie mit den Kindern und so, aber wirklich auch im Arbeitsleben.
Also ich weiss genau ein bisschen, was ich wann mache, wann mir was leicht fällt. Es gibt super Zeitpunkte, um Buchhaltung zu machen. Es gibt super Zeitpunkte, um zu netzwerken. Und dass ich das so ein bisschen im Einklang mit meinem Zyklus gestalte.
Und vor allem ganz wichtig, dass ich auch weiss, wie ich mir schaue, selbst fürsorge, wenn von außen ja einfach auch Termine oder Umstände gegeben sind. Fast noch wichtiger.
Also es ist jetzt nicht nur, ich schiebe alles perfekt an meinem perfekten Zykluszeitpunkt, sondern die Welt dreht sich ja einfach weiter, egal wo ich bin in meinem Zyklus. Und wie gucke ich mir, wie schaue ich mir, damit am Ende des Tages immer noch eine schöne Portion Lebensfreude oder Humor übrig bleibt.
[Alex] Nun sind ja soziale Medien gerade nicht zyklisch. Also eigentlich verlangen die ja jeden Tag dasselbe von uns. Wir sollen präsent sein und uns zeigen. Und wie du schon gesagt hast, es gibt halt Phasen, da will man sich vielleicht gar nicht zeigen, da ist eher Rückzug angesagt. Und wie siehst du dann so den Zusammenhang oder die Herausforderung von Social Media und Menstruationszyklus? Was hast du da beobachtet?
[Josianne] Also für mich ist Social Media wirklich der Inbegriff von diesem besser, dichter, schneller, höher, fordernder, immer präsent sein. Also linearer geht es nicht.
Ich finde persönlich, es tut nicht gut, es tut auch den Männern nicht gut, aber gerade im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus habe ich schon stark bemerkt wie, eben da gibt es Phasen, da fällt es so leicht etwas zu posten, diese Videos zu machen, dieses Herumgetänzeln bei den Reels und es ist noch ein bisschen lustig, ein bisschen amüsant und so. Und dann gibt es aber auch immer wieder Zeiten, wo ja, wo das schwerfällt und wo dann auch, wenn dir etwas schwerfällt, und in diesem Zusammenhang jetzt, wenn es dir schwerfällt, dich zu präsentieren, dich zu zeigen, braucht es auch immer mehr Strom. Und je nachdem, wo ich bin im Zyklus, ist das wie eine andere Geschichte. Und es laugt einfach mehr aus, wenn wir uns für Social Media derart verbiegen, damit es für Social Media stimmt.
Also für mich ist es wirklich so dieser Inbegriff von entweder lieferst du ab, entweder leistest du oder du fliegst raus aus dem System. Du spiegst da raus. Wenn du dich nicht an die Social-Media-Regeln hältst, dann bist du nicht mehr wichtig für Social Media. Dann bist du nicht beachtet oder wirst gestraft oder was auch immer. Und das ist für mich ein No-Go auch mit der Brille von diesen zyklischen Werten. Also ist eine Person, die eine Pause macht, nichts mehr wert? Ist eine Person, die Ruhe braucht, faul? Nein, ist sie nicht. Sie ist nun nicht immer gleich konstant leistungsfähig.
Und das führt zu ganz vielen großen Problemen in unserer Gesellschaft. Die ganzen Zahlen von Erschöpfungsdepressionen und all diesen psychischen Thematiken, die nehmen Jahr für Jahr zu. Und mich dünkt, dass Social Media einen nicht kleinen Anteil daran hat.
[Alex] Das heißt, würdest du sagen, so als Mensch mit Menstruationszyklus ist es fast nicht möglich, Social Media dann so achtsam für sich zu nutzen? Oder meinst du, es gibt eine Möglichkeit, das ein bisschen zyklischer für sich zu nutzen?
[Josianne] Ich denke, man kann da sicher mit sich selber eine Art Deal aushandeln, im Sinne von, hey, ich bin präsent, ich bin live, ich bin connected, ich bin da, wenn es im Einklang ist mit meinen eigenen Bedürfnissen, wenn ich das lustig finde, wenn ich Ideen habe, wenn es sprudelt.
Aber mein Deal wäre in einem solchen Ding, und das habe ich auch so gelebt, als ich noch drauf war, ich verbiege mich nicht, weil mein Kopf denkt, aber heute muss ich dann noch etwas posten. Heute muss ich noch ein Output liefern.
Wenn das nicht aus mir herauskommt, dann lasse ich es bleiben und natürlich, das könnte man auch überbrücken, also man kann ja auf Social Media Dinge vorbereiten, man kann sich zurückziehen, man muss nicht das Gesicht den ganzen Tag in die Kamera halten.
Aber zyklisch gesehen kann man das in dem Sinne nutzen auch von einem inneren Frühling, das haben so viele Frauen da explodieren die Ideen. Also Brainstorming im inneren Frühling oder einfach ganz, ganz viele neue Ideen, alles notieren, alles.
Ja, und da kann man das im inneren Herbst oder im inneren Winter auch verwenden, wenn nichts aus mir herauskommt, weil ich will gar nicht da draussen sein. Ich will im Wald am Feuer sitzen, ob in echt oder als Sinnbild. Da kann man sich schon auch lieb sein, indem man ein bisschen schlau ist und ein bisschen ehrlich ist. Und nicht nur auf diese Gewohnheit oder aus Druck auf dieses Mitmachen reagiert.
[Alex] Also ich finde schon, dieses Wissen um diese Zyklusphasen kann einem enorm helfen, einfach auch liebevoller zu sich zu sein und zu wissen, okay, mir fällt das jetzt schwer, mich zu präsentieren auf Social Media.
Dann begegne ich mir eher mit Verständnis als mit Disziplin und Druck. Ich meine, das kann ja schon ein Riesengewinn sein für so einen Arbeitsalltag.
[Josianne] Und auch das Abgrenzen, weißt du?
Also da gibt es Zyklusphasen, gerade so kurz vor der Menstruation, während der Menstruation, da siehst du Dinge auf Social Media, die dich triggern oder traurig machen.
Und da ist die Haut einfach nicht so dick. Und also das habe ich schon auch gemerkt, wenn da irgendwie lieblose Kommentare oder gar Angriffe ich habe das wenig erlebt, aber du bekommst es ja mit, was bei anderen auch abgeht oder wenn du das einfach mitliest oder so. Ja, dass ich das echt, echt schlecht ertragen habe und nur schon das zu wissen von aha, es ist nicht dass mit mir irgendetwas nicht stimmt und ich bin gerade so dünnhäutig oder nahe am Wasser gebaut oder aggressiv oder was auch immer, sondern okay, wo bin ich denn in meinem Zyklus? Kann es einen Zusammenhang haben und bin ich dafür verantwortlich und ja, ich bin es für diesen Abstand und zu sagen, hey, meine mentale Gesundheit ist, weiss Gott, millionenmal wichtiger als die Gesundheit von Social Media, wie es den Firmen geht, die das anbieten, diese Apps. Me first.
Da hilft mir das Zyklische wahnsinnig fest, einfach auch um ein bisschen diese Beobachtungsposition einzunehmen und zu sagen, okay, bin ich ehrlich mit mir selber, bin ich smart, bin ich schlau, bin ich mir selber nahe und ich bin mir tatsächlich näher, seit ich nicht mehr auf Social Media bin.
[Alex] Ich habe auch für mich das mittlerweile zum Lebensmotto gemacht, muss ich sagen. Also: Was keine Pause kennt, ist nicht von Dauer.
Das ist ja dieses Zitat von Ovid und ich finde, dass es einfach so wahr. Das zeigt sich immer wieder. Wenn meine Marketingstrategie voraussetzt, dass ich jeden Tag über meine Grenzen gehe, dann werde ich es einfach nicht lange durchhalten.
Aber wenn meine Marketingstrategie Pausen mitdenkt und Auszeiten mitdenkt und Rückzug mitdenkt, dann werde ich es vermutlich auch über die nächsten Jahre gut aushalten können.
Und ich glaube, das ist so der Grund, warum Social Media für mich nicht funktioniert hat und dann vielleicht für dich nicht funktioniert hat. Und vielleicht erkennt sich da ja jemand auch wieder und denkt jetzt, okay, ich bin vielleicht nicht ganz so ein Alien, wie ich immer dachte.
[Josianne] Genau, ganz genau.
[Alex] Abschließende Frage, wenn jetzt jemand ebenfalls überlegt, vielleicht Social Media zu verlassen, auch als Selbstständige, auch als Online-Unternehmerin, gibt es so von deinen Erfahrungen einen Tipp, den du mitgeben könntest? Was hättest du denn vorher gewusst vielleicht?
[Josianne] Hm. Mit welchen Menschen, dass ich austauschen kann, um diesen Marketingmuskel wieder ein bisschen mehr zu trainieren.
Also das war für mich echt so eine, auch ein bisschen eine mühsame Suche, sage ich jetzt mal. Also auch eine spannende Suche, aber so, was mache ich denn jetzt? Ich fühlte mich so ein bisschen verloren von, oh, jetzt fällt Social Media weg, jetzt werde ich vergessen.
Und da hätte ich mir gewünscht, wirklich ein bisschen mehr Futter zu haben, auch für meine Selbstständigkeit, wo ich so wie Referenz gehen kann oder nachlesen kann, jetzt in deinem Buch, wenn das schon zwei, drei Jahre vorher erschienen wäre, wäre es eine Bibel gewesen für, okay, was mache ich denn jetzt? Was mache ich denn jetzt? Genau. Also von dem her, wenn jemand so einen Ausstieg andenkt, ja, vielleicht wirklich diese Erfahrung, vielleicht ist es kein Tipp, vielleicht ist es einfach diese Erfahrung von, selbstverständlich kann Business gut weitergeführt werden ohne Social Media.
Und man darf oder soll sich den Austausch suchen, sich informieren, alles drüber lesen und dann seine ganz eigene Form auch finden von Marketing, die auch Freude macht. Wenn es Freude macht, ist es auch nachhaltiger.
[Alex] Ja. Ja, das sind auch schöne Abschlussworte. Josianne, ich danke dir herzlich, dass du heute hier warst und deine Geschichte erzählt hast. Ich fand es total spannend. Und übrigens, die Blogartikel, die ich erwähnt habe, die sind ganz, ganz witzig zu lesen teilweise. Also großer Lesetipp von mir.
Die verlinke ich dann natürlich in den Shownotes. Und ja, ich sage vielen, vielen Dank und freue mich. Vielleicht in zwei, drei Jahren kannst du ja mal wieder erzählen, wie es bei dir in der Zwischenzeit so gelaufen ist. Ich würde mich freuen.
[Josianne] Das würde ich sehr gerne machen. Ich danke dir, Alex.
Shownotes
Schnipsel und Pommes im Kopf – deshalb verlasse ich Facebook und Instagram
How to pinkeln ohne Instagram: Mein Fazit aus 6 Monaten ohne Instagram
Blog ohne Kommentarfunktion? Ja, bitte!
In dieser Podcastfolge möchte ich darüber sprechen, warum ich auf meinem Blog die Möglichkeit, meine Blogartikel zu kommentieren, vollständig deaktiviert habe. Ja, ich weiß, das ist ein super nerdiges, nischiges Thema. Aber ich werde tatsächlich hin und wieder nach den Gründen gefragt. Und falls du auch schon mal überlegt hast, wie sinnvoll Kommentare auf dem Blog eigentlich für dich sind, ist diese Folge für dich.
In dieser Podcastfolge möchte ich darüber sprechen, warum ich auf meinem Blog die Möglichkeit, meine Blogartikel zu kommentieren, vollständig deaktiviert habe.
Ja, ich weiß, das ist ein super nerdiges, nischiges Thema. Aber ich werde tatsächlich hin und wieder nach den Gründen gefragt.
Und falls du auch schon mal überlegt hast, wie sinnvoll Kommentare auf deinem Blog eigentlich für dich sind, ist diese Folge für dich.
Folge anhören
Transkript lesen
Ja, du hörst es vielleicht, ich bin heute ein bisschen nasal unterwegs, ein bisschen erkältet. Aber ja, mir geht’s ansonsten gut und deshalb kommt die Folge heute dennoch pünktlich, nur eben leicht verschnupft.
Ich hoffe, du kannst mich trotzdem gut genug verstehen.
Ja, warum kann es eine gute Idee sein, Kommentare auf seinem Blog zu deaktivieren?
Erst einmal: Falls du selbst Kommentare auf deinem Blog aktiviert hast und es liebst und regelmäßig nette Rückmeldungen unter deinen Blogartikeln bekommst oder nette Gespräche führst, ist es natürlich absolut super so.
Ich möchte dich auch überhaupt nicht umstimmen oder so. Mir geht es eher darum, dass wir uns mal über die Kommentarfunktion an sich ein paar Gedanken machen und dass da jede und jeder eine individuelle Entscheidung treffen kann.
Grund #1: Ich finde die Kommentar-Kultur problematisch
Und der erste Grund, warum ich persönlich mich gegen Kommentare auf meinem Blog entschieden habe, ist, dass ich diese ganze Kommentar-Kultur, nenne ich sie mal, sehr kritisch sehe.
Es ist natürlich auf der einen Seite toll, dass wir das Internet haben und Menschen dort ihre Themen und Botschaften teilen können. Und dass es keine klassischen Gatekeeper mehr gibt, die darüber entscheiden, was überhaupt veröffentlicht werden darf und was nicht.
Ich glaube, dass Aktivismus zum Beispiel extrem davon profitiert hat und Themen wie Klimaschutz, Feminismus, Antirassismus und so weiter, erst dadurch auch überhaupt massentauglicher wurden.
Gleichzeitig hat diese Entwicklung vor allem auf Social Media auch für eine ja sehr merkwürdige Veränderung im Menschen gesorgt. Und zwar denkt der Mensch jetzt, er muss zu absolut allem seine Meinung kundtun und einfach alles kommentieren.
Und das sind aber auch meist nicht nur nette Sachen und Komplimente, sondern auch Kritik und immer öfter auch Beleidigungen, Beschimpfungen, Desinformation und vieles, vieles mehr.
Für mich nimmt es vor allem im Bereich der Nachrichten absurde Züge an, muss ich sagen. Also wenn es zum Beispiel eine neue Nachricht zu einem x-beliebigen Thema gibt oder bestimmte Wissenschaflter*innen sich zu bestimmten Themen äußern und dann Günter, der da überhaupt keine Expertise in diesem Bereich hat, diese Nachricht dann kommentiert und sich tierisch über irgendetwas aufregt.
Und ich denke mir dann immer: Wem soll das dann weiterhelfen, dass die Günters dieser Welt Fakten oder Forschung bewerten?
Das sorgt eher dafür, dass Menschen Fakten anzweifeln, wütend oder nicht wertschätzend miteinander umgehen, das verhärtet eher die Fronten, als dass es wirklich dabei hilft, dass Menschen Verbindung eingehen.
Und natürlich ist ein Blog jetzt nicht so wichtig wie eine Nachrichtenwebsite, das ist völlig klar, aber auch hier können wir uns da eigentlich dieselbe Frage im Kleinen stellen:
Muss alles, was ich schreibe, überhaupt kommentiert werden?
Will ich überhaupt zu allem, worüber ich schreibe, verschiedene Meinungen hören?
Brauche ich diese Meinungen?
Hilft mir das in irgendeiner Weise?
Profitiert irgendjemand davon?
Oder habe ich einfach nur Kommentare, weil es technisch eben möglich ist und es gerade alle so machen?
Es ist letzten Endes also die Frage nach dem Zweck des Blogs, also: Warum hast du überhaupt einen Blog? Welche Rolle spielt er in deinem Marketing oder soll er in deinem Marketing spielen? Welche Rolle spielt er in der Customer Journey? Wobei soll er dir genau helfen?
Und bei mir ist es jetzt so:
Mein Blog hilft mir dank Suchmaschinenoptimierung dabei, online gefunden zu werden.
Menschen können in meinen Blogartikeln mehr über mein Thema erfahren und manchmal auch mehr über mich.
Ein Blogartikel kann der Anlass sein, dass Menschen Kontakt mit mir aufnehmen oder einen Onlinekurs kaufen.
Ich kann mit meinen Blogartikeln informieren, inspirieren, unterhalten, aber … Communityaufbau oder einen Raum für Diskussionenen, das will ich gar nicht bzw. das muss mein Blog gar nicht leisten.
Und deshalb bringt es mir persönlich jetzt nicht so viel, wenn ich meine Blogartikel zum Kommentieren freigebe. Das bringt mir nichts persönlich, nichts fürs Marketing und deshalb lasse ich es eben sein.
Grund #2: Ich möchte richtige Unterhaltungen führen
Der zweite Grund, die Kommentare auf meinem Blog zu deaktivieren, hängt mit dem ersten Grund zusammen, nämlich: Ich möchte richtige Unterhaltungen führen.
Was meine ich damit?
Heutzutage ist es einfach nicht mehr so, dass in den Kommentarspalten auf dem Blog oder auch auf Social Media ehrlich gesagt jetzt für meine Begriffe wirklich gute Gespräche geführt werden.
Das mag in Einzelfällen funktionieren – ich hab ja nicht den Überblick über alle Kommentarspalten dieser Welt. Und ich kenne ein paar Foodblogs, in denen es zumindest von außen so scheint, als würde so eine Kommentarspalte da weiterhelfen.
Aber für die meisten Selbstständigen wird es so sein, dass Kommentare eben nicht dazu führen, dass man jetzt qualitativ hochwertige Gespräche mit potenziellen Kund*innen führt.
Ja, manche Menschen haben eine Frage zum Blogartikel, stellen sie dann im Kommentar, das mag sein. Aber meist kommen sie dann eben auch nicht wieder zurück und antworten nicht drauf, wenn man eben auf den Kommentar antwortet.
Andere schreiben so typische „Wow, super Artikel, vielen Dank“-Kommentare. Und das ist auch ganz nett, das sind eben auch keine richtigen Gespräche.
Und dann gibt es natürlich auch immer wieder mal Spam-Kommentare.
Das heißt: Ich hab seit 2016 schon einen Blog und auch damals nur in den seltensten Fällen wirklich echte Gespräche mit Menschen in den Kommentarspalten geführt.
Natürlich kann es sein und ist es regelmäßig auch so, dass jemand einen Blogartikel von mir liest und eine gute Frage hat oder auch einen validen Kritikpunkt hat oder mir einfach etwas mitteilen will. Und darüber – also über echte Themen, echte Gespräche und echte Anlässe – freue ich mich natürlich immer.
Und ich habe einfach gemerkt, dass die Kommunikation sich dann auf die E-Mail verlagert. Also wenn jemand einen Blogartikel von mir liest und mir etwas zu sagen hat, schreibt diese Person mir dann einfach meistens eine E-Mail. Und dann können wir uns via E-Mail austauschen.
Es kann natürlich sein, dass mir Menschen dann nicht schreiben. Das weiß ich jetzt natürlich nicht, wie viele Menschen die fehlende Kommentarfunktion davon abgehalten hat, mit mir in Kontakt zu treten. Aber grundsätzlich ist es so:
Für mich persönlich sind das schönere Gespräche als in den Kommentarspalten und ich hab den Eindruck, dass ich dadurch eben auch viel wertschätzendere Nachrichten erhalte. Es ist eben viel bequemer, mal schnell einen Kommentar unter einem Blogartikel dazulassen und dann mach ich das dann vielleicht auch mal, ohne so viel darüber nachzudenken, ob das jetzt so gehaltvoll war, wertschätzend oder zumindest freundlich.
Eine E-Mail schreibe ich vermutlich, wenn es mir ein bisschen ernster ist. Und wenn ich ein bisschen mehr darüber nachgedacht habe, was ich da eigentlich tue.
Und apropos E-Mail: Es gibt ja auch Fälle, da brauche ich die Schwarmintelligenz. Da will ich vielleicht viele Meinungen hören. Oder will wissen, wer hier wen kennt. Das mag alles sein, und das hatte ich in der Vergangenheit auch immer wieder mal. Und dafür nutze ich dann einfach den Newsletter.
Und auch das ist für mich persönlich die bessere Lösung. Wenn ich tatsächlich eine Frage habe, wenn ich tatsächlich Meinungen hören will, schreibe ich einen Newsletter, stelle diese Frage und Menschen antworten dann auf diesen Newsletter. Und Kommentarspalten sind dann eben auch gar nicht nötig.
Grund #3: Mir ist es die Zeit nicht wert
Und Grund Nummer drei, warum ich keine Kommentare mehr auf dem Blog habe, ist die Zeit.
Denn Blogkommentare müssen moderiert und beantwortet werden. Es gibt, wie gesagt, Spam-Kommentare. Und da die Hürde, seine Meinung dazulassen, eben so niedrig ist, immer wieder auch nicht so nette Kommentare. Und infolgedessen kann es zu Stress, Druck, Frust, Selbstzweifeln und vielen anderen Gefühlen kommen.
Das heißt, es kann unter Umständen sein, dass wir einfach nur durch die Kommentarfunktion auf unserem Blog vermehrt Emotionsarbeit leisten müssen.
Und wie schon bei Social Media auch habe ich mich bei den Kommentaren auf dem Blog gefragt: Ist das überhaupt gut investierte Zeit?
Meine Antwort war: nein. Blogkommentare waren für mich persönlich und aus einer Marketingsicht eher unnötig bis aufwändig und anstrengend. Und ja, auch wenn ich jetzt nicht unbedingt Stunden für die Blogkommentare gebraucht habe, war mir dann tatsächlich irgendwie jede Minute zu schade.
Und die Frage kannst du dir natürlich auch stellen:
Wie viel Zeit brauchst du für die Moderation und für die Beantwortung der Blogkommentare?
Entsteht durch das Thema ein gewisser Mental Load bei dir oder zusätzliche Emotionsarbeit? Habe ich zusätzliche Gefühle, die ich regulieren muss?
Und drittens: Ist dir diese Zeit und Energie, die du da investierst, es wert oder nicht? Darauf geht es letzten Endes zurück.
Fazit
So, das waren meine drei Gründe gegen Kommentare auf meinem Blog:
Grund 1: Ich finde grundsätzlich nicht, dass alles immer kommentiert werden muss. Meine Texte sollen einfach informieren und inspirieren und da sein. Punkt.
Grund 2: Wenn jemand ein wichtiges Anliegen hat, schreibt er mir eine E-Mail. Ich führe bessere Gespräche via E-Mail als in den Kommentarspalten und deshalb ist das auch für mich die bessere Lösung.
Und Grund 3: Ich spare mir Zeit. Und auch wenn wir hier nicht von vielen Stunden sprechen, bin ich für jede Minute, die ich mit sinnvollen Aufgaben verbringen kann, dankbar.
Shownotes
Unternehmerischer Erfolg ohne Social Media? Interview mit Sascha Boampong
In dieser Folge habe ich Sascha Boampong zu Gast. Sascha hat mehrere Unternehmen gegründet und sich vor einiger Zeit aus Social Media verabschiedet. Warum soziale Medien keine große Rolle an seinem unternehmerischen Erfolg spielten und spielen, wird er uns im Interview verraten.
In dieser Folge habe ich Sascha Boampong zu Gast. Sascha hat mehrere Unternehmen gegründet und sich vor einiger Zeit aus Social Media verabschiedet. Warum soziale Medien keine große Rolle an seinem unternehmerischen Erfolg spielten und spielen, wird er uns im Interview verraten.
Folge anhören
Transkript lesen
Wie kam es dazu, dass du an so vielen Unternehmen beteiligt bist?
[Alex] Ja, hallo Sascha, ich freue mich sehr, dass du da bist. Du hast unfassbar viele Unternehmen – wahrscheinlich hörst du das oft, wenn du irgendwo interviewt wirst – entweder selbst gegründet oder du bist Teilhaber, wenn ich das richtig interpretiere.
Und ich habe mal auf deiner Website geguckt, das ist ja wirklich bunt gemischt von SEO-Agentur bis zu bindungsorientierter Umgang mit Kindern. Wie kommt es dazu, dass du bei so vielen Unternehmen einsteigst oder da einfach mitmischst? Wie kommt es dazu?
[Sascha] Ja, also erstmal danke für die Einladung, Alex. Und tatsächlich kriege ich die Frage relativ häufig gestellt und es war auch nicht so geplant.
Also ich bin jetzt nicht auf die Welt gekommen und habe gesagt, ich möchte gerne viele Unternehmen gründen. Das ist tatsächlich eher durch Zufall passiert, weil ich ja durch meine Vergangenheit so ein bisschen als derjenige, der das digitale Nomadentum in Deutschland vorangebracht hat, also das ortsunabhängige Arbeiten, gemeinsam mit meinem Kumpel und Geschäftspartner Timo, irgendwann an einem Punkt war, wo wir anderen Selbstständigen geholfen haben oder Leute, die in die Selbstständigkeit starten wollten.
Und dann hatten wir irgendwann so viele Kunden und haben dann gemerkt, oh wow, da sind wirklich tolle Menschen dabei, mit denen man irgendwie weitermachen möchte.
Und wir haben so ein Mentoring-Programm gehabt, dann haben wir überlegt, wie kann man weitermachen und dann war irgendwann der Gedanke, lass uns doch mal mit denjenigen, wo wir das Gefühl haben, das passt ganz gut und die haben das Potenzial, irgendwie Deals machen, dass wir vielleicht einfach eine längerfristige Kooperation machen und dann gründen wir gemeinsam einfach Unternehmen.
Und so habe ich dann irgendwie, ja völlig zufällig, so Minderheitsanteile an Unternehmen bekommen, dadurch, dafür, dass wir weiterhin dann die Beratung machen. Also anstatt Honorarberatung einfach zu sagen, wir machen Beratung gegen Anteile.
Und dann ist innerhalb von wenigen Jahren, ja sind da, ich glaube jetzt inzwischen, also diejenigen, die du gesehen hast, das sind noch nicht mal alle, insgesamt sind es glaube ich neun Beteiligungen.
Entweder tatsächlich echte Firmenbeteiligung, so wirklich als Gesellschafter, oder tatsächlich Umsatzbeteiligung, wenn wir jetzt nicht gemeinsam mit den Geschäftspartner*innen gegründet haben.
[Alex] Und bist du dann auch so richtig drin in den Themen? Also SEO, Erziehung, sind das alles so Dinge, die dich interessieren oder wie kommt es dann immer dazu?
[Sascha] Also thematisch bin ich natürlich nicht überall drin, das funktioniert auch nicht.
Ich sehe mich tatsächlich auch eher in der Funktion, dass ich die unternehmerischen Themen, in den unternehmerischen Themen berate, weil wir haben es halt selber geschafft, ich sag mal mit 200 Euro Startkapital ein recht profitables Unternehmen zu gründen und dann ja auch mehrere große Projekte.
Das heißt, ich betrachte so ein bisschen das unternehmerische Design, Marketing, Vertrieb, das Produkt und Teamaufbau. Und da kann ich, glaube ich, sehr gut unterstützen. Die Menschen, mit denen wir gegründet haben, die sind natürlich weiterhin Profis auf ihrem Gebiet. Und da kann und will ich dir nicht reinreden.
Aber es sind natürlich Dinge, die ich unterstütze, wo ich sage, okay, SEO ist was. Das ist natürlich ein Thema, das ist sowieso irgendwie immer präsent.
Das Thema Erziehung, bindungsorientierte Erziehung, das ist natürlich auch was, das jetzt gerade, vor allem seitdem ich Vater bin, habe ich noch mehr Verständnis dafür. Das heißt, da denke ich, okay, das sind Projekte, die ich halt auch einfach gerne unterstütze, aber halt nicht inhaltlich, was so die Fachexpertise angeht, sondern eher, was das Unternehmerische angeht.
Welche Rolle spielen soziale Medien im Unternehmertum?
[Alex] Was ich ja total spannend finde, und da habe ich dich ja auch schon im Buch interviewt, dass du sagst, dass soziale Medien eigentlich gar keinen so großen Anteil an deinem unternehmerischen Werdegang und Erfolg hatten. Und das würde ich jetzt nochmal genauer gerne hören. Warum ist das so?
[Sascha] Ja, warum ist das so? Also wir haben gestartet oder sind gestartet 2016 mit dem „Digitale Nomaden“-Podcast. Da hatten wir keine Reichweite, uns kannte niemand und da haben wir natürlich überlegt, was können wir machen.
Und wir haben selber gerne Podcast konsumiert und deswegen war das auch unsere Strategie, einen Podcast zu starten. So, jetzt bringt es aber ja nichts, einfach einen Podcast zu starten, den hört ja keiner.
Also was haben wir gemacht? Wir haben dieses Interviewformat gewählt, was heute gang und gäbe ist, aber damals noch sehr besonders war.
Das heißt, wir haben uns die Menschen eingeladen, die selber schon oft Podcaster waren oder auf irgendeine andere Art und Weise eine Reichweite hatten. Du nennst es ja Other People's Audiences, glaube ich. Die OPA-Strategie.
Und genau das haben wir gemacht. Wir haben uns also primär die Reichweite von anderen geborgt, haben die auf eine Bühne gehoben und als Dankeschön haben die das dann geteilt in ihrem Netzwerk.
Und das heißt, dafür war Social Media gar nicht notwendig. Wir haben das dann nebenbei gemacht, irgendwie Facebook und Instagram. Ja, so halbherzig, so richtig gefallen hat es mir eigentlich nie. Und es war auch nicht wirklich elementar für den Aufbau der Reichweite, weil dafür waren wir dann doch primär einfach auf den Podcast fokussiert und das hat sehr, sehr gut funktioniert und funktioniert, glaube ich, heute auch immer noch genauso gut.
[Alex] Das heißt, wie habt ihr das dann gemacht? Ihr habt die Menschen interviewt und habt ihr sie dann gebeten, die Folge zu teilen oder habt ihr das von selbst quasi freiwillig gemacht?
[Sascha] Ja, das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass wir beides gemacht haben.
Das heißt, ich habe zum Beispiel, wenn ich jetzt gefragt hätte, hey Alex, ich lade dich jetzt ein in meinen Podcast, hast du Lust?
Wenn dir die Folge gefallen hat, das Interview, würdest du es denn teilen? Und wenn ja, kannst du mir ja sagen, wo? Also irgendwie keine Verpflichtung musst du nicht tun. Ich sage jetzt nicht, das musst du aber teilen, nur dafür darfst du jetzt hier ins Interview.
Aber was wir halt früh gemerkt haben, ist, dass wir da recht intentionslos rangegangen sind. Also wir hatten niemals die Intention, ah ja, jetzt schnappe ich mir die Reichweite von der Alex und dann teilt sie das bestimmt. Und ich glaube, das spürt das Gegenüber.
Und deswegen haben die Leute das gerne geteilt, weil wir halt einfach gesagt haben, hey, wir laden dich gerne ein, du kannst über deine Themen reden. Und dann haben 90 Prozent das einfach gerne geteilt, weil wir, ich glaube, einfach den Menschen gesehen haben und nicht nur seine Reichweite.
Und das ist, glaube ich, auch heute noch wichtig, da nicht zu taktisch zu denken. Natürlich ist es nett und es freut uns, wenn es geteilt wird, aber ich erwarte das nicht, sondern ich habe die Menschen eingeladen, die ich eh interessant finde oder fand und dachte, die bräuchten auch eine Bühne und die haben das dann sehr, sehr gerne geteilt, einfach vielleicht auch, weil es nicht so pushy war, bitte teil das danach und sag mir Bescheid, wo du es teilst. Das haben wir nicht gemacht.
[Alex] Das finde ich auch schön, dass man auch so locker und entspannt rangehen kann und sich das auch irgendwie natürlich entwickeln darf und man da auch gar nicht so pushen muss, wie du sagst.
Du hast gerade gesagt, du hast oder ihr habt Social Media so halbherzig genutzt. Was meinst du damit? Wart ihr dort, weil ihr dachtet, ihr müsst da jetzt sein?
[Sascha] Ja, genau so. Also wir dachten, man muss da sein. Das war ja so dann die Zeit, wo, keine Ahnung, kamen auch so die ersten Funktionen mit Live und Storys und was weiß ich nicht was.
Und ich habe das dann auch mitgemacht, aber ich habe immer gespürt, das fühlt sich irgendwie nicht richtig an für mich.
Also ich weiß nicht, ich kann nicht mal sagen, warum. Aber es ist ja auch eine künstliche Situation, sich vor dem Mikrofon alleine zu setzen. Also im Gespräch, jetzt im Dialog geht das, finde ich. Aber alleine finde ich es auch immer noch, es ist immer noch eine Herausforderung.
Aber mit einer Kamera im Gesicht alleine, das fand ich noch weirder. Und vor allem in Situationen, wo es gar nicht um das Thema ging, sondern viel auch im Alltag.
Und ich wollte meinen Alltag eigentlich gar nicht begleiten, denn ich habe es nicht verstanden. Warum soll ich denn jetzt zeigen, was ich gerade esse, wo ich gerade bin, wie ich mit meinem Hund spazieren gehe. Das waren für mich so auch intime Momente und private Momente. Da habe ich mich immer gefragt, möchte ich das wirklich? Und es hat sich selten richtig angefühlt. Und deswegen war das halbherzig.
Ich habe gedacht, ja, okay, ich mache es mal, weil die anderen machen das auch. Aber es hat mir nie richtig Freude bereitet und macht es heute auch nicht wirklich.
Und gerade bei diesen Shortform-Formaten, die ja auch so kurzlebig sind, hatte ich das Gefühl, okay, du musst relativ viel machen, weil das ist ja auch nach 24 Stunden wieder verschwunden maximal.
Das heißt, du musst von der Frequenz immer viel geben, weil ansonsten verlierst du da so ein bisschen die Sichtbarkeit und das hat mich dann so gestresst. Ja, und ich habe es aber nie richtig gemacht und es war aber auch nicht wichtig, spannenderweise, weil andere Kanäle viel, viel wichtiger waren, wie zum Beispiel E-Mail.
Die Rolle der Tochter und Social Media
[Alex] Ja, darüber können wir gleich auch nochmal reden. Du wurdest vor einiger Zeit auch Vater, hast du, glaube ich, auch gerade nochmal erwähnt. Hat deine Tochter auch irgendwas an deiner Haltung zu Social Media geändert?
[Sascha] Hat meine Tochter was an der Haltung geändert? Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe aber natürlich überlegt, okay, in was für eine Welt soll sie eigentlich hineingeboren werden? Und ich habe gesehen, wie Social Media nicht nur social ist, sondern die Welt auch spaltet. Durch Algorithmen, durch große Konzerne, die natürlich andere Interessen vertreten, die Algorithmen, die dafür sorgen, dass wir uns in Mikrobubbles befinden und ja, irgendwie gar nicht mehr gemeinsam einen Diskurs anfangen, sondern maximal noch auf die anderen mit Steinen werfen und das war's.
Da habe ich gesagt, okay, da möchte ich kein Teil von sein. Ob meine Tochter jetzt einen großen Anteil daran hat, weiß ich nicht, aber ich weiß auf jeden Fall, dass ich mir gedacht habe, ich hoffe, dass wenn sie größer ist und Zugang zu diesen Medien haben darf, dass sie dann nicht mehr Social Media so erleben muss, wie wir es jetzt erlebt haben in der letzten Zeit.
Weil ich glaube einfach, dass es eine bessere Form gibt, Social Media wirklich zu nutzen. So wie es vielleicht am Anfang auch mal gedacht war und so wie es am Anfang vielleicht auch war.
So die ersten Jahre, ich weiß nicht, wie es dir da ging, Alex, aber ich fand es, da war es noch so, okay, ich folge meinen Freunden, ich schaue, was die machen und das war es so. Viel mehr ist da nicht passiert. Das war wirklich social, weil dadurch war ich in Kontakt zu Menschen, die ich sonst lange nicht gesehen habe. Es war eigentlich eine tolle Zeit, aber davon ist nicht mehr viel übrig geblieben.
[Alex] Also für mich war der Cut so 2018, als da diese große Facebook-Änderung kam und als emotionalisierende Inhalte dann auf einmal am meisten ausgespielt werden mussten und es dann darum ging, diese emotionalisierenden Inhalte zu erstellen, das war für mich so der Cut, wo sich vieles verändert hat und wie diese sozialen Medien, die wir jetzt so kennen, quasi entstanden sind für mich.
[Sascha] Ja, ja.
Ethische Überlegungen zu Social Media
[Alex] Höre ich das denn richtig raus, dass für dich dann auch ethische Überlegungen bei der Frage Social Media ja, nein spielen? Wenn du sagst, in welcher Welt will ich leben oder will, dass meine Tochter lebt?
[Sascha] Ja, absolut. Also ich würde sogar sagen, dass das der Hauptgrund ist. Also das eine ist ja, dass ich es nicht genieße, eine Kamera an mein Gesicht zu halten und den ganzen Tag Storys zu machen. Das ist mein eigenes Ding.
Aber wenn ich sehe, was gesellschaftlich passiert ist, eigentlich müssten wir ja jetzt viel näher beieinander sein, weil wir die Möglichkeit haben, komplett global vernetzt zu sein. Aber das Gegenteil ist passiert. Wir sind gespalten.
[Sascha] Und das ist für mich tatsächlich eine ethische Frage. Und wenn man überlegt, wir haben da eigentlich einen großen Konzern aktuell oder vielleicht sind es jetzt auch zwei mit TikTok, ich weiß gar nicht, wer dahinter steckt, irgendein chinesischer Konzern, die halt eine Macht haben, die sich viele Staaten wahrscheinlich wünschen und die einfach die Möglichkeit haben, die Gesellschaft zu beeinflussen.
Und das meiner Meinung nach natürlich nicht nur für positive Zwecke nutzen, sondern primär zur Profitgenerierung. Und da sind dann ja alle Mittel recht. Da weiß ich nicht, ob es so gedacht ist, dass wir diesen... Konzernen unsere Daten zur Verfügung stellen und die wissen ja tatsächlich mehr als wir selber oder als unsere Liebsten nachher über uns, wenn man so viele Datenpunkte sammelt, daraus Profile erstellt und dann Algorithmen so programmiert, dass sie uns genau das ausstrahlen, worauf wir reagieren, dann ist das schon, finde ich, eine gefährliche Geschichte.
Und ich wünsche mir eigentlich, dass man mehr darüber spricht. Und das passiert mir eigentlich noch zu wenig. Ich glaube, immer mehr. Und du klärst da ja auch sehr viel auf jetzt. Aber ich habe das Gefühl, dass der Normale, in Anführungszeichen, der sich jetzt nicht auch beruflich mit sozialen Medien beschäftigt, sondern das hauptsächlich privat nutzt, oft gar nicht spürt, dass er oder sie eigentlich das Produkt ist.
[Alex] Ich finde das immer so überraschend, wenn ich mit Menschen spreche, die gar nicht selbstständig sind und die noch nie den Facebook-Manager zum Beispiel kennen und genutzt haben.
Wenn ich denen erstmal erkläre, so die ganzen Targeting-Möglichkeiten, die meisten haben überhaupt keine Vorstellung davon, wie mächtig das eigentlich ist und wie eigentlich alles, was sie ausmacht, getargetet werden kann.
Ich glaube, ganz vielen Menschen fehlt da einfach das Verständnis. Ist schon so, würde ich auch so sehen.
[Sascha] Ja, ich glaube, Meta möchte jetzt auch nicht unbedingt, dass jeder erfährt, was da möglich ist.
Ich meine, das Targeting hat sich natürlich auch ein bisschen verändert. Also ich kenne wirklich auch noch die Zeiten teilweise, wo du nach Haushaltseinkommen und so weiter targeten konntest. Das war ja richtig extrem.
Es hat sich ein bisschen verändert. Glücklicherweise auch dadurch, dass bestimmte Firmen, auch wie Apple zum Beispiel, mit ihren Datenschutzbestimmungen dafür gesorgt haben, dass eben nicht mehr so viele Daten geteilt werden mit diesen Unternehmen.
Das finde ich auch sehr, sehr gut, aber trotzdem ist es immer noch krass, was man da einstellen kann. Und wenn die meisten das wüssten, weiß ich nicht, ob sie noch so sorglos mit solchen Diensten umgehen würden. Also ich glaube eher nicht.
Wie kam es zum Social-Media-Ausstieg?
[Alex] Ja, ich habe es ja schon im Intro gesagt, du hast es ein bisschen angedeutet. Dann bist du mehr oder weniger aus sozialen Medien raus vor einiger Zeit. Wie kam es genau dazu? Gab es einen konkreten Anlass? Hat sich das entwickelt? War das ein Prozess? Nimm uns mal mit.
[Sascha] Gute Frage. Ich glaube, es war tatsächlich ein Prozess. Also ich habe schon länger gespürt, da ist irgendwas. Ich konnte es aber nicht so ganz beschreiben. Das war so ein diffuses Unwohlsein bei der Nutzung von sozialen Medien.
Und obwohl ich mir dessen allen bewusst war, was da so passiert und dass da Algorithmen sind und dass Menschen sich auch teilweise natürlich inszenieren, weil es funktioniert halt einfach nicht, dass du zu 100% authentisch bist, sondern gerade bei Selbstständigen und Unternehmer*innen ist es natürlich auch so, dass sie das als Plattform nutzen und am Ende haben sie irgendeinen Zweck, irgendein Ziel.
Das heißt, sie zeigen auf dieser Vorderbühne natürlich nur eine bestimmte Seite von sich und trotzdem hat das was in mir getriggert. Also ich habe gemerkt zum Beispiel, in Momenten, wo es mir nicht so gut ging und wenn ich dann Social Media genutzt habe und andere erzählen mir, wie wunderbar ihr Leben gerade ist und wie toll und so weiter, dass ich mich nicht besser gefühlt habe.
Und es wurde mir dann immer, es wurde mir irgendwann einfach zu viel und auch zu extrem, weil es wurde auch immer lauter, immer extremer und ich hatte das Gefühl, der Algorithmus hat natürlich dann auch verstanden, worauf ich emotional reagiere und das nicht nur positiv und hat mir dann immer mehr davon ausgespielt und dann fühlte ich mich eigentlich, je mehr ich konsumiert habe, immer schlechter und dann habe ich irgendwann gesagt, das macht für mich keinen Sinn mehr. Und ich will auch nicht Teil dieses Spiels sein, dieser Inszenierung, weil ich kenne sehr, sehr viele Menschen in dieser Online-Bubble und was ich gesehen habe bei Social Media, entsprach einfach nicht dem, was ich wusste, wenn ich mich mit den Menschen persönlich ausgetauscht habe.
Das heißt, da wird gelogen, da wird inszeniert. Und das einfach nur, um am Ende dafür zu sorgen, mehr Sales zu machen, mehr Verkäufe.
Und allgemein hatte ich das Gefühl, dass es nicht mehr darum ging, ehrlich den Menschen verschiedene Seiten von sich zu zeigen, sondern das ist wirklich ein reines Marketing- und Verkaufsinstrument geworden. Und zwar auf eine sehr manipulative Art und Weise, wie ich finde. Und da habe ich dann irgendwann gespürt, das passt für mich nicht mehr. Ich kann nicht mehr Teil des Ganzen sein. Weder als Produzent und noch weniger eigentlich auch als Konsument, weil das mir nicht gut tut.
Also eigentlich tun mir beide Seiten nicht gut. Die Produzenten- und die Konsumenten-Seite haben mir nichts Gutes, nicht mehr gut getan. Da habe ich gesagt, okay, ich muss einen Cut machen.
[Alex] Und wie sah der Cut genau aus? Wie bist du da vorgegangen?
[Sascha] Ich bin sehr radikal, ehrlich gesagt. Das entspricht so ein bisschen meinem Persönlichkeitstyp. Ich kann einfach von einem Tag auf den anderen damit aufhören und so habe ich es dann auch gemacht.
Also ich habe wirklich alle Social-Media-Profile gelöscht. LinkedIn, Facebook, Instagram, obwohl ich gute Reichweiten und so weiter auch teilweise hatte, weil ich ja auch mit der Zeit einfach in dieser kleinen Mikronische des ortsunabhängigen Arbeitens und so recht bekannt war.
Aber ich habe halt einfach gesagt, okay, ich gehe jetzt und tschüss, das war's. Es gab vorher noch eine dreistündige Podcast-Folge, die ich dazu aufgenommen habe. Ich weiß nicht, vielleicht hast du die sogar gehört, mit meinem guten Freund Robin Stolberg.
Da haben wir auch gesprochen über das Ende der Manipulation, so haben wir es, glaube ich, sogar genannt. Und da habe ich schon meine Gedanken geteilt.
Das war kurz bevor ich alle Social-Media-Kanäle gelöscht habe, weil ich da auch das erste Mal so auf deine Inhalte gestoßen bin und auch auf die Inhalte von vielen anderen Content-Creators, die sich so ein bisschen mit dem Thema Marketing kritischer auseinandergesetzt haben.
Und ich gehörte eigentlich auch immer zu denen, die so dieses amerikanische Marketing ganz toll fanden und gedacht haben, ach Mensch, ich kannte ja vorher nichts vom Marketing und habe dann gelernt von denen und war überrascht, wie gut das funktioniert.
Bin aber selten an den Punkt gekommen, mal zu hinterfragen, was macht das mit mir und was macht das auch mit anderen Menschen und was für psychologische Techniken bediene ich mich da eigentlich?
Und da habe ich für mich gesagt, okay, jetzt muss ich aufhören, sowohl mit dem dunklen Marketing als auch mit dem ganzen Social-Media-Kram, weil es gehörte für mich irgendwie dann zusammen und dann habe ich radikal einfach alles gelöscht und habe gesagt, so, es reicht, ich brauche das sowieso nicht mehr.
Ich war da schon aus allen operativen Angelegenheiten aus den Unternehmungen raus und habe es bis heute nicht bereut. Es ist noch nicht ewig lang her, ich weiß nicht genau, ich habe jetzt nicht mal ein Datum oder so im Kopf. Ich gucke gerade hier oben auf das aktuelle Datum, lass es vielleicht jetzt irgendwie neun Monate her sein. Es ist also noch nicht so lang her.
FOMO vs. JOMO
[Alex] Ich habe viele Fragen. Die erste Frage, hast du nie FOMO gehabt?
Ich habe jetzt auch vor kurzem wieder so eine Umfrage gemacht in meinem Newsletter „Was ist so die größte Herausforderung?“ und ganz, ganz viele Menschen schreiben, sie haben so Angst, irgendwas zu verpassen, Möglichkeiten zu verpassen, Kunden zu verpassen, Aufträge zu verpassen, Trends zu verpassen. Hattest du das auch?
[Sascha] Nein.
[Alex] Warum nicht?
[Sascha] Das liegt auch so ein bisschen an meinem Lifestyle. Ich bin kein FOMO-Typ, sondern ich bin JOMO-Typ. Das heißt, ich habe wirklich Joy of missing out.
Auch bevor ich dieses Wort überhaupt kannte, war es schon immer so. Ich bin auch derjenige, der nicht zur Party kommt oder bei bestimmten Veranstaltungen einfach, nein, ich höre mir nicht den Vortrag an, nein, ich komme da nicht.
Ich habe schon immer gerne irgendwann für mich entdeckt, Nein zu sagen und Ja zu mir selbst. Und ich habe keine Angst, was zu verpassen, weil im Leben ist es immer so, egal, was ich mache, ich werde immer irgendetwas anderes verpassen. Das heißt, it's part of the game. Es gibt keine Möglichkeit, alles mitzumachen. Ich will das auch gar nicht, sondern das Wichtigste ist, was fühlt sich für mich gerade richtig an.
Und wenn ich das habe und so mit mir verbunden bin, dann habe ich nicht die Angst, oh, woanders könnte es jetzt gerade besser sein, sondern da, wo ich jetzt gerade bin, ist es am besten, weil ich mich dafür entschieden habe.
Das ist eher eine Geisteshaltung für mich und deswegen habe ich das eben nicht, dass ich sage, oh, ich habe dieses FOMO-Ding, weil selbst wenn ich mich gegen Social Media entscheide, dann entscheide ich mich ja dafür, zum Beispiel woanders einfach mehr Zeit investieren zu können.
Und ich habe inzwischen auch viel, viel tiefere Bindungen zu anderen Menschen wieder, weil ich telefoniere mehr, ich treffe mich mehr mit den Menschen, wir haben tiefere Verbindungen und nicht, ah, ich habe das Gefühl, ich weiß, was du gerade machst, weil ich habe deine letzten 200 Storys gesehen, sondern ich habe nichts von dir gesehen, also nehme ich das Telefon in die Hand und rufe dich an und dann sprechen wir mal eine Stunde, anderthalb und ich frage dich einfach mal, wie geht es dir?
Und auf einmal merkt man auch, ich habe nur mit ganz wenigen Menschen Austausch, aber sehr intensiv. Und 90 Prozent der Menschen, mit denen ich so einen Pseudo-Austausch auf Social Media hatte, zu denen hatte ich eh keine echte Verbindung. Das war so eine, okay, wir sind hier connected, weil wir folgen uns irgendwie. Aber in Wirklichkeit, wenn ich Geburtstag habe oder im Krankenhaus liege, dann bist du wahrscheinlich auch nicht die Person, die hier ist. Das sind dann andere Menschen. Und deswegen, ich brauche nicht Verbindungen zu tausend, also tausend oberflächliche Verbindungen zu Menschen, Sondern ich hätte gerne fünf bis zehn echte Verbindungen zu Menschen, die mir wirklich am Herzen liegen und denen ich am Herzen liege.
Und das ist mir viel wichtiger. Und deswegen habe ich kein FOMO, sondern das hat mein Leben eher bereichert. Und ich verpasse gerne viel Oberflächlichkeit dafür, dass ich viel Tiefe in mein Leben holen konnte.
[Alex] Wie können wir diesen inneren Buddha aktivieren? Für diejenigen, der diese Persönlichkeit nicht haben.
[Sascha] Hatte ich auch nicht immer. Das war nicht schon immer so. Es kam auch erst später. Ich habe es halt einfach übertrieben. Also bei mir ist wahrscheinlich das Problem, ich war wieder sehr extrem und war mit allen connected und überall und ha ha ha und auf allen Bühnen und toll und habe dabei so ein bisschen verlernt, auf meinen Körper zu hören und auf meine Intuition.
So, weil ich einfach überall dabei sein wollte und dachte, das muss so. Und ich habe dann mal eine Veranstaltung moderiert vor 1000 Leuten. An der stand ich acht, neun Stunden auf der Bühne. Das war die „Digitale Nomaden“-Konferenz 2017.
Das war so ein großes Ziel von mir, die zu moderieren. Und dann war ich der Moderator, neun Stunden auf der Bühne. Das war super anstrengend. Und dann habe ich gemerkt, eine Woche danach bin ich eigentlich nur mit meinem Fahrrad durch den Wald gefahren und wollte mit niemandem mehr reden.
Ich bin in so ein tiefes Loch gefallen, weil ich halt vorher mir so viel Dopamin und alles geholt habe. Und dann ging es halt komplett in die andere Richtung.
Und da habe ich das erste Mal hinterfragt, okay, ist das jetzt eigentlich nur so ein Ego-Ding und dass du es ganz toll findest, dass du die Person bist, die da auf der Bühne rumhüpft und auf die alle schauen und dann ist mir klar geworden, ich bin gar nicht so extrovertiert, wie ich dachte.
Also ich dachte immer, ich ziehe ganz viel Energie daraus, mich mit Menschen zu umgeben, aber ich habe gemerkt, nein, es gibt mir überhaupt keine Energie, sondern ich bin eigentlich sehr gerne mit mir.
Ich habe eine Seite, die funktioniert ganz gut, ich kann eine Rampensau sein, aber das entspricht gar nicht meinem Naturell im Sinne von, das mache ich am liebsten den ganzen Tag wie manche Menschen, die sich super gerne connecten und super gerne irgendwie auf Bühnen stehen, sondern ich habe das gelernt, aber das ist nicht natürlich.
Und das war für mich dann so diese Erkenntnis, okay, dann muss ich das im Digitalen eigentlich genauso handhaben. Und dadurch bin ich dann irgendwann so ein JOMO-Typ geworden, weil ich gemerkt habe, ich liebe es einfach ein langweiliges, unaufgeregtes Leben zu führen.
Und ich liebe es auch Dinge zu verpassen, weil ich am meisten Freude habe ich in der Stille oder mit meiner Family oder wenn wir einfach spazieren gehen, aber nicht, wenn Halligalli ist. Und Social Media ist mehr als Halligalli.
Wie hat dein Umfeld auf den Social-Media-Ausstieg reagiert?
[Alex] Wie hat denn dein privates oder berufliches Umfeld dann reagiert, als du zum Beispiel diese Folge gemacht hast? Du hast gesagt, drei Stunden hast du erzählt, dass du dich von sozialen Medien verabschieden möchtest oder wie du die empfindest und als du dann weg bist, was für Reaktionen kamen da?
[Sascha] Da gab es unterschiedliche Reaktionen. Also im Privaten war es gar nicht so ein großes Thema, weil die meisten Menschen, mit denen ich da Kontakt hatte, da haben wir über Social Media gar nichts gemacht. Das war einfach … ist bis heute so. Wir sind so eng verbunden, dass Social Media keine Rolle spielte.
Im beruflichen Kontext war es interessanterweise so, dass die meisten gesagt haben, oh wow, das würde ich auch gerne.
Es hat niemand gesagt, wie kannst du nur, verstehe ich nicht, habe ich noch nie gehört, sondern ganz im Gegenteil, die meisten haben gesagt, ich würde das auch so gerne, aber, naja, und dann kommen die x Gründe, warum sie es eben nicht können.
Und das mag für manche tatsächlich auch der Fall sein. Ich will das nicht mit einem absprechen. Ich will nicht sagen, jeder kann jetzt Social Media löschen und das hat keine Auswirkungen auf ihr Business. Ich habe mein Business halt so designt oder mein Unternehmerleben, dass es nicht abhängig davon ist, dass ich den ganzen Tag den Marketingonkel spielen muss, sondern dass ich anders mein Geld verdiene.
Wäre es jetzt noch abhängig von mir als Personal Brand gewesen und ich hätte super viel Kunden über Social Media gewonnen, dann würde es mir wahrscheinlich auch schwerer fallen. Aber das war nicht der Fall.
Aber ich habe gespürt, dass es anderen auch so geht. Und es ist ja auch kein Geheimnis mehr, spätestens seit The Social Dilemma, was viele dann auch auf Netflix gesehen haben, wissen eigentlich auch viele gerade in diesem Online-Business-Space, was Phase ist.
Und ich glaube, eigentlich wissen sie es noch mehr, weil sie es auch von dieser Produzentenseite nutzen und auch eben doch wissen, was man im Werbeanzeigenmanager alles so eingeben kann. Und kaum einer fühlt sich richtig gut.
Also gerade diejenigen, meine Freunde, die wirklich große Reichweiten haben, haben mich eigentlich am meisten beneidet. Weil die sind gefangen in so einem Hamsterrad aus, okay, ich habe mir das jetzt hier aufgebaut. Und dann hat man so dieses Sunk-Cost-Fallacy, wo man denkt, okay, wenn ich das schon alles aufgebaut habe, dann kann ich jetzt nicht mehr aufhören. Ich kann das jetzt nicht zerstören. Es ist zu groß geworden. Ich kann das nicht mehr anhalten.
Und ja, mit denen habe ich mich sehr intensiv ausgetauscht. und dann haben wir eigentlich viel auch darüber gesprochen, okay, wie sieht es denn bei dir aus? Ist Social Media wirklich so wichtig für dein Business?
Und dann sind wir mal tiefer reingegangen und bei den meisten kam raus, nee, eigentlich ist es das auch nicht. Die meisten gewinnen eben kaum Kunden über Social Media. Sie haben zwar große Reichweiten, aber der Prozess, dass die Leute sich wirklich dafür entscheiden, nachher Kund*innen zu werden, der passiert oft gar nicht über Social Media, sondern über Long-Form-Content-Kanäle, wo es tiefer geht. Und das ist, glaube ich, für viele eine spannende Erkenntnis gewesen.
Deswegen habe ich auch viele inspiriert, unter anderem auch meinen Kumpel Robin, den ich eben gerade schon erwähnt habe. Der hat dann auch aufgehört mit Social Media. Wir haben fast zeitgleich aufgehört. Der hat auch gesagt, es war eine der besten Entscheidungen in seinem Businessleben.
Marketingstrategien ohne Social Media
[Alex] Du hast selbst ja einen Podcast und einen Newsletter und bist jetzt auch seit neuestem auf YouTube unterwegs. Magst du mal so erzählen, was so die Beweggründe sind, diese Plattform oder diese Strategien zu nutzen für dich?
Also gerade YouTube, könnte man vielleicht auch sagen, ist auch ein Social-Media-Kanal oder siehst du das nicht so? Ist das für dich eher eine Suchmaschine?
[Sascha] Ja, also so eine Mischung aus beiden, wobei primär Suchmaschine. Jetzt ist es so, ich konsumiere YouTube auch nicht so, dass ich jetzt immer die neuesten Videos angezeigt bekomme, also dieser Algorithmus der mir irgendwas vorschlägt, das habe ich schon seit Jahren ausgeschaltet.
Das heißt ich habe dafür irgendwelche Plugins oder Einstellungen gewählt, so dass ich das auch nicht sehe, sondern ich selber ganz bewusst Menschen abonniere oder halt in das Suchfeld eingebe, was ich gerade sehen möchte.
Das heißt, in meiner Wahrnehmung ist das keine, ist da kein Algorithmus mehr, der versucht mir irgendwas vorzuschlagen. Ich weiß aber wohl, dass es bei anderen so ist. Aber ich persönlich habe mich dafür entschieden, weil ich gemerkt habe, ich konsumiere fast nur noch Longform-Content.
Also wenn ich Podcasts höre, dann müssen die gefühlt schon 90 Minuten sein oder drei Stunden ist auch kein Problem. Und dasselbe bei YouTube. Und ich lese auch gerne, deswegen habe ich auch all deine Blogartikel zum Beispiel durchgelesen, weil ich gemerkt habe:
Seit ich mich von Social Media verabschiedet habe, habe ich auch wieder die Aufmerksamkeitsspanne, die Ruhe und die Möglichkeit, so ein Content zu genießen. Und ich ziehe da viel mehr draus und deswegen habe ich gesagt, okay, wenn ich Menschen anziehen möchte, die ähnlich ticken wie ich, dann nutze ich einfach die Kanäle, die ich selber gerne konsumiere.
Und ich liebe Podcasting und ich mag auch YouTube und ich schreibe auch gerne und genau, da versuche ich mich so ein bisschen, das ist ja alles so mein Hobbyprojekt, weil ich muss jetzt kein Geld damit verdienen, auch wenn ich das tue und ich teilweise Produkte habe, aber es ist nicht so, dass dieses Content-Marketing jetzt dem dient, dass ich die Leute irgendwie in den Funnel packe und denen was verkaufen muss und so weiter, sondern ich merke, das ist für mich inzwischen mehr Kunstform und ich entdecke mich da gerade wieder neu, ich tappe auch immer wieder in diese Falle, dass ich dann doch denke, ah, Marketing, was könnte ich da machen und dann kommt immer wieder diese Stimme in mir und die sagt, nein Sascha, du musst jetzt hier nicht wieder versuchen, irgendeinen Funnel zu bauen und dies zu machen, sondern ich will eigentlich echte, authentische Verbindung zu Menschen, weil so haben wir angefangen, 2016.
Wir haben von Anfang an mit unserem Podcast damals …, wir haben kostenlose Meetups veranstaltet, wir haben Reisen, Events, Seminare veranstaltet, wo es immer darum ging, dass wir in einem echten, authentischen Austausch auf Augenhöhe den Leuten begegnen und nicht, ich bin hier der, keine Ahnung, der Mensch, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat und du hörst mir jetzt zu als meine Hörerin oder mein Hörer, sondern lass uns doch mal austauschen, lass uns in den Austausch gehen.
Und ich habe das Gefühl, dass ich das mit diesen Kanälen sehr gut kann. Und das spüre ich auch jetzt wieder. Ich habe eine sehr kleine Reichweite, aber ich habe noch nie so viel Feedback auf meinen Content bekommen wie jetzt. Also ich habe früher wahrscheinlich das, keine Ahnung, hundertfache, wenn nicht sogar noch mehr an Reichweite. Es waren wirklich gigantische Reichweiten. Millionen Podcast-Downloads.
Heute hören ein paar hundert Leute meine Podcasts. Aber der Austausch ist noch viel intensiver geworden. Und da habe ich gemerkt, okay, es kommt nicht auf diese Eitelkeitsmetriken an, ganz im Gegenteil, es kommt darauf an, welche Kanäle passen zu mir, wie kann ich da echte tiefe Beziehungen aufbauen und ich habe auch ein echtes Interesse und glücklicherweise durch die geringe Reichweite auch die Möglichkeit, so stark in den Austausch zu gehen, weil wenn ich 10.000 Mails beantworten müsste, wäre es ein bisschen schwierig, aber ich sage mal so 10 bis 20 die Woche, mit denen kann ich ganz anders umgehen und kann mit diesen Menschen halt auch einfach in einen Dialog gehen und dafür bin ich sehr dankbar. Deswegen liebe ich das Leben als Mikro-Mikro-Mikro-Influencer.
[Alex] Was würdest du denn sagen, wie gelingt dir das denn, dass die Menschen dir zurückschreiben? Also das ist tatsächlich auch eine Frage, die ich häufig gestellt bekomme, dass Menschen sagen, gerade wenn ich Newsletter schreibe, gerade für meinen Podcast, bekomme ich eigentlich kaum Rückmeldung. Das ist bei Social Media anders. Da mache ich eine Story und Leute antworten schneller drauf. Warum klappt das bei dir dann besser?
[Sascha] Also warum es bei mir besser klappt, kann ich natürlich nicht sagen. Ich kann nur sagen, warum mir viele Leute schreiben, ist, weil ich einfach, glaube ich, oder weil Menschen vielleicht spüren, dass das, was ich mache, nicht inszeniert ist, sondern das ist tatsächlich für mich so ein bisschen Form, vielleicht auch so eine Form von Therapie und ich in meinen Newslettern auch manchmal einfach über die Dinge schreibe, die jetzt nicht sexy sind, die nicht in einen Verkauf münden. Ich glaube, das spüren Menschen sowieso.
Die Intention ist nicht, ah ja und komm in mein Programm, ah ja und kaufe das. Das ist alles fair enough. Muss man auch machen, wenn man davon lebt. Aber bei mir ist das eben nicht der Fall.
Plus, ich mache mich dann halt auch nackt und ich habe zum Beispiel in einem der letzten Newsletter geschrieben über eine Krankenhausbehandlung, die ich gerade hatte und über die Angst, die ich dort hatte. Und damit konnten sich sehr viele Menschen dann auch identifizieren. Und das mache ich jetzt aber nicht, weil ich denke, oh, was wäre jetzt eine coole Story, damit mir möglichst viele Leute antworten? Wie kann ich auf die Tränenbrüse drücken? Sondern es war für mich in dem Moment einfach so, dass ich dachte, ich glaube, es würde anderen Menschen helfen, wenn ich zeige, hey, ich habe da auch, ich habe Ängste und auch bei mir läuft nicht alles rund und auch gesundheitlich gibt es durchaus Herausforderungen.
Das war jetzt ein Beispiel oder mein letzter Newsletter, da habe ich einfach gesagt, ich merke, ich habe mich so ein bisschen entfernt von meiner eigentlichen Mission, mich mit Menschen zu verbinden und bin wieder in so oberflächlichen Content gerutscht, das tut mir auch total leid, ich würde mich gerne wieder mehr mit euch verbinden, deswegen überlege ich jetzt so Dinge zu tun, wie zum Beispiel eine Business-Wanderung, das heißt, wir gehen zusammen wandern, wir nehmen nicht unsere Handys mit, wir tauschen uns einfach aus und erleben gemeinsam in der Natur schöne Momente, so wäre das überhaupt interessant für euch, schreibt mir gerne mal zurück.
Und ich habe unfassbar viele Zuschriften und Antworten bekommen. Einfach so, wow, super, weil es eben genau das Gegenteil ist von dem, was da draußen passiert. Das ist nicht, wir machen Halligalli, das große Event und sieben Tage dies und keine Ahnung, große Pitchshow auf der Bühne, sondern lass uns doch mal wieder das machen, wonach wir uns alle sehnen und das ist eigentlich in kleinen Gruppen auf Augenhöhe austauschen, gemeinschaftlich Dinge erleben und auch fernab von unserer Technologie mal, ja, einfach wieder Mensch sein.
Ich glaube, das ist das, Mensch sein. Und deswegen funktioniert es vielleicht bei mir auch, weil ich immer mehr selber versuche, wieder Mensch zu sein, weil ich war sehr gerne auf dieser Technologie-Seite unterwegs, bin ja auch ITler von Hause aus. Und jetzt wieder in die andere Richtung zu gehen, ich glaube, das gefällt vielen Menschen und deswegen schreiben sie auch gerne zurück, weil sie das kaum noch irgendwo kriegen.
Weil durch KI und was weiß ich nicht was, alle möglichen Content Creators es auch lieben, jetzt Content zu automatisieren, zu digitalisieren, irgendwelche Avatare von sich zu produzieren. Und dadurch baut man so eine Wand auf zwischen sich und den Menschen. Und in meinem Mission ist es eigentlich eher, diese Wand wieder wegzunehmen und zu sagen, pass mal auf, lass uns doch mal wieder einfach, lass uns einfach wieder in den Austausch gehen und aufhören, jetzt einfach nur Content-Müll in die Welt zu spülen und unsere Produkte zu verkaufen.
[Alex] Glaubst du, dass sich so deine Herangehensweise auch auf andere übertragen lässt? Also wenn jetzt jemand, wie du sagst, zum Beispiel sein Zeugs verkaufen muss eben im Newsletter und auf seine Angebote hinweisen muss, weil er eben davon lebt. Also inwiefern ist so dein leaner Ansatz, Marketing-Ansatz übertragbar auf andere? Was denkst du?
[Sascha] Ich glaube, der ist absolut übertragbar, denn ich verkaufe ja trotzdem. Das heißt also zum Beispiel, ich habe jetzt einen Kurs, den sieht man glaube ich auch auf meiner Website, da geht es um meine Einkommensquellen. Weil viele mich immer fragen, ja, was hast du denn für Einkommensquellen jetzt neben den Unternehmensbeteiligungen? Und das wurde ich so häufig gefragt, dass ich gesagt habe, ich mache da mal einen Kurs draus. Und den habe ich sehr gut verkauft.
Also für meine kleine Reichweite war ich sehr erstaunt, dass ein großer Prozentsatz meiner E-Mail-Liste diesen Kurs erworben hat. Aber einfach, weil ich die Menschen auch mitgenommen habe auf diese Reise und es nicht nur darum ging, diesen Kurs zu verkaufen, sondern ich sage, okay... Das, was ich hier mache, das begleite ich irgendwie. Und ja, ich habe jetzt auch ein Produkt und das kannst du gerne kaufen, aber ich nutze eben nicht diese bewusst manipulativen Marketing-Taktiken und Techniken und ich weise auch darauf hin, dass ich das nicht tue.
Und das hat, glaube ich, auch vielen, ja, viele haben gesagt, oh, das finde ich gut, dass ich jetzt nicht sage, alles dreht sich jetzt nur noch darum, dass ich die Leute funneln will und sie als Sales, Leads, Conversions bezeichne, sondern sie als Menschen sehe und sie mitgenommen habe in diesem Prozess.
Ich habe gesagt, hey, ihr könnt den auch vorher schon kaufen, den Kurs, dann mache ich einen extra Q&A-Call mit euch, der ist kostenlos, da können wir gemeinsam mal alle Fragen beantworten, dann kann ich den Kurs sogar noch besser machen.
Also ich glaube, es ist dieses, wenn man den Menschen einfach zeigt, hey, hey, du bist mir wichtig als Person. Es geht mir nicht nur darum, schnell einen Euro zu machen, sondern ich verdiene gerne Geld und das ist total legitim und ich bin nun mal Produktersteller oder Dienstleister oder was auch immer, dann ist das überhaupt kein Problem.
Aber du stehst im Mittelpunkt, so. Also die Menschen stehen immer im Mittelpunkt, weil am Ende zahlen die ja auch mein Gehalt und die kaufen meine Produkte. Das heißt, mir muss auch viel daran liegen und nicht, es geht mir darum, ich möchte möglichst viele Produkte kreieren, die hoffentlich irgendeiner kauft. Nein, sondern ich möchte mit vielen Menschen, ich möchte vielen Menschen Mehrwert liefern.
Und dann kriege ich natürlich auch im Gegenzug dafür Geld. Ich glaube, das passiert dann auch als Transaktion. Aber die Transaktion sollte nicht im Vordergrund stehen, sondern für mich steht die Transformation im Vordergrund. Und die entsteht dadurch, dass ich mich dafür interessiere. Wer bist du? Wie kann ich dir helfen? Und auch wenn du nichts bei mir kaufen solltest, dann bist du hier herzlich willkommen. Du bist hier herzlich willkommen. Und das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig. Weil ansonsten ist es so dieses, okay, ich mag dich, solange du hier irgendwo in meinem Shop irgendwelche Dienstleistungen und Produkte kaufst. Aber ansonsten kannst du eigentlich wieder gehen und das möchte ich auf keinen Fall ausstrahlen, weil das entspricht nicht meinem Weltbild.
Unternehmertum vs. Selbstständigkeit
[Alex] Du betonst auch ganz oft, dass du unterscheidest zwischen Unternehmertum und Selbstständigkeit. Du siehst dich ja mehr als Unternehmer. Du hast verschiedene Unternehmen gegründet oder bist eben Teilhaber.
Spielt es für dich eine Rolle, ob man jetzt Unternehmer ist oder selbstständig ist, also vielleicht eine Dienstleistung anbietet, für Leute irgendwas macht, wie textet oder designt, was jetzt soziale Medien angeht?
Also können Selbstständige auch auf soziale Medien verzichten aus deiner Sicht oder wie empfindest du das?
[Sascha] Also genau, ich unterscheide tatsächlich, ich unterscheide sogar noch mal zwischen Unternehmer/Unternehmerin, selbstständig mit Team und selbstständig.
Ja, das ist ja auch so ein bisschen, worum es in meinem vorherigen Projekt ging, weil ich es halt super spannend finde, auch an den Punkt zu kommen, das war jetzt ja meine persönliche Reise, dass ich meine, also dass ich quasi nicht mehr Zeit gegen Geld tauschen muss, das ist jetzt so, ich weiß, klingt sehr abgedroschen, aber ich habe halt Zeit und Einkommen voneinander entkoppelt, weil mir das super wichtig war.
Als meine Tochter zur Welt kam, habe ich gedacht, okay, oder bevor sie zur Welt kam, ich möchte gerne für sie da sein und ich möchte jetzt nicht der typische Selbstständige sein, der sagt, naja, Papi muss jetzt die ganze Zeit arbeiten, ich kann nicht für dich da sein. Weil ich habe gemerkt, das passt für mich irgendwie nicht.
Und deswegen war es für mich immer spannend, wie kann ich mich ein bisschen rausziehen aus all den Dingen und wie kann ich etwas aufbauen, was ohne mich funktioniert, damit ich am Ende doch wieder selbstständig sein kann. Das bin ich heute ja auch, aber ich muss es nicht. Ob ich jetzt selbstständig bin oder nicht, mein Geld kommt durch recht passive Einnahmequellen rein, in Anführungszeichen.
Und um deine Frage zu beantworten, macht das einen Unterschied? Nein, ich glaube tatsächlich macht das keinen Unterschied, weil egal ob selbstständig, ob Freelancer, Unternehmer, selbstständig mit Team, was auch immer, wir haben die Möglichkeit, unsere Marketingkanäle so zu wählen, wie sie zu uns, unseren Werten und ja, wie sie zu uns passen.
Und da spielt Social Media keine große Rolle, also es spielt eine große Rolle, weil man denkt, alle nutzen es, aber sind wir ganz ehrlich, bis vor ein paar Jahren gab es keine sozialen Medien. Das heißt, Marketing hat schon immer anders funktioniert und es wird auch heute noch funktionieren.
Social Media ist ja nur eine Plattform, um Marketing zu betreiben. Und es gibt tausende andere Plattformen. Und gerade, wenn man so ein bisschen out of the box denkt und Social Media nicht mehr nutzt, gibt es da wundervolle Dinge. Und ich glaube nicht, dass man da unterscheiden muss, sondern ich glaube, für jeden ist es möglich, ohne Social Media trotzdem sehr, sehr gute und schöne Marketingkanäle zu nutzen. Also, ja, ich unterscheide da nicht. Kann jeder, glaube ich. Ich glaube, es ist nicht notwendig.
[Alex] Das fand ich jetzt gerade eine superschöne Zusammenfassung und deshalb nochmal vielleicht die allerletzte Frage. Wenn jetzt jemand zuhört, der oder die überlegt, soziale Medien vielleicht nicht mehr zu nutzen, was würdest du dieser Person raten? Wo kann sie beginnen mit ihren Überlegungen?
[Sascha] Gute Frage. Wo kann sie beginnen? Also zuallererst, ich glaube, die Intention sollte klar sein, warum möchte ich Social Media nicht mehr nutzen? Also sich klar werden, warum möchte ich damit überhaupt aufhören?
Weil auch das, man muss uns jetzt ja nicht einfach Glauben schenken und das ist vielleicht auch nicht der heilige Gral für jeden, sondern man muss erstmal überlegen, okay, was fühlt sich da für mich nicht gut an? Warum fühlt sich das nicht gut an?
Weil sonst tappe ich im schlimmsten Fall wieder in die nächste Falle und nutze dann einen anderen Marketingkanal, der für mich auch nicht passt.
Und deswegen, glaube ich, ist es wichtig zu wissen, warum möchte ich aufhören.
Dann natürlich zu überlegen, okay, wie könnte eine Alternativreise meiner Kunden aussehen? Also wenn sie nicht über Social Media auf mich aufmerksam werden, wie werden sie dann auf mich aufmerksam? Welche Kanäle mag ich denn? Oder wie werde ich auf Produkte, Dienstleistungen oder vielleicht auch auf Personenmarken aufmerksam außerhalb von sozialen Medien?
Um mal überhaupt wieder eine Idee zu haben, wie funktioniert das eigentlich? Ja, was gibt es denn da eigentlich noch? Also sich klar zu werden, welche alternative Customer Journey gibt es dann?
Und dann vielleicht für diejenigen, die auch ein bisschen mehr Sicherheitsbedürfnis haben, zu überlegen, kann ich das erstmal parallel vielleicht aufbauen? Ein zweites Standbein, also ein zweites Marketing parallel zu erschließen, um nicht gleich sofort einen radikalen Cut zu machen, aber das ist abhängig vom Persönlichkeitstyp.
Für mich fühlt es sich immer gut an, einen radikalen Cut zu machen, aber wenn man jetzt, ich sag mal, vielleicht auch nicht die finanzielle Reichweite gerade hat, um die nächsten Monate einfach mal zu sagen, ich könnte es auch akzeptieren, dass vielleicht zwei, drei Monate oder länger nichts reinkommt, dann sollte man sich Gedanken machen darüber, wie kann ich das langsam runterfahren und einen anderen Kanal parallel hochfahren und dann würde ich da reingehen.
Aber das wären so jetzt vielleicht erstmal meine Schritte. Also Intention, dann zu überlegen, okay, wie machen es andere? Kann ich da was modellieren? Wie ist meine eigene Customer Journey, wenn ich irgendwo Kunde, Kundin werde? Und dann, genau, ganz langsam vielleicht den Übergang zu machen. Das wären jetzt so meine drei Schritte, die ich mir mal aus dem Ärmel geschüttelt habe.
[Alex] Ja, vielen, vielen Dank, Sascha, auch für das Interview und für deine Erfahrung, dass du die mit uns geteilt hast. Danke, dass du da warst.
[Sascha] Ich danke dir.
Shownotes
Saschas Podcast (Link zu Spotify)
„Muss ich wirklich jede Woche bloggen?“
In dieser Folge möchte ich eine Frage beantworten, die ich vor einiger Zeit per E-Mail habe. Es geht darum, ob Selbstständige unbedingt wöchentlich bloggen oder Newsletter verschicken sollten oder ob es auch seltener geht.
Folge anhören
Transkript lesen
In dieser Folge möchte ich eine Frage beantworten, die ich vor einiger Zeit per E-Mail bekommen habe.
Ich lese sie einmal vor:
„Hallo Alex, es gibt immer wieder Tipps, wie oft man bloggen sollte und wie oft ein Newsletter erscheinen sollte. Da ich für die meisten meiner Artikel nähen, fotografieren und Bilder bearbeiten muss, ist „alle zwei Wochen ein Artikel“ eine realistische Zahl.
Wenn ich öfter veröffentlichen würde, würde zwangsläufig die Qualität meiner Artikel darunter leiden.
Gerade beim Thema Newsletter lese ich aber immer wieder, wie wichtig es ist, diesen einmal pro Woche zu schreiben. Ich habe mich dazu bisher nicht committen wollen, weil ich nicht weiß, was ich da rein schreiben könnte, wenn nicht gerade ein neuer Artikel erschienen ist. Ab und zu geht das zwar, aber ja nicht jedes zweite Mal.
Meine Frage an dich ist jetzt, wie du das an meiner Stelle handhaben würdest. Siehst du ein Problem darin, wenn ein Newsletter nicht jede Woche erscheint, sondern auch mal eine Woche Pause dazwischen ist?“
Ja, das ist eine gute Frage und ich muss grundsätzlich erst einmal sagen:
Ich habe ein etwas ambivalentes Verhältnis zu solchen Regeln und Empfehlungen.
Auf der einen Seite weiß ich, dass gerade Einsteiger*innen aktiv nach solchen Richtlinien und Empfehlungen suchen.
Sie wollen am liebsten eine konkrete Zahl haben. Denn eine feste Struktur, ein klarer Rahmen, in dem Marketing betrieben werden kann, ist für viele zu Beginn extrem hilfreich.
Und in diesem Kontext haben solche Richtlinien wie „Jede Woche einen neuen Newsletter“ aus meiner Sicht auch durchaus ihre Berechtigung.
Und dann ist wöchentliches Bloggen oder wöchentliches Newsletterschreiben oder Podcasten oder was auch immer eine gute Sache, finde ich.
Auf der anderen Seite merke ich aber, dass sich andere Einsteiger*innen von diesen Zahlen enorm stressen lassen.
Sie denken: „Einmal die Woche einen Blogartikel zu veröffentlichen? Das schaffe ich doch nie!“ Oder „Einmal die Woche einen Newsletter schreiben? Das ist völlig unrealistisch!“
Und statt dann halt 1x alle zwei Wochen zu bloggen oder 1x im Monat oder was auch immer, machen sie gar nichts.
Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten, sondern aus Angst, diesen Empfehlungen nicht zu genügen, und weil sie dann denken: „Naja, dann hat das dann ja auch keinen Sinn, das überhaupt erst zu starten.“
Und das tut mir dann immer ganz furchtbar leid und es ist auch überhaupt nicht nötig.
Und zwar aus folgenden fünf Gründen:
#1 Man sollte Äpfel nicht mit Birnen vergleichen
Was meine ich damit?
Meine Beobachtung ist, dass solche Empfehlungen, Richtlinien, Zahlen wie „einmal die Wochen irgendwas machen“ sehr häufig von Unternehmer*innen kommen, die schon fortgeschrittener sind und ein großes Team um sich haben.
Und dann ist es doch klar:
Wenn ich jemanden habe, der meine Artikel einpflegt und sich mit WordPress rumärgert, Social-Media-Posts erstellt und sogar noch die passenden Newslettertexte textet, ist es natürlich viel leichter, wöchentlich oder sogar noch öfter Inhalte zu erstellen oder Newsletter zu verschicken.
Als Einzelunternehmer*in
ohne Team
mit Kind(ern)
mit Eltern, die man pflegt, oder
einem Brotjob, dem man noch nachgeht, um sich die Selbstständigkeit zu Beginn zu finanzieren
ist das aber um einiges schwieriger.
(Um nicht zu sagen: Oft nur dann möglich, wenn man so viel arbeitet, dass man gefährlich nahe am Burnout ist.)
Deshalb wäre ich bei solchen Empfehlungen wie „Einmal die Wochen einen Newsletter zu schreiben“ zuerst einmal kritisch und würde mich fragen:
Wer rät mir das eigentlich?
Ist diese Person privilegierter als ich?
Ist diese Person weiter als ich?
Ist sie routinierter als ich?
Hat sie ein Team? Hat sie Menschen, die sie unterstützen?
Und wenn ich feststelle, dass dem so ist, dann wäre ich ehrlich gesagt, eher vorsichtig damit, diese Richtlinie 1:1 auf mich zu übertragen, wenn das alles nicht auf mich zutrifft.
Es gibt ja diesen Spruch „Vergleiche deinen Anfang nicht mit dem Fortschritt eines anderen.“
Und das ist ein sehr weiser Ratschlag, finde ich. Auch was das Bloggen und Newsletterschreiben angeht.
#2 Eine Garantie gibt es nicht
Nur weil du jede Woche einen Newsletter verschickst oder einen Blogartikel veröffentlichst oder eine Podcastfolge oder was auch immer, heißt es nicht, dass du finanziell erfolgreicher dadurch sein wirst.
Meine Beobachtung ist hier, dass Korrelation und Kausalität oft miteinander vermischt werden.
Zum Beispiel:
Je mehr Eis in den Eisdielen verkauft wird, desto mehr Sonnenbrände gibt es. Das heißt aber nicht, dass Sonnenbrände auftreten, weil Eis verkauft wird, sondern weil es draußen HEISS ist und die Sonne scheint.☀️
So ähnlich ist es aus meiner Sicht auch mit der Häufigkeit der Blogartikel oder Newsletter.
Wer denkt „Wenn ich erst einmal einen wöchentlichen Newsletter schreibe, werde ich schnell(er) erfolgreich.“, wird erfahrungsgemäß oft enttäuscht.
Denn nicht die konkrete Zahl ist ausschlaggebend, sondern ob wir es schaffen, mit unseren Marketingtexten Menschen auf ihrer Customer Journey, bei ihrer Kaufentscheidung zu begleiten.
Ob wir es schaffen,
uns persönlich zu zeigen
Vertrauen aufzubauen und
Kaufhürden abzubauen
und vieles, vieles mehr
Das kann in einem wöchentlichen Blogartikel oder Newsletter gelingen, muss es aber nicht zwingend.
Was aus meiner Sicht eher stimmt, ist:
Je mehr wir üben, desto routinierter werden wir und desto schneller werden wir feststellen, was (für uns) gut funktioniert und was nicht.
Aus dieser Perspektive ist das wöchentliche Newsletterschreiben oder Bloggen oder Podcasten also durchaus sinnvoll – um zu üben.
Aber es heißt nicht, dass Selbstständige, die „nur“ alle zwei Wochen bloggen oder einen Newsletter schreiben, zum Für-immer-unerfolgreich-Sein verdammt sind.
Es kann einfach ein bisschen länger dauern.
#3 Qualität kommt für mich immer vor Quantität
In der E-Mail, die ich dir zu Beginn vorgelesen habe, konnten wir ja ganz deutlich erkennen, dass es der Person um Qualität der Inhalte ging.
Dass gerade wenn ein aufwendiger Prozess dahinter steht – also zum Beispiel aus nähen, fotografieren, Bilder bearbeiten usw . –, Contenterstellung nun einmal dauert.
Und was soll daran schlecht sein? Aus meiner Sicht ist gar nichts daran schlecht.
Denn Blogartikeln und Newslettern, die mit viel Wissen und Liebe erstellt wurden, merkt man genau das an: Kompetenz, Kreativität, Herzblut, Erfahrung.
Es heißt jetzt nicht, dass jeder Blogartikel oder jeder Newsletter oder jede Podcastfolge unbedingt ein kleines Meisterwerk sein muss – überhaupt nicht.
Es heißt einfach nur: Warum sollte man sich dazu zwingen, semi-gute Inhalte zu veröffentlichen, nur um bestimmten Zahlen und Ansprüchen von Menschen, die uns sowieso nicht kennen, zu genügen?
Ich persönlich sehe da keinen Sinn drin.
#4 Zeit ist dein bester Freund
Es ist in der Onlinebusiness-Welt ein oft totgeschwiegener Punkt, aber:
Zeit ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Faktoren (neben der Qualität) für unternehmerischen Erfolg.
Wenn du alle zwei Wochen tolle Texte schreibst oder Podcastfolgen veröffentlichst oder Newslettertexte verschickst und das eben zwei, drei, vier, fünf Jahre lang durchhältst, summiert sich das ganz schön.
Das ist Kontinuität, die überzeugt und die sich auszahlen wird.
Und schließlich Grund #5: Marketing ohne Social Media darf Marketing nach deinen Regeln sein
Wenn ich immer sage, dass jeder Mensch doch einfach selbst entscheiden sollte, wie Marketing aussehen soll, gilt das natürlich nicht nur für „Social Media – ja oder nein?“, sondern auch für den Blog und den Newsletter und die Website.
Du bist der Boss.
Du darfst entscheiden.
Du darfst deine eigenen Regeln machen.
Denn du weißt ja schließlich am besten, welche Zahlen, welche Quantität für dich überhaupt realistisch ist.
Bei sich zu bleiben, realistisch einzuschätzen, wie viel man leisten kann, schlägt Ratschläge von Expert*innen.
Immer. Und um Längen.
Lange Rede, kurzer Sinn:
Falls du grobe Richtlinien, eine Faustregel, Struktur für dein Blog-, Podcast- und Newslettermarketing brauchst, orientiere dich gerne daran und nutze es als Werkzeug und veröffentliche deinen Blogartikel und deinen Newsletter oder deinen Podcast eben wöchentlich oder vielleicht sogar noch öfter, weil du es dir zutraust und falls du die Zeit dafür hast.
Falls dir diese Richtlinie nicht hilft, falls sie dir nicht dienlich ist, falls sie dich stresst, dann ignoriere diese Zahlen.
Du darfst das. Du musst dich nicht von Ratschlägen von Marketingberater*innen kirre machen lassen. Die haben vielleicht sowieso ein Team hinter sich und sie haben Unterstützung bei ihrem Contentmarketing. Sie können einfach ganz andere Häufigkeiten an den Tag legen als jemand, der oder die alleine ist und alleine Marketing macht.
Du kannst guten Gewissens dein Tempo gehen. Egal, wie schnell oder langsam du voran kommst.
Und wenn du es schaffst, einmal in zwei Wochen einen Blogartikel zu veröffentlichen, eine Podcastfolge zu veröffentlichen oder einen Newsletter zu verschicken, dann ist das eine großartige Leistung. Punkt.
Shownotes
Alles doof außer LinkedIn? Interview mit Positionierungsberater Sascha Theobald
In dieser Podcastfolge habe ich Sascha Theobald zu Gast. Sascha berät andere Selbstständige bei ihrer Positionierung und hat als Berater Social Media den Rücken gekehrt, ist dann aber nach einiger Zeit zu LinkedIn zurück. Warum? Das wird er uns im Interview erzählen.
In dieser Podcastfolge habe ich Sascha Theobald zu Gast. Sascha berät andere Selbstständige bei ihrer Positionierung und hat als Berater Social Media den Rücken gekehrt, ist dann aber nach einiger Zeit zu LinkedIn zurück.
Warum? Das wird er uns im Interview erzählen. Und wir werden natürlich darüber sprechen, wie sein Marketing (fast) ohne Social Media genau aussieht und warum er Positionierung für Selbstständige für so wichtig hält.
Folge anhören
Transkript lesen
Wie kam es zum Social-Media-Ausstieg?
[Alex] Ja, hallo Sascha, du bist seit fast zwei Jahrzehnten inzwischen selbstständig, habe ich auf deiner Website gelesen, hast du gerade noch im Vorgespräch gesagt, und du hast dich jetzt vor rund zwei Jahren von den meisten deiner Social-Media-Kanäle verabschiedet. Wie kam es dazu?
[Sascha] Das war tatsächlich ein Prozess, der sich länger angebahnt hatte. Das war also keine Übersprungshandlung von einem Tag auf den anderen. Ich war sehr lange in den Social Media aktiv, vor allen Dingen Twitter war mein Lieblingsnetzwerk, habe da auch viel gemacht, habe da auch Kunden drüber gewonnen.
Und irgendwann merkte ich, dass mich eher diese ganzen Inputs, die man da so gegen den Kopf geknallt kriegt, belasten, dass das zunehmend anstrengender wurde.
Wo früher für mich viel auch so persönlicher Austausch, also mit vielen tollen Menschen, die ich da kennengelernt habe, stattfand, war da immer mehr Belangloses. Also es ging ganz viel um Meinung. Jeder hatte irgendwie das Bedürfnis, alles kommentieren zu müssen.
Es gab sehr viel, naja, zunehmend Hass und Hetze. Wo gerade dann auch, also mal davon abgesehen, dass ich mir das nicht den ganzen Tag antun möchte, aber natürlich auch die ethischen Gedanken, das heißt gerade bei heute X und Facebook hat man so ein bisschen den Eindruck gehabt, das läuft völlig unkontrolliert aus dem Ruder. Da finden Dinge statt, die ich überhaupt nicht gut fand und nicht unterstützen möchte.
Aber halt auch einfach die Tatsache, dass Postings immer lauter, immer, ich nenne es immer pseudo-emotionaler wurden. Also das ist ja keine Emotionalität, die echt ist, sondern um was zu provozieren. Und es wurde immer provozierender gepostet, um Interaktionen zu provozieren und damit halt natürlich die Sichtbarkeit zu steigern.
Und ich habe für mich irgendwann überlegt, also da bin ich ein relativ nüchterner Mensch und habe einfach abgewogen: Wo sind die Vorteile? Wie dringend brauche ich das wirklich für mein Business und was kostet es mich?
Viele sagen oder so der Tenor ist, Social Media ist kostenlos. Wir Selbstständige können da kostenlos Werbung machen, können kostenlos mit Millionen von Menschen in Kontakt kommen, aber es ist nicht kostenlos.
Weil wenn wir mal das Geld beiseite lassen, es kostet sehr viel Zeit, sehr viel Energie und für mich war es halt, wo ich früher wirklich regelmäßig Kunden gewonnen hatte, einfach weniger geworden und stand nicht mehr in Relation zu dessen, was es mich an Energie gekostet hat. Und dann habe ich tatsächlich auch an die Konsequenzen überlegt.
Kann ich das als Business, als Kundengewinnungstool tatsächlich verschmerzen, das komplett abzuschalten? Brauche ich das für meinen Job? Sieht das komisch aus, wenn ich als Kommunikationsmensch das jetzt irgendwie abschalte? Muss ich nicht eigentlich wissen, was da stattfindet, um meine Kunden noch ordentlich zu beraten?
Aber mir wurde halt bewusst, ich bin kein Social-Media-Berater, ich bin kein Online-Marketing-Berater, ich bin Positionierungsberater. Ich kenne die Mechanismen der Social Media, ich sehe sie ja weiterhin, aber ich bin an diesem großen Zirkus einfach nicht mehr beteiligt. Und das konnte ich guten Gewissens entscheiden und für mich hat das auch sehr gut funktioniert.
Wie bist du beim Social-Media-Ausstieg vorgegangen?
[Alex] Und wie bist du dann konkret vorgegangen, als du dich entschieden hast, die zu verlassen? Also hattest du zum Beispiel einen letzten Post, wo du dich verabschiedet hast oder wie bist du da vorgegangen?
[Sascha] Also ich habe meinen kompletten Gedankengang in einem Blogbeitrag tatsächlich aufgeschrieben.
Zum einen, um zu zeigen, was so an Gedanken dahinter steckte, aber halt auch um …, mir war wichtig, andere Selbstständige dazu anzuregen, sich diese nüchternen Gedanken auch mal zu machen und nicht blind diesem „Ihr müsst alle auf Social Media sein“ zu folgen.
Habe da auch die Vorteile und Nachteile abgewägt und habe da auch erklärt, wie mein weiterer Weg sein wird. Also zu welchem Datum schalte ich ab, dass ich wirklich alles komplett abschalte.
Ich habe darauf hingewiesen, worauf ich mich dann in meinem Marketing fokussieren werde, wie man mir weiter folgen kann und bin damit dann auch in alle Netzwerke, in denen ich noch aktiv war, reingegangen und habe da Posts abgesetzt, habe angekündigt – ich glaube, das war irgendwie 6. April oder so bin ich weg, konsequent hier. Und habe den Beitrag verlinkt, habe dann noch mehrmals das wiederholt, damit es wirklich möglichst viele mitbekommen.
Und habe immer wieder auch darauf verwiesen, dass es meinen Letter gibt. Also wer tatsächlich …, weil viele haben geschrieben „Ach wie schade, ich habe immer deine Posts gern gelesen oder mich mal mit dir ausgetauscht“. Und um denen halt quasi nicht so völlig vom Schirm zu fallen, habe ich immer wieder hingewiesen, dass es halt meinen Letter gibt.
Und als der Tag dann tatsächlich da war, habe ich so einen letzten Bin-Weg-Gruß quasi gepostet und habe ein paar Stunden später abgeschaltet und habe in die Profile jeweils reingeschrieben, ist nicht mehr aktiv und bitte hier Website und Letter.
Soweit das ging, habe ich die Profile deaktiviert und nicht komplett gelöscht, weil ich nicht wollte, dass jemand dann meinen Account oder meinen Account-Namen kapert und darunter irgendein Schindluder macht, was anderen teilweise passiert ist.
Bei einigen sozialen Netzwerken kann man tatsächlich das so deaktivieren, dass es nicht mehr findbar ist und man unsichtbar ist. Und bei anderen ist es halt so, da ist das Profil noch da, dann kann man das auf privat stellen, dass quasi Leute, die nicht im Netzwerk sind, auch die Posts nicht mehr sehen. Man kann aber in dieser Biografiebeschreibung irgendwie noch einen Hinweis geben und das habe ich halt komplett gemacht.
Wie haben Menschen auf deinen Social-Media-Ausstieg reagiert?
[Alex] Und wie haben dann die Menschen auf deine Abschiedspost reagiert? Was haben die kommentiert?
[Sascha] Also so die engen Kontakte, die Follower, waren also auf der einen Seite traurig tatsächlich und haben gesagt „Wie schade, hier geht wieder noch ein Guter“. Also im Gegensatz zu denen, die so laut und meinungs- und hassmäßig da unterwegs sind.
Aber was tatsächlich sehr, sehr interessant war, ist, dass 99,9 Prozent der Menschen, und da ist es auch tatsächlich egal, ob das Kollegen aus dem Marketing waren oder ob das Menschen in ganz anderen Berufen waren, die haben meine Argumente verstanden, teilten die ganz oft. Also sie sagten auch „Ja, ich finde das auch anstrengend und das mit dem Hass“ oder mit dem ganzen Social Selling ist halt auch sowas, was völlig absurde Wege in der Zwischenzeit genommen hat und die Leute finden es tatsächlich auch blöd.
Sind aber dann tatsächlich nicht wirklich oder noch nicht bereit, diesen Schritt zu gehen, weil die Selbstständigen zum Beispiel sagen „Ja, aber kann ich denn ohne überhaupt noch Kunden gewinnen? Man muss doch heute auf Social Media sein.“
Und der Tenor war tatsächlich, das ist so ein Übel, das ich in Kauf nehmen muss, beziehungsweise eingehen muss, um als Selbstständiger sichtbar zu sein und Kunden gewinnen zu können.
Und dieser Tenor, der da von vielen Coaches und Gurus umhergetrieben wird, was Social Media alles für ein Wunderwerk für Selbstständige und Business an sich ist, ist bei den Menschen so fest im Kopf drin, dass sie halt auch gar nicht für sich selber nüchtern abwägen, ob es sich für sich noch lohnt. Und gar nicht über den Tellerrand drüber gucken, ob es tatsächlich andere Maßnahmen gibt, die für sie passender sind und, also das weiß ich ja aus eigener Erfahrung, einfach mehr Wirkung bringen.
Und das war halt so dieses Unverständnis, nicht Unverständnis, aber so dieses „Schade, dass du weg bist“ und aber dieses Verständnis für die Argumente, es gab tatsächlich ganz, ganz wenige … Ich erinnere mich gerade an eine Kollegin, die tatsächlich darüber einen Blogbeitrag geschrieben hat und wiederum meinen Gedankengang zerpflückt hat in der Art und Weise, dass sie sagte, ob das die richtige Entscheidung ist, ob das der richtige Weg ist. Sie wird das anders sehen und glaubt, dass, was ja auch stimmt, man kann Stellhebel in seinen eigenen Netzwerken selbst beeinflussen. Also das heißt, man kann gucken, wer im eigenen Netzwerk reinkommt, wen man mutet oder blockiert. Und hat sich da sachlich mit auseinandergesetzt und kam für sich und sie war halt auch oder ist beratend unterwegs, als Beratende da auch zu einem anderen Schluss. Aber 99 Prozent war wirklich positiv und verständnisvoll.
[Alex] Und jetzt bei deinen Kund*innen auch. Also wenn ich mir jetzt überlege, du bist jetzt zwei Jahre nicht mehr auf Social Media, richtig? Hast du in der Zwischenzeit mal irgendwie Anfragen gehabt und als dann klar wurde, du bist nicht mehr auf Social Media, war das dann „Nee danke, dann lieber nicht?“ Oder hast du solche Situationen noch nie erlebt?
[Sascha] Überhaupt nicht. Das Ding ist und das Interessante und das hat mich auch bestärkt, die Art von Menschen, die mit mir arbeiten, sind in der Regel auch eher die ruhigeren, eher die tiefgründigeren. Und ich arbeite eigentlich nicht mit Rampensäulen. Das ist nicht, dass ich sage, ich will nicht mit euch arbeiten, aber das sind halt nicht meine Wunschkunden. Und das, glaube ich, merkt man auf meiner Website und in meinen Posts. Und diese Menschen fühlen sich dann auch nicht angesprochen.
Die Menschen, mit denen ich arbeite, und das war auch schon eine ganze Weile vor meinem Ausstieg so, eine Standardfrage ist, oh, muss ich denn Social Media machen? Ich habe da überhaupt keinen Bock drauf. Und ich glaube, ich bin da einer der wenigen, der direkt sagt: Nee, muss nicht. Kann, kann funktionieren. Wir werden auf jeden Fall darüber sprechen, ob irgendwas davon sinnvoll ist. Aber von mir werden sie nicht hören, dass das muss, dass das Pflicht ist, um überhaupt erfolgreich ein Business führen zu können.
Warum bist du nach einer Zeit zu LinkedIn zurück?
[Alex] Nun hast du ja nicht alle Kanäle, oder du hattest zuerst alle Kanäle gelöscht, aber dann bist du zu LinkedIn zurück. Ist LinkedIn für dich anders als die Meta-Kanäle Instagram und Facebook oder was hat es damit auf sich?
[Sascha] Ja, also erst habe ich alle komplett abgestellt und ich habe einfach gemerkt, wenn ich Menschen treffe, also das heißt, wenn ich, ob das jetzt online oder im realen Leben, Kontakte knüpfe, fehlt mir etwas, um tatsächlich unkompliziert Kontakt zu halten.
Also dass ich diese Menschen auf dem Schirm behalte, dass man sich auch mal unkompliziert austauschen kann, dass man merkt, was bei denen Neues ist etc. Und das hat mir gefehlt.
Das habe ich eine Zeit lang beobachtet, ob ich da gut mit klarkomme oder nicht. Und es war tatsächlich so, dass ich dachte, nee, du schaffst es einfach nicht, auf anderem Wege wirklich das unkompliziert zu halten, in Kontakt zu bleiben.
Das ist ja dann auch immer eine Frage der Menge und der Intensität, so seinen engsten Kreis in Kontakt zu bleiben geht. Aber so Menschen, die man jetzt bei einer Online-Konferenz kennengelernt hat oder so, da ist das schon deutlich schwieriger.
Und ich bin dann tatsächlich hingegangen und habe gesagt: Okay, LinkedIn ist das Netzwerk, was für mich am besten passt und was für diese Aufgabe am besten passt. Also wirklich Kontakte pflegen und wo tatsächlich auch diese Menschen, mit denen ich da Kontakte knüpfen möchte, eigentlich auch alle sind. Das trifft ja auf andere Kanäle einfach nicht mehr zu.
Und bin dann testweise wieder reingegangen und habe im Vorfeld mir Dinge überlegt, die ich anders machen möchte.
Also das heißt selektiver damit umgehen, wem ich folge, mein Stream tatsächlich, ich nenne es mal, sauber zu halten und Menschen, die mich nerven, die so ein plattes Social Selling machen, die irgendwie diese Direktnachrichten schicken mit „Hey, lass uns mal Kooperation oder du brauchst doch bestimmt das und das“ … da einfach konsequenter zu sein und die Sache für mich machbarer und nicht so belastend zu machen.
Und das funktioniert an sich gut. Das ist immer noch in so einer Beobachtungsphase, definitiv. Aber ich merke halt auch, dass wenn ich in diesem neuen Modus für mich, ich nenne es mal gesünder, damit umgehe, dass ich zum einen eine gute Wirkung, also das ist jetzt seit dem Wiedereinstieg noch nicht riesig groß geworden oder so, aber schon so mit Kontakten wieder merke, dass sich da was belebt.
Und ich komme gut damit zurecht und kann das gut in meinen Alltag integrieren, weil ich in der Zwischenzeit halt auch nicht mehr jeden Tag dreimal dann irgendwie nachgucke, was ist, sondern das wirklich komprimierter mache und da feste Blöcke für eingeplant habe und das funktioniert für mich sehr gut.
Und LinkedIn ist da einfach auch ein ruhigeres Netzwerk, wo dieses Hass, Hetze, Meinung auch da ist, aber einfach weniger und es ein bisschen ruhiger zugeht und der Business-Fokus für mich ganz wichtig ist.
Da ist wirklich dieses ganze Butterbrot-Posten, ich war heute am Strand, was weiß ich was, Kaffee hier getrunken, was auch immer, ist da weniger. Dafür ist dieses Social Selling da einfach präsenter, aber vieles, was genervt hat, gerade so auf Twitter etc., ist da deutlich weniger.
Wie sieht dein Marketing ohne Social Media aus?
[Alex] Du hast ja jetzt schon am Anfang gesagt, dass du soziale Medien auch gar nicht wirklich gebraucht hast, jetzt bis auf LinkedIn. Was machst du denn stattdessen? Also kannst du das mal entlang der Customer Journey durchspielen? Wie wirst du online gefunden? Wie baust du Vertrauen auf? Wie verkaufst du ohne Social Media?
[Sascha] Ja, also mein Fokus in meinem eigenen Marketing ist tatsächlich meine eigene Website.
Mit … früher hätte ich Blog gesagt, heute sage ich Content Hub. Also ich veröffentliche Beiträge, kümmere mich da um SEO. Also das heißt, für mich ist tatsächlich ein wichtiger Punkt, wie ich gefunden und dann auch gebucht werde, dass die Menschen nach was googeln, mich dann finden und das, was ich da schreibe, für sich ansprechend finden.
Ich versende einen Letter, einen Newsletter, der dann eher natürlich zur Bindung und zur Pflege ist. Ich, was ich auch gestärkt habe, seitdem ich aus den Social Media raus bin, ich gebe Interviews, ich veröffentliche Gastbeiträge, um quasi in Kanäle zu kommen, die meine Wunschkunden konsumieren. Da halt tatsächlich auch einfach mit Themen, die für mich relevant sind und für die Zielgruppe dann in diesem Medium einfach Sinn machen.
Oder wie zum Beispiel in Büchern, wie zum Beispiel in deinem neuen Buch, dann mit einem Interview dabei zu sein und einfach über seine eigene Arbeit, seine eigenen Ansätze zu sprechen.
Und natürlich sind Empfehlungen einfach auch ein wichtiger Punkt, eine ordentliche Arbeit abzuliefern, ordentlich mit den Kunden zu arbeiten und wirklich Gutes zu schaffen, sodass die dann tatsächlich aus eigener Intention, also ich bin keiner, der sagt, bitte empfehle mich weiter und das pusht. Sondern die Menschen, die mit mir gearbeitet haben und sagen, das hat mir geholfen, das hat mir wirklich ermöglicht, dies, das und jenes zu schaffen, dass die darüber erzählen. Das ist natürlich die ehrlichste und direkteste Art und Weise von meiner Arbeit aus einer anderen Perspektive. Also nicht ich erzähle, was ich mache, sondern die Menschen, die mit mir gearbeitet haben, erzählen, wie sie das empfunden haben und was da tatsächlich sich verändert hat, was ja einfach ganz wichtig ist.
Das Vertrauen schaffen ist für mich tatsächlich über meine Inhalte.
Ich habe für mich den Anspruch, mit meinen Inhalten Einblicke zu geben. Ich nenne es immer die virtuelle Bürotür öffnen.
Also ich bin nicht Wikipedia. Ich muss nicht einfach nur Fachbegriffe erklären und irgendwie drei Tipps dazu um die Ohren hauen, sondern ich versuche tatsächlich einen Einblick zu geben, wie ich arbeite, wie ich Themen sehe. Meine Überzeugungen sind ganz wichtig.
Ich möchte nicht den Standard da irgendwie runterspulen, sondern ich möchte auch zeigen, wie jetzt zum Beispiel mit dem Ausstieg aus Social Media, dass ich da eine andere Haltung zu habe, als die meisten anderen in unserem Marketing-Kommunikationsfeld.
Und das ist wichtig für das Vertrauen, weil die Menschen, das bekomme ich immer wieder als Feedback, tatsächlich sagen, das hat mich sehr angesprochen, ich habe mich darin wiedergefunden.
Das heißt, ich gehe sehr konkret auch in die Situation meiner Wunschkunden und gebe denen das Gefühl, dass ich die Situation, das Problem, den Wunsch verstehe und gehe dann den Weg oder den gedanklichen Ansatz durch, den ich da für richtig und wichtig halte. Und das ist tatsächlich für das Vertrauen unbezahlbar.
Also Menschen, die bei mir auf der Website so ein paar Beiträge gelesen haben, die rufen bei mir an und sagen, das hat mich sehr angesprochen. Und wenn die dann irgendwie zehn Minuten mit mir telefoniert haben, sagen die: Sie klingen genauso, wie ich mir Sie mir vorgestellt habe, aufgrund der Texte. Also Sie klingen genauso wie auf Ihrer Website.
Und ich merke, seitdem ich das mache, dass dieses Vertrauen gar kein Problem mehr ist. Also wo früher, ich habe früher als Designer gearbeitet, ganz oft so ein Gespräch mit „Wir brauchen eine Website, wir brauchen dies und das, was kostet das denn?“ anfing. Und seitdem ich tatsächlich veröffentliche, sowohl auf meiner Website als auch auf anderen Plattformen, und die Menschen tatsächlich so ein bisschen in meinen Kopf gucken können und in meine Arbeit, in mein Büro reingucken können, steht das ganz weit hinten.
Die Menschen haben das Gefühl, mich greifen zu können, mich besser zu verstehen, als wenn sie jetzt irgendwie nur einen nüchternen Erklärbeitrag lesen. Und das ist für mich tatsächlich, warum ich da auch sehr viel Zeit investiere, diese Art von Beiträge zu schreiben, die bei mir halt auch oft länger sind und tiefer gehender sind, als das zum Beispiel auf Social Media ist.
Das heißt, wenn auf Social Media eher so die kurzen plakativen Headlines rausgehauen werden, das ist nicht so meins, gehe ich lieber rein und sage, okay, was heißt das denn konkret und was heißt das aus der Perspektive, was hat das für Vor- und für Nachteile und für wen eignet sich das eher und für wen nicht.
Und ich glaube, die Menschen merken dann einfach, wer nur die üblichen Phrasen drescht oder wer tatsächlich konkret wird und wer da auch eine eigene Meinung und Überzeugung hat.
Und der dritte Punkt, den du angesprochen hast, Verkaufen, den kann ich gar nicht so klar benennen, der ist bei mir gar nicht so separat, weil ich kein Angebot habe, also Positionierungsberatung ist jetzt nichts, was man irgendwie, man sieht eine Anzeige, klickt drauf und bucht das.
Sondern bei mir ist es tatsächlich oft diese Reise, dass Menschen irgendwann über mich gestolpert sind, zufällig in Anführungsstrichen, und immer mal wieder von mir lesen und hören. Und dann, wenn der Bedarf da ist, wenn sie merken, oh, jetzt muss ich echt was tun, es läuft nicht mehr so wie früher oder ich merke, ich komme immer wieder ins Trudeln, wenn ich erzählen soll, was ich mache und wofür ich stehe, dann haben die im Hinterkopf, mich auf der Kurzwahl-Taste und dann melden die sich.
Und das ist für mich immer wirklich faszinierend und überraschend, was in so Kennenlerngesprächen für Sätze kommen. So dieses, ach, ich lese sie schon seit zwei Jahren, irgendwie ihren Newsletter. Oder ich habe damals noch den und den Beitrag auf dem und dem Blog gelesen, wo ich schon überlegen muss, was war das denn damals nochmal? Also ich hatte, ich glaube, letztes Jahr war das, eine Anfrage und der Mensch war seit, ich glaube, acht Jahren irgendwie bei mir im Newsletter und ich hatte den gar nicht so auf dem Schirm. Und dann meldet er sich und sagt, ich brauche jetzt Unterstützung.
Und das ist dann so der Punkt, wie ich verkaufe, ich sage mal so über Reputation und so eine mentale Kurzwahltaste nenne ich das.
Also wirklich da klar abgelegt zu sein, wenn der Bedarf da ist, dass die Leute wissen, ah, da war doch der, den fand ich irgendwie gut.
Warum ist eine Positionierung fürs Marketing so wichtig?
[Alex] Egal, ob mit Social Media oder ohne Social Media, du sagst, erfolgreiches Marketing braucht eine klare Positionierung. Du hast schon gesagt, du hilfst Selbstständigen bei der Positionierung. Warum ist das so wichtig für Selbstständige, sich da klar zu positionieren?
[Sascha] Ja, also bei Selbstständigen und ich arbeite ja wirklich nicht hauptsächlich, sondern nur mit Solo-Selbstständigen. Wir wollen ja als Selbstständige unser Ding machen. Wir wollen selbstbestimmt arbeiten. Wir wollen souverän auftreten. Wir wollen was bewirken. Und da ist halt oft das Problem, dass den Menschen Klarheit fehlt.
Das heißt, viele sind zu breit aufgestellt, wollen zu viel potenzielle Kunden, zu viel potenziellen Umsatz mitnehmen, wissen nicht genau, wie sie vermitteln sollen, was sie ausmacht, was sie tatsächlich bewirken, was sie leisten und sind dann sehr beliebig in ihrem Auftritt und gehen in der Masse unter.
Und das ist wirklich ein großes Problem. Und da ist sowohl in den Social Media ist das ein riesiges Problem, aber natürlich genauso bei Google, bei YouTube, wo auch immer man veröffentlicht und findbar werden möchte oder Aufmerksamkeit schaffen möchte, ist es sehr, sehr wichtig, dass man klar aufgestellt wird und einen Fokus gezogen hat, einen roten Faden für sich hat, den Menschen auch tatsächlich gut abspeichern können.
Also das heißt, dieses Merkbarwerden, Greifbarwerden und Merkbarwerden ist tatsächlich existenziell, um ein Business zu schaffen, was selbstbestimmend ist, was nicht dieses, ich mag „selbst und ständig“ als Erklärung für Selbstständigkeit überhaupt nicht. Ich finde, Selbstständige sollten nicht selbst und ständig sein.
Das heißt, viele sind ja in so einem, ich nenne es gerne so Rödeln-Modus, also dieses, die arbeiten viel rund um die Uhr und das ist ja auch das Bild, was man von uns Solo-Selbstständigen hat, die arbeiten rund um die Uhr und verdienen schlecht.
Das ist so diese prekäre Situation, die auch da in der Politik gerne dargestellt wird. Und um daraus halt wirklich was Selbstbestimmtes zu machen und zu gestalten, wie man arbeiten möchte, mit wem man arbeiten möchte für uns Selbstständige, ein ganz wichtiger Punkt, dieser Freiheitsgedanke.
Ich möchte bestimmen, mit wem ich arbeite. Ich möchte ablehnen können und den Freiraum auch finanziell dafür haben, zu sagen, nee, das passt nicht. Such dir lieber den und den Berater. Und tatsächlich, wie ich möchte.
Ich sehe immer wieder Selbstständige sagen, ja, ich mache hier Stundenkontingente. Eigentlich mag ich gar nicht per Zeit abrechnen oder so Zeit zu stoppen und zu protokollieren, aber die Kunden wollen das ja so.
Und Positionierung ist halt tatsächlich ein Weg, sich sein Business so zu gestalten, wie es einem entspricht und halt auch zu gestalten, wie man selbst wahrgenommen wird. Weil tatsächlich, das ist nicht vorgegeben, wie Kunden einen wahrnehmen und was man erfüllen muss, sondern man kann selbst beeinflussen und gestalten, wie Menschen einen wahrnehmen sollen im Optimalfall und wer sich davon angesprochen fühlt und wie dann so eine Zusammenarbeit aussehen kann.
Das heißt, eine Positionierung ist deswegen wichtig, weil sie zum einen Orientierung gibt, Sicherheit.
Das heißt für mich selber, ich weiß, was ich will, wohin ich will, was ich vermitteln will, wen ich erreichen will. Und natürlich auch nach außen, ich werde greifbar. Und die Leute wissen einfach, wenn du klar positioniert bist und dann auch klar rausgehst, wo sie bei dir dran sind.
Und du hebst dich vom Wettbewerb ab, das ist heute einfach unfassbar wichtig und du schaffst Resonanz. Also das ist wirklich auch noch ein Punkt, das merke ich bei mir selber und bei Kunden.
Der Unterschied ist halt, ob du was sendest und die Leute das wahrnehmen und sagen, nett und weiter. Oder ob Menschen von dir lesen und da ist egal, ob das bei LinkedIn ein Post ist, ob das über eine Google-Suche ein Beitrag ist oder in einem Interview.
Wenn die Menschen sagen, also manchmal habe ich schon gehört, dass Menschen sagen so dieses, ich habe gedacht, sie haben den Beitrag nur für mich geschrieben. Das war so treffgenau ich. Ich war verblüfft. Ich hatte sogar mal einen Kunden angerufen, mit dem ich Jahre zuvor gearbeitet hatte. Er sagte: „Hören Sie mal, Theobald, den letzten Newsletter haben Sie doch für mich geschrieben, oder? Das war doch eins zu eins ich. Und sowas ist einfach für Interessenten total wichtig, weil sie dann, diese Resonanz gibt denen auch Sicherheit und die haben das Gefühl, hier bin ich richtig. Und das ist wirklich sehr wertvoll für Vertrauen und für abgespeichert werden. Deswegen, mein Motto ist ja Positionierung stärkt Selbstständige und das schaffen sie halt mit einem klaren Kopf und klaren Botschaften. Das hilft nach innen und nach außen.
[Alex] Woher weiß ich denn, ob ich klar positioniert bin als Selbstständige? Hast du so ein paar Kriterien?
[Sascha] Ja, so ein bisschen habe ich das eben schon angerissen.
Letztendlich, der Hauptpunkt ist: Kann ich klar vermitteln, wofür ich stehe und was ich biete, welches Problem ich löse?
Ganz viele, die zu mir kommen, sagen, naja, ich weiß an sich, was ich mache. Ich bin Karrierecoach oder Trainer für Kommunikation, Führungskommunikation, aber ich kriege das nicht konkreter darüber gebracht. Ich bin halt da einer von vielen.
Und wenn mich jemand fragt, so nach dem Motto, was machen Sie denn, dann komme ich ganz schnell in Strudeln oder ich erzähle Dinge, die die Leute total uninteressant finden, weil es halt überhaupt nicht greifbar ist. Eine Kundin von mir sagte sogar mal konkret, wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme, laufen die weg. Also im übertragenen Sinne, im Sinne von die merkte dann, wenn sie anfängt so ein bisschen zu erzählen, dass die Menschen dann überhaupt kein Interesse hatten und wieder gingen.
Das heißt, man merkt, wenn man angesprochen wird, ob man klar sagen kann, wofür man steht, was man macht, welche Probleme man löst oder man fühlt sich halt selber unsicher und unsouverän.
Genauso ist es dann auch in der Wirkung. Ein sehr untrügerischer Indikator ist, welche Art von Anfragen bekomme ich und wie werde ich empfohlen?
Passt das zu dem, was ich aussende, was ich anziehen möchte oder ist das eher, naja, von allem ein bisschen?
Das heißt, wie hoch ist der Anteil der Anfragen oder Empfehlungen, die zu dem passen, was ich wirklich machen möchte?
Und wie viele, naja, Ausschuss klingt jetzt doof, aber wie viele Anfragen sind dabei, die auch völlig andere in dem Bereich erfüllen könnten?
Und da ist tatsächlich, das weiß ich auch aus eigener Erfahrung über die Jahre, umso klarer man da rausgeht und umso eindeutiger die Botschaften sind, umso treffender sind die Anfragen tatsächlich.
Das heißt, man hat ein Telefonat, ein Kennenlerngespräch mit einem Interessenten oder einer Interessentin und man hat direkt das Gefühl, ja, das passt. Da hat tatsächlich jemand auf der Website sich ein bisschen umgeguckt und hat selber auch das Gefühl gehabt, das könnte passen. Das heißt, ich verbringe dann auch weniger Zeit mit, ich sage mal, unnötigen Kennenlerngesprächen.
Ich schreibe nicht mehr Angebote für Hinz und Kunz, wo es dann eh nicht zu einem Auftrag kommt oder wo Budgeterwartungen völlig auseinandergehen. Das heißt, da ist halt der Indikator auch, schätzen die Menschen, was ich mache und wie ich es mache. Also schätzen die halt auch meine Art und wollen die nicht nur irgendwen haben.
Und das mit der Bezahlung ist tatsächlich dann auch ein häufiger Indikator. Sind die Menschen bereit, das zu zahlen, was meine Arbeit wert ist? Oder habe ich viel Menschen, die einfach vergleichen wollen? Sprich, muss ich über den Preis verkaufen? Muss ich darauf achten, dass ich günstiger bin als der Wettbewerb? Oder habe ich tatsächlich mich so positioniert, dass die Menschen sich angesprochen fühlen, dass sie so eine Resonanz haben, dass sie sagen, ich will mit dem und nicht mit einem anderen arbeiten? Das heißt, wenn Menschen mit Ihnen ein Kennenlerngespräch machen und das Thema Preis ganz hinten kommt.
Und für mich ist es immer ein gutes Zeichen, wenn die Menschen sagen, also bei mir bei Anfragen: „Oh ja, das ist nicht wenig, aber ich will das machen, das ist es mir wert, ich habe das Gefühl, bei Ihnen in den richtigen Händen zu sein und Sie gehen die richtigen Punkte mit mir zusammen an.“
Das sind so die typischen Punkte, über die ich checken kann, ob ich gut positioniert bin, wen das weiter interessiert. Ich habe da auch eine Checkliste bei mir auf der Website, wo man noch diverse Punkte für sich durchchecken kann.
Ja, ich finde da wirklich auch einen guten Hinweis oder einen Tipp, sich, wenn man Kennenlerngespräche hat, wirklich aufzuschreiben und zu protokollieren, was die Menschen anfragen, wie gut das gepasst hat und das auszuwerten, um einen Überblick darüber zu haben, wie da so die Quoten sind.
Und da geht es mir nicht darum, wie viele Abschlüsse mache ich, wie viele Menschen sagen ab, sondern wie viele dieser Menschen passen zu mir und zu dem, wie ich positioniert bin, und wie viele fliegen da einfach dran vorbei, die irgendwie nur jemanden suchen und nicht mit mir arbeiten wollen.
Was sind die Schritte zu einer klaren Positionierung?
[Alex] Und wenn ich jetzt merke, dass ich nicht klar positioniert bin, was wäre so der erste Schritt, den ich gehen könnte?
[Sascha] Also die Arbeit an der Positionierung ist sehr intensiv. Also der erste Schritt wäre für mich tatsächlich, sich bewusst zu machen, was es heißt, sich klar zu positionieren.
Leider ist da draußen oft so dieses Bild: neuer Slogan, neues Logo, neue Website und dann bin ich neu positioniert.
Im Bereich Coaching ist das so, ich habe mich als Coach oder als Berater positioniert. Und wichtig ist erstmal zu verstehen, dass das keine klare Positionierung ist, dass das keine passende Positionierung ist, sondern dass das deutlich tiefer geht, dass das wirklich sehr intensive Gespräche braucht.
Und ich bin halt auch davon überzeugt, dass das nicht quick and dirty zu erarbeiten ist. Es gibt da draußen wirklich sehr viele Angebote, Positionierung in drei Stunden oder mit einem Selbstlernkurs oder über ein Buch. Das ist alles nett gemeint, aber ich bin davon überzeugt, dass man wirklich unter die Oberfläche gucken muss.
Und dazu braucht es jemanden, der als Gesprächspartner unvoreingenommen ist, das heißt, der nicht in dieser Betriebsblindheit ist, nicht seit Jahren in dieser Suppe schwimmt, sondern der von außen drauf guckt und merkt, wo Dinge verborgen sind, die sehr wertvoll sind, wo aber auch Dinge sich eingeschlichen haben, die keinen Sinn mehr machen, die das torpedieren, die das aufweichen. Und dann würde ich tatsächlich hingehen, für mich habe ich da definiert vier Bausteine, die man bearbeiten sollte, in denen man Klarheit schaffen sollte. Der erste Baustein ist Identität.
Das ist auch ein Punkt, der sehr häufig vernachlässigt wird, weil so diese Kundenorientierung immer vorne steht. Und ich bin davon überzeugt, dass sowohl eine klare Positionierung als auch ein selbstbestimmtes Business eine Art von Selbstbewusstsein braucht.
Das heißt, da erstmal wirklich zu gucken, was macht mich aus, welche Erfahrungen bringe ich mit, was für Wissen bringe ich mit, welche Überzeugungen stehen bei mir vorne, was biete ich zum Beispiel an, was andere nicht machen? Oder was schließe ich bei mir aus, weil ich davon überzeugt bin, dass es nicht funktioniert oder dass es nicht zu einem guten Ergebnis führt?
Da sind häufig tatsächlich Dinge verborgen, entweder aus früheren Jobs oder auch aus dem Alltag, die für einen Selbstständigen selber völlig normal sind, völlig unwichtig sind. Und ein Außenstehender sagt, oh, das ist aber total besonders, das machst du, das macht doch sonst keiner.
Und da kommen manchmal Stärken und Besonderheiten zu Tage, die sehr, sehr wichtig sind. Die so eine Arbeit aus einem, ich mache dasselbe wie alle, rausholt und da wirklich was Besonderes und was Individuelles draus macht.
Ich finde da wichtig zu begreifen, dass gerade wenn wir bei Trainern, Beratern, Coaches sind, dass das Was, also das Angebot an sich in der Regel vergleichbar ist.
Wir haben nicht wie Rittersport die quadratische Schokolade, die wir als USP haben, sondern wenn ich einen Steuerberater suche, dann ist die Steuererklärung sachlich erstmal immer gleich.
Wenn ich, weiß ich nicht, einen Social-Media-Berater buche, der mir LinkedIn zeigen soll, dann ist das sachlich erst mal gleich.
Und wenn dieses Was vergleichbar ist, dann kommt es auf das Wie an. Und die Identität zu ergründen und da einzutauchen und für sich selbst zu erkennen, was man selber anders macht, was man besonders macht, ist wirklich das Fundament für alles Weitere.
Im zweiten Schritt würde ich hingehen und Wunschkunden ergründen. Das heißt, nicht nur hinzugehen und diese typische Zielgruppendefinition, Alter, Familienstand, wo wohnt er, wie viel verdient er, das ist nicht dienlich, glaube ich, sondern tatsächlich hinzugehen und sich diese Menschen anzugucken:
Was sind das für Menschen? Welche Probleme haben die? Welche Wünsche haben die? Was ist deren Situation?
Das ist ein anderer Ansatz, auf diese Menschen zu gucken und sie nicht nur als Zahlen und als Gruppe zu sehen, sondern tatsächlich in Gefühle zum Beispiel einzusteigen, Emotionen:
Wie fühlt sich das vor der Zusammenarbeit an, wenn man dieses Problem hat, wenn man in dieser Situation vielleicht schon länger steckt und wirklich Dinge ausprobiert hat und verzweifelt? Wie fühlt sich das an nach der Zusammenarbeit? Was ändert sich für diese Menschen? Also auch wirklich greifbar machen zu können, was verändert sich nicht nur in der Sache, sondern wie verändert sich das Leben dadurch oder andere Aspekte? Welche Auswirkungen hat Produktivität auf Familie? Welche Auswirkungen hat eine klare Buchhaltung damit, dass ich besser schlafen kann, dass ich mich sicherer fühle und souveräner irgendwie auftreten kann zum Beispiel?
Das sind alles Dinge, die man ergründen sollte, um, wir haben eben darüber gesprochen, diese Resonanz tatsächlich zu stärken. Denn nur wenn ich weiß, wen genau ich ansprechen möchte, kann ich auch entsprechende Angebote aufbauen, kann entsprechende Botschaften senden und da wirklich ganz zielgenau vorgehen. Und umgekehrt, wenn ich mir dann Gedanken mache, mit wem möchte ich eigentlich nicht arbeiten, also Anti-Wunsch-Kunden definieren, dann kann ich zum Beispiel meine Texte und Angebote auch so aufstellen, dass diese Menschen sich nicht angesprochen fühlen.
Das heißt, ich muss nicht hinschreiben. „Hey, bitte Rampensau, komm nicht zu mir, das passt nicht.“ Aber indem ich halt zum Beispiel schreibe, dass das tiefgründigere Dinge sind oder dass man auch für Leisere dieses oder jenes schafft, kann man natürlich die einen mehr anziehen und die anderen eher auf Abstand halten.
Der dritte Punkt, den ich empfehle, da durchzugehen, ist Wert.
Viele Selbstständige haben tatsächlich Schwierigkeiten damit, den Wert ihrer Arbeit zu vermitteln. Das heißt, die können erzählen, was sie machen, was ihre Leistung ist, aber das ist vergleichbar. Diese Leistung, ich berate das und das, ich coache das und das, ist absolut vergleichbar.
Wichtig ist tatsächlich diese Kombination aus, was kann ich besonders gut, was mache ich besonders gerne und was brauchen meine Wunschkunden, was wollen die, was ist deren Bedürfnis. Die Schnittmenge zu nehmen und da den Wert herauszuarbeiten. Und das kann tatsächlich für denselben Beruf, für dasselbe sachliche Angebot sehr unterschiedliche Dinge sein. Wenn ich zum Beispiel Rhetoriktrainings mache, kann es darum gehen, Lampenfieber wegzukriegen oder zu reduzieren oder es kann darum gehen, die körperliche Präsenz zu stärken oder, oder, oder.
Das heißt, den Wert, den das für die Wunschkunden hat, zu verdeutlichen, zeigt einfach auch nochmal, in welcher Situation ist das das optimale Angebot, bin ich der optimale Ansprechpartner? Und es zeigt natürlich oder es holt aus dieser Vergleichbarkeit der Leistung und zeigt den Menschen wirklich oder macht es spürbar, was sich verändert und fördert natürlich dann auch, dass man den Wert sieht, was sich natürlich dann auch auf zum Beispiel Honorare auswirkt.
Das heißt, umso besser ich vermitteln kann, welchen Wert meine Arbeit hat für den Menschen, umso besser kann ich meine Honorare vertreten, weil ich halt gar nicht irgendwie groß erklären muss in einem Kennenlerngespräch, sondern weil die Menschen wissen, hey, genau das will ich erreichen und das ist genau das, was ich jetzt brauche und sich da sehr gut aufgehoben fühlen.
An dem vierten Schritt, das ist ein ganz wichtiger Schritt, ist da eine kommunikative Basis zu schaffen. Das heißt, das, was ich in den ersten drei Bausteinen ausgearbeitet habe, tatsächlich klare Botschaften zu entwickeln, die sehr auf den Punkt sind, die reduziert sind. Also möglichst eine Kernbotschaft, die ich nach vorne stellen möchte, diese Überlegung, wenn Menschen sich was zu mir merken, welcher Begriff oder welche Formulierung soll das sein?
Und dann natürlich auch diese strategischen Fragen, welche Themen will ich beackern, in welche Kanäle gehe ich rein, wo erreiche ich meine Wunschkunden am besten und was passt zu mir und meiner Energie? Das heißt, was kann ich überhaupt leisten und wo kann ich Kontinuität aufbauen?
Das ist so der vierte Schritt, der dann quasi die Startrampe für die Umsetzung ist.
Das ist da noch dieses, die Positionierung, die ich erarbeite, ist anders als bei großen Marken und Unternehmen, wo es ja wirklich um Zahlen und um Märkte geht und sowas, sich wirklich sehr bewusst halten, Positionierung für Selbstständige, da geht es nicht nur um Marketing, sondern da geht es um Lebensqualität, da geht es um Selbstbestimmung, also darum, wie ich arbeite, mit wem ich arbeite, ob ich Freiraum habe, mich weiterzuentwickeln und an Dingen zu arbeiten oder ob ich gehetzt durch den Alltag bin und bis in den Abend rein jeden Tag arbeiten muss.
Warum ist Positionierung besonders für introvertierte Menschen wichtig?
[Alex] Ich habe bei dir auf der Website gelesen, dass du eine Positionierung besonders für introvertierte Menschen wichtig hältst. Das finde ich total spannend und deshalb meine letzte Frage an dich. Warum profitieren vor allem introvertierte Menschen von einer klaren Positionierung?
[Sascha] Also introvertiert, ich zähle mich selber dazu.
Diese Marketingwelt da draußen ist ja schon eine recht laute und eine recht wuselige und für Intros kann das sehr herausfordernd sein.
Das heißt, man ist schnell dabei, dass man überfordert ist von all diesen Kanälen, von all diesen Möglichkeiten und natürlich ist es immer eine Hemmschwelle rauszugehen, in dieses Getümmel rauszugehen. Und für Intros sind halt auch nicht die Menschen, die sich irgendwo auf eine Bühne stellen oder in einem Social Network irgendwie rausgehen und sagen, hier bin ich, schaut mich an, wie toll ich bin. Also dieses sich anpreisen müssen, sich verkaufen müssen, ist eine ganz schlimme Formulierung. Das ist natürlich für Intros eine schwierige Sache und Intros torpedieren sich dann häufig, indem sie quasi vor dem Marketing so blockieren, dass sie das nicht wirklich machen oder halt nicht strategisch. Also hier mal ein bisschen und da mal ein bisschen.
Und eine Positionierung ist deswegen so wichtig, um seinen eigenen Weg zu finden, um sein eigenes Ding zu stärken.
Wir haben halt draußen ganz viele Menschen, die einem rund um die Uhr gefühlt entgegenbrüllen, was man tun muss, um erfolgreich selbstständig zu sein. Da ist so dieses, du musst auf Social Media sein, du musst Podcasts machen, du musst Videos machen, ohne geht es nicht. Du musst die und die reißerischen Headlines machen, sonst liest das keiner.
Und Introvertierte, so ist zumindest meine Erfahrung, verbiegen sich häufig, um das zu erfüllen, um ein guter Selbstständiger zu sein, um im Marketing was erreichen zu können, sind dann aber darin nicht gut, weil es ihnen einfach nicht entspricht. Und diese persönliche Komponente, die ich dann häufiger mitkriege, ist:
Die Menschen fühlen sich dann falsch und schlecht, weil sie tun ja oder versuchen das, was gesagt wird, was man tun muss, aber das funktioniert für die nicht.
Und dann ist so dieses, dann bin ich hier falsch, dann ist das nicht meins. Und Positionierung hat halt tatsächlich diesen Weg, diese Selbstsicherheit zu finden, auf seinen eigenen Weg zu hören.
Das heißt, wenn ich sehr klar weiß, wofür ich stehe und was zu mir passt und was vor allen Dingen auch zu meinen Wunschkunden passt, dann kann ich diesen Weg sehr gut gehen und sehr sicher gehen und kann all diese Ratschläge von außen, diese Gurus, diese Erfolgsrezepte, diese geheimen, kann ich tatsächlich zur Seite schieben und kann einfach gute Entscheidungen für mich und mein Business treffen.
Und das Witzige ist, dann wird man halt auch für die passenden Kunden interessanter, weil ja gerade für uns Intros häufig sind unsere Wunschkunden halt auch eher die ruhigeren und nicht die Rampensäue. Das heißt, wenn ich in meiner Art ruhiger und tiefgründiger zum Beispiel schreibe und die schnellen Instagram-Reels nicht mache, weil es zu oberflächlich ist, dafür aber Beiträge schreibe, die tiefer gehen oder Interviews gebe, wo man Einblicke bekommt, dann ist das tatsächlich auch für diese Menschen viel, viel interessanter. Und da ist die Resonanz einfach eine ganz andere.
Deswegen ist es halt auch aus Positionierungsgründen für Social Media, finde ich, eine Entscheidung, will ich da überhaupt stattfinden in diesem oberflächlichen Schnellen? Oder will ich zum Beispiel hingehen und sagen, es gibt sehr erfolgreiche Berater und Coaches, die überhaupt nicht auf Social Media sind, die Bücher veröffentlichen, Vorträge geben, die Interviews geben und unfassbar erfolgreich auf ihre Art und Weise sind und sich konsequent aus diesem Trubel rausnehmen und einfach eine komplett andere Schiene entsprechend ihrer Positionierung ziehen und natürlich dann auch an jedem Kontaktpunkt das konsequent vertreten können, weil sie sich nicht verbiegen.
Das heißt, man verbiegt sich nicht mehr, man bekommt eine andere Einstellung zu dem Prozess. Das heißt, raus aus diesem Ich-muss-mich-verkaufen, Ich-muss-mich-verbiegen, hin zu einer Kommunikation.
Ich spreche darüber, was mich umtreibt, was meine Mission ist, was ich bewirken möchte, gebe Einblicke und Menschen finden das interessant oder nicht. Aber die, die passen, finden es dann in der Regel interessant.
Und das ist ein ganz anderes, in Anführungszeichen, Verkaufen, als das für üblich im Hard Selling und Social Selling propagiert wird. Und gerade für Intros ist das wichtig, um das Frustlevel niedrig zu halten, sich da motiviert zu halten und wirklich auch konsequent in die Umsetzung gehen zu können und auch um ihre Energie fokussieren zu können.
Also da auch wirklich konsequent zu sagen, diese drei Dinge passen zu mir, die kann ich gut umsetzen, die passen zu meinen Wunschkunden und alles andere lasse ich weg. Das gibt ganz viel Energie frei, um die wenigen Dinge, die ich tatsächlich machen will, richtig gut zu machen.
[Alex] Das ist doch ein wunderbares Schlusswort. Sascha, vielen, vielen Dank, dass du heute hier warst und über deinen Social-Media-Ausstieg erzählt hast und über Positionierung für Selbstständige natürlich auch. Vielen, vielen Dank.
[Sascha] Danke dir.
Shownotes

Themenwünsche?
Wenn dir ein wichtiges Thema im Podcast fehlt, sag mir gerne Bescheid. Ich freu ich mich auf deine Nachricht.